9, 13[1-22] Herbst 1881
13 [1]
Jene Irrthümer waren bei jener Stufe nothwendig als Heilmittel: die Erziehung des Menschengeschlechts als Kur hat einen nothwendig-vernünftigen Verlauf.— So sagt ihr.
In diesem Sinne leugne ich die Nothwendigkeit. Es ist zufällig, daß dieser und jener Glaubensartikel siegte—dieselbe Heilwirkung wäre von einem anderen auch ausgegangen. Und vor allem! die Folge der Heilwirkung ist sehr beliebig, sehr unvernünftig! Fast immer ist eine tiefe Erkrankung die Folge des neuen Glaubens und nicht eine Kur!
13 [2]
Ihr lebt wie Betrunkene durchs Leben, besinnungslos—und mitunter fallt ihr die Treppe hinab und zerbrecht euch nicht die Glieder, wegen eurer Betrunkenheit und Besinnungslosigkeit.— Hier liegt unsere Gefahr! Unsere Muskeln sind nicht matt und leiden furchtbar viel mehr als eure!
13 [3]
Saugt eure Lebenslagen und Zufälle aus—und geht dann in andere über! Es genügt nicht, Ein Mensch zu sein! Das hieße euch auffordern, beschränkt zu werden! Aber von Einem zum Andern!
13 [4]
Die Fähigkeit zum Schmerz ist ein ausgezeichneter Erhalter, eine Art von Versicherung des Lebens: dies ist es, was der Schmerz erhalten hat: er ist so nützlich als die Lust—um nicht zu viel zu sagen. Ich lache über die Aufzählungen des Schmerzes und Elends, wodurch sich der Pessimismus zurecht beweisen will—Hamlet und Schopenhauer und Voltaire und Leopardi und Byron.
“Das Leben ist etwas, das nicht sein sollte, wenn es sich nur so erhalten kann!”—sagt ihr. Ich lache über dies “Sollte” und stelle mich zum Leben hin, um zu helfen, daß aus dem Schmerze so reich wie möglich Leben wachse—Sicherheit, Vorsicht, Geduld, Weisheit, Abwechslung, alle feinen Farben von hell und dunkel, bitter und süß—in allem sind wir dem Schmerz verschuldet, und ein ganzer Kanon von Schönheit Erhebung Göttlichkeit ist erst recht möglich in einer Welt tiefer und wechselnder und mannigfaltiger Schmerzen. Das, was euch über das Leben richten heißt, kann nicht Gerechtigkeit sein—denn die Gerechtigkeit würde wissen, daß der Schmerz und das Übel Freunde! Wir müssen den Schmerz in der Welt mehren, wenn wir die Lust und die Weisheit mehren wollen.
13 [5]
Willst du ein allgemeines gerechtes Auge werden? So musst du es als einer, der durch viele Individuen gegangen ist und dessen letztes Individuum alle früheren als Funktionen braucht.
13 [6]
Sei eine Platte von Gold—so werden sich die Dinge auf dir in goldner Schrift einzeichnen.
13 [7]
Oh über unsre Habsucht! Ich fühle Nichts von Selbstlosigkeit, vielmehr ein Alles begehrendes Selbst, welches durch viele Individuen—wie durch seine Augen sieht und wie mit seinen Händen greift, ein auch die ganze Vergangenheit zurückholendes Selbst, welches nichts verlieren will, was ihm überhaupt gehören könnte.
13 [8]
Wir ehren und schützen alle Machtansammlungen, weil wir sie einst zu erben hoffen—die Weisen. Wir wollen ebenso die Erben der Moralität sein, nachdem wir die Moral zerstört h
13 [9]
Es ist viel zu antworten, wenn ein Räthsel aufgegeben wird und zu glauben, es gelöst zu haben—schon bei dem Muthe der Antwort auf das Räthsel des Lebens hat sich bisweilen die Sphinx hinabgestürzt.
13 [10]
Meine Art krank und gesund zu sein, ist ein gutes Stück meines Charakters—es rechtfertigt sich und mich.
13 [11]
Gesetzt, mein Buch existirte nur noch in den Köpfen der Menschen, so wäre alles in gewissem Sinn aus deren Gedanken und Wesen—es wäre eine “Summe von Relationen.” Ist es darum nichts mehr? Gleichniß für alle Dinge. Ebenso unser “Nächster.”
Daß ein Ding in eine Summe von Relationen sich auflöst, beweist nichts gegen seine Realität.
13 [12]
Meine Philosophie—den Menschen aus dem Schein herauszuziehen auf jede Gefahr hin! Auch keine Furcht vor dem Zugrundegehen des Lebens!
13 [13]
Warum ziehn die entgegengesetzten Naturen mich am heftigsten an? Sie lassen mich das Voll-werden-müssen fühlen, sie gehören in mich hinein.
13 [14]
Der wirkliche Mensch ist weit zurück hinter dem embryonischen, der aus ihm erst in 3 Geschlechtern entsteht.
13 [15]
Alle Formen sind unser Werk—wir sprechen uns aus in der Art, wie wir die Dinge jetzt erkennen müssen.
13 [16]
Was habe ich gelernt, bis heute (15. Oktober 1881)? Mir selber aus allen Lagen heraus wohlzuthun und Anderer nicht zu bedürfen.
13 [17]
Was gehen mich die Irrthümer der Philosophen an!
13 [18]
Charakter = Organismus.
13 [19]
Das neue Große nicht über sich, nicht außer sich sehen, sondern aus ihm eine neue Funktion unser selbst machen.
Wir sind der Ozean, in den alle Flüsse des Großen fließen müssen.
Wie gefährlich ist es, wenn der Glaube an die Universalität unser selbst fehlt! Viel Art von Glauben thut noth.
13 [20]
Vom Kleinsten Nächsten auszugehen:
| 1) | die ganze Abhängigkeit sich feststellen, in die man hineingeboren und erzogen ist | |
| 2) | den gewohnten Rhythmus unsres Denkens, Fühlens, unsere intellektuellen Bedürfnisse und Nahrungsweisen | |
| 3) | Versuche der Veränderung, zunächst mit den Gewohnheiten zu brechen (zb. Diät | |
| Sich geistig an seine Widersacher einmal anlehnen, in ihrer Luft zu leben versuchen | ||
| reisen, in jedem Sinn | ||
| “Unstet und flüchtig”—eine Zeit. | ||
| Von Zeit zu Zeit über seinen Erfahrungen ruhen, verdauen. | ||
| 4) | Versuche der Idealdichtung und später des Ideal-Lebens. | |
13 [21]
jenseits von Liebe und Haß, auch von Gut und Böse, ein Betrüger mit gutem Gewissen, grausam bis zur Selbstverstümmlung, unentdeckt und vor aller Augen, ein Versucher, der vom Blut fremder Seelen lebt, der die Tugend als ein Experiment liebt, wie das Laster.
13 [22]
Hier sitzest du, unerbittlich wie meine Neubegier, die mich zu dir zwang: wohlan, Sphinx, ich bin ein Fragender, gleich dir: dieser Abgrund ist uns gemeinsam—es wäre möglich, daß wir mit Einem Munde redeten?
9, 13[1-22] Herbst 1881
13 [1]
Those errors were necessary at that stage as a remedy: the education of the human race as a cure has a necessarily rational course.— So you say.
In this sense, I deny the necessity. It is accidental that this or that article of faith prevailed—another would have had the same healing effect. And above all! the consequence of the healing effect is very arbitrary, very unreasonable! Almost always, a deep illness is the consequence of the new belief and not a cure!
13 [2]
You live through life like drunkards, senseless—and sometimes you fall down the stairs and do not break your limbs, because of your drunkenness and senselessness.— Here lies our danger! Our muscles are not weary and suffer far more than yours!
13 [3]
Suck your life situations and coincidences out—and then move into others! It is not enough to be One person! That would mean asking you to be limited! But from One to the Other!
13 [4]
The ability to feel pain is an excellent preserver, a kind of life insurance: this is what pain has preserved: it is as useful as pleasure—if not more. I laugh at the enumerations of pain and misery by which pessimism seeks to prove itself—Hamlet and Schopenhauer and Voltaire and Leopardi and Byron.
“Life is something that should not exist if it can only sustain itself in this way!”—you say.I laugh at this "should" and turn to life to help ensure that as much life as possible grows from pain—security, caution, patience, wisdom, variety, all the fine colors from light and dark, bitter and sweet—in everything we are indebted to pain, and a whole canon of beauty, elevation, divinity is only truly possible in a world of deep and changing and manifold pains. That which is called to judge life cannot be justice—for justice would know that pain and evil are friends! We must increase the pain in the world if we want to increase pleasure and wisdom.
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Do you want to become a general just eye? Then you must do so as one who has passed through many individuals and whose last individual needs all previous ones as functions.
13 [6]
Be a plate of gold—thus things will inscribe themselves upon you in golden script.
13 [7]
Oh about our greed! I feel nothing of selflessness, rather an all-desiring self, which through many individuals—like through its eyes sees and like with its hands grasps, a self that also retrieves the entire past, which does not want to lose anything that could possibly belong to it.
13 [8]
We honor and protect all accumulations of power, because we once hoped to inherit them—the wise. We also want to be the heirs of morality after we have destroyed morality h
13 [9]
There is much to answer when a riddle is posed and to believe that one has solved it—even at the courage of the answer to the riddle of life, the Sphinx has sometimes hurled itself down.
13 [10]
My way of being sick and healthy is a good part of my character—it justifies itself and me.
13 [11]
Suppose my book existed only in the minds of people, then everything would in a certain sense be from their thoughts and being—it would be a “sum of relations.” Is it therefore nothing more? Analogy for all things. Likewise our “neighbor.”
That a thing dissolves into a sum of relations proves nothing against its reality.
13 [12]
My philosophy—to pull people out of the illusion at any cost! No fear of life's destruction either!
13 [13]
Why do the opposite natures attract me the most intensely? They make me feel the need-to-become-whole, they belong inside me.
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The real human is far back behind the embryonic, which only emerges from it in 3 generations.
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All forms are our work—we express ourselves in the way we must now recognize things.
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What have I learned up to today (15 October 1881)? To do well for myself in all situations and not to need others.
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What do the errors of the philosophers matter to me!
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Character = organism.
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Not to see the new Great above us, not outside us, but to make a new function of ourselves from it.
We are the ocean into which all rivers of the Great must flow.
How dangerous it is when faith in the universality of ourselves is lacking! Many kinds of faith are needed.
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Starting from the smallest next:
| 1) | to recognize the entire dependency into which one is born and raised | |
| 2) | the accustomed rhythm of our thinking, feeling, our intellectual needs and nourishment | |
| 3) | Attempts at change, first breaking with habits (e.g., diet | |
| To lean mentally on one's adversaries, to try to live in their air | ||
| travel, in every sense | ||
| “Restless and fleeting”—a time. | ||
| From time to time, to rest on one's experiences, to digest. | ||
| 4) | Attempts at ideal poetry and later at ideal life. | |
13 [21]
beyond love and hate, also good and evil, a deceiver with a clear conscience, cruel to the point of self-mutilation, undiscovered and in plain sight, a tempter who lives off the blood of foreign souls, who loves virtue as an experiment, just like vice.
13 [22]
Here you sit, relentless like my curiosity that forced me to you: well then, Sphinx, I am a questioner, like you: this abyss is common to us—it would be possible that we speak with one mouth?