9, 10[1-101] Frühjahr 1880 bis Frühjahr 1881

10 [A1]

Ja wir wollen daß die Menschen mäßig und anständig und gerecht leben—aber Alle? Das wage ich nicht zu entscheiden. Die Menschheit zu rasch zu Ende sein!

10 [A2]

Unser Genie und unsere Tugend wächst mit unserem Haß.

10 [A3]

Wenn sehr liederliche M endlich es satt haben und zu Predigern der Keuschheit werden, so ist dies ganz ehrlich—sie kennen die fürchterliche Seite der Sache (wie Sophocles dem Pericles einmal die Lehre gab:) allein oder behalten sie nur in Erinnerung,  das  Ekelhafte  und  Selbstverächtliche  daran.—  Dann  giebt  es  wirklich M, die die Wollust aus Hörensagen kennen und entsetzlich fürchten—auch diese predigen Keuschheit, nach der Bibel.

10 [A4]

die große Oper, französisch-italiänisch-jüdischer Herkunft

10 [A5]

Die Unfälle und tiefen Leiden sind durch nichts auszuschließen. Sollen wir darauf unser ganzes Leben und Sinnen einrichten?. Möglich ist sie. Aber tapfer ist sie nicht! (Semitisch.)— Aber nein! Wir wollen nicht uns das Gute verderben, und schließlich haben wir Ein Mittel

10 [A6]

Pfui, solche wohlfeilen Tugenden! Ein paar Blätter gegen Thierquälerei schreiben!

10 [A7]

Das Pathos des dramatischen Künstlers ist Gegenstand des Spottes wenn es sich anders als auf der Bühne zeigt—er ist vor allem eben Schauspieler.

10 [A8]

Man muß die Probe machen, wer von den Freunden und denen, welchen “unser Wohl am Herzen liegt,” Stand hält: behandelt sie einmal grob.

10 [A9]

Gedächtniß: wir merken, daß wir uns der Sache nähern, wir erreichen eine Empfindung, die wir, als wir die Sache dachten, gelegentlich auch hatten.

10 [A10]

Wir sehen die Dinge leichtfertig, wenn wir uns so einseitigen Betrachtungen hingeben und fanatisch thun—es ist unsere Art Leichtfertigkeit. Wir wissen wohl, daß es unergründlich ist. Ein Künstler dagegen würde, wenn er so weit käme, Wunder meinen, wie streng und ernsthaft er geworden sei.

10 [A11]

Es giebt in Bezug auf Sachen Hingebung (von der aus Deduction) und Stolz (Induction)

10 [A12]

Das merkwürdigste Buch? NB

10 [A13]

Napoleon sagte oft, er allein habe den Gang der Revolution aufgehalten, nach ihm werde sie ihn fortsetzen.— “Er kannte seine Zeit ganz genau und bekämpfte sie fortwährend.” “Er hat den Sinn aller Worte umgewandelt und alle Parteien entarten gemacht.”

10 [A14]

Oft ist es nöthig, sich mit jemand zu verbünden, um ihn zu unterdrücken. Wenn wir als die besten Kenner von jemandem gelten, so wiegt unser Abfall furchtbar schwer.

10 [A15]

Dienste bezahlen, so daß nicht mehr von ihnen gesprochen wird.— Übertriebene Belohnungen erzeugen Pretention, aber keine Erkenntlichkeit.

10 [A16]

Die Seelen seiner Umgebung erheben, indem man seinen Glanz mit ihnen theilt: Napoleon gab nichts ab, er war eifersüchtig, er wollte allen Glanz haben—so verkleinerte er seine Umgebung und verstimmte sie.

10 [B17]

Die unmittelbare Nachahmung eines Gefühls und nachherige Unterschiebung eines Anlasses

Musik            Däm

Woher diese Übung? Die Furcht hat dazu genöthigt, alle Gebärden nachzumachen, um Rückschlüsse über die Empfindung zu haben (beim Feind)

Innervation der Gesichter furchtsamer und gefallsüchtiger Frauen

Diese Fähigkeit nimmt ab unter stolzen selbstherrlichen Menschen—sie nimmt zu in ängstlichen Zeitaltern (das Verständniß der nachahmenden Künste wächst da)

10 [B18]

Woran liegt es, daß ich immer nach Menschen dürste, welche nicht Angesichts der Natur, eines Ganges auf den befestigten Höhen über Genua, klein werden! Weiß ich sie nicht zu finden?

10 [B19]

Die Aufgeregtheit, das Nervöse—ist eine fortwährende Ängstlichkeit.

10 [B20]

Wir lernen die Dinge nicht mehr kennen, weil keine Gefahr uns zwingt, sie kennen zu müssen. Es wird eine Liebhaberei daraus: und an ihrer Stelle auch eine Faulheit.

10 [B21]

Alles zusammenzustellen, worin ich vergebe. Über den Sünden stehen, sie zugeben.

10 [B22]

Die Epicureer Melancholiker mit schwachem Magen—daher ihre “Baucheslust”

10 [B23]

Horaz und Katull übersetzten aus dem Griechischen und machten alles Fremdartige zeitgemäß und rom-gemäß, mindestens rom-bekannt. Kein Romanticismus also!

10 [B24]

die Sache ist weder Raub noch Räuber werth ego

10 [B25]

Unsere erste Freude bei einem Dichter ist, einem Gedanken, einer Empfindung zu begegnen, die wir auch haben; z. B. Horaz, wenn er von seinem Landgut redet. Dann daß er unsere Gedanken so hübsch sagt!—er ehrt uns damit!

10 [B26]

Träume: die Kröte essen.— “Alpa Alpa, wer trägt seine Asche zu Berge?”—der blutige Mond.

10 [B27]

Ich bin oft beschämt darüber, wie gut ich es jetzt habe, und es spornt mich gewaltig an, zu denken, was Einer mit dieser Mus machen könnte—und ich!

10 [B28]

Der Kriegszustand der Seele beginnt erst! Mag werden draus was da wolle: vorwärts! Falschheit verachten, alles Leiden heiter ertragen, was dabei uns trifft, im Hagel mit nacktem Leibe gehen—das Unrecht, das wir uns selber thun, verachten und ertragen—er spottet über “Gesundheit” “Wohlbefinden” usw.

10 [B29]

Auch beim Geringsten, was wir absichtlich thun, z. B. kauen, ist das Allermeiste unabsichtlich. Die Absicht bezieht sich auf ein ungeheures Reich von Möglichkeiten.

10 [B30]

Instinktiv die Menschen errathen. Carnot enthüllte Jourdan, Hoche, Bonaparte.

10 [B31]

Als ich Schopenhauer gleich meinem Erzieher feierte hatte ich vergessen, daß bereits seit langem keines seiner Dogmen meinem Mißtrauen Stand gehalten hatte; es kümmerte mich aber nicht, wie oft ich “schlecht bewiesen” oder “unbeweisbar” oder “übertrieben” unter seine Sätze geschrieben hatte, weil ich des mächtigen Eindrucks dankbar genoß, den Schopenhauer selber, frei und kühn vor die Dinge, gegen die Dinge hingestellt, auf mich seit einem Jahrzehnd geübt hatte. Als ich später Richard Wagner meine Verehrung bei einem festlichen Anlaß darbrachte, hatte ich wiederum vergessen, daß seine ganze Musik für mich auf einige hundert Takte, hierher und dorther entnommen, zusammengeschrumpft war, welche mir am Herzen lagen und denen ich am Herzen lag—es wird wohl noch jetzt der Fall sein—und nicht weniger hatte ich vergessen über dem Bilde dieses Lebens—dieses mächtigen, in eigenem Strome und gleichsam den Berg hinanströmenden Lebens—zu sagen, was ich von Richard Wagner in Ansehung der Wahrheit hielt. Wer möchte nicht gern anderer Meinung als Schopenhauer sein, habe ich immer gedacht—im Ganzen und Großen: und wer könnte Einer M mit Richard Wagner sein, im Ganzen und im Kleinen!

10 [B32]

Ce qui importe, ce ne sont point les personnes: mais les choses. Carnot.

Als (nach Victor Hugo) Napoleon perça sous Bonaparte, trat Carnot mit ihm in den Kampf, er sprach gegen das Consulat auf Lebenszeit er votirte für die Erhaltung der Republik. 1814 vergaß er das Kaiserthum, um sich zu erinnern, daß das Vaterland in Gefahr ist. Napoleon sagt “Carnot ich habe Sie zu spät kennengelernt.” “Niemand hat mir so sehr den Eindruck der wahren Größe gegeben als Carnot” Niebuhr

10 [B33]

Zuspruch an einen Freund. Es ist noch nicht zu spät für dich, zur Größe des Charakters zu kommen.

10 [B34]

ausgleichende Naturen, welche unter Franzosen oder Amerikanern den Haß gegen die Deutschen, unter Deutschen den Haß gegen die Juden in sich durch ein absichtliches Wohlwollen ersetzen—nicht aus Widerspruch, sondern aus einem Bedürfniß der Gerechtigkeit. So gegen ganze geschichtliche Perioden gestimmt!

10 [B35]

Zehn Jahre Lehrer und nie gestraft.

10 [B36]

Heißes Wasser, im Freien und im Gehen geistig arbeiten, reinliche und sparsame Gewohnheiten, Vormittag in freier Luft; Zeiteintheilung von soldatischer Strenge. Abendliche Abrechnung im Geiste der antiken Philosophen.

10 [B37]

Wir glauben das Fatum nicht, bei schwachen Personen und wechselnden Dingen.

Unsere Meinungen über das Fatum sind Fatum.

Die Welt der Zweckmäßigkeit ist als Ganzes ein Stück der unzweckmäßigen vernunftlosen Welt.

1. Wollten wir das wirkliche Dasein intellektuell oder 2. moralisch abschätzen: so erscheint es niedrig intellektuell und niedrig moralisch. Und es wäre ein Ekel zu leben! Thun wir also diese Prädikate heraus aus der Welt! Auch das Individuum als ganzes ist so dumm und so unmoralisch wie die übrige Welt und selbst das beste Individuum darin!

Also entweder zu Grunde gehen wollen! oder loben und tadeln verlernen. Indifferenz

Preis der todten Welt. Die Triebe und ihre Entwicklung zeigen zuletzt ihre Unvernunft, sie widersprechen sich (in der Form des Intellekts, der das Dasein nicht mag) wie der Schmerz dasselbe zeigt.

Unsere Klugheit ist dem Dasein gewachsen

10 [B38]

Menschen um sich aussuchen, unter denen man sein ideales Menschenthum bewahren und zeigen kann. Sich zuerst die Aufgabe leichter machen, und dann fremdere Menschen allmählich in den Kreis hineinnehmen.— Zuerst aber seinen Kreis bilden, andere fortjagen.

Vielleicht führen wir so Zustände herbei, die die Selektions-Zweckmäßigkeit erst in Jahrtausenden und einer viel geschwächteren Menschheit bietet! (wie ihr Maaß von Intellekt nun einmal ist! = die Lichtverschwendung der Sonne usw.)

10 [B39]

Ich bin peinlich gerecht, weil es die Distanz aufrecht erhält.

10 [B40]

ich halte die Nähe eines Menschen nicht aus, der spuckt

10 [B41]

Welche Eigenschaften des Menschen ungünstig für Selection sind, also von Weibern nicht bevorzugt werden? Bücher sind Mittel, sie doch fortzupflanzen.

10 [B42]

Auch bei den Menschen Experimente nöthig wie bei Darwinismus.

10 [B43]

Irrsinn ohne Wahnvorstellungen (Affective Insanity)

a) Impulsiver Irrsinn, wo man willenlos folgen muß.

Manie sans délire

(vielleicht als abortive oder maskirte Epilepsie?)

10 [B44]

Der Neger versteckt den Fetisch, wenn er etwas nicht sehen soll, unter seinem Kleide.

10 [B45]

Bei den Südsee-Insulanern ist der Adel unsterblich, die Bürgerlichen nicht.

10 [B46]

1) Mein Erfolg bei den Schwarmgeistern: dessen war ich bald müde und mißtrauisch

2) ich habe nie über Nicht-Beachtung geklagt und kenne das Gefühl nicht.

3) ich hoffe schrittweise den höheren Naturen näher zu kommen, weiß aber kaum, wo sie sind und ob sie da sind! Bisher habe ich immer auch meine Lobredner und Tadler überwunden, wenn ich eine Stufe weiterging (und mich überwand)

10 [B47]

die Erhabenen suchen sich nachzuheben, dorthin, wo ihre Phantasie Halt machte—sie möchten so gerne über sich hinaus.

10 [B48]

Spencer meint, die Menschheit sei unvermerkt zu allem Richtigen gelangt, was ihr noth thut—zu Urtheilen, die mit der Wahrheit stimmen!! Unsinn! Das Gegentheil!

10 [B49]

Bismarck, dessen Verdienst ist den Deutschen das Vergnügen an den europäischen Partei-Schablonen zu verleiden.

10 [B50]

welche Heiterkeit ist jetzt möglich! wir haben die Gespenster verjagt und uns zur Unvernunft das Recht erworben: wir wollen nicht mehr klüger sein als die Welt es ist!

10 [B51]

Der Einzelne kann jetzt wirklich ein Glück erreichen, das der Menschheit unmöglich ist. Ehemals Adel: jetzt gehört nur dazu, daß man die Anderen als Sklaven fühlt, als unseren Dünger

10 [B52]

Ich wünsche der Wissenschaft etwas die Feierlichkeit zu nehmen—es ist jetzt eine Lustbarkeit geworden, da keine Sorgen hinter ihr sind. Ich glaube, es ist bald ein Überschuß von Geist da, der verschwendet werden muß!

10 [B53]

Bis jetzt machen wir uns die Dinge noch schwer (z.B. bei der Übervölkerung), weil wir nicht wagen, unsere neuen Werthschätzungen durchzuführen. Man muß es bald dem Leben anmerken, daß mit einem Überschuß von Geist gelebt wird!

10 [C54]

1. § Mensch der Erkenntniss, sein Werden, seine Aussichten.
2. § Ur-Moral
3. § Christenthum
4. § Zeit-Moral (Mitleid).
5. § Orientirung über die nächste Umgebung, Stände Völker usw.
6. § Aphorismen über die Affecte.

10 [D55]

Zuerst hat man in seiner intellektuellen Leidenschaft den guten Glauben: als die bessere Einsicht sich regt, tritt der Trotz auf, wir wollen nicht nachgeben. Der Stolz sagt, daß wir genug Geist haben, um auch unsere Sache zu führen. Der Hochmuth verachtet die Einwendungen, wie einen niedrigen trockenherzigen Standpunkt. Die Lüsternheit zählt sich die Freuden im Genießen noch auf und bezweifelt sehr, daß die bessere Einsicht so etwas leisten kann. Das Mitleid mit dem Abgott und seinem schweren Loose kommt hinzu, es verbietet seine Unvollkommenheiten so genau anzusehen: dasselbe und noch mehr thut die Dankbarkeit. Am meisten die vertrauliche Nähe, die Treue in der Luft des Gefeierten, die Gemeinsamkeit von Glück und Gefahr. Ah, und sein Vertrauen auf uns, sein Sichgehenlassen vor uns, es scheucht den Gedanken, daß er Unrecht habe, wie einen Verrath, eine Indiskretion von uns.

10 [D56]

Wenn das Gute an sich gut wäre, so wäre es eine Beschränkung von Gottes Allmacht: er schafft alles, dies gebietet und jenes verbietet er dem Geschaffenen, die Kraft zu beiden hat er ihm gegeben. Wäre es an sich gut und böse, so hätte Gottes Gebot und Verbot keine Nothwendigkeit. Wäre das An-sich zu erkennen, so brauchte der Mensch Gott und Priester nicht. Folglich dekretiren diese: die Moral ist nur von Gottes Befehl aus, nicht aus Nutzen und Nachtheil der Handlungen zu begreifen. Sie wehren diesen Standpunkt der Kritik der Handlungen ab.

10 [D57]

“Frühstücks-Schönheit”

10 [D58]

Ist denn die Moralität eines Priesters eine größere, weil er das Interesse der Kirche fortwährend zur Richtschnur hat, und sen eigenes dagegen zurücksetzt? Ist nicht dieses Empfinden als großer Complex nur eine stolzere Art von Selbstigkeit? Und ebenso bei der Mutter in Bezug auf ihr Kind? Bürger in Bezug auf den Staat? Diese “Entselbstung” ist ganz scheinbar: man lebt für seine Passion! und opfert etwas Geringeres von sich!

10 [D59]

Den Menschen der sympathischen und uninteressirten Handlungen als den moralischen anzusehen ist eine Mode, an der das Christenthum für Europa schuld sein mag. Sonst gilt der sich stark verantwortlich fühlende, für sein Heil und sein höchstes Interesse für moralisch, der “ich” noch mehr sagt als alle Anderen: selbst wenn er die Anderen dabei sich opfert, wie die großen Eroberer. Niemandem schaden, und ihm so viel als möglich nützen, sich aber am meisten—dies hat nicht als moralisch gegolten, weil man es für unmöglich ansah. Und mit Recht! So ist die Natur der Dinge nicht, daß man zwei entgegengesetzte Passionen zum Einklang bringen könnte. Indem wir da sind und indem wir uns durchsetzen und auf das Höchste ausbilden, müssen wir unser Interesse für höher achten als anderer und daraus die Kraft nehmen: man kann keinen Schritt weit thun, ohne irgend das Interesse eines Anderen zu verletzen. Schon weil wir es nicht genug kennen können, ist eine Richtschnur nach dem Interesse jedes Einzelnen und aller Anderen unmöglich. Ja, gegen uns selber ist es ebenso: was wir zu unserem Hauptinteresse dekretiren, das lebt auf Unkosten der anderen Interessen von uns. In uns selber ist jene Unmöglichkeit schon bewiesen. Die “Rechtlichkeit” die Schonung fremder Rechte ist nur in einem sehr groben Sinn möglich. Ihre Quelle ist eine feinere Ungerechtigkeit, es ist eine Existenzbedingung für einen sehr groben Begriff von “Existenz”! Aber das Existiren-wollen ist schon ungerecht.

10 [D60]

Es ist eine solche Anpassung wie sie Spencer im Auge hat denkbar, doch so daß jedes Individuum zu einem nützlichen Werkzeuge wird und sich auch nur so fühlt: also als Mittel, als Theil—also mit Aufhebung des Individualismus, nach dem einer Zweck und eine Ganzheit sein will, und zwar in beiden eine Einzigkeit! Diese Umbildung ist möglich, ja vielleicht läuft die Geschichte dahin! Aber dann werden die Einzelnen immer schwächer—es ist die Geschichte vom Untergang der Menschheit, wo das Princip der Uninteressirtheit des vivre pour autrui und die Socialität herrschen! Sollen die Einzelnen stärker werden, so muß die Gesellschaft ein Nothzustand bleiben und große Veränderungen immer zu erwarten haben: eine vorläufige Existenz immerfort führen.

10 [D61]

Ein Schritt weiter im Sinn für Wirklichkeit und er unterdrückt den abenteuernden Sinn, den Flug in’s Freie, es erscheint als unerlaubt, auf so weniges Wissen, auf so schwache Analogien hin zu behaupten und auf diese Behauptungen hin zu vermuthen. Die spontane Überkraft geht im Joch der Vorsichtsmaßregeln, Aufsammlung des Materials, Skepsis in der Beurtheilung der einzelnen Materialstücke. Also—die intellektuelle Immoralität ist nothwendig, bis zu irgend einem undefinirbaren Grade.

10 [D62]

Bei Milton und Luther, wo die Musik zum Leben gehört, ist die mangelhafte fanatische Entwicklung des Verstandes und die Unbändigkeit des Hassens und Schimpfens vielleicht mit durch die Undisciplin der Musik herbeigeführt.

10 [D63]

In wiefern der Handelnde gegen sich—gewissenlos ist? —

Der Verstand, der die dritte vierte fünfte Folge einer That voraus erwägt, muß trotzdem irgendwo Halt machen und auf Unsicherheiten hin handeln d. h. mit dem Gefühle der unvollkommenen Einsicht in die Folgen doch thun als ob er sicher wäre in Bezug auf die Folgen: riskiren mit der Miene der Entschlossenheit und unbedingten Einsicht d. h. schauspielern oder sich selber täuschen, sein intellektuelles Gewissen zum Schweigen bringen.

10 [D64]

Der ungerechte Untergrund bei den Edelsten z. B. bei Christus

10 [D65]

Die sämmtlichen moralischen Qualitäten bei jedem Menschen in verschiedenen Verhältnissen: es sind Namen für unbekannte constitutive Verhältnisse der physischen Faktoren.

10 [D66]

Nothwendigkeit, eine wachsende füllende Erregung durch eine ausleerende Erregung (Wuth auslassen, Rachegedanken usw.) auszulösen. Beispiel: der Kopfkranke, der ein lautes Fest in der Nähe hat und endlich, weil der Schmerz zu groß ist, seine Gedanken auf einen Feind richtet und ihm im Geiste wehe thut: oder auch mit Fäusten sich selber schlägt. Hier ist etwas Unmoralisches das physisch gebotene Heilmittel gegen Wahnsinn: ein Beispiel, wie die unmoralischen Handlungen den Werth von Gesundheitsfaktoren haben.

10 [D67]

Objekt und Subjekt—fehlerhafter Gegensatz. Kein Ausgangspunkt für das Denken! Wir lassen uns durch die Sprache verführen.

10 [D68]

Jean Gerson: “Gott will gewisse Handlungen nicht, weil sie gut sind, sondern sie sind gut, weil er sie will, ebenso wie andere böse sind, weil er sie verbietet.” Die Jesuit.

10 [D69]

Der Zweck der Handlung und der Zweck des Handelnden zu unterscheiden.

10 [D70]

Escobar: “in Wahrheit, wenn ich an die Verschiedenheit des moralischen Gefühls denke, so denke ich, es ist das eine glückliche Wirkung (effet) der Vorsehung, denn die Verschiedenheit der Meinung hilft uns, das Joch des Herrn angenehmer zu tragen.”

10 [D71]

Der beste und geistigste Mensch hat den groben beleidigenden Anblick des betrügenden und absichtlich sich bejahenden Menschen (auf Unkosten der Anderen) von seinen Augen entfernt, er hat sich in so feine und schleierhafte Sphären zurückgezogen, wo jenes Element engelhaft erscheint. Er ist der feinste Ungerechte, er hat verstanden, den Augenschein gegen seine Ungerechtigkeit zu haben.

10 [D72]

99 Theile alles “Schaffens” ist Nachmachen, in Tönen oder Gedanken. Diebstahl, mehr oder weniger bewußt.

10 [D73]

Seid zehnmal kalt und unfreundlich gegen Jemand, endlich ist es euer Gesetz, euer tägliches Quantum.

10 [D74]

Der übermäßige Gebrauch von Musik und geistigen Getränken, durch welchen die Verstandeskräfte eines Volkes leiden, während seine Affekte zunehmen—so daß, nach den zuverlässigsten Aufstellungen, die Deutschen an Selbstmördern alle V übertreffen, und zwar im Verhältniß zu dem Reinerwerden der Rasse.

10 [D75]

Wir sind in das Zeitalter der diplomatischen Kunstfertigkeit eingetreten. Niemand glaubt mehr an ein Versprechen, an eine gründliche Untersuchung von Nothständen, an dauerhafte unveränderte Lage der Machtverhältnisse, man improvisirt und arbeitet mit verstellter Begünstigung bald dieser bald jener Meinung und Partei. Der Zweck heiligt die unheiligen Mittel nicht mehr, aber man vergißt sehr schnell.

10 [D76]

Wir können unsere “geistige Thätigkeit” ganz und gar als Wirkung ansehen, welche Objekte auf uns üben. Das Erkennen ist nicht die Thätigkeit des Subjekts, sondern scheint nur so, es ist eine Veränderung der Nerven, hervorgebracht durch andere Dinge. Nur dadurch daß wir die Täuschung des Willens herbeibringen und sagen “ich erkenne” im Sinne von “ich will erkennen und folglich thue ich es” drehen wir die Sache um, und sehen im Passivum das Aktivum. Aber auch das Wort Passiv-activ ist gefährlich!

10 [D77]

Jene Formen der Erkenntniß sind Erzeugnisse aus den Wirkungen anderer Dinge auf uns. Wir statten alle Dinge mit ihnen aus, weil alle Dinge uns mit ihnen ausgestattet haben. Unsere Thätigkeit ist scheinbar produktiv.

10 [D78]

Wie klein ist der Kreis des Idealismus bei den jungen Männern! Sie denken über Umgang Ehre Beförderung Einfluß so gering. Ja, sie sind in allem banaler, weil ihre Energie und ihr Schwung für jeden kleinen Bereich verbraucht wird. Und wie täuschen sie, wenn der Blick des Anderen darauf fällt!

10 [D79]

Das Vervollständigen (z. B. wenn wir die Bewegung eines Vogels als Bewegung zu sehen meinen) das sofortige Ausdichten geht schon in den Sinneswahrnehmungen los. Wir formuliren immer ganze Menschen aus dem, was wir von ihnen sehen und wissen. Wir ertragen die Leere nicht—dies ist die Unverschämtheit unserer Phantasie: wie wenig an Wahrheit ist sie gebunden und gewöhnt! Wir begnügen uns keinen Augenblick mit dem Erkannten (oder Erkennbaren!) Das spielende Verarbeiten des Materials ist unsere fortwährende Grund-Tätigkeit, Übung also der Phantasie. Man denke als Beweis, wie mächtig diese Thätigkeit ist, an das Spielen des Sehnervs bei geschlossenem Auge. Ebenso lesen wir, hören wir. Das genaue hören und sehen ist eine sehr hohe Stufe der Cultur—wir sind noch sehr fern davon. Die Lügnerei wird doch gar nicht darin gefühlt! Dieses spontane Spiel von phantasirender Kraft ist unser geistiges Grundleben: die Gedanken erscheinen uns, das Bewußtwerden, die Spiegelung des Prozesses im Prozeß ist nur eine verhältnißmäßige Ausnahme—vielleicht ein Brechen am Contraste.

10 [D80]

Sacharj. 9,9. J soll einziehen auf der lastbaren Eselin und dem Eselsfüllen. Die erstere—das sind die Juden, die an ihn glauben, sie haben das Joch des Gesetzes getragen. Das Füllen sind die Heiden, die gesetzlos lebten: aber Christus legte ihnen den Zügel seines Worts auf, da legten sie sich willig nieder und liessen sich alles, was er wollte, aufladen.



Das Abendmahl (eucharistische Mahl). Das Opfer des Weizenmehlkuchens war angeordnet für die, welche sich vom Aussatze reinigen wollten.

10 [D81]

Der Kampf um die Deutung des alten Testaments: nach alexandrinischer Methode wurde es ganz als ein Buch christlicher Lehre gedeutet.

Im Kampf mit den Juden, welche die messianischen Stellen anders auslegten. Justin spottet über deren exegetische Kunststücke.

10 [D82]

Eine Welt ohne Subjekt—kann man sie denken? Aber man denke sich jetzt alles Leben auf einmal vernichtet, warum könnte nicht alles andere ruhig weiter sich bewegen und genau so sein, wie wir es jetzt sehen? Ich meine nicht, daß es so sein würde, aber ich sehe nicht ein, warum man es sich nicht denken könnte. Gesetzt die Farben seien subjektiv—nichts sagt uns, daß sie nicht objektiv zu denken wären. Die Möglichkeit daß die Welt der ähnlich ist, die uns erscheint, ist gar nicht damit beseitigt, daß wir die subjektiven Faktoren erkennen.

Das Subjekt wegdenken—das heißt sich die Welt ohne Subjekt vorstellen wollen: ist ein Widerspruch: ohne Vorstellung vorstellen! Vielleicht giebt es hunderttausend subjektive Vorstellungen. Unsere menschliche wegdenken—da bleibt die der Ameise übrig. Und dächte man sich alles Leben fort und nur die Ameise übrig: hienge wirklich an ihr das Dasein? Ja, der Werth des Daseins hängt an den empfindenden Wesen. Und für die Menschen ist Dasein und werthvolles Dasein oft ein und dasselbe.

10 [D83]

Der Mensch entdeckt zuletzt nicht die Welt, sondern seine Tastorgane und Fühlhörner und deren Gesetze—aber ist deren Existenz nicht schon ein genügender Beweis für die Realität? Ich denke, der Spiegel beweist die Dinge.

10 [D84]

Sie machen’s sich leicht und suchen mich aus dem Übergange in’s andere Extrem zu verstehen—sie merken nichts von dem fortgesetzten Kampfe und den gelegentlichen wonnevollen Ruhepausen im Kampfe, merken nicht, daß diese früheren Schriften solchen entzückten Stillen, wo der Kampf zu Ende schien, entsprungen sind und wo man über ihn schon nachzudenken und sich zu beruhigen begann. Es war eine Täuschung. Der Kampf ging weiter. Die extreme Sprache verräth die Aufregung, die kurz vorher tobte und die Gewaltsamkeit, mit der man die Täuschung festzuhalten suchte.

10 [D85]

Der höchste Werth des phantasirenden Denkens (das Einige wohl auch gleich das produktive Denken nennen) ist, Möglichkeiten auszudenken und ihre Mechanismen des Gefühls einzuüben, welche später als Werkzeuge verwandt werden können zur Ergründung des wirklichen Seins. Es muß dies durch alle möglichen Versuche gleichsam erst errathen und als Beute des Zufalls entdeckt werden. Alle Mechanismen bei der großen Arbeit der strengen Forschung sind zuerst als “die Wahrheit” selber aufgestellt und eingeübt worden. Dichter und Metaphysiker sind insofern immer noch höchst wünschenswerth, sie suchen nach der möglichen Welt und finden hier und da etwas Brauchbares. Es sind Versuchsstationen ebenfalls. Blinde Thiere, die fortwährend um sich greifen und etwas zu essen versuchen, entdecken Nahrungsmittel (gehen aber auch leichter zu Grunde oder entarten) Andere Thiere leben von den anerkannten Nahrungsmitteln.

10 [D86]

Man hatte auf Seiten der Heidenchristen durchaus kein Verständniß für Vorrecht des Israels und für alttestamentliche Institutionen.

10 [D87]

NB Fortsetzung der freiesten Erkenntniss und Leben mit provisorischem Charakter!

10 [D88]

19. Jahrhundert, Reaktion: man suchte die Grundprincipien alles dessen, was Bestand gehabt hatte, und suchte dies als wahr zu beweisen. Bestand, Fruchtbarkeit und gutes Gewissen galt als Indicium der Wahrheit! Dies die conservative Gesinnung: sie sammelten alles, was noch nicht erschüttert war, sie hatten den Egoismus der Besitzenden als stärksten Einwand gegen die Philosophie des 18. Jahrhunderts: für die Nichtbesitzenden und Unzufriedenen hatte man noch die Kirche, auch wohl die Künste (für einzelne sehr Begabte auch die Genieverehrung als Dank, wenn sie für die conservativen Interessen arbeiteten) Mit der Geschichte (neu!!!) bewies man, man begeisterte sich für die großen fruchtbaren Complexe, Culturen (Nationen!!!) genannt. Man warf einen ungeheuren Theil des Forschungseifers und ebenso des Verehrungssinns auf die Vergangenheit: die neuere Philosophie und die Naturwissenschaft giengen dieses Theils verlustig!— —jetzt ein Rückschlag! Die Historie bewies zuletzt etwas anderes als man wollte: sie erwies sich als das sicherste Vernichtungsmittel jener Principien. Darwin. Anderseits der skeptische Historismus als Nachwirkung, das Nachempfinden. Man lernte in der Geschichte die bewegenden Kräfte besser kennen, nicht unsere “schönen” Ideen! Der Socialismus begründet sich historisch, ebenfalls die nationalen Kriege aus Historie!

10 [E89]

Handeln und denken wie Viele Alle giebt ein Gefühl von Macht. “So wie keiner”—ist ein Zeichen vom G d M.— Die moralischen Vorschriften sind Nothbehelfe für die Indiv welche sich nicht streng individuell erkennen und eine Norm außer sich haben müssen.

10 [E90]

Pflicht ein Zwang, bei dem unser Ind theilweise zu kurz kommt, theilweise zustimmt.

10 [E91]

Es ist nicht nöthig, die Thiere zu lieben, um die Menschen zu hassen. Wie Schopenhauer. Man denke an Voltaire, den Ersten, der —

10 [E92]

W der Erste unserer Zeit der hohe Ziele aus der Vereinigung der Künste erstrebt. Er hat das Experimentiren auf diesem Gebiete angefangen.

10 [E93]

Unsere Sinnenwelt ist gar nicht wirklich vorhanden, sie widerspricht sich: sie ist ein Trug der Sinne. Aber was sind dann die Sinne? Die Ursachen des Betrugs müssen real sein. Aber wir wissen von den Sinnen nur durch die Sinne, und das gehört mithin in die Welt des Truges. Somit trügt etwas, was wir nicht kennen, und sein erster Trug sind die Sinne. Unsere Vielheit gehört dazu: aber wie könnten wir Trugbilder zum Wissen um den Trug kommen? Wie könnte ein Traumbild wissen, daß es zum Traume gehöre?— Wir müssen folglich auch das sein, was trügt: d. h. wir müssen auch real sein, und zwar muß dorther unser Bewußtsein stammen, daß die Welt ein Trug ist, im rein Logischen: dies sind wir selber irgendwie. Also: wie kann das Wahre Wahrhafte die Ursache der Trugwelt sein?— Es muß sie nöthig haben: vielleicht ist das Wahre gequält wie ein Künstler und sucht eine Erlösung in lustvollen Vorstellungen und Bildern, eine Abziehung—die Wahrheit ist vielleicht der Schmerz, und der Schein ist eine Milderung, der Wechsel ist das Sichherumwerfen des schwer Leidenden, der eine bessere Lage sucht. Vielleicht aber auch ist das Wahre voller Lust und strömt über in Phantasien wie ein Künstler (Geburt der Tragödie) Die Welt ein aesthetisches Phänomen, eine Reihe von Zuständen am erkennenden Subjekt: eine Phantasmagorie nach dem Gesetze der Causalität. Daß der intellektuelle Prozeß erst am Thierreich hervortritt und ohne Thier keine Welt da sein könnte, gehört mit hinein in jenes Theaterspiel, das das Subjekt sich selber spielt: es ist ein Wahn. Die Geschichte ist eine Vermeintlichkeit—nichts mehr; die Causalität das Mittel, um tief zu träumen, das Kunststück, um über die Illusion sich zu täuschen, der feinste Apparat des artistischen Betruges.

10 [E94]

Die verkehrte Welt: die Brutstätte des Fanatismus.

Für gewöhnlich im Unglauben leben und handeln, wie der Christ—aber in einzelnen Momenten sein Leben und sich selber verurtheilen—dieser fluchwürdige Zustand, in dem das Leben nichts taugen darf, damit die Phantasterei weniger fremdartiger Minuten die Bedeutung des Daseins aufzuschließen scheine! Wir wollen diese Denkweise welche in dem kleinen oder großen Irrsinn den Richter und Verurtheiler des Daseins erkennt, nicht mehr in der Philosophie dulden und uns dagegen sträuben daß sie unter dem Schleier der Kunst geborgen weiter lebe.— Sind wir hier ohne Toleranz? Von neuem fanatisch?— Man sehe erst zu, was wir thun wollen: nichts mehr und nichts weiteres als uns nicht mehr um die verkehrte Welt kümmern.

10 [E95]

Die Welt, soweit wir sie erkennen können, ist unsere eigene Nerventhätigkeit, nichts mehr.

10 [E96]

Die anderen Religionen sind gegen die wirklichen Übel, das Christenthum gegen die moralischen Übel (zum Theil eingebildete)

10 [F97]

Die Müdigkeit bringt für den Denker einen Vortheil mit sich: sie läßt auch jene Gedanken hervorlaufen, die wir uns sonst, bei mehr Haltung und folglich bei mehr Verstellung, nicht eingestehen würden. Wir werden lässig, uns selber etwas vorzumachen, und siehe! da kommt die Wahrheit über uns.

10 [F98]

Amor und Psyche.— Wenn das Auge gar zu unverschämt in das Vergnügen der Sinne blickt, so ist das Vergnügen sehr schnell etwas Widerliches. Man muß es wie die Griechen verstehen, Götter und Phantastereien einzumischen und die groben Augen einzuhüllen; man muß vergessen können oder mindestens Vieles nie geradezu mit Namen nennen; das Vergnügen muß den Intellekt beschleichen, wenn er schläft oder träumt.

10 [F99]

“Du bist glücklich! Jedesmal wenn dein Charakter auf die Höhe seiner Fluth kommt, kommt auch dein Intellekt auf die seine.” B: Du vergißt etwas!

10 [F100]

Die Eigenschaften eines Dinges erregen unsere Empfindungen z. B. daß es grau ist, und die Gestalt, die Art von Bewegung, vor allem sein Vorhandensein als Körper und Substanz—alles ist mit Lust- und Unlustempfindungen und folglich mit Vertrauen, Neigung, Lust zur Annäherung oder Furcht usw. verknüpft. Dasselbe Ding kann uns vermöge seiner verschiedenen Eigenschaften anziehen und Furcht einflößen.— Daß seine Eigenschaften aber solche Empfindungen erregen, das ist Urtheil—und dies Urtheil setzt Erfahrungen voraus und Glauben an Gleichheit in den Erfahrungen. Zuletzt aber setzt auch die älteste Erfahrung wieder Urtheil voraus, also Auslegung eines Reizes, so daß er entweder lust- oder schmerzvoll ist. “Vermehrt dieser Reiz unsere Kraft oder vermindert er sie?” Kurz, ein Urtheil ist die Quelle, daß Kraftgefühl dabei entsteht oder sich vermindert.— Also die Wirkungen der Dinge sind zuletzt angenehm oder unangenehm, je nachdem wir an die Förderung unserer Kraft dabei glauben oder nicht. Dieser Glaube aber kann nicht wieder auf Erfahrung zurückgehen, sondern müßte—aus dem dabei entstehenden Kraftgefühl seinen Ursprung nehmen. Man glaubt an Kraft, wo man das Kraftgefühl hat. Kraftgefühl gilt als Beweis von Kraft. Nach diesem Beweis wandelt sich die Reizempfindung in Lust:—also: Alle Eigenschaften eines Dinges sind in Wahrheit Reize in uns, welche theils das Kraftgefühl mehren, theils es vermindern: jedes Ding ist eine Summe von Urtheilen (Befürchtungen, Hoffnungen, einiges flößt Vertrauen ein, anderes nicht) je mehr wir nun die Physik kennen, um so weniger phantastisch wird diese Summe von Urtheilen (die falschen Subsumirungen fallen weg z. B. alles was schwarz ist, ist gefährlich)— Zuletzt begreifen wir: ein Ding ist eine Summe von Erregungen in uns: weil wir aber nichts Festes sind, ist ein Ding auch keine feste Summe. Und je mehr wir Festigkeit in die Dinge zu legen wissen,

10 [F101]

Zum Beweise dafür, daß ein Skeptiker mitunter sehr ausgelassener Schwärmerei bedarf, um dann wieder besänftigt ins Land des “Vielleicht-und-Vielleicht-auch-nicht” zurückzukehren: will ich erzählen, welche Sätze mir jüngst meine schwärmenden Tauben aus den Wolken heimgebracht haben. Erstens: die gewöhnlichste Form des Wissens ist die ohne Bewußtheit. Bewußtheit ist Wissen um ein Wissen. Empfindung und Bewußtheit haben alles Wesentliche gemeinsam und mögen dasselbe sein. Die erste Entstehung einer Empfindung ist die Entstehung eines Wissens um ein Wissen: ein Vorgang, der nichts Schwieriges und Geheimnißvolles enthält, da er dem Wissen nur eine Veränderung der Richtung giebt—und dazu reichen zufällige Anstöße aus, die man vielleicht errathen kann. Bevor es Empfindung gab, gab es längst—nämlich immer—Wissen: Wiedererkennen und Schließen als seine Funktionen. Das Wissen ist die Eigenschaft aller treibenden Kräfte—es kommt auf Eins hinaus zu sagen, es sei die Eigenschaft der Materie, vorausgesetzt, daß man weiß, was Materie ist: die treibende Kraft als das Vorurtheil unserer Sinne gedacht: so daß Kraft und Materie Eins sind, entweder als ein An sich bezeichnet oder, nach der Relation zu unseren Sinnen, als Grenze unseres Empfindens für die Kraft bezeichnet. Die treibenden Kräfte sind nichts Letztes und der Analyse schlechthin Widerstrebendes, wie Schopenhauer meinte, der sie als den “Willen” verstand: wir können in ihnen noch das Wissen begrifflich absondern als ihre Eigenschaft: ohne Wiedererkennen und Schließen giebt es keinen Trieb, kein Treiben und Wollen. Der Intellekt (und nicht die Empfindung) ist “dem Wesen der Dinge” eingeboren; Empfindung ist ein Zufall in der Geschichte seiner Richtungen und nichts an sich Neues. Um die ersten Sätze der Mechanik zu verstehen, muß man den treibenden Kräften ein Wiedererkennen und Schließen geben—aber keine Bewußtheit darum, keine Empfindung. Das Wiedererkennen und Schließen aber setzt Mehrheit, aber Einartigkeit von Kräften voraus, mindestens Zweiheit. Der Irrthum im Wiedererkennen und Schließen ist erst möglich, seit es Empfindung giebt.— So! Nun fliegt zurück, ihr Tauben und gebt den Wolken, was der Wolken ist!

9, 10[1-101] Frühjahr 1880 bis Frühjahr 1881

10 [A1]

Yes, we want people to live moderately, decently, and justly—but all of them? I dare not decide. Humanity would come to an end too quickly!

10 [A2]

Our genius and our virtue grow with our hatred.

10 [A3]

When very dissolute men finally have had enough and become preachers of chastity, this is quite honest—they know the terrible side of the matter (as Sophocles once taught Pericles:) alone or they only remember the  disgusting  and  self-contemptible  aspects of it.—  Then  there  are  indeed  men  who  know  lust  by  hearsay  and  dreadfully fear—these too preach chastity, according to the Bible.

10 [A4]

the grand opera, of French-Italian-Jewish origin

10 [A5]

The accidents and deep sufferings cannot be excluded by anything. Should we therefore arrange our entire life and thinking around them?. It is possible. But it is not brave! (Semitic.)— But no! We do not want to spoil the good for ourselves, and ultimately we have a means

10 [A6]

Fie, such cheap virtues! Writing a few pages against animal cruelty!

10 [A7]

The pathos of the dramatic artist is an object of ridicule when it appears anywhere but on the stage—he is, above all, an actor.

10 [A8]

One must put it to the test, who among the friends and those to whom “our well-being is dear,” stands firm: treat them roughly once.

10 [A9]

Memory: we notice that we are approaching the matter, we achieve a sensation that we also had on occasion when we thought about the matter.

10 [A10]

We see things frivolously when we indulge in such one-sided considerations and act fanatically—it is our kind of frivolity. We know well that it is unfathomable. An artist, on the other hand, would, if he got that far, think it a wonder how strict and serious he had become.

10 [A11]

There is, with regard to things, devotion (from which deduction) and pride (induction)

10 [A12]

The strangest book? NB

10 [A13]

Napoleon often said that he alone had halted the course of the Revolution, and that after him it would continue.— “He knew his time very precisely and fought against it continually.” “He transformed the meaning of all words and corrupted all parties.”

10 [A14]

Often it is necessary to ally with someone in order to suppress them. If we are considered the best connoisseurs of someone, our defection weighs terribly heavy.

10 [A15]

Paying for services so that they are no longer spoken of.— Excessive rewards create pretension, but not gratitude.

10 [A16]

He elevates the souls of his surroundings by sharing his brilliance with them: Napoleon gave nothing away, he was jealous, he wanted all the brilliance—thus he diminished his surroundings and displeased them.

10 [B17]

The immediate imitation of a feeling and subsequent substitution of a cause

Music            Däm

Where does this exercise come from? Fear has compelled us to imitate all gestures in order to draw conclusions about the emotion (in the enemy)

Innervation of the faces of fearful and vain women

This ability declines among proud, self-willed people—it increases in anxious times (understanding of the imitative arts grows then)

10 [B18]

What is it that makes me always thirst for people who do not become small in the face of nature, a walk on the fortified heights above Genoa! Do I not know how to find them?

10 [B19]

The excitement, the nervousness—is a constant anxiety.

10 [B20]

We no longer learn to know things because no danger forces us to have to know them. It becomes a hobby: and in its place also a laziness.

10 [B21]

Putting together everything in which I forgive. Standing above sins, admitting them.

10 [B22]

The Epicureans Melancholics with weak stomachs—hence their “belly pleasure”

10 [B23]

Horace and Catullus translated from Greek and made everything foreign contemporary and Roman, at least Roman-familiar. No romanticism, then!

10 [B24]

the matter is neither worth robbing nor the robber ego

10 [B25]

Our first joy in a poet is to encounter a thought, a feeling that we also have; for example, Horace, when he speaks of his country estate. Then that he expresses our thoughts so beautifully!—he honors us with that!

10 [B26]

Dreams: the toad eats.— “Alpa Alpa, who carries his ashes to the mountains?”—the bloody moon.

10 [B27]

I am often ashamed of how well off I am now, and it spurs me on tremendously to think what one could do with this leisure—and I!

10 [B28]

The state of war of the soul begins only now! Let come what may: forward! Despise falsehood, endure all suffering cheerfully, whatever befalls us, go through the hail with naked body—despise and endure the injustice we do to ourselves—he scoffs at “health,” “well-being,” etc.

10 [B29]

Even in the smallest thing we do intentionally, e.g., chewing, the vast majority is unintentional. The intention relates to an enormous realm of possibilities.

10 [B30]

Instinctively the people guessed. Carnot revealed Jourdan, Hoche, Bonaparte.

10 [B31]

When I celebrated Schopenhauer as my mentor, I had forgotten that for a long time none of his dogmas had withstood my mistrust; but it did not bother me how often I had written "poorly proven" or "unprovable" or "exaggerated" beneath his sentences, because I was grateful for the powerful impression that Schopenhauer himself, free and bold before the things, against the things, had exerted on me for a decade.When I later expressed my admiration to Richard Wagner on a festive occasion, I had once again forgotten that his entire music had shrunk for me to a few hundred measures, taken here and there, which lay close to my heart and to which I lay close—it will probably still be the case now—and no less had I forgotten, over the image of this life—this powerful life, flowing in its own stream and, as it were, uphill—to say what I held of Richard Wagner in regard to truth. Who would not gladly be of a different opinion than Schopenhauer, I have always thought—in the whole and in the great: and who *could* be one with Richard Wagner, in the whole and in the small!

10 [B32]

What matters are not the people: but the things. Carnot.

When (according to Victor Hugo) Napoleon emerged as Bonaparte, Carnot joined him in the struggle; he spoke against the Consulate for life, he voted for the preservation of the Republic. In 1814, he forgot the Empire to remember that the fatherland was in danger. Napoleon says “Carnot, I have come to know you too late.” “No one has given me such an impression of true greatness as Carnot” Niebuhr

10 [B33]

Encouragement to a friend. It is not yet too late for you to attain greatness of character.

10 [B34]

reconciliatory natures, who among the French or Americans replace the hatred against the Germans, among the Germans the hatred against the Jews, with an intentional goodwill—not out of contradiction, but out of a need for justice. So disposed toward entire historical periods!

10 [B35]

Ten years a teacher and never punished.

10 [B36]

Hot water, working mentally outdoors and while walking, clean and frugal habits, morning in the open air; time division of soldierly strictness. Evening reckoning in the spirit of the ancient philosophers.

10 [B37]

We do not believe in fate, in weak persons and changing things.

Our opinions about fate are fate.

The world of purposefulness is as a whole a piece of the purposeless, reasonless world.

1. If we wanted to assess real existence intellectually or 2. morally: it appears low intellectually and low morally. And it would be a disgust to live! So let us remove these predicates out of the world!The individual as a whole is just as stupid and immoral as the rest of the world and even the best individual in it!

So either want to perish! or unlearn praise and blame. Indifference

Price of the dead world. The drives and their development ultimately show their irrationality, they contradict themselves (in the form of the intellect, which dislikes existence) just as pain does.

Our wisdom has grown from existence

10 [B38]

To choose people around oneself with whom one can preserve and display one's ideal humanity. First make the task easier for oneself, and then gradually include more foreign people into the circle.— But first form one's circle, drive others away.

Perhaps in this way we bring about conditions that offer the selection-purposefulness only in millennia and to a much weakened humanity! (as their measure of intellect now is! = the light waste of the sun etc.)

10 [B39]

I am embarrassingly fair because it maintains the distance.

10 [B40]

I can't stand being near someone who spits

10 [B41]

Which human traits are unfavorable for selection, i.e., not preferred by females? Books are a means to propagate them anyway.

10 [B42]

Experiments are also necessary among humans Experimente as with Darwinism.

10 [B43]

Insanity without delusions (Affective Insanity)

a) Impulsive insanity, where one must follow without will.

Manie sans délire

(perhaps as abortive or masked epilepsy?)

10 [B44]

The Negro hides the fetish under his clothes when he doesn't want to see something.

10 [B45]

Among the South Sea Islanders, the nobility is immortal, the commoners are not.

10 [B46]

1) My success with the swarm spirits: I soon grew tired and suspicious of it

2) I have never complained about being ignored and do not know the feeling.

3) I hope to come step by step closer to the higher natures, but hardly know where they are and if they exist! So far, I have always overcome my praisers and critics as well when I moved to the next level (and overcame myself)

10 [B47]

the exalted seek to elevate themselves, to where their imagination came to a halt—they would so dearly like to go beyond themselves.

10 [B48]

Spencer claims that humanity has unwittingly arrived at everything right that it needs—to judgments that agree with the truth!! Nonsense! The opposite!

10 [B49]

Bismarck, whose merit is to have made the Germans lose their taste for the European party templates.

10 [B50]

what cheerfulness is now possible! we have driven away the ghosts and earned the right to unreason: we no longer want to be wiser than the world is!

10 [B51]

The individual can now truly achieve a happiness that is impossible for humanity. Formerly nobility: now it only requires that one feels the others as slaves, as our manure

10 [B52]

I wish to take away some of the solemnity from science—it has now become a pleasure, since there are no worries behind it. I believe there will soon be an excess of spirit that must be wasted!

10 [B53]

So far, we are still making things difficult for ourselves (e.g., with overpopulation), because we do not dare to implement our new valuations. Soon, life must show that it is lived with a surplus of spirit!

10 [C54]

1. § Man of knowledge, his becoming, his prospects.
2. § Primeval Morality
3. § Christianity
4. § Contemporary Morality (Compassion).
5. § Orientation about the immediate surroundings, classes, peoples, etc.
6. § Aphorisms on the Affects.

10 [D55]

First, in one's intellectual passion, there is good faith: when better insight stirs, defiance arises, we do not want to yield. Pride says that we have enough spirit to also advance our cause. Arrogance scorns objections as a low, dry-hearted standpoint. Lust still counts the joys of indulgence and greatly doubts that better insight can achieve such a thing.

Compassion for the idol and his heavy lot comes into play; it forbids us from scrutinizing his imperfections so closely. The same is done, and even more so, by gratitude. Most of all, it is the intimate proximity, the loyalty in the air of the celebrated, the shared happiness and danger. Ah, and his trust in us, his abandon before us—it scares away the thought that he might be wrong, as if it were a betrayal, an indiscretion on our part.

10 [D56]

If the good were good in itself, it would be a limitation of God's omnipotence: He creates everything, commands this and forbids that to the created, and has given it the power to do both. If it were good and evil in itself, God's command and prohibition would have no necessity. If the in-itself were recognizable, man would not need God and priests. Consequently, they decree: morality is to be understood only from God's command, not from the utility and harm of actions. They ward off this standpoint of the critique of actions.

10 [D57]

“Breakfast Beauty”

10 [D58]

Is the morality of a priest any greater because he continually takes the interest of the Church as his guiding principle and subordinates his own? Is not this feeling, as a great complex, merely a prouder form of self-centeredness? And the same with the mother in relation to her child? The citizen in relation to the state? This “self-renunciation” is entirely illusory: one lives for one’s passion! and sacrifices something lesser of oneself!

10 [D59]

To regard the person of sympathetic and disinterested actions as the moral one is a fashion for which Christianity may be to blame in Europe. Otherwise, the person who feels strongly responsible, for his salvation and his highest interest, is considered moral, the one who says “I” more than all others: even if he sacrifices others in the process, like the great conquerors. Harming no one and benefiting them as much as possible, but benefiting oneself the most—this has not been considered moral because it was deemed impossible. And rightly so! Such is not the nature of things, that one could bring two opposing passions into harmony.

By being present and by asserting ourselves and training to the highest degree, we must value our own interest more highly than that of others and draw strength from it: one cannot take a single step, without somehow violating the interest of another. Already because we cannot know it sufficiently, a guideline based on the interest of each individual and all others is impossible.Yes, it is the same against ourselves: what we decree to be our main interest lives at the expense of our other interests. Within ourselves, that impossibility is already proven. The "legality," the sparing of others' rights, is only possible in a very crude sense. Its source is a finer injustice; it is a condition of existence for a very crude concept of "existence"! But the wanting-to-exist is already unjust.

10 [D60]

Such an adaptation as Spencer has in mind is conceivable, but in such a way that each individual becomes a useful tool and also feels only as such: thus as a means, as a part—thus with the abolition of individualism, according to which one wants to be a purpose and a whole, and indeed in both an uniqueness! This transformation is possible, yes, perhaps history is moving in that direction! But then the individuals will become ever weaker—it is the history of the decline of humanity, where the principle of disinterestedness of vivre pour autrui and sociality reign! If individuals are to become stronger, society must remain a state of emergency and always have to expect great changes: to lead a provisional existence forever.

10 [D61]

A step further in the sense for reality and he suppresses the adventurous sense, the flight into the free, it appears as forbidden, on so little knowledge, on so weak analogies to assert and on these assertions to conjecture. The spontaneous overpowering force goes in the yoke of precautionary measures, collection of the material, skepticism in the judgment of the individual material pieces. So—the intellectual immorality is necessary, up to some undefined degree.

10 [D62]

In Milton and Luther, where music is part of life, the deficient fanatical development of the intellect and the unbridled hatred and reviling may have been partly brought about by the undiscipline of music.

10 [D63]

To what extent is the actor acting against his—conscience? —

The intellect that anticipates the third, fourth, fifth consequence of an action must nevertheless stop somewhere and act on uncertainties, i.e., despite the feeling of imperfect insight into the consequences, still act as if it were certain about the consequences: take risks with the air of determination and unconditional insight, i.e., act or deceive oneself, silence one's intellectual conscience.

10 [D64]

The unjust underground among the nobles, e.g., with Christus

10 [D65]

All sämmtlichen moral qualities in every human being in different relationships: they are names for unknown constitutive relationships of the physical factors.

10 [D66]

Necessity to trigger a growing filling excitement by a emptying excitement (venting rage, thoughts of revenge, etc.). Example: the headache sufferer who has a loud festival nearby and finally, because the pain is too great, directs his thoughts toward an enemy and hurts him in spirit: or also beats himself with fists. Here, something immoral is the physically prescribed remedy against madness: an example of how immoral actions have the value of health factors.

10 [D67]

Object and subject—erroneous opposition. No starting point for thinking! We are seduced by language.

10 [D68]

Jean Gerson: “God does not will certain actions because they are good, but they are good because He wills them, just as others are evil because He forbids them.” The Jesuit.

10 [D69]

The purpose of the action and the purpose of the actor to distinguish.

10 [D70]

Escobar: “in truth, when I think of the diversity of moral feeling, I think it is a happy effect (effet) of Providence, for the diversity of opinion helps us to bear the yoke of the Lord more pleasantly.”

10 [D71]

The best and most spiritual person has removed the coarse offensive sight of the deceitful and intentionally self-affirming person (at the expense of others) from their eyes, they have withdrawn into such fine and veiled spheres where that element appears angelic. They are the most refined unjust person, they have understood how to have the appearance against their injustice.

10 [D72]

99 parts of all “creation” is imitation, in tones or thoughts. Theft, more or less conscious.

10 [D73]

Be ten times cold and unfriendly towards someone, finally it is your law, your daily quota.

10 [D74]

The excessive use of music and spirituous drinks, by which the intellectual powers of a people suffer, while their passions increase—so that, according to the most reliable statistics, the Germans surpass all V in suicides, and indeed in proportion to the purification of the race.

10 [D75]

We have entered the age of diplomatic artistry. No one believes anymore in a promise, in a thorough investigation of emergencies, in a permanent unaltered state of power relations; one improvises and works with feigned favoritism now for this opinion and party, now for that. The end no longer sanctifies the unholy means, but one forgets very quickly.

10 [D76]

We can regard our “mental activity” entirely as an effect that objects exert on us. Cognition is not the activity of the subject but only appears to be; it is a change in the nerves brought about by other things. Only by introducing the illusion of the will and saying “I recognize” in the sense of “I will to recognize and consequently do it” do we reverse the matter and see the passive as the active. But even the word passive-active is dangerous!

10 [D77]

Those forms of cognition are products of the effects of other things on us. We equip all things with them because all things have equipped us with them. Our activity appears to be productive.

10 [D78]

How small is the circle of idealism among young men! They think so little about socializing, honor, promotion, influence. Yes, they are more banal in everything, because their energy and momentum are consumed by every small area. And how they deceive when the gaze of another falls upon it!

10 [D79]

The completing (e.g., when we believe we see the movement of a bird as movement) the immediate filling in already begins in sensory perceptions. We always formulate whole people from what we see and know of them. We cannot tolerate the emptiness—this is the audacity of our imagination: how little it is bound and accustomed to truth! We are satisfied not for a moment with what is recognized (or recognizable!). The playful processing of material is our constant fundamental activity, thus practice of the imagination.

As proof of how powerful this activity is, consider the play of the optic nerve when the eye is closed. Similarly, we read, we hear. The precise hearing and seeing is a very high stage of culture—we are still very far from it. The lying is not even felt in it! This spontaneous play of imaginative power is our spiritual basic life: the thoughts appear to us, the becoming conscious, the reflection of the process in the process is only a relative exception—perhaps a breaking at the contrast.

10 [D80]

Zech. 9:9. He shall enter riding on a donkey and a colt, the foal of a donkey. The former—these are the Jews who believe in Him; they have borne the yoke of the law. The colt represents the Gentiles, who lived without law: but Christ placed the bridle of His word upon them, and they willingly submitted and allowed themselves to be burdened with all that He desired.



The Lord's Supper (Eucharistic meal). The offering of the wheat flour cake was prescribed for those who wished to be cleansed from leprosy.

10 [D81]

The struggle over the interpretation of the Old Testament: according to the Alexandrian method, it was interpreted entirely as a book of Christian doctrine.

In the struggle with the Jews, who interpreted the messianic passages differently. Justin mocks their exegetical tricks.

10 [D82]

A world without a subject—can one conceive of it? But imagine now all life annihilated at once, why could not everything else continue to move and be exactly as we see it now? I do not mean that it would be so, but I do not see why one could not conceive of it. Suppose colors are subjective—nothing tells us that they could not be thought of as objective. The possibility that the world is similar to the one that appears to us is not at all eliminated by our recognizing the subjective factors.

To think away the subject—that means wanting to imagine the world without a subject: is a contradiction: to imagine without imagination! Perhaps there are a hundred thousand subjective representations. To think away our human one—then the ant's remains. And if one imagined all life gone and only the ant remained: would existence really depend on it? Yes, the value of existence depends on sentient beings. And for humans, existence and valuable existence are often one and the same.

10 [D83]

Humans ultimately do not discover the world, but rather their sensory organs and feelers and their laws—but isn't their existence already sufficient proof of reality? I think the mirror proves things.

10 [D84]

They make it easy for themselves and try to understand me from the transition into the other extreme—they notice nothing of the continued struggle and the occasional blissful pauses in the struggle, do not realize that these earlier writings arose from such enchanted moments of calm, where the struggle seemed to have ended, and where one began to reflect on it and find peace. It was an illusion. The struggle continued. The extreme language betrays the agitation that raged shortly before and the violence with which one sought to cling to the illusion.

10 [D85]

The highest value of speculative thinking (which some might also call productive thinking) is to conceive possibilities and practice their mechanisms of feeling, which can later be used as tools to explore real being. This must be, as it were, first guessed through all possible attempts and discovered as a prize of chance. All mechanisms in the great work of strict research were first established and practiced as “the truth” itself.

Poets and metaphysicians are still highly desirable in this regard; they seek the possible world and occasionally find something useful. They are also experimental stations. Blind animals that constantly grope around and try to eat something discover food (but also perish or degenerate more easily). Other animals live on recognized food.

10 [D86]

On the part of the Gentile Christians, there was absolutely no understanding of Israel's privilege and of Old Testament institutions.

10 [D87]

NB Continuation of the freest knowledge and life with provisional character!

10 [D88]

19th century, reaction: people sought the fundamental principles of everything that had endured, and sought to prove this as true. Endurance, fertility, and good conscience were considered an indication of truth! This was the conservative mindset: they gathered everything that had not yet been shaken, they had the egoism of the possessors as the strongest objection against the philosophy of the 18th century: for the non-possessors and the discontented, there was still the church, and also the arts (for some very gifted individuals, there was also the veneration of genius as gratitude if they worked for conservative interests). With history (new!!!) one proved, one was enthusiastic about the great fruitful complexes, called cultures (nations!!!).

A tremendous part of the research zeal and likewise of the reverence was directed toward the past: modern philosophy and natural science lost this part!— —now a backlash! History proved in the end something different than intended: it revealed itself as the surest means of destroying those principles. Darwin. On the other hand, skeptical historicism as an aftereffect, the reliving. In history, one came to know the driving forces better, not our “beautiful” ideas! Socialism is justified historically, as are national wars from history!

10 [E89]

Acting and thinking like many gives a feeling of power. “Like no one”—is a sign of the G d M.— Moral prescriptions are makeshifts for individuals who do not recognize themselves strictly as individuals and must have a norm outside themselves.

10 [E90]

Duty is a compulsion in which our self is partially shortchanged, partially consents.

10 [E91]

It is not necessary to love animals in order to hate humans. Like Schopenhauer. Think of Voltaire, the first who —

10 [E92]

W the first of our time who strives for the high goals from the unification of the arts. He began experimenting in this field.

10 [E93]

Our sensory world is not really present at all; it contradicts itself: it is a deception of the senses. But what are the senses then? The causes of the deception must be real. But we know of the senses only through the senses, and that therefore belongs to the world of deception. Thus, something deceives, which we do not know, and its first deception is the senses. Our multiplicity belongs to it: but how could we come to know deceptive images as deception? How could a dream image know that it belongs to the dream?— We must therefore also be that which deceives: i.e., we must also be real, and indeed our consciousness must originate from there, that the world is a deception, in pure logic: this is somehow ourselves.Also: how can the True and Truthful be the cause of the deceptive world?— It must need it: perhaps the True is tormented like an artist and seeks redemption in pleasurable illusions and images, a distraction—the truth is perhaps the pain, and appearance is a relief, the change is the tossing and turning of the severely suffering, who seeks a better position. Perhaps, however, the True is full of pleasure and overflows into fantasies like an artist (The Birth of Tragedy) The world an aesthetic phenomenon, a series of states in the knowing subject: a phantasmagoria according to the law of causality.That the intellectual process only emerges in the animal kingdom and that without animals no world could exist is part of that theatrical play which the subject performs for itself: it is a delusion. History is a presumption—nothing more; causality the means to dream deeply, the trick to deceive oneself about the illusion, the finest apparatus of artistic deception.

10 [E94]

The upside-down world: the breeding ground of fanaticism.

To live and act in unbelief as a rule, like the Christian—but in isolated moments to condemn one's life and oneself—this accursed state in which life is deemed worthless so that the fantasy of less alien minutes may seem to unlock the meaning of existence! We no longer wish to tolerate this way of thinking, which in small or great madness recognizes the judge and condemner of existence, and we resist its continuing to live sheltered under the veil of art.— Are we here without tolerance? Fanatical anew?— Let us first see what we want to do: nothing more and nothing further than to no longer concern ourselves with the upside-down world.

10 [E95]

The world, as far as we can recognize it, is our own nervous activity, nothing more.

10 [E96]

The other religions are against the real evils, Christianity against the moral evils (partly imaginary)

10 [F97]

Fatigue brings an advantage for the thinker: it allows even those thoughts to emerge that we would otherwise, with more composure and consequently more pretense, not admit to ourselves. We become careless about deceiving ourselves, and behold! the truth comes over us.

10 [F98]

Amor und Psyche.— When the eye gazes far too shamelessly into the pleasure of the senses, that pleasure quickly becomes something repulsive. One must understand it as the Greeks did, mixing in gods and fantasies and veiling the coarse eyes; one must be able to forget or at least never name many things outright; pleasure must steal upon the intellect when it sleeps or dreams.

10 [F99]

“You are happy! Every time your character reaches the height of its tide, your intellect also reaches its own.” B: You forget something!

10 [F100]

The properties of a thing arouse our sensations, e.g., that it is gray, and its shape, the kind of movement, above all its existence as a body and substance—all is linked with pleasure and displeasure sensations and consequently with trust, inclination, desire for approach or fear, etc. The same thing can attract us and inspire fear by virtue of its different properties.— That its properties arouse such sensations is judgment—and this judgment presupposes experiences and belief in equality in experiences. Ultimately, however, the oldest experience again presupposes judgment, thus interpretation of a stimulus, so that it is either pleasurable or painful.

“Does this stimulus increase our strength or diminish it?” In short, a judgment is the source of the feeling of strength that arises or diminishes.— Thus, the effects of things are ultimately pleasant or unpleasant, depending on whether we believe in the promotion of our strength or not. This belief, however, cannot again be traced back to experience, but must—derive its origin from the feeling of strength that arises. One believes in strength where one has the feeling of strength. The feeling of strength is considered proof of strength.After this proof, the sensation of stimulus transforms into pleasure:—thus: All properties of a thing are in truth stimuli within us, which partly increase, partly diminish the feeling of power: every thing is a sum of judgments (fears, hopes, some inspire confidence, others do not) the more we know physics, the less fantastical this sum of judgments becomes (the false subsumptions fall away, e.g., everything that is black is dangerous)— Ultimately, we understand: a thing is a sum of excitations within us: but since we are nothing fixed, a thing is also not a fixed sum. And the more we know how to impose solidity upon things,

10 [F101]

As proof that a skeptic sometimes requires very exuberant enthusiasm in order to then return, soothed, to the land of “Perhaps-and-Perhaps-not”: I wish to recount which sentences my enthusiastic doves have recently brought home to me from the clouds. First: the most common form of knowledge is that without consciousness. Consciousness is knowledge of a knowledge. Sensation and consciousness have everything essential in common and may be the same thing. The first emergence of a sensation is the emergence of a knowledge of a knowledge: a process that contains nothing difficult or mysterious, since it only gives knowledge a change of direction—and for this, random impulses suffice, which one might perhaps guess. Before there was sensation, there was long ago—namely always—knowledge: recognition and inference as its functions.

Knowledge is the property of all driving forces—it amounts to one and the same thing to say that it is the property of matter, provided that one knows what matter is: the driving force conceived as the prejudice of our senses: so that force and matter are one, either designated as a thing-in-itself or, in relation to our senses, designated as the limit of our sensation for force. The driving forces are not something ultimate and absolutely resistant to analysis, as Schopenhauer believed, who understood them as the "will": we can still conceptually separate knowledge as their property: without recognition and inference, there is no drive, no driving and willing.The intellect (and not sensation) is “innate to the essence of things”; sensation is an accident in the history of its directions and nothing new in itself. To understand the first principles of mechanics, one must grant driving forces recognition and inference—but no consciousness of it, no sensation. Recognition and inference, however, presuppose plurality, but uniformity of forces, at least duality. Error in recognition and inference only becomes possible once sensation exists.— So! Now fly back, you doves, and give to the clouds what belongs to the clouds!

×