8, 3[1-76] März 1875

3 [1]

Gehet hin und verbergt eure guten Werke und bekennt vor den Leuten die Sünden, die ihr begangen.
Buddha.

3 [2]

Der achte April 1777, wo F. A. Wolf für sich den Namen stud. philol. erfand, ist der Geburtstag der Philologie.

1.

3 [3]

Gegen die Wissenschaft der Philologie wäre nichts zu sagen: aber die Philologen sind auch die Erzieher. Da liegt das Problem, wodurch auch diese Wissenschaft unter ein höheres Gericht kommt.— Und würde wohl die Philologie noch existiren, wenn die Philologen nicht ein Lehrerstand wären?

3 [4]

Es ist schwer, die Bevorzugung zu rechtfertigen, in der das Alterthum steht: denn sie ist aus Vorurtheilen entstanden:

1) aus Unwissenheit des sonstigen Alterthums,
2) aus einer falschen Idealisirung zur Humanitäts-Menschheit überhaupt; während Inder und Chinesen jedenfalls humaner sind,
3) aus dem Schulmeister-Dünkel,
4) aus der traditionellen Bewunderung, die vom Römerthum ausgegangen ist,
5) aus Widerspruch gegen die christliche Kirche, oder zur Stütze,
6) Eindruck, den die Jahrhunderte lange Arbeit der Philologen gemacht hat, und die Art ihrer Arbeit: es muss sich doch um Goldbergwerke handeln, meint der Zuschauer.
7) Fertigkeiten und Wissen, von dort her gelernt. Vorschule der Wissenschaft.

In Summa: theils aus Ignoranz, falschen Urtheilen und trügerischen Schlüssen, auch durch das Interesse eines Standes, der Philologen.

Bevorzugung des Alterthums sodann durch die Künstler, die das erkannte Maass und die Sophrosyne unwillkürlich zu einer Eigenschaft des gesammten Alterthums machen. Die reine Form. Ebenso durch die Schriftsteller.

Bevorzugung des Alterthums als einer Abbreviatur der Geschichte der Menschheit, als ob hier ein autochthones Gebilde sei, an dem alles Werdende zu studiren sei.

Thatsächlich ist nun allmählich Grund für Grund zu dieser Bevorzugung beseitigt, und wenn es die Philologen nicht merken sollten, so merkt man es sonst ausser ihren Kreisen so stark wie möglich. Die Historie hat gewirkt; sodann hat die Sprachwissenschaft die grösste Diversion, ja Fahnenflucht unter den Philologen selbst hervorgebracht. Nur die Schule haben sie noch: doch auf wie lange! In der bisherigen Form ist die Philologie am Aussterben: ihr Boden ist ihr entzogen. Ob überhaupt ein Stand von Philologen sich erhalten wird, ist sehr zweifelhaft: jedenfalls wäre es eine aussterbende Race.

3 [5]

Schon unsere Terminologie zeigt, wie sehr wir geneigt sind, die Alten falsch zu messen; der übertriebene Sinn der Litteratur z. B., oder wie Wolf von der “innern Geschichte der antiken Erudition” redet, er nennt es auch “die Geschichte der gelehrten Aufklärung.”

3 [6]

Was liegt für ein Hohn auf die “Humanitäts”-Studien darin, dass man sie auch belles lettres (bellas litteras) nannte!

3 [7]

Wolfs Gründe, weshalb man Aegypter Hebräer Perser und andre Nationen des Orients nicht auf Einer Linie mit Griechen und Römern aufstellen darf: jene erhoben sich “gar nicht oder nur wenige Stufen über die Art von Bildung, welche man bürgerliche Policirung oder Civilisation, im Gegensatze höherer eigentlicher Geistescultur, nennen sollte.” Er erklärt sie gleich darauf als die geistige oder die litterarische “bei einem glücklich organisirten Volke kann diese schon früher anfangen als Ordnung und Ruhe des äussern Lebens” (“Civilisation”). Er stellt dann den fernsten Osten von Asien (“ähnlich solchen Individuen, die es nicht an Reinlichkeit, Schicklichkeit und Bequemlichkeit von Wohnungen Kleidungen und allen Umgebungen fehlen lassen, aber niemals das Bedürfniss höherer Aufklärung empfinden”) den Griechen gegenüber (“bei den Griechen, auch bei den gebildetsten Attikern, trat oft das Gegentheil bis zur Verwunderung ein und man vernachlässigte das als unbedeutend, was wir vermöge unserer Ordnungsliebe insgemein als Grundlage der geistigen Veredlung selbst anzusehen pflegen”).

3 [8]

“Gegen Ende des Lebens befiel Markland, wie so viele seines gleichen früher, ein Widerwille gegen allen gelehrten Ruhm, dermaassen dass er mehrere lange gepflegte Arbeiten theils zerstreute, theils verbrannte.”

3 [9]

“In der Jugendzeit Winckelmanns gab es eigentlich kein Studium des Alterthums als in dem gemeinen Dienste von Brod erwerbenden Disciplinen—man las und erklärte damals die Alten, um sich besser zur Auslegung der Bibel und des corpus juris vorzubereiten.”

3 [10]

F. A. Wolf erinnert einmal daran, wie furchtsam und schwächlich die ersten Schritte waren, die unsere Ahnherrn zur Gestaltung der Wissenschaft thaten, wie sogar lateinische Klassiker gleich verdächtiger Waare unter Vorwänden auf den Markt der Universitäten eingeschwärzt werden mussten; im Göttinger Lectionskatalog 1737 kündigt J. M. Gesner Horatii Odas an “ut in primis, quid prodesse in severioribus studiis possint, ostendat.”

3 [11]

Newton wunderte sich, dass Männer wie Bentley und Hare sich über ein Comödienbuch herumschlügen (weil sie beide theologische Würdenträger waren).

3 [12]

Es ist so schwer, nur etwas aus dem Alterthume nachzuempfinden, man muss warten können, bis wir etwas zu hören bekommen. Das Menschliche, das uns das Alterthum zeigt, ist nicht zu verwechseln mit dem Humanen. Dieser Gegensatz ist sehr stark hervorzuheben, die Philologie krankt daran, dass sie das Humane unterschieben möchte; nur deshalb führt man junge Leute hinzu, damit sie human werden. Ich glaube, um das zu erreichen, genügt viel Historie: das Brutal-Selbstbewusste wird dadurch abgebrochen, wenn man Dinge und Schätzungen so wechseln sieht.— Das Menschliche der Hellenen liegt in einer gewissen Naivetät, in der bei ihnen der Mensch sich zeigt, Staat, Kunst, Societät, Kriegs- und Völkerrecht, Geschlechtsverkehr, Erziehung, Partei; es ist genau das Menschliche, das sich überall bei allen Völkern zeigt, aber bei ihnen in einer Unmaskirtheit und Inhumanität, dass es zur Belehrung nicht zu entbehren ist. Dazu haben sie die grösste Menge an Individuen geschaffen—darin sind sie über den Menschen so belehrend; ein griechischer Koch ist mehr Koch als ein andrer.

3 [13]

Das Christenthum hat das Alterthum überwunden—ja das ist leicht gesagt. Erstens ist es selbst ein Stück Alterthum, zweitens hat es das Alterthum conservirt, drittens ist es mit den reinen Zeiten des Alterthums gar nicht im Kampf gewesen. Vielmehr: damit das Christenthum erhalten blieb, musste es sich vom Geiste des Alterthums überwinden lassen z. B. von der imperium-Vorstellung, der Gemeinde usw. Wir leiden an der ungemeinen Unreinlichkeit und Unklarheit des Menschlichen, an der witzigen Verlogenheit, die das Christenthum über die Menschen gebracht hat.

3 [14]

Das griechische Alterthum ist als Ganzes noch nicht taxirt; ich bin überzeugt, hätte es nicht diese traditionelle Verklärung um sich, die gegenwärtigen Menschen würden es mit Abscheu von sich stossen: die Verklärung also ist unächt, von Goldpapier.

3 [15]

Ein grosser Vortheil für einen Philologen ist, dass seine Wissenschaft so viel vorgearbeitet hat, um sich in den Besitz der Erbschaft setzen zu können, wenn er es vermag—nämlich die Abschätzung der ganzen hellenischen Denkart vorzunehmen. So lange man im Einzelnen herum arbeitete, leitete eine Verkennung der Griechen; die Stufen dieser Verkennung sind zu bezeichnen. (Sophisten des zweiten Jahrhunderts, die Philologen-Poeten der Renaissance, der Philologe als Schullehrer der höheren Stände) (Goethe-Schiller)

3 [16]

Nachahmung des Alterthums: ob nicht endlich ein widerlegtes Princip?

Flucht aus der Wirklichkeit zu den Alten: ob dadurch nicht die Auffassung des Alterthums gefälscht ist?

3 [17]

Eine Art der Betrachtung ist noch zurück: zu begreifen, wie die grössten Erzeugnisse des Geistes einen schrecklichen und bösen Hintergrund haben; die skeptische Betrachtung: als schönstes Beispiel des Lebens wird das Griechenthum geprüft.

Richtig Urtheilen ist schwer.

3 [18]

Dass man nur durch das Alterthum Bildung gewinnen könne, ist nicht wahr. Aber man kann von dort aus welche gewinnen. Doch die Bildung welche man jetzt so nennt, nicht. Nur auf einem ganz castrirten und verlogenen Studium des Alterthums kann unsere Bildung sich erbauen.

Um nun zu sehn, wie wirkungslos dies Studium ist, sehe man nur die Philologen an: die müssten ja am besten durch das Alterthum erzogen sein.

2.

3 [19]

Wie wenig Vernunft, wie sehr der Zufall unter den Menschen herrscht, zeigt das fast regelmässige Missverhältniss zwischen dem sogenannten Lebensberufe und der Disposition dazu: die glücklichen Fälle sind Ausnahmen, wie die glücklichen Ehen, und auch diese werden nicht durch Vernunft herbeigeführt. Der Mensch wählt den Beruf, wo er noch nicht fähig zum Wählen ist; er kennt die verschiedenen Berufe nicht, er kennt sich selbst nicht; er verbringt seine thätigsten Jahre dann in diesem Berufe, verwendet all sein Nachdenken darauf, wird erfahrener; erreicht er die Höhe seiner Einsicht, dann ist es gewöhnlich zu spät, noch etwas Neues zu beginnen, und die Weisheit hat auf Erden fast immer etwas Altersschwaches und Mangel an Muskelkraft an sich gehabt.

Die Aufgabe ist meistens die, wieder gut zu machen, ungefähr zu recht zu legen, was in der Anlage verfehlt war; viele werden erkennen, dass der spätere Theil des Lebens eine Absichtlichkeit zeigt, die aus ursprünglicher Disharmonie entstanden ist; es lebt sich schwer. Am Ende des Lebens ist man’s aber doch gewohnt—dann kann man sich über sein Leben irren und seine Dummheit loben: bene navigavi cum naufragium feci, und gar ein Preislied auf die “Vorsehung” anstimmen.

3 [20]

Ich frage nun nach der Entstehung des Philologen und behaupte:
1) der junge Mensch kann noch gar nicht wissen, wer Griechen und Römer sind,
2) er weiss nicht, ob er zu ihrer Erforschung sich eignet,
3) und erst recht nicht, in wiefern er sich mit diesem Wissen zum Lehrer eignet. Das was ihn also bestimmt, ist nicht Einsicht in sich und seine Wissenschaft, sondern
a) Nachahmung,
b) Bequemlichkeit, dadurch dass er forttreibt, was er auf der Schule trieb,
c) allmählich auch die Absicht auf Broderwerb.
Ich meine, 99 von 100 Philologen sollten keine sein.

3 [21]

Strengere Religionen fordern, dass der Mensch seine Thätigkeit nur als ein Mittel eines methaphysischen Planes verstehe: eine misslungene Wahl des Berufs lässt sich dann als Prüfung des Individuums zurechtlegen. Religionen nehmen nur das Heil des Individuums in’s Auge: ob das nun Sclave oder Freier, Kaufmann oder Gelehrter ist, sein Lebensziel liegt nicht in seinem Berufe und deshalb ist eine falsche Wahl kein grosses Unglück. Dies diene, die Philologen zu trösten; aber nackte Einsicht für die ächten Philologen: was wird aus einer Wissenschaft, die von solchen 99 betrieben wird? Diese, eigentlich ungeeignete Majorität legt sich die Wissenschaft zurecht und stellt an sich die Forderung nach den Fähigkeiten und Neigungen der Majorität: sie tyrannisirt damit den eigentlichen Befähigten, jenen Hundertsten. Hat sie die Erziehung in den Händen, so erzieht sie bewusst oder unbewusst nach dem eigenen Vorbilde: was wird da aus der Klassicität der Griechen und Römer!

Zu beweisen

A) das Missverhältniss zwischen Philologen und den Alten.
B) die Unfähigkeit der Philologen, mit Hülfe der Alten zu erziehen.
C) die Fälschung der Wissenschaft durch die Unfähigkeit der Majoritäten, die falschen Anforderungen, Verleugnung der eigentlichen Ziele dieser Wissenschaft.

3 [22]

Wie ist wohl einer am geeignetsten zu dieser Schätzung?— Jedenfalls nicht dann, wenn er so zum Philologen abgerichtet wird wie jetzt. Zu sagen, in wiefern die Mittel hier den letzten Zweck unmöglich machen.— Also der Philologe selber ist nicht das Ziel der Philologie. —

3 [23]

Leopardi ist das moderne Ideal eines Philologen; die deutschen Philologen können nichts machen. (Voss ist zu studiren dazu!)

3 [24]

Die Eitelkeit ist die unwillkürliche Neigung, sich als Individuum zu geben, während man keins ist; das heisst, als unabhängig, während man abhängt. Die Weisheit ist das Umgekehrte: sie giebt sich als abhängig, während sie unabhängig ist.

3 [25]

Ein grosser Werth des Alterthums liegt darin, dass seine Schriften die einzigen sind, welche moderne Menschen noch genau lesen.

3 [26]

Überspannung des Gedächtnisses—sehr gewöhnlich bei Philologen, geringere Entwicklung des Urtheils.

3 [27]

Bei der Erziehung des jetzigen Philologen ist der Einfluss der Sprachwissenschaft zu erwähnen und zu beurtheilen; für einen Philologen ziemlich abzulehnen: die Fragen nach den Uranfängen der Griechen und Römer sollen ihn nichts angehen: wie kann man sich auch sein Thema so verderben.

3 [28]

An den Philologen bemerke ich:

1) Mangel an Respekt vor dem Alterthum,
2) Weichlichkeit und Schönrednerei, vielleicht gar Apologie,
3) einfaches Historisiren,
4) Einbildung über sich selbst,
5) Unterschätzung der begabten Philologen.

3 [29]

Bergk’s Litteraturgeschichte, nicht ein Fünkchen griechischen Feuers und griechischen Sinnes.

3 [30]

Ich freue mich von Bentley zu lesen: “non tam grande pretium emendatiunculis meis statuere soleo, ut singularem aliquam gratiam inde sperem aut exigam.”

3 [31]

Horaz ist durch Bentley vor einen Richterstuhl gestellt, den er abweisen müsste. Die Bewunderung, die ein scharfsinniger Mann als Philologe erntet, steht im Verhältniss zur Rarität des Scharfsinns bei Philologen.— Das Verfahren bei Horaz hat etwas Schulmeisterliches, nur dass nicht Horaz selbst censirt werden soll, sondern seine Überlieferer; in Wahrheit und im Ganzen trifft es aber Horaz. Mir steht nun einmal fest, dass eine einzige Zeile geschrieben zu haben, welche es verdient, von Gelehrten späterer Zeit commentirt zu werden, das Verdienst des grössten Critikers aufwiegt. Es liegt eine tiefe Bescheidenheit im Philologen. Texte verbessern ist eine unterhaltende Arbeit für Gelehrte, es ist ein Rebusrathen; aber man sollte es für keine zu wichtige Sache ansehen. Schlimm, wenn das Alterthum weniger deutlich zu uns redete, weil eine Million Worte im Wege stünden!

3 [32]

Ein Schullehrer sagte zu Bentley: “Master, ich werde euren Enkel zu einem ebenso grossen Gelehrten machen als ihr seid.” “Wie so? sagte Bentley. Wenn ich nun mehr vergessen hätte, als du je wusstest?”

3 [33]

Bentley, sagt Wolf, ist als Litterator wie als Mensch den grössten Theil seines Lebens hindurch verkannt und verfolgt, oder doch mit Malignität gelobt worden.

3 [34]

Wolf nennt es die Blume aller geschichtlichen Forschung, sich zu den grossen und allgemeinen Ansichten des Ganzen zu erheben und zu der tiefsinnig aufgefassten Unterscheidung der Fortgänge in der Kunst und der verschiedenen Stile. Aber Wolf giebt zu, Winckelmann fehlte jenes gemeinere Talent, die philologische Kritik, oder es kam nicht recht zur Thätigkeit: “eine seltne Mischung von Geistes-Kälte und kleinlicher unruhiger Sorge um hundert an sich geringfügige Dinge mit einem alles beseelenden, das Einzelne verschlingenden Feuer und einer Gabe der Divination, die dem Ungeweihten ein Ärgerniss ist.”

3 [35]

“Eben da beweist die Kritik oft ihre beste Kraftäusserung, wo sie aus Gründen zeigt, bis zu welcher Stufe der Überzeugung auf beiden Seiten sich gelangen lasse und warum ein Ausdruck, eine Stelle unheilbar sei. Uns dünkt, die Ärzte, mit denen sich manchmal die Kritiker vergleichen, kennen in ihrer Kunst ganz ähnliche Triumphe.”

3 [36]

Bei der oft so tief sich aufdringenden Unsicherheit der Divination macht sich von Zeit zu Zeit eine krankhafte Sucht geltend, um jeden Preis zu glauben und sicher sein zu wollen: z. B. Aristoteles gegenüber, oder im Auffinden von Zahlennothwendigkeiten—bei Lachmann fast eine Krankheit.

3.

3 [37]

Nun wird es nicht mehr verwundern, dass die Bildung der Zeit, bei solchen Lehrern, nichts taugt. Ich entziehe mich nie, eine Schilderung von dieser Unbildung zu machen. Und zwar gerade in Beziehung auf die Dinge, wo man vom Alterthum lernen müsste, wenn man es überhaupt könnte (z. B. Schreiben Sprechen usw.).

3 [38]

Ausser der grossen Zahl unbefähigter Philologen giebt es nun umgekehrt eine Zahl von geborenen Philologen, welche durch irgendwelche Umstände verhindert sind, welche zu werden. Das wichtigste Hinderniss aber, welches diese geborenen Philologen abhält, ist schlechte Repräsentation der Philologie durch die unberufenen Philologen.

3 [39]

Die unwahre Begeisterung für das Alterthum, in der viele Philologen leben. Eigentlich überfällt uns das Alterthum, wenn wir jung sind, mit einer Fülle von Trivialitäten, besonders glauben wir über die Ethik hinaus zu sein. Und Homer und Walter Scott—wer erlangt wohl den Preis? Wenn man ehrlich ist! Wäre die Begeisterung gross, so würde man schwerlich seinen Lebensberuf darin suchen. Ich meine: erst spät beginnt es zu dämmern, was wir an den Griechen haben können: erst nachdem wir viel erlebt, viel durchdacht haben.

3 [40]

Wo zeigt sich die Wirkung des Alterthums? Nicht einmal in der Sprache, nicht in der Nachahmung von irgend etwas, nicht einmal in einer Verkehrtheit, wie die Franzosen sie gezeigt haben. Unsre Museen füllen sich; ich empfinde immer Ekel, wenn ich reine nackte Figuren griechischen Stils sehe: vor der gedankenlosen Philisterei, die alles auffressen will.

3 [41]

Man vergleicht unsere Zeit wirklich mit der Perikleischen in Schulprogrammen, man gratulirt sich zum Wiedererwachen des Nationalgefühls, und ich erinnere mich einer Parodie auf die Leichenrede des Perikles, von G. Freitag, wo dieser mit steifen Hosen geborne Dichter das Glück schildert, das jetzt die 60jährigen Männer empfinden.— Alles reine Carricatur! So die Wirkung! Tiefe Trauer und Hohn und Zurückgezogenheit bleibt dem übrig, der mehr davon gesehn hat.

3 [42]

Sie haben verlernt, zu andern Menschen zu reden, und weil sie nicht zu älteren Leuten reden können, können sie es auch nicht zu jungen.

3 [43]

Es fehlt ihnen die eigentliche Lust an den starken und kräftigen Zügen des Alterthums. Sie werden Lobredner und werden dadurch lächerlich.

3 [44]

Wolf sagt “überall ist es ja meist Weniges, was aus wohl verdauter Gelehrsamkeit gewonnen wird für geistigen Nahrungssaft.”

3 [45]

“Nur die Fertigkeit, nach der Weise der Alten zu schreiben, nur eignes productives Talent befähigt uns, fremde Productionen gleicher Art ganz zu verstehen und darin mehr als gewisse untergeordnete Tugenden aufzufassen.”

3 [46]

Wolf macht darauf aufmerksam, dass das Alterthum nur Theorien der Rede- und Dichtkunst kannte, welche die Production erleichtern, und artes, die wirkliche Redner und Dichter bildeten; “da wir heut zu Tage bald Theorien haben werden, wonach sich eben so wenig eine Rede oder ein Gedicht machen lässt, als ein Gewitter nach einer Brontologie.”

3 [47]

“Am Ende dürften nur die Wenigen zu echter vollendeter Kennerschaft gelangen, die mit künstlerischem Talent geboren und mit Gelehrsamkeit ausgerüstet, die besten Gelegenheiten benutzen, die nöthigen technischen Kentnisse sich praktisch und theoretisch zu erwerben.” Wolf. Wahr!

3 [48]

Die Alten sind nach Goethe “die Verzweiflung der Nacheifernden.”

Voltaire hat gesagt: “wenn die Bewunderer Homers aufrichtig wären, so würden sie die Langeweile eingestehen, die ihnen ihr Liebling so oft verursacht.”

4.

3 [49]

Wenn ich sage, die Griechen waren in summa doch sittlicher als die modernen Menschen: was heisst das? Die ganze Sichtbarkeit der Seele im Handeln zeigt schon, dass sie ohne Scham waren; sie hatten kein schlechtes Gewissen. Sie waren offener, leidenschaftlicher, wie Künstler sind, eine Art von Kinder-Naivetät begleitet sie, so haben sie bei allem Schlimmen einen Zug von Reinheit an sich, etwas dem Heiligen Nahes. Merkwürdig viel Individuum, sollte darin nicht eine höhere Sittlichkeit liegen? Denkt man sich ihren Character langsam entstanden, was ist es doch, was zuletzt so viel Individualität erzeugt? Vielleicht Eitelkeit unter einander, Wetteifer? Möglich. Wenig Lust am Conventionellen.

3 [50]

Man denke sich, wie anders eine Wissenschaft sich fortpflanzt, wie anders eine specielle Begabung in einer Familie. Eine leibliche Fortpflanzung der einzelnen Wissenschaft ist etwas ganz Seltenes. Ob die Söhne von Philologen wohl leicht Philologen werden? Dubito. So entsteht keine Accumulation philologischer Fähigkeiten, wie etwa in Beethovens Familie von musikalischen Fähigkeiten. Die meisten fangen von vorn an, und zwar durch Bücher vermittelt, nicht durch Reisen usw. Wohl aber Erziehung.

3 [51]

Die Hadesschatten des Homer—welcher Art von Existenz sind sie eigentlich nachgemalt? Ich glaube, es ist die Beschreibung des Philologen; es ist besser Tagelöhner sein als so eine leblose Erinnerung an Vergangenes—Grosses und Kleines. (Viele Schafe opfern.)

3 [52]

Die Stellung des Philologen zum Alterthum ist entschuldigend oder auch von der Absicht eingegeben, das was unsere Zeit hochschätzt, im Alterthum nachzuweisen. Der richtige Ausgangspunct ist der umgekehrte: nämlich von der Einsicht in die moderne Verkehrtheit auszugehn und zurückzusehn—vieles sehr Anstössige im Alterthum erscheint dann als tiefsinnige Nothwendigkeit.

Man muss sich klar machen, dass wir uns ganz absurd ausnehmen, wenn wir das Alterthum vertheidigen und beschönigen: was sind wir!

3 [53]

Jede Religion hat für ihre höchsten Bilder ein Analogon in einem Seelenzustande. Der Gott Mahomets die Einsamkeit der Wüste, fernes Gebrüll des Löwen, Vision eines schrecklichen Kämpfers. Der Gott der Christen—alles was si Männer und Weiber bei dem Worte “Liebe” denken. Der Gott der Griechen: eine schöne Traumgestalt.

3 [54]

Wer keinen Sinn für das Symbolische hat, hat keinen für das Alterthum: diesen Satz wende man auf die nüchternen Philologen an.

3 [55]

Es ist die Sache des freien Mannes, seiner selbst wegen und nicht in Hinsicht auf andre zu leben. Deshalb hielten die Griechen das Handwerk für unanständig.

3 [56]

Mit Arbeitsamkeit lässt sich nicht viel erzwingen, wenn der Kopf stumpf ist. Über Homer her fallende Philologen glauben, man könne es erzwingen. Das Alterthum redet mit uns, wenn es Lust hat, nicht wenn wir.

3 [57]

Die ausgezeichnete Tochter Joanna bedauerte Bentley, dass er soviel Zeit und Talent auf die Kritik fremder Werke verwandt habe, anstatt auf selbständige Compositionen. “Bentley schwieg eine Zeitlang wie in sich gekehrt; endlich sagte er, ihre Bemerkung sei ganz richtig; er fühle selbst, dass er seine Naturgaben vielleicht noch anders hätte anwenden sollen: indess habe er früher etwas zur Ehre Gottes und zum Besten seiner Mitmenschen gethan (er meint seine Confutation of Atheism); nachher aber habe ihn der Genius der alten Heiden an sich gelockt, und in der Verzweiflung, sich auf einem andern Wege zu ihrer Höhe zu erheben, sei er ihnen auf die Schultern gestiegen, um so über ihre Köpfe hinwegzusehn.”

3 [58]

“Den Griechen verdanken die Neuern vorzüglich, dass bei ihnen, die das Schöne immer nach dem Nützlichen suchten, nicht alles Wissen wiederum kastenmässig, dass die bessere Cultur nicht gänzlich in den Dienst der Civilisation zurückgewiesen worden, dass sogar verschiedene Studien, die als eine Art von Luxus unbelohnt bleiben müssen, wenigstens niemanden, der auf des Staates Hülfe verzichtet, untersagt werden.”

3 [59]

Merkwürdig ist Wolf’s Urtheil über die Liebhaber philologischer Kenntnisse: “fanden sie sich von der Natur mit Anlagen ausgestattet, die dem Geiste der Alten verwandt oder einer leichten Versetzung in fremde Denkarten und Lagen des Lebens empfänglich waren, so erlangten sie allerdings durch solche halbe Bekanntschaften mit den besten Schriftstellern mehr von dem Reichthume jener kraftvollen Naturen und grossen Muster im Denken und Handeln als die meisten von denen, die ihnen sich lebenslang zu Dolmetschern anboten.”

5.

3 [60]

So wie der Mensch zu seinem Lebensberufe steht, skeptisch-melancholisch, so sollen wir uns zu dem höchsten Lebensberufe eines Volkes stellen: um zu begreifen, was Leben ist.

3 [61]

Mein Trost gilt besonders auch den tyrannisirten Einzelnen: diese mögen einfach alle jene Majoritäten wie ihre Hülfsarbeiter behandeln, und ebenso mögen sie sich das Vorurtheil, das noch zu Gunsten des klassischen Unterrichtes verbreitet ist, zu Nutze machen; sie brauchen viele Arbeiter. Sie haben aber unbedingte Einsicht in ihre Ziele nöthig.

3 [62]

Die Philologie als Wissenschaft um das Alterthum hat natürlich keine ewige Dauer, ihr Stoff ist zu erschöpfen. Nicht zu erschöpfen ist die immer neue Accommodation jeder Zeit an das Alterthum, das sich daran Messen. Stellt man dem Philologen die Aufgabe, seine Zeit vermittelst des Alterthums besser zu verstehen, so ist seine Aufgabe eine ewige.— Dies ist die Antinomie der Philologie: man hat das Alterthum thatsächlich immer nur aus der Gegenwart verstanden—und soll nun die Gegenwart aus dem Alterthum verstehen? Richtiger: aus dem Erlebten hat man sich das Alterthum erklärt, und aus dem so gewonnenen Alterthum hat man sich das Erlebte taxirt, abgeschätzt. So ist freilich das Erlebniss die unbedingte Voraussetzung für einen Philologen—das heisst doch: erst Mensch sein, dann wird man erst als Philolog fruchtbar sein. Daraus folgt, dass ältere Männer sich zu Philologen eignen, wenn sie in der erlebnissreichsten Zeit ihres Lebens nicht Philologen waren.

Oberhaupt aber: nur durch Erkentniss des Gegenwärtigen kann man den Trieb zum klassischen Alterthum bekommen. Ohne diese Erkentniss—wo sollte da der Trieb herkommen? Wenn man zusieht, wie wenige Philologen es ausser denen, die davon leben, giebt, kann man schliessen, wie es im Grunde mit diesem Triebe zum Alterthum steht, er existirt fast nicht; denn es giebt keine uneigennützigen Philologen.

So ist die Aufgabe zu stellen: der Philologie ihre allgemein erziehende Wirkung zu erobern. Mittel: Beschränkung des Philologenstandes, zweifelhaft ob die Jugend damit bekannt zu machen. Kritik des Philologen. Die Würde des Alterthums: sie sinkt mit euch: wie tief müsst ihr gesunken sein, da es diese Würde jetzt so wenig hat!

3 [63]

Die meisten Menschen halten sich offenbar für gar keine Individuen; das zeigt ihr Leben. Die christliche Forderung, dass jeder seine Seligkeit und diese allein im Auge habe, hat als Gegensatz das allgemeine menschliche Leben, wo jeder nur als ein Punct zwischen Puncten lebt, nicht nur ganz und gar Resultat früherer Geschlechter, sondern auch nur im Hinblick auf kommende lebend. Nur bei drei Existenzformen bleibt der Mensch Individuum: als Philosoph, Heiliger und Künstler. Man sehe nur, womit ein wissenschaftlicher Mensch sein Leben todt schlägt: was hat die griechische Partikellehre mit dem Sinne des Lebens zu thun?— So sehen wir auch hier, wie zahllose Menschen eigentlich nur als Vorbereitung eines wirklichen Menschen leben: z. B. die Philologen als Vorbereitung des Philosophen, der ihre Ameisenarbeit zu nutzen versteht, um über den Werth des Lebens eine Aussage zu machen. Freilich ist, wenn es keine Leitung giebt, der grösste Theil jener Ameisenarbeit einfach Unsinn und überflüssig.

3 [64]

Die meisten Menschen sind offenbar zufällig auf der Welt: es zeigt sich keine Nothwendigkeit höherer Art in ihnen. Sie treiben dies und das, ihre Begabung ist mittelmässig. Wie sonderbar! Die Art wie sie nun leben zeigt, dass sie selbst nichts von sich halten, sie geben sich preis, indem sie sich an Lumpereien wegwerfen (seien das nun kleinliche Passionen oder Quisquilien des Berufs). In den sogenannten “Lebensberufen,” welche jedermann wählen soll, liegt eine rührende Bescheidenheit der Menschen: sie sagen damit, wir sind berufen unseresgleichen zu nützen und zu dienen, und der Nachbar ebenfalls und dessen Nachbar auch; und so dient jeder dem andern, keiner hat seinen Beruf, seiner selbst wegen da zu sein, sondern immer wieder anderer wegen; so haben wir eine Schildkröte, die auf einer anderen ruht und diese wieder auf einer und so fort. Wenn jeder seinen Zweck in einem anderen hat, so haben alle keinen Zweck in sich, zu existiren; und dies “für einander existiren” ist die komischste Komödie.

3 [65]

Die glücklichste und behaglichste Gestaltung der politischsocialen Lage ist am wenigsten bei den Griechen zu finden; jenes Ziel schwebt unseren Zukunftsträumern vor. Schrecklich! Denn man muss es nach dem Maassstab beurtheilen: je mehr Geist, desto mehr Leid (wie die Griechen beweisen). Also auch: je mehr Dummheit, desto mehr Behagen. Der Bildungsphilister ist das behaglichste Geschöpf, welches je die Sonne gesehen hat; er wird eine gehörige Dummheit haben.

3 [66]

Es ist eine falsche Auffassung zu sagen: “immer gab es eine Kaste welche die Bildung eines Volkes verwaltete”: folglich sind die Gelehrten nöthig. Denn die Gelehrten haben eben nur das Wissen um die Bildung (selbst dies nur besten Falls). Es wird wohl auch unter uns gebildetere Menschen geben, schwerlich eine Kaste; aber diese können sehr wenige sein.

3 [67]

Die Beschäftigung mit vergangenen Cultur-Epochen Dankbarkeit? Um sich die gegenwärtigen Culturzustände zu erklären, sehe man rückwärts: zu panegyrisch gegen unsere Zustände wird man gewiss nicht, vielleicht muss man es aber thun, um nicht zu hart gegen uns selbst zu sein.

3 [68]

Mein Ziel ist: volle Feindschaft zwischen unserer jetzigen “Cultur” und dem Alterthum zu erzeugen. Wer der ersten dienen will, muss das letztere hassen.

3 [69]

Ein sehr genaues Zurückdenken führt zu der Einsicht, dass wir eine Multiplication vieler Vergangenheiten sind: wie könnten wir nun auch letzter Zweck sein?— Aber warum nicht? Meistens aber wollen wir’s gar nicht sein, stellen uns gleich wieder in die Reihe, arbeiten an einem Eckchen und hoffen, es werde für die Kommenden nicht ganz verloren sein. Aber das ist wirklich das Fass der Danaiden: es hilft nichts, wir müssen alles wieder für uns und nur für uns thun und z. B. die Wissenschaft an uns messen, mit der Frage: was ist uns die Wissenschaft? Nicht aber: was sind wir der Wissenschaft? Man macht sich wirklich das Leben zu leicht, wenn man sich so einfach historisch nimmt und in den Dienst stellt. “Das Heil deiner selbst geht über alles” soll man sich sagen: und es giebt keine Institution, welche du höher zu achten hättest als deine eigne Seele.— Nun aber lernt sich der Mensch kennen: findet sich erbärmlich, verachtet sich, freut sich, ausser sich etwas Achtenswürdiges zu finden. Und so wirft er sich fort, indem er sich irgendwo einordnet, streng seine Pflicht thut und seine Existenz abbüsst. Er weiss, dass er nicht seiner selbst wegen arbeitet; er wird denen helfen wollen, welche es wagen, ihrer selbst wegen da zu sein; wie Socrates. Wie ein Haufen Gummiblasen hängen die meisten Menschen in der Luft, jeder Windhauch rührt sie.— Consequenz: der Gelehrte muss es aus Selbsterkentniss, also aus Selbstverachtung sein: d. h. er muss sich als Diener eines Höheren wissen, der nach ihm kommt. Sonst ist er ein Schaf.

3 [70]

Man glaubt es sei zu Ende mit der Philologie—und ich glaube, sie hat noch nicht angefangen.

Die grössten Ereignisse, welche die Philologie getroffen haben, sind das Erscheinen Goethes Schopenhauers und Wagners: man kann damit einen Blick thun, der weiter reicht. Das 5te und 6te Jahrhundert sind jetzt zu entdecken.

3 [71]

Ich empfehle an Stelle des Lateinischen den griechischen Stil auszubilden, besonders an Demosthenes: Einfachheit. Auf Leopardi zu verweisen, der vielleicht der grösste Stilist des Jahrhunderts ist.

3 [72]

“Graiis—praeter laudem nullius avaris” sagt Horaz. Er nennt ihre Hauptthätigkeit nugari (ep. II 93), charakteristisch für den Römer.

3 [73]

Wolf “auf alle Weise ist, es ein Vorurtheil zu meinen, dass die Geschichte der Welthändel in dem Grade glaubwürdiger werde, als sie sich unseren Tagen mehr nähern.”

3 [74]

Hauptgesichtspuncte in Bezug auf spätere Geltung des Alterthums.

1) Es ist nichts für junge Leute, denn es zeigt den Menschen mit einer Freiheit von Scham.
2) Es ist nichts zur direkten Nachahmung, belehrt aber, auf welchem Wege bisher die höchste Ausbildung der Kunst erreicht wurde.
3) Es ist nur für Wenige zugänglich, und es sollte eine Polizei der Sitte da sein, wie sie gegen schlechte Pianisten da sein sollte, die Beethoven spielen.
4) Diese Wenigen messen daran unsere Gegenwart, als Kritiker derselben und sie messen das Alterthum an ihren Idealen und sind so Kritiker des Alterthums.
5) Der Contrast zwischen Hellenisch und Römisch, und wieder zwischen Althellenisch und Späthellenisch zu studiren.— Aufklärung über die verschiedenen Arten von Cultur.

3 [75]

Ich will einmal sagen, was ich alles nicht mehr glaube—auch was ich glaube.

In dem grossen Strudel von Kräften steht der Mensch und bildet sich ein, jener Strudel sei vernünftig und habe einen vernünftigen Zweck: Irrthum!

Das einzige Vernünftige, was wir kennen, ist das Bischen Vernunft des Menschen: er muss es sehr anstrengen, und es läuft immer zu seinem Verderben aus, wenn er sich etwa “der Vorsehung” überlassen wollte.

Das einzige Glück liegt in der Vernunft, die ganze übrige Welt ist triste. Die höchste Vernunft sehe ich aber in dem Werk des Künstlers, und er kann sie als solche empfinden; es mag etwas geben, das, wenn es mit Bewusstsein hervorgebracht werden könnte, ein noch grösseres Gefühl von Vernunft und Glück ergäbe: z. B. der Lauf des Sonnensystems, die Erzeugung und Bildung eines Menschen.

Glück liegt in der Geschwindigkeit des Fühlens und Denkens: alle übrige Welt ist langsam, allmählich und dumm. Wer den Lauf des Lichtstrahls fühlen könnte, würde sehr beglückt sein, denn er ist sehr geschwind.

An sich denken giebt wenig Glück: wenn man aber viel Glück dabei hat, liegt es daran, dass man im Grunde nicht an sich, sondern an sein Ideal denkt. Dies ist ferne, und nur der Geschwinde erreicht es und freut sich.

Eine Verbindung eines grossen Centrums von Menschen zur Erzeugung von besseren Menschen ist die Aufgabe der Zukunft. Der Einzelne muss an solche Ansprüche gewöhnt werden, dass, indem er sich selbst bejaht, er den Willen jenes Centrums bejaht z. B. in Bezug auf die Wahl, die er unter den Weibern trifft, über die Art, wie er sein Kind erzieht. Bis jetzt war kein Individuum oder nur die seltensten frei, sie wurden durch solche Vorstellungen auch bestimmt, aber durch schlechte und widerspruchsvolle. Organisation der individuellen Absichten.

3 [76]

Wenn man von der Gesinnung und Gesittung des katholischen Mittelalters aus nach den Griechen hinschaut, da strahlen sie freilich im Glanze der höheren Humanität: denn alles, was man ihnen vorwerfen wird, muss man in viel höherem Maasse dem Mittelalter selber vorwerfen. So ist die Verehrung der Alten in der Renaissance-Zeit ganz ehrlich und recht. Nun haben wir in Einigem es noch weiter gebracht, gerade auf Grund jenes erwachenden Lichtstrahls. Wir haben in der Aufhellung der Welt die Griechen überholt, durch Natur- und Menschengeschichte, und unsere Kenntnisse sind viel grösser, unsere Urtheile mässiger und gerechter. Auch eine mildere Menschlichkeit ist verbreitet, dank der Aufklärungszeit, welche den Menschen geschwächt hat—aber diese Schwäche nimmt sich, in’s Moralische umgewandelt, sehr gut aus und ehrt uns. Der Mensch hat jetzt sehr viel Freiheit, es ist seine Sache, dass er sie so wenig gebraucht; der Fanatismus des Meinens ist sehr gemildert. Dass wir zuletzt doch lieber in dieser als in einer andren Zeit leben wollen, ist wesentlich das Verdienst der Wissenschaft, und gewiss gab es für kein Geschlecht eine solche Summe von edlen Freuden, wie für unseres—wenn auch unser Geschlecht gerade nicht den Magen und Gaumen hat, viel Freude empfinden zu können.— Nun lebt es sich bei aller dieser “Freiheit” nur gut, wenn man eben nur begreifen, nicht mitmachen will—das ist der moderne Haken. Die Mitmachenden erscheinen weniger reizvoll als je; wie dumm müssen sie sein!

So entsteht die Gefahr, dass das Wissen sich an uns räche, wie sich das Nichtwissen während des Mittelalters an uns gerächt hat. Mit den Religionen, welche an Götter, an Vorsehungen, an vernünftige Weltordnungen, an Wunder und Sakramente glauben, ist es vorbei, auch bestimmte Arten von heiligem Leben, von Askese sind vorbei, weil wir leicht auf ein verletztes Gehirn und auf Krankheit schliessen. Es ist kein Zweifel, der Gegensatz von einer reinen unkörperlichen Seele und einem Leibe ist fast beseitigt. Wer glaubt noch an eine Unsterblichkeit der Seele! Alles Segensvolle und Verhängnissvolle, was somit auf gewissen irrthümlichen physiologischen Annahmen beruhte, ist hinfällig geworden, sobald diese Annahmen als Irrthümer erkannt sind. Das was nun jetzt die wissenschaftlichen Annahmen sind, lässt ebensowohl eine Deutung und Benutzung in’s Verdummend-Philisterhafte, ja in’s Bestialische zu, als eine Deutung in’s Segensreiche und Beseelende. Unser Fundament ist neu gegen alle früheren Zeiten, deshalb kann man vom Menschengeschlecht noch etwas erleben.— In Betreff der Cultur heisst dies: wir kannten bisher nur eine vollkommene Form, das ist die Stadtkultur der Griechen, auf ihren mythischen und socialen Fundamenten ruhend, und eine unvollkommene, die römische, als Dekoration des Lebens, entlehnend von der griechischen. Jetzt haben sich nun alle Fundamente, die mythischen und die politisch-socialen verändert; unsere angebliche Cultur hat keinen Bestand, weil sie sich auf unhaltbare, fast schon verschwundene Zustände und Meinungen aufbaut.— Die griechische Cultur vollständig begreifend sehen wir also ein, dass es vorbei ist. So ist der Philologe der grosse Skeptiker in unseren Zuständen der Bildung und Erziehung: das ist seine Mission.— Glücklich, wenn er, wie Wagner und Schopenhauer, die verheissungsvollen Kräfte ahnt, in denen eine neue Cultur sich regt.

8, 3[1-76] März 1875

3 [1]

Go forth and hide your good deeds, and confess before the people the sins you have committed.
Buddha.

3 [2]

The eighth of April 1777, when F. A. Wolf invented the name stud. philol. for himself, is the birthday of philology.

1.

3 [3]

There would be nothing to say against the science of philology: but the philologists are also the educators. That is the problem, whereby this science too comes under a higher judgment.— And would philology still exist if the philologists were not a teaching profession?

3 [4]

It is difficult to justify the preference in which antiquity stands: for it has arisen from prejudices:

1) from ignorance of other antiquity,
2) from a false idealization of humanity in general; while Indians and Chinese are certainly more humane,
3) from the schoolmaster's conceit,
4) from the traditional admiration that originated from Romanism,
5) from opposition to the Christian Church, or for support,
6) Impression that the centuries-long work of philologists has made, and the nature of their work: it must surely be about gold mines, thinks the spectator.
7) Skills and knowledge learned from there. Preparatory school of science.

In sum: partly from ignorance, false judgments, and deceptive conclusions, also through the interest of a class, the philologists.

Preference for antiquity then by the artists, who unconsciously make the recognized measure and sophrosyne into a characteristic of all antiquity. The pure form. Likewise by the writers.

Preference for antiquity as an abbreviation of the history of humanity, as if here were an autochthonous structure at which everything in the process of becoming is to be studied.

In fact, now gradually ground after ground for this preference is being eliminated, and if the philologists do not notice it, then it is noticed outside their circles as strongly as possible. History has had its effect; furthermore, linguistics has caused the greatest diversion, indeed desertion, among the philologists themselves. They still have the school: but for how long! In its previous form, philology is dying out: its foundation has been taken from it. Whether a class of philologists will be preserved at all is very doubtful: in any case, it would be a dying race.

3 [5]

Even our terminology shows how much we are inclined to measure the ancients incorrectly; the exaggerated sense of literature, for example, or how Wolf speaks of the “internal history of ancient erudition,” he also calls it “the history of scholarly enlightenment.”

3 [6]

What irony lies in the “Humanitäts” studies being also called belles lettres (bellas litteras)!

3 [7]

Wolf's reasons why one should not place Egyptians, Hebrews, Persians, and other nations of the Orient on the same line as Greeks and Romans: those did not rise "at all or only a few steps above the kind of education which one should call civil policing or civilization, in contrast to higher genuine spiritual culture." He explains them shortly thereafter as the spiritual or the literary "in a happily organized people, this can already begin before order and peace of external life" ("Civilization").

He then contrasts the farthest East of Asia (“similar to those individuals who do not lack cleanliness, propriety, and comfort in their dwellings, clothing, and all surroundings, but never feel the need for higher enlightenment”) with the Greeks (“among the Greeks, even the most educated Attics, the opposite often occurred to the point of astonishment, and one neglected as insignificant what we, by virtue of our love of order, generally consider the foundation of spiritual refinement itself”).

3 [8]

“Toward the end of his life, Markland, like so many of his kind before him, was overcome by an aversion to all scholarly fame, to such an extent that he either scattered or burned several long-cultivated works.”

3 [9]

“In Winckelmann’s youth, there was actually no study of antiquity except in the common service of disciplines that earned bread—at that time, the ancients were read and explained in order to better prepare for the interpretation of the Bible and the corpus juris.”

3 [10]

F. A. Wolf once recalls how fearful and feeble the first steps were that our ancestors took in shaping science, how even Latin classics had to be smuggled onto the university market under pretexts like suspicious goods; in the Göttingen lecture catalog of 1737, J. M. Gesner announces Horatii Odas “ut in primis, quid prodesse in severioribus studiis possint, ostendat.”

3 [11]

Newton wondered why men like Bentley and Hare were quarrelling over a comedy book (since both were theological dignitaries).

3 [12]

It is so difficult to empathize with something from antiquity; one must be able to wait until we receive something to hear. The Human that antiquity shows us is not to be confused with the Humane. This contrast must be strongly emphasized; philology suffers from the fact that it wants to impose the humane; that is the only reason young people are introduced to it, so that they may become humane.I believe that to achieve this, a great deal of history is sufficient: the brutal self-confidence is broken by seeing things and assessments change so much.— The human aspect of the Hellenes lies in a certain naivety, in which man reveals himself among them, state, art, society, laws of war and nations, sexual relations, education, party; it is precisely the human element that appears everywhere among all peoples, but among them in an unmaskedness and inhumanity that it is indispensable for instruction. In addition, they have created the greatest number of individuals—this is how they are so instructive about the human being; a Greek cook is more of a cook than any other.

3 [13]

Christianity has overcome antiquity—yes, that is easily said. First, it is itself a piece of antiquity; second, it has preserved antiquity; third, it was never in conflict with the pure periods of antiquity. Rather: in order for Christianity to endure, it had to allow itself to be overcome by the spirit of antiquity, e.g., by the imperium concept, the community, etc. We suffer from the immense impurity and obscurity of the Human, from the cunning Dishonesty that Christianity has brought upon humanity.

3 [14]

The Greek antiquity has not yet been appraised as a whole; I am convinced that if it did not have this traditional glorification surrounding it, present-day people would reject it with disgust: the glorification is therefore inauthentic, made of gold paper.

3 [15]

A great advantage for a philologist is that his science has done so much preparatory work to be able to take possession of the inheritance, if he is capable—namely, to undertake the assessment of the entire Hellenic way of thinking. As long as one worked on individual details, there was a misunderstanding of the Greeks; the stages of this misunderstanding are to be designated. (Sophists of the second century, the philologist-poets of the Renaissance, the philologist as a teacher of the higher classes) (Goethe-Schiller)

3 [16]

Imitation of antiquity: is it not finally a refuted principle?

Escape from reality to the ancients: does this not falsify the understanding of antiquity?

3 [17]

One type of consideration remains: to comprehend how the greatest products of the spirit have a terrible and evil background; the skeptical consideration: Greek antiquity is examined as the most beautiful example of life.

Judging correctly is difficult.

3 [18]

That one can only gain education through antiquity is not true. But one can gain it from there. However, not the education that is now called by that name. Our education can only be built on a completely castrated and dishonest study of antiquity.

To see how ineffective this study is, one need only look at the philologists: they should be best educated by antiquity.

2.

3 [19]

How little reason, how much chance rules among men, is shown by the almost regular disproportion between the so-called life's calling and the disposition for it: the happy cases are exceptions, like happy marriages, and these too are not brought about by reason. Man chooses his profession when he is not yet capable of choosing; he does not know the different professions, he does not know himself; he spends his most active years in this profession, devotes all his reflection to it, becomes more experienced; when he reaches the height of his insight, it is usually too late to start something new, and wisdom on earth has almost always had something feeble and lacking in muscle power about it.

The task is usually to make good again, to roughly set right what was missed in the beginning; many will recognize that the later part of life shows a deliberateness that arose from original disharmony; life is hard. At the end of life, however, one is accustomed to it—then one can be mistaken about one's life and praise one's foolishness: bene navigavi cum naufragium feci, and even strike up a hymn of praise to "Providence".

3 [20]

I now ask about the origin of the philologist and claim:
1) the young person cannot yet know who the Greeks and Romans are,
2) he does not know whether he is suited to their study,
3) and certainly not to what extent he is suited to be a teacher with this knowledge. What determines him, therefore, is not insight into himself and his science, but
a) imitation,
b) convenience, by continuing what he did at school,
c) gradually also the intention to earn a living.
I think 99 out of 100 philologists should not be.

3 [21]

Stricter religions demand that man understand his activity only as a means of a metaphysical plan: a failed choice of profession can then be justified as a test of the individual. Religions have only the salvation of the individual in mind: whether he is a slave or a free man, a merchant or a scholar, his life's goal does not lie in his profession, and therefore a wrong choice is not a great misfortune. This may serve to console the philologists; but naked insight for the true philologists: what becomes of a science that is practiced by such 99? This majority, actually unsuited, adapts the science to itself and makes demands on itself according to the abilities and inclinations of the majority: it tyrannizes the truly capable, that hundredth one.

If she has education in her hands, she educates consciously or unconsciously according to her own example: what becomes of the classicism of the Greeks and Romans!

To prove

A) the disproportion between philologists and the ancients.
B) the inability of philologists to educate with the help of the ancients.
C) the falsification of science by the inability of the majorities, the false demands, denial of the true goals of this science.

3 [22]

Who is probably the most suitable for this estimation?— Certainly not when he is trained to be a philologist as he is now. To say to what extent the means here make the ultimate goal impossible.— So the philologist himself is not the aim of philology. —

3 [23]

Leopardi is the modern ideal of a philologist; the German philologists can do nothing make. (Voss is to be studied for this!)

3 [24]

The vanity is the involuntary inclination to present oneself as an individual when one is not; that is, as independent when one is dependent. Wisdom is the opposite: it presents itself as dependent when it is independent.

3 [25]

A great value of antiquity lies in the fact that its writings are the only ones that modern people still read exactly.

3 [26]

Overstrain of memory—very common among philologists, lesser development of judgment.

3 [27]

In the education of the current philologist, the influence of linguistics must be mentioned and evaluated; for a philologist, it is rather to be rejected: the questions about the primordial origins of the Greeks and Romans should not concern him: how can one also spoil one's topic in such a way.

3 [28]

To the philologist, I note:

1) Lack of respect for antiquity,
2) Softness and flattery, perhaps even apology,
3) Simple historicizing,
4) Conceit about oneself,
5) Undervaluation of gifted philologists.

3 [29]

Bergk’s literary history, not a spark of Greek fire and Greek spirit.

3 [30]

I am pleased to read from Bentley: “non tam grande pretium emendatiunculis meis statuere soleo, ut singularem aliquam gratiam inde sperem aut exigam.”

3 [31]

Horace has been brought before a tribunal by Bentley, which he ought to reject. The admiration that a sharp-witted man reaps as a philologist is in proportion to the rarity of sharp-wittedness among philologists.— The procedure with Horace has something schoolmasterly about it, except that it is not Horace himself who is to be censured, but his transmitters; in truth and on the whole, however, it does affect Horace. It is firmly established in my mind that having written a single line which deserves to be commented on by scholars of later times outweighs the merit of the greatest critic. There lies a deep modesty in the philologist. Improving texts is an entertaining task for scholars, it is a riddle-guessing; but one should not consider it too important a matter. It would be bad if antiquity spoke less clearly to us because a million words stood in the way!

3 [32]

A schoolteacher said to Bentley: “Master, I will make your grandson as great a scholar as you are.” “How so?” said Bentley. “What if I have forgotten more than you ever knew?”

3 [33]

Bentley, says Wolf, has been misjudged and persecuted as a literary figure and as a person for the greatest part of his life, or at least praised with malice.

3 [34]

Wolf calls it the flower of all historical research to rise to the great and general views of the whole and to the profoundly conceived distinction of the progressions in art and the different styles. But Wolf admits that Winckelmann lacked that more common talent, philological criticism, or it did not come to full activity: “a rare mixture of mental coldness and petty restless concern for a hundred insignificant things in themselves, with an all-animating fire that devours the individual and a gift of divination that is an offense to the uninitiated.”

3 [35]

“This is where criticism often proves its greatest strength, when it demonstrates on what grounds, to what degree of conviction on both sides one may arrive, and why an expression, a passage is incurable. It seems to us that the physicians, with whom critics sometimes compare themselves, know quite similar triumphs in their art.”

3 [36]

In the often so deeply intrusive uncertainty of divination, a pathological addiction occasionally asserts itself, wanting to believe and be certain at any cost: e.g., in relation to Aristotle, or in discovering numerical necessities—with Lachmann almost a sickness.

3.

3 [37]

Now it will no longer surprise that the formation of time, with such teachers, is worthless. I never refrain from giving an account of this lack of education. And precisely in relation to the things where one would have to learn from antiquity, if one could at all (e.g., writing, speaking, etc.).

3 [38]

Besides the large number of unqualified philologists, there are conversely a number of born philologists who are prevented by some circumstances from becoming what they are. The most important obstacle, however, that keeps these born philologists back is the poor representation of philology by the uncalled philologists.

3 [39]

The untrue enthusiasm for antiquity in which many philologists live. Actually, antiquity overwhelms us when we are young with a multitude of trivialities, especially we believe we are beyond ethics. And Homer and Walter Scott—who would attain the prize? If one is honest! If the enthusiasm were great, one would hardly seek one's life's calling in it. I mean: only late does it begin to dawn what we can have in the Greeks: only after we have experienced much, thought much through.

3 [40]

Where does the effect of antiquity show itself? Not even in language, not in the imitation of anything, not even in a perversion, as the French have shown. Our museums are filling up; I always feel disgust when I see pure naked figures in the Greek style: at the thoughtless philistinism that wants to devour everything.

3 [41]

Our time is truly compared to the Periclean era in school curricula, people congratulate themselves on the reawakening of national sentiment, and I recall a parody of Pericles' funeral oration by G. Freitag, where this poet, born with stiff trousers, depicts the happiness that men in their 60s now feel.—All pure caricature! Such is the effect! Deep sorrow, scorn, and withdrawal remain for those who have seen more of it.

3 [42]

You have unlearned how to talk to other people, and because you cannot talk to older people, you cannot talk to younger ones either.

3 [43]

They lack the true pleasure in the strong and powerful features of antiquity. They become panegyrists and thereby become ridiculous.

3 [44]

Wolf says “everywhere it is usually little that is gained from well-digested scholarship for spiritual nourishment.”

3 [45]

“Only the skill to write in the manner of the ancients, only one’s own productive talent, enables us to fully understand foreign productions of the same kind and to perceive in them more than just certain subordinate virtues.”

3 [46]

Wolf points out that antiquity only knew theories of rhetoric and poetry that facilitated production, and artes that formed actual orators and poets; “today we will soon have theories according to which one can no more compose a speech or a poem than one can create a thunderstorm based on a brontology.”

3 [47]

“In the end, only the few will likely attain true perfect connoisseurship—those born with artistic talent and equipped with scholarship, who make the best use of opportunities to acquire the necessary technical knowledge, both practically and theoretically.” Wolf. True!

3 [48]

The ancients are, according to Goethe, “the despair of those who emulate them.”

Voltaire said: “if the admirers of Homer were honest, they would admit the boredom their favorite so often causes them.”

4.

3 [49]

When I say that the Greeks were in summa more moral than modern people: what does that mean? The complete visibility of the soul in action already shows that they were without shame; they had no bad conscience. They were more open, more passionate, like artists are, a kind of childlike naivety accompanied them, so despite all the bad, they have a trait of purity about them, something close to the holy. Remarkably much individuality, shouldn't a higher morality lie in that? If one imagines their character slowly emerging, what is it that ultimately produces so much individuality? Perhaps vanity among each other, rivalry? Possible. Little desire for the conventional.

3 [50]

Imagine how differently a science propagates itself, how differently a special talent in a family. A physical propagation of individual sciences is something very rare. Do the sons of philologists easily become philologists? Dubito. Thus, no accumulation of philological abilities arises, as in Beethoven's family of musical abilities. Most start from the beginning, and indeed mediated through books, not through travel, etc. But certainly through education.

3 [51]

The Hades shadows of Homer—what kind of existence are they actually depicting? I believe it is the description of the philologist; it is better to be a day laborer than such a lifeless memory of the past—great and small. (Sacrifice many sheep.)

3 [52]

The position of the philologist towards antiquity is apologetic or also driven by the intention to demonstrate in antiquity what our time holds in high esteem. The correct starting point is the reverse: namely, to proceed from the insight into modern perversion and to look back—much that is very offensive in antiquity then appears as profound necessity.

One must make it clear to oneself that we appear quite absurd when we defend and embellish antiquity: what are we!

3 [53]

Every religion has an analogue for its highest images in a state of the soul. The God of Mohammed—the solitude of the desert, the distant roar of the lion, the vision of a terrible warrior. The God of the Christians—everything that men and women think of when they hear the word “love.” The God of the Greeks: a beautiful dream figure.

3 [54]

Whoever has no sense for the Symbolic has none for antiquity: apply this maxim to the sober philologists.

3 [55]

It is the matter of the free man to live for his own sake and not with regard to others. That is why the Greeks considered craftsmanship to be indecent.

3 [56]

Diligence cannot achieve much if the mind is dull. Philologists who attack Homer believe it can be forced. Antiquity speaks to us when it feels like it, not when we want it to.

3 [57]

The excellent daughter Joanna regretted to Bentley that he had spent so much time and talent on criticizing the works of others instead of on independent compositions. “Bentley was silent for a while, as if lost in thought; finally, he said her remark was quite correct; he himself felt that he might have applied his natural gifts differently: however, he had earlier done something for the honor of God and the good of his fellow men (he means his Confutation of Atheism); but afterward, the genius of the ancient pagans had drawn him in, and in despair, of rising to their heights by another path, he had climbed onto their shoulders to look over their heads.”

3 [58]

“The moderns owe the Greeks above all that, among them, who always sought the beautiful after the useful, not all knowledge was again cast-like, that the better culture was not entirely relegated to the service of civilization, that even various studies, which must remain unrewarded as a kind of luxury, are at least not forbidden to anyone who renounces the state’s help.”

3 [59]

Strange is Wolf’s judgment about the lovers of philological knowledge: “if they found themselves equipped by nature with talents related to the spirit of the ancients or receptive to an easy transposition into foreign ways of thinking and situations in life, then they indeed gained more of the wealth of those powerful natures and great models in thought and action through such half-acquaintances with the best writers than most of those who offered themselves as interpreters to them for a lifetime.”

5.

3 [60]

Just as man stands toward his life's calling, skeptical-melancholic, so should we stand toward the highest calling of a people: to comprehend what life is.

3 [61]

My consolation applies especially to the tyrannized individuals: they may simply treat all those majorities as their auxiliary workers, and likewise they may take advantage of the prejudice that is still widespread in favor of classical education; they need many workers. But they absolutely need insight into their goals.

3 [62]

Philology as a science of antiquity naturally does not have eternal duration; its material is exhaustible. What is inexhaustible is the ever-new accommodation of each era to antiquity, which measures itself against it. If one sets the philologist the task of understanding his time better by means of antiquity, then his task is an eternal one.— This is the antinomy of philology: one has in fact always understood antiquity only from the present—and now one is supposed to understand the present from antiquity? More accurately: from what has been experienced, one has explained antiquity to oneself, and from the antiquity thus obtained, one has assessed the experienced. Thus, indeed, experience is the unconditional prerequisite for a philologist—that is to say: first be a human being, then one will first be fruitful as a philologist.

This implies that older men are suited to becoming philologists if they were not philologists during the most eventful period of their lives.

Above all: only through knowledge of the present can one acquire the drive for classical antiquity. Without this knowledge—where would this drive come from? If one observes how few philologists there are besides those who make a living from it, one can conclude what this drive for antiquity is really like—it barely exists; for there are no selfless philologists.

Thus the task is to be set: to conquer for philology its generally educating effect. Means: restriction of the philological profession, doubtful whether to acquaint the youth with this. Critique of the philologist. The dignity of antiquity: it sinks with you: how low must you have sunk, that this dignity now has so little!

3 [63]

Most people apparently do not consider themselves to be individuals at all; their lives show this. The Christian demand that each person should have their salvation and this alone in mind has as its opposite the general human life, where each person lives only as a point among points, not only entirely the result of earlier generations, but also living only with regard to those to come. Only in three forms of existence does a person remain an individual: as a philosopher, saint, and artist.

Just look at what a scientific person kills his life with: what does the Greek particle theory have to do with the meaning of life?— So we see here too how countless people actually live only as preparation for a real human being: for example, philologists as preparation for the philosopher, who knows how to use their ant-like work to make a statement about the value of life. Of course, if there is no guidance, the greatest part of that ant-like work is simply nonsense and superfluous.

3 [64]

Most people are apparently accidentally in the world: there is no necessity of a higher kind in them. They do this and that, their talent is mediocre. How strange! The way they live now shows that they do not think much of themselves, they give themselves away by throwing themselves into trivialities (whether these are petty passions or quibbles of the profession).In the so-called “vocations of life,” which everyone is supposed to choose, lies a touching modesty of mankind: with this, they say, we are called to benefit and serve our fellow men, and the neighbor likewise, and his neighbor too; and so each serves the other, none has his vocation to exist for his own sake, but always again for the sake of others; thus we have a turtle resting on another, and that one again on another, and so on. If each has his purpose in another, then none have a purpose in themselves, to exist; and this “existing for one another” is the most comical comedy.

3 [65]

The happiest and most comfortable arrangement of the political-social situation is least to be found among the Greeks; that goal hovers before our dreamers of the future. Terrible! For one must judge it by the measure: the more spirit, the more suffering (as the Greeks prove). Therefore also: the more stupidity, the more comfort. The educated philistine is the most comfortable creature that the sun has ever seen; he will have a proper stupidity.

3 [66]

It is a false conception to say: “there has always been a caste which managed the education of a people”: consequently the scholars are necessary. For the scholars have only the knowledge of education (even this only in the best case). There will probably also be more educated people among us, hardly a caste; but these can be very few.

3 [67]

Engaging with past cultural epochs—gratitude? To explain the present cultural conditions, one should look backward: one will certainly not become too panegyric about our conditions, but perhaps one must do so to avoid being too harsh toward ourselves.

3 [68]

My goal is: to create full enmity between our current “culture” and antiquity. Whoever wants to serve the former must hate the latter.

3 [69]

A very precise reflection leads to the insight that we are a multiplication of many pasts: how could we now also be the ultimate purpose?— But why not? Mostly, however, we don’t even want to be, placing ourselves back in line, working on a little corner and hoping it won’t be entirely lost for those to come. But this is truly the barrel of the Danaids: it does no good, we must do everything again for ourselves and only for ourselves, and, for example, measure science by us, with the question: what is science to us? Not: what are we to science? One really makes life too easy for oneself when one simply takes oneself historically and places oneself in service.

“Your own salvation comes above all else” one should say to oneself: and there is no institution that you should hold in higher esteem than your own soul.— Now, however, man comes to know himself: finds himself wretched, despises himself, rejoices to find something worthy of respect outside himself. And so he casts himself away by fitting in somewhere, strictly doing his duty and atoning for his existence. He knows that he does not work for his own sake; he will want to help those who dare to exist for their own sake; like Socrates. Like a heap of rubber bubbles, most people hang in the air, every breath of wind moves them.— Consequence: the scholar must be so out of self-knowledge, that is, out of self-contempt: i. e. he must know himself as the servant of a higher being, who comes after him. Otherwise he is a sheep.

3 [70]

One believes it is over with philology—and I believe it has not yet begun.

The greatest events that have struck philology are the appearance of Goethe, Schopenhauer, and Wagner: one can cast a glance that reaches further. The 5th and 6th centuries are now to be discovered.

3 [71]

I recommend cultivating the Greek style instead of the Latin one, especially that of Demosthenes: simplicity. To refer to Leopardi, who is perhaps the greatest stylist of the century.

3 [72]

“Graiis—praeter laudem nullius avaris” says Horace. He calls their main activity nugari (ep. II 93), characteristic of the Roman.

3 [73]

Wolf “in every way it is a prejudice to believe that the history of world events becomes more credible to the extent that it approaches our own times.”

3 [74]

Main points regarding the later validity of antiquity.

1) It is not for young people, as it shows humans with a freedom from shame.
2) It is not for direct imitation, but teaches on which path the highest development of art has been achieved so far.
3) It is accessible only to a few, and there should be a police of morals, as there should be against bad pianists who play Beethoven.
4) These few measure our present by it, as critics of the same, and they measure antiquity by their ideals and are thus critics of antiquity.
5) To study the contrast between Hellenic and Roman, and again between early Hellenic and late Hellenic.—Enlightenment about the different types of culture.

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I want to say once what I no longer believe—also what I believe.

In the great whirlpool of forces stands man and imagines that whirlpool is reasonable and has a reasonable purpose: Error!

The only reasonable thing we know is the bit of reason of man: he must strain it greatly, and it always ends in his ruin if he were to abandon himself to "providence".

The only happiness lies in reason, the whole rest of the world is dreary. The highest reason I see, however, in the work of the artist, and he can feel it as such; there may be something that, if it could be brought forth with consciousness, would give an even greater feeling of reason and happiness: e.g., the course of the solar system, the generation and formation of a human being.

Happiness lies in the speed of feeling and thinking: all the rest of the world is slow, gradual, and dull. Whoever could feel the course of a ray of light would be very blissful, for it is very swift.

Thinking of oneself gives little happiness: but if one has much happiness in doing so, it is because, at heart, one is not thinking of oneself but of one's ideal. This is distant, and only the swift reach it and rejoice.

A connection of a large center of people to produce better people is the task of the future. The individual must become accustomed to such demands that, by affirming himself, he affirms the will of that center, e.g., in regard to the choice he makes among women, about the way he raises his child. So far, no individual—or only the rarest—has been free; they have been determined by such ideas, but by bad and contradictory ones. Organization of individual intentions.

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When one looks from the mindset and culture of the Catholic Middle Ages toward the Greeks, they indeed shine in the glow of higher humanity: for everything that one might reproach them with must be reproached to the Middle Ages themselves in a much greater measure. Thus, the veneration of the ancients in the Renaissance period is entirely sincere and just. Now, we have advanced further in some respects, precisely on the basis of that awakening ray of light. We have surpassed the Greeks in the illumination of the world, through natural and human history, and our knowledge is much greater, our judgments more moderate and just. A milder humanity is also widespread, thanks to the Age of Enlightenment, which has weakened mankind—but this weakness, transformed into the moral sphere, presents itself very well and honors us.

The human being now has a great deal of freedom; it is their own fault that they use it so little. The fanaticism of opinion has been greatly mitigated. That we ultimately prefer to live in this time rather than another is essentially the merit of science, and certainly no generation has had such a sum of noble joys as ours—even if our generation does not exactly have the stomach and palate to feel much joy.—Now, with all this “freedom,” life is only good if one only wants to understand, not participate—that is the modern catch. Those who participate seem less appealing than ever; how stupid they must be!

Thus arises the danger that knowledge will avenge itself upon us, just as ignorance avenged itself upon us during the Middle Ages.The religions that believe in gods, in providence, in rational world orders, in miracles and sacraments are over, as are certain forms of holy life and asceticism, because we can easily infer a damaged brain or illness. There is no doubt that the contrast between a pure incorporeal soul and a body has almost been eliminated. Who still believes in the immortality of the soul! All that was blessed and fateful, which thus rested on certain erroneous physiological assumptions, has become obsolete as soon as these assumptions are recognized as errors. What are now the scientific assumptions allow equally for an interpretation and use in the dumbing-down philistine, even in the bestial, as well as an interpretation in the blessed and animating.Our foundation is new against all earlier times, therefore one can still experience something from the human race.— In regard to culture this means: we have known so far only one perfect form, that is the city culture of the Greeks, resting on their mythical and social foundations, and one imperfect, the Roman, as decoration of life, borrowing from the Greek.Now all the foundations, the mythical and the political-social ones, have changed; our supposed culture has no stability because it is built on unsustainable, almost already vanished conditions and opinions.— By fully understanding Greek culture, we thus see that it is over. Thus, the philologist is the great skeptic in our conditions of education and upbringing: that is his mission.— Happy if he, like Wagner and Schopenhauer, senses the promising forces in which a new culture is stirring.

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