8, 19[1-120] Oktober-December 1876
19 [1]
1. Philologie ist die Kunst, in einer Zeit, welche zu viel liest, lesen zu lernen und zu lehren. Allein der Philologe liest langsam und denkt über sechs Zeilen eine halbe Stunde nach. Nicht sein Resultat, sondern diese seine Gewöhnung ist sein Verdienst.
19 [2]
2. Die Geschichte der Philologie ist die Geschichte einer Gattung von fleißigen aber unbegabten Menschen. Daher die unsinnige Bekämpfung und spätere Überschätzung einiger scharfsinnigeren und reicheren Naturen, welche unter die Philologen gerathen sind.
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3. Daß die Philologen dazu befähigt sind (mehr als z.B. die Mediciner), die Jugend zu erziehen, ist ein Vorurtheil, welches noch dazu täglich durch die Erfahrung lügen gestraft wird. Man macht es also hier, wie bei den Straßenfegern, welche auch niemand darauf hin prüft, ob sie am besten verstehen, die Straße zu fegen; genug daß sie den Willen zu diesem unsauberen Geschäft haben. Ebenso weist jeder Stand das Geschäft der Jugenderziehung von sich ab und ist zufrieden, daß die Philologen es—nicht thun.
19 [4]
4. Das Alterthum ist in allen Hauptsachen von Künstlern Staatsmännern und Philosophen entdeckt worden, nicht von Philologen: und dies bis auf den heutigen Tag.
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5. Daß man eine Sophokleische Tragödie an 100 Stellen falsch verstehen und an vielen verdorben Stellen einfach vorübergehen, aber doch die Tragödie besser verstehen und erklären kann als der gründlichste Philologe, das wollen die Philologen nicht glauben.
Wer einen geistreichen Autor liest und am Schlusse glaubt, er habe alles verstanden, exc.—der ist glücklich.
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6. Ich glaube Shakespeare besser zu verstehen als neuenglische Sprachlehrer, obwohl ich viele Fehler mache. Im Allgemeinen wird sogar jedermann einen alten Autor besser verstehen als der philologische Sprachlehrer: woher kommt das?— Daher daß Philologen nichts außer altgewordenen Gymnasiasten sind.
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8. Feineren Geistern wird von solchen ein Zwang angethan, welche immer Geschichten erzählen, über die man lachen soll: wo es nicht genügt zu lächeln.
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12. Ein Meister wird seinen Umgang unter Meistern anderer Künste wählen und unter seinen Schülern sein, aber nicht bei den Fachgenossen und überhaupt nicht bei denen, welche nur Fachleute sind, und keine Meister.
19 [9]
14. Die welche sich mit uns freuen können, stehen höher und uns näher als die welche mit uns leiden. Mitfreude macht den “Freund” (den Mitfreuenden), Mitleid den Leidensgefährten.— Eine Ethik des Mitleidens braucht eine Ergänzung durch die noch höhere Ethik der Freundschaft.
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15. Die Menschen werden je nach ihrer Heimat Protestanten Katholiken Türken, wie einer, der in einem Weinlande geboren wird, ein Weintrinker wird.
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17. Wer sich im Ganzen viel versagt, wird sich im Kleinen leicht Indulgenz geben. So hat es vielleicht keinen Stand gegeben, welcher unter dem Erotischen so sehr allein Ausschweifungen verstand, wie den katholischen Priesterstand, welcher der Liebe entsagte. Dafür erlaubte er sich die gelegentliche Lust.
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18. Man kann höchst passend reden und doch so daß alle Welt über das Gegentheil schreit. So redete Sokrates sehr passend, aber vor einem weltgeschichtlichen Forum: seine Richter urtheilten umgekehrt.— Die Meister reden sich zu ihren Hörern herab.
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19. Wenn man keinen guten Vater hat, so soll man sich einen anschaffen. Daß ein Sohn sich einen Vater adoptirt, ist vernünftiger als das Gegentheil: weil er sehr viel genauer weiß, was er braucht.
19 [14]
20. Das Ansehen der Ärzte beruht auf der Unwissenheit der Gesunden und Kranken: und diese Unwissenheit wiederum beruht auf dem Ansehen der Ärzte.
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21. Der beste Arzt wird nur Einen Patienten haben können; jeder Mensch ist eine Krankheitsgeschichte.
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23. Einen Autor, der sich nicht nennt, zu errathen und zu verrathen heißt ihn so behandeln als ob man mit einem verkleideten Verbrecher oder mit einer schelmischen Schönen zu thun habe, was oft genug erlaubt sein mag,: aber es giebt Fälle, wo man seine Verschwiegenheit mindestens ebenso zu ehren hat, wie die eines incognito reisenden Fürsten.
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Die Schätzung von Eigenschaften kann nur vergleichend sein, das eigne Interesse will die höchste Schätzung.
Wetteifer oder Vernichtung.
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24. Die Illusion des Geschlechtstriebs ist ein Netz, das, wenn es zerrissen wird, sich immer von selbst wieder strickt.
19 [19]
27. Um den Vortheil einer gefährlichen Geldspekulation zu haben, muß man es wie beim kalten Bade machen—schnell hinein, schnell heraus.
19 [20]
28. Der dramatische Musiker muß nicht nur Ohren, sondern auch Augen in den Ohren haben.
19 [21]
32. Die Arbeiter klagen daß sie überarbeitet werden. Aber dieselbe Überarbeitung findet sich überall, bei den Kaufleuten Gelehrten Beamten Militärs: bei den reichen Klassen erscheint die Überarbeitung als innerer Trieb der allzugroßen Thätigkeit, bei den Arbeitern wird sie äußerlich erzwungen, das ist der Unterschied. Eine Milderung dieses Triebes käme indirekt auch dem Arbeiter zu Gute. Er möge nicht glauben, daß der jetzige Banquier genußreicher oder würdiger als er lebt.
19 [22]
35. Die meisten Schriftsteller schreiben schlecht weil sie uns nicht ihre Gedanken sondern das Denken der Gedanken mittheilen. Oft ist es Eitelkeit was die Periode so voll macht, es ist das begleitende Gegacker der Henne, welche uns auf das Ei aufmerksam machen will, nämlich auf irgend einen inmitten der vollen Periode stehenden kleinen Gedanken.
19 [23]
36. Der Mensch ist als Kind vom Thier am weitesten entfernt, sein Intellekt am menschlichsten. Mit dem fünfzehnten Jahre und der Pubertät tritt er dem Thiere einen Schritt näher, mit dem Besitzsinne der dreissiger Jahre (der mittleren Linie zwischen Faulheit und Begehrlichkeit) noch einen Schritt. Im sechzigsten Lebensjahr verliert sich häufig noch die Scham; dann tritt der siebzigjährige Alte ganz als entschleierte Bestie vor uns hin: man sehe nur nach Augen und Gebiß.
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38. Der ungehorsam und Unabhängigkeit, namentlich innerliche, der Söhne gegen die Väter geht gewöhnlich gerade so weit als möglich d. h. als es der Vater irgend wie noch erträgt; woraus sich ergiebt daß es viel unangenehmer ist Vater zu sein als Sohn.
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Ironie ist unedel.
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41. Sobald man begriffen hat, daß ein Fürst bei politischen Veränderungen seines Landes nicht mehr in Betracht kommt und nur noch für die Höflinge und das Landvolk interessant ist, soll man ihm aus dem Wege gehen, da man ihn nicht als Privatmann behandeln darf.
19 [27]
42. Der Thätige will sich durch die Kunst zerstreuen, der Künstler verlangt höchste Sammlung. Folglich müssen sie mit einander unzufrieden sein und sich in einander verbeißen. Die Kunst ist eben gar nicht für diese Thätigen da, sondern für jene, welche einen Überschuß von Muße haben und also ihren höchsten Ernst ausnahmsweise dem Künstler schenken können: für die Existenz dieser Klasse der müssigen Olympier haben jene Thätigen (seien sie Arbeiter oder Banquiers oder Beamte) mit ihrer Überarbeit zu sorgen. Ist die Existenz dieser Klasse ein Übel, so ist auch die Kunst ein Übel.
Kunst die Thätigkeit der Müssigen.
Lüste bilden die Muße der Thätigen.
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43. In 50 Jahren versteht sich jeder kräftige Mann in Europa auf die Waffen und das militärische Manövriren, der besser Befähigte sogar auf die Taktik. Jeder der von da an Meinungen zur Herrschaft bringen wird, mag wissen, daß er ein geübtes Heer für seine Meinungen gewonnen hat. Das wird die Geschichte der Meinungen bestimmen.
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45. Dreiviertel aller Lügen sind durch die Antithese in die Welt gekommen.
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Ton der Jugend zu laut.
19 [31]
Der Eitele und der Verliebte wähnen, einer andren Person wegen eitel oder verliebt zu sein.
19 [32]
50. Der beste Autor schämt sich Schriftsteller zu sein, er ist zu reich an Gedanken und zu vornehm, als daß er sich nicht schämen sollte, seinen Reichthum anders als nur gelegentlich sehen zu lassen.
19 [33]
51. Um eine Traube und ein Talent zur Reife zu bringen, dazu gehören ebenso Regen- als Sonnentage.
19 [34]
52. Man unterschätzt den Werth einer bösen That, wenn man nicht in Anschlag bringt, wie viel Zungen sie in Bewegung setzt, wie viel Energie sie entfesselt und wie vielen Menschen sie zum Nachdenken oder zur Erhebung dient.
19 [35]
53. Die Verdunkelung von Europa kann davon abhängen ob fünf oder sechs freiere Geister sich treu bleiben oder nicht.
19 [36]
54. Niemand ist für seine Thaten verantwortlich, niemand für sein Wesen: richten ist soviel als ungerecht sein. Dies gilt auch, wenn das Individuum über sich richtet.— Der Satz ist so hell wie Sonnenlicht und doch geht hier jedermann lieber in den Schatten und die Unwahrheit: aus Furcht völlig die Sehkraft zu verlieren, also der vermeintlichen Folgen wegen.
19 [37]
55. Moralität wird allein dadurch verbreitet, daß was den Intellekt aufhellt möglichst viel neue und höhere Möglichkeiten des Handelns kennen lehrt und damit eine Menge neuer Motive des Handelns zur Auswahl darbietet, sodann daß man Gelegenheiten giebt. Der Mensch wird von einem niederen Motiv sehr häufig nur deshalb ergriffen, weil er ein höheres nicht kannte, und er bleibt mittelmäßig und niedrig in seinen Handlungen, weil ihm keine Gelegenheit geboten wurde, seine größeren und reineren Instinkte hervorzukehren.— Viele Menschen warten ihr Lebenlang auf die Gelegenheit, auf ihre Art gut zu sein.
19 [38]
56. Bei der Wahl zwischen einer leiblichen und geistigen Nachkommenschaft, hat man zu Gunsten letzterer zu erwägen, daß man hier Vater und Mutter in Einer Person ist und daß das Kind, wenn es geboren ist, keiner Erzielung mehr, sondern nur der Einführung in die Welt bedarf.
19 [39]
59. Von zwei übeln Empfindungen kann allmählich die Philosophie erlösen: erstens von der Furcht auf dem Sterbebette, weil da nichts zu fürchten ist, zweitens von der Reue und Gewissensqual nach der That, weil jede That ganz unvermeidlich war. Hinsichtlich alles Vergangenen ist ein kalter Fatalismus die philosophische Gesinnung.
Der Unmuth über eine That wird aber vielleicht nicht geringer, wenn ich einsehe, daß sie Nothwendigkeit war: es ist ein Schmerz, der sich nicht durch Vorwurf Rache usw. erleichtern kann. Denn seine ganze Natur sein esse der That zu bezichtigen ist nur eine neue Stufe derselben Unvernunft, welche uns für jede einzelne Handlung verantwortlich machen will. Weil der Unmuth da ist, so muß Verantwortlichkeit da sein, also irgendwo eine Freiheit: so kam Schopenhauer auf den Begriff der intelligiblen Freiheit. Aber die Thatsache des Unmuths beweist nicht die rationelle Vernünftigkeit dieses Unmuthes: und nur, wenn es so stünde, würde man in der Schopenhauerschen Weise fortschließen können.— Der Unmuth ist übrigens zwar jetzt da, aber kann vielleicht abgewöhnt werden.
Wenn aber die schlechte ungeschickte Handlung keinen Unmuth nach sich zieht, so würde diese kalte Gesinnung, welche man sich in Hinsicht der Vergangenheit angewöhnt hätte, auch die Freude am Gethanen entwurzelt haben. Nun wird aber das Handeln der Menschen durch die Anticipation der zu erwerbenden Lust oder Unlust bestimmt: fällt diese weg, so hielte ihn keine Empfindung mehr von der schlechten Handlung zurück, und zöge ihn nichts mehr zu der guten That hin. Er würde in Hinsicht auf das Kommende ebenso kalt wie in Hinsicht auf das Vergangene. Jetzt träte die kalte Überlegung ein, ob Leben oder Nichtleben vorzuziehen sei: und der Selbstmord aus Besonnenheit wäre die Folge. In Erkenntniß oder Witterung dieses Sachverhaltes sträubt sich jeder Mensch, und auch jede Ethik gegen die Aufhebung der Freiheit: letztere mit Unrecht, da die Philosophie durchaus nicht auf die Consequenzen der Wahrheit sondern nur auf sie zu achten hat.— Dass das Leben als Ganzes keine Folge der Empfindung (Lust oder Unlust) haben soll, wird aus demselben Grunde abgewehrt (daher die Bedeutung, die dem Sterbebette zugeschrieben wird).
19 [40]
65. “Werde der, der du bist”: das ist ein Zuruf, welcher immer nur bei wenig Menschen erlaubt, aber bei den allerwenigsten dieser Wenigen überflüssig ist.
19 [41]
66. Die Ethik jeder pessimistischen Religion besteht in Ausflüchten vor dem Selbstmorde.
19 [42]
70. Und was kam ihrer Tugend zu Hülfe? Die Stimme des Gewissens?— O nein, die Stimme der Nachbarin.
19 [43]
71. Selbstgenügsame Leute zeigen mitunter sich aus Gutmüthigkeit eitel: z. B. um die Eitelkeit bestimmter Klassen nicht zu beschämen.
19 [44]
72. Der Selbstgenügsame wird eitel, wenn er die höhere Selbstgenügsamkeit eines Anderen empfindet, was aber selten vorkommt.
19 [45]
73. Es läßt keinen Schluß auf die Begabung zu, ob jemand vorwiegend eitel oder selbstgenügsam ist: das größte Genie ist mitunter eitel gleich einem jungen Mädchen und wäre im Stande sich die Haare zu färben. Diese Eitelkeit ist vielleicht die übriggebliebene und großgewachsene Gewohnheit, aus der Zeit her, wo er noch kein Recht hatte, an sich zu glauben und diesen Glauben erst von anderen Menschen in kleinen Münzen einbettelte.
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79. Man entkommt häufig seinen Verfolgern eher dadurch daß man langsamer als daß man schneller geht; das gilt namentlich bei litterarischen Verfolgungen.
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Kotzebue—“in ihm leben weben und sind wir.”
Shakespeare, Zufall in der Geschichte des Theaters.
Schiller ist ein besserer Theaterdichter.
19 [48]
84. Der Fromme fühlt sich dem Unfrommen überlegen: an christliche Demuth will ich glauben, wenn ich sehe daß der Fromme sich vor dem Unfrommen erniedrigt.
19 [49]
Ich verändere manche Rhythmen der Periode wegen der Leser.
19 [50]
90. Man schenkt jemandem lieber sein ganzes Herz als sein ganzes Geld.— Wie kommt das?— Man schenkt sein Herz und hat es noch, aber das Geld hat man nicht mehr.
19 [51]
93. Kein Schriftsteller hat bis jetzt genug Geist gehabt, um rhetorisch schreiben zu dürfen.
19 [52]
96. Eine schöne Frau hat doch Etwas mit der Wahrheit gemein (was auch die Lästerer sagen mögen!): beide beglücken mehr, wenn sie begehrt, als wenn sie besessen werden.
19 [53]
99. Ein Bündniß ist fester, wenn die Verbündeten an einander glauben als von einander wissen: weshalb unter Verliebten das Bündniß fester vor der ehelichen Verbindung als nach derselben ist.
19 [54]
100. Kein Fürst, der Krieg führen wollte, war je um einen casus belli verlegen. Aber alle Motive, welche wir öffentlich zu erkennen geben, zeigen, daß wir Alle nie um einen casus belli verlegen sind. Jede Handlung wird aus Motiven gethan und aus einem angeblichen Motive.
19 [55]
103. Ein Staatsmann zertheilt die Menschen in zwei Gattungen, erstens Werkzeuge, zweitens Feinde. Eigentlich giebt es also für ihn nur Eine Gattung von Menschen: Feinde.
19 [56]
108. Entweder macht man sich mit Hülfe einer Religion das äußere Leben schwer und das innere leicht oder umgekehrt: ersteres ist der Fall beim Christenthum, letzteres beim Zugrundegehen der Religionen. Daraus ergiebt sich, daß eine Religion entsteht um das Herz zu erleichtern und zu Grunde geht, wenn sie hier nichts mehr zu erleichtern hat.
19 [57]
110. “Ein Geist ist gerade so tief als er hoch ist” sagte Jemand. Nun denkt man bei der Bezeichnung “hoher Geist” an die Kraft und Energie des Aufschwunges, Fluges, bei der Bezeichnung “tiefer Geist” an die Entferntheit des Zieles, zu welchem, der Geist seinen Weg genommen halt. Der Satz will also sagen: ein Geist kommt eben so weit als er fliegen kann. Dies ist aber nicht wahr: selten kommt ein Geist so weit, als er überhaupt fliegen konnte. Also muß der Satz lauten: selten ist ein Geist so tief als er hoch ist.
19 [58]
111. Wenn früher die Pocken die Kraft und Gesundheit einer körperlichen Constitution auf die Probe stellten und den Menschen, welche sie nicht bestanden, tödtlich wurden: so kann man vielleicht jetzt die religiöse Infektion als eine solche Probe für die Kraft und Gesundheit der geistigen Constitution betrachten. Entweder überwindet man sie, oder man geht geistig daran zu Grunde.
19 [59]
Elemente der Bildung.
1) Irrthümer.
2) Falsche Schlüsse.
3) Leidenschaften.
4) Die gebundenen Geister.
5) Vergessenheit.
6) Der Mensch als Sache.
7) Die entartenden Naturen.
8) Die Entstehung des Wahrheitssinns.
9) Zukunft der Kultur.
19 [60]
113. Verträge europäischer Staaten gelten jetzt genau solange als der Zwang da ist, welcher sie schuf. Das ist also ein Zustand, in welchem die Gewalt (im physischen Sinn) entscheidet und zu ihrer Consequenz führt. Dies ist folgende: die Großstaaten verschlingen die Kleinstaaten, der Monstrestaat verschlingt den Großstaat—und der Monstrestaat platzt auseinander, weil ihm endlich der Gurt fehlt, der seinen Leib umspannte: die Feindseligkeit der Nachbarn. Die Zersplitterung in atomistische Staatengebilde ist die fernste noch scheinbare Perspektive der europäischen Politik. Kampf der Gesellschaft in sich trägt die Gewöhnung des Krieges fort.
19 [61]
114. Es giebt keinen Erzieher mehr; man kauft sich unter diesem Namen immer nur Leute, welche selber nicht erzogen sind.— Es giebt Lehrer, aber keine Erzieher, Stallknechte, aber keine Reiter.
19 [62]
116. Hier und da versucht eine Partei, einige Fetzen des verunreinigten Christenthums zu säubern und sich mit ihnen zu kleiden—die Wirkung ist gering: denn frischgewaschene Lumpen kleiden zwar reinlich, aber immer nur lumpenhaft.
19 [63]
117. Beim Anblick der zahllosen Kirchen, welche das Christenthum einstmals baute, muß man sich sagen: es ist gegenwärtig nicht genug Religion da, um diese Gebäude abzutragen. Ebenfalls: es fehlt jetzt an Religion, um die Religion auch nur zu vernichten.
19 [64]
112. Die Öffentlichen Meinungen gehen aus den privaten Faulheiten hervor. Aber was geht aus den privaten Meinungen hervor?— Die öffentlichen Leidenschaften.
19 [65]
118) wir leben in einer Cultur, welche an den Mitteln der Cultur zu Grunde geht.
Aufhebung der Nationen—der europäische Mensch.
Enthaltung von Politik.
Beiseiteziehen der Talente.
Verachtung der Presse.
Religion und Kunst nur als Heilmittel.
Schlichtes Leben.
Geringschätzung der gesellschaftlichen Unterschiede.
Höheres Tribunal für die Wissenschaften.
Befreiung der Frauen.
Die Freundschaften—verschlungene Kreise.
Organisation der Oekonomie des Geistes.
Die Institutionen folgen den Meinungen von selbst.
19 [66]
Gruss an die Moralisten.
Abwesenheit der Moralisten.
Die Thätigen.
Die welche frei werden wollen.
Freigeist.
Verwundung.
Ohne Produktivität unmöglich—also Freigeist.
Seufzer über frühere Jugend.
Vater oder Mutter.
Erzeugung des Genius.
Mitte des Wegs.
Dichter als Erleichterer.
Aesthetik.
Dichter. Schriftsteller. Philologen.
Kunst—Thätige.
Gesellschaft.
Weib und Kind.
Staat (Griechen).
Religiöses.
Höhere moralische Sätze (gut und Böse) (Eitelkeit).
Höchste Erleichterung des Lebens.
fatum tristissimum.
19 [67]
Stimme der Geschichte.
Alles Allgemeine voran:
freigeisterhafter Rundgang: um den Menschen vom Herkömmlichen loszulösen.
1. Der Mensch mit sich allein.
2. Weib und Kind.
3. Gesellschaft.
4. Kunst—Dichter—Aesthetik.
5. Staat.
6. Religiöses.
7. Erleichterung des Lebens.
19 [68]
Homo liber de nulla re minus quam de morte cogitat et ejus sapientia non mortis sed vitae meditatio est. Spinoza.
19 [69]
Wer schärfer denkt, mag die Bilder der Dichter nicht, es wird zuviel des Ungleichartigen zugleich mit in’s Gedächtniß gebracht; wie einer der scharf hört, die Obertöne eines Tons als mißtönenden Akkord hört.
19 [70]
c. 4. der Freigeist und der Philosoph.
5. innerhalb einer Cultur: Beispiele.
6. gegenwärtige Stellung.
7. Zukunft.
19 [71]
Der Mitleidende fühlt sich als der Stärkere, das giebt die Lust, als bereit zum Eingreifen, wenn er nur helfen könnte. Der Schmerz wie der aesthetische ein Nachklingen.
19 [72]
| Themata: |
| über die Maxime. |
| über die Novelle. |
| Gegen die Dichter. |
| Der Philosoph aus Vergnügen, der wohl an die Vorgänger, nicht an die Nachfolger denkt (worin Vergnügen?). |
| Unterschied von Freigeist und Philosoph. |
| Thukydides als Ideal des Freigeist-Sophisten. |
| Ursprung des Mitleides. |
| Der Selbstmord in den Religionen. |
| Der Kranke. |
| Eitelkeiten der Gelehrten. |
19 [73]
Man sucht die Dinge, welche eine ähnliche Empfindung in uns hervorrufen, miteinander in Verbindung zu bringen z. B. Frühling Liebe Schönheit der Natur, Gottheit usw. Diese Verflechtung der Dinge entspricht in gar nichts der wirklichen causalen Verknüpfung. Dichter und Philosophen lieben so die Dinge zu arrangiren; Kunst und Moral kommen zusammen.
19 [74]
Sie nennen die Vereinigung der deutschen Regierungen zu Einem Staate eine “große Idee.” Es ist dieselbe Art von Menschen, welche eines Tages sich für die vereinigten Staaten Europas begeistern wird: es ist die noch “größere Idee.”
19 [75]
Die Verschiedenheit der Sprachen verhindert am meisten, das zu sehen was im Grunde vor sich geht—das Verschwinden des Nationalen und die Erzeugung des europäischen Menschen.
19 [76]
Alle Grundlagen der Cultur sind hinfällig geworden: also muß die Cultur zu Grunde gehen.
19 [77]
Die 10 Gebote des Freigeistes.
Du sollst Völker weder lieben noch hassen.
Du sollst keine Politik treiben.
Du sollst nicht reich und kein Bettler sein.
Du sollst den Berühmten und Einflußreichen aus dem Wege gehn.
Du sollst dein Weib aus einem anderen Volke als dem eignen nehmen.
Du sollst deine Kinder durch deine Freunde erziehen lassen.
Du sollst dich keiner Ceremonie der Kirche unterwerfen.
Du sollst ein Vergehen nicht bereuen, sondern seinetwegen eine Gutthat mehr thun.
Du sollst, um die Wahrheit sagen zu können, das Exil vorziehen.
Du sollst die Welt gegen dich und dich gegen die Welt gewähren lassen.
19 [78]
Cap. II. Der Freigeist in der Gegenwart.
Cap. III. Ziele des Freigeistes: Zukunft der Menschheit.
Cap. IV. Entstehung des Freigeistes.
19 [79]
Zukunft in einigen Jahrhunderten. Ökonomie der Erde, Aussterbenlassen von schlechten Racen, Züchtung besserer, eine Sprache. Ganz neue Bedingungen für den Menschen, sogar für ein höheres Wesen? jetzt ist es der Handelsstand, welcher ein völliges Zurücksinken in die Barbarei verhindert (Telegraphie, Geographie, industr Erfindung, usw.).
19 [80]
Die Wahrheit zu sagen, wenn die Unwahrheit herrscht, ist mit so viel Vergnügen gemischt, dass der Mensch ihretwegen das Exil, ja noch Schlimmeres erwählt.
19 [81]
Il maudit les savants et ne voulut plus vivre qu’en bonne compagnie. Voltaire (Zadig)
19 [82]
Philologen.
Woher die Verdummung der Gymnasiasten? Durch das Beispiel der Lehrer, die alles verdummen, die Autoren usw.
Weshalb sind die Philologen auf verdorbene Stellen so eifrig? Aus Eitelkeit: ihnen liegt nichts an den Alten, aber sehr viel an ihnen selbst.
Giebt es eine geistreiche Schulausgabe?
19 [83]
Weil die Menschen an der Welt so weit sie erklärlich ist nicht viel finden, was wertvoll ist, so meinen sie, das Wahre und Wichtige müsse im Unerklärlichen liegen; sie knüpfen ihre höchsten Empfindungen und Ahnungen an das Dunkle Unerklärliche an. Nun braucht in diesem unaufgehellten Reiche gar nichts Wesentliches zu liegen, es könnte leer sein: es würde für den Menschen dasselbe dabei herauskommen, wenn er nur in seiner Erkenntniß eine dunkle Stelle hätte: daraus zaubert er dann hervor was er braucht und bevölkert den dunklen Gang mit Geistern und Ahnungen.
19 [84]
Wenn der Mensch sich gewöhnt, sich streng an die Wahrheit zu halten und vor allem Metaphysischen Unaufgehellten sich zu hüten, so wäre vielleicht einmal der Genuß von Dichtungen mit dem Gefühl etwas Verbotenes zu thun verbunden: es wäre eine süße Lust, aber nicht ohne Gewissensbisse hinterdrein und dabei.
19 [85]
Das sogenannte metaphysische Bedürfniß beweist nichts über eine diesem Bedürfnisse entsprechende Realität: im Gegentheil, weil wir hier bedürftig sind, so hören wir die Sprache des Willens, nicht die des Intellekts und gehen irre, wenn wir dieser Sprache glauben. Ein Gott wäre anzunehmen, wenn er beweisbar wäre, ohne daß ein Bedürfniß ihn uns nöthig erscheinen ließe.
19 [86]
Themata.
Vom Freigeiste.
Das Unerklärliche und das Erklärliche.
Untergang der alten Kultur.
Ursachen der Kunst.
Der Selbstmord.
Eitelkeit der Gelehrten.
Die Maxime.
Der Schriftsteller.
Der Kranke.
Die Verbesserlichkeit der Menschen.
Über die Novelle.
Der Umgang.
Der Intellect der Weiber.
Die Freundschaft.
Phasen der Moral.
Über die Macht.
Einfachheit d Guten.
Die Hoffnung.
Der Adel.
Kampf gegen das Schicksal.
Gut und Böse.
Ersatz religiöser Motive.
Versprechen.
Intellect und Moralität.
Langeweile—Musse.
Strafe und Reue.
Philologen als Lehrer.
Thukydides Typus des Sophist Freisinns.
19 [87]
Die Urtheile der Geschworenengerichte sind aus demselben Grunde falsch, aus dem die Censur einer Lehrerschaft über einen Schüler falsch ist: sie entstehen aus einer Vermittlung zwischen den verschieden gefällten Urtheilen: gesetzt den günstigsten Fall, einer der Geschworenen habe richtig geurtheilt, so ist das Gesamtresultat die Mitte zwischen dem richtigen und mehreren falschen Urtheilen d. h. Jedenfalls falsch.
19 [88]
Ein Dichter muß keinen so bestimmten Begriff seines Publikums in der Seele haben wie der Maler eine bestimmte Entfernung vom Bilde, wenn es richtig beschaut werden soll, und eine bestimmte Sehschärfe der Beschauer verlangt. Die neueren Dichtungen werden nur theilweise von uns genossen, jeder pflückt sich, was ihm schreckt; wir stehen nicht in dem nothwendigen Verhältnisse zu diesen Kunstwerken. Die Dichter selber sind unsicher und haben bald diesen bald jenen Zuhörer im Auge; sie glauben selber nicht daran, daß man ihre ganze Intention faßt und suchen durch Einzelheiten oder durch den Stoff zu gefallen. Wie jetzt alles, was ein Erzähler gut macht, beim heutigen Publikum verloren geht: welches nur den Stoff der Erzählung will und interessirt fortgerissen überwältigt sein möchte: durch das Faktum, welches die Criminalakten z. B. am besten enthalten, nicht durch die Kunst des Erzählers.
19 [89]
Vorhistorische Zeitalter werden unermeßliche Zeiträume hindurch vom Herkommen bestimmt, es geschieht nichts. In der historischen Zeit ist jedesmal das Faktum eine Lösung vom Herkommen, eine Differenz der Meinung, es ist die Freigeisterei, welche die Geschichte macht. Je schneller der Umschwung der Meinungen erfolgt, um so schneller läuft die Welt, die Chronik verwandelt sich in das Journal, und zuletzt stellt der Telegraph fest, worin in Stunden sich die Meinungen der Menschen verändert haben.
19 [90]
Ein schönes Weib in der Ehe muß sehr viele gute Eigenschaften haben, um darüber hinwegzuhelfen, daß sie schön ist.
19 [91]
Mittheilbarkeit der Wahrheit, der Meinungen überhaupt.
19 [92]
Was leistet eine Meinung?— fragt der Staatsmann. Ist sie eine Kraft?
19 [93]
Die Menschen werden gewöhnt, eine fremde Meinung höher zu taxiren als die eigne.
19 [94]
Die Frommen fragen: beglückt euch diese Meinung?—das gilt als Beweis für und gegen die Wahrheit. Wenn nun ein Irrsinniger glaubt er sei Gott und darin glücklich ist—wie es vorkommt—so ist folglich bewiesen, daß es einen Gott giebt.
19 [95]
In einer Tragödie wird nothwendig die Beredsamkeit herrschen, welche in einer Zeit gerade geübt und hochgeschätzt wird. So bei den Griechen, so bei den Franzosen, so auch bei Shakespeare. Bei ihm ist der spanische Einfluß, der am Hofe Elisabeths herrschte, unverkennbar: die Überfülle der Bilder, ihre Gesuchtheit ist nicht allgemein menschlich, sondern spanisch. In der italiänischen Novelle wie in Le Sage herrscht die vornehme Redekultur des Adels und der Renaissance.— Wir haben keine höfische Beredsamkeit und auch keine öffentliche wie die Griechen: deshalb ist es mit der Rede im Drama nichts, es ist Naturalisiren. Goethe im Tasso geht auf das Vorbild der Renaissance zurück. Schiller hängt von den Franzosen ab. Wagner giebt die Kunst der Rede ganz auf.
19 [96]
Der Mensch hat die Neigung, für das Herkömmliche, wenn er Gründe sucht, immer die tiefsten Gründe anzugeben. Denn er spürt die ungeheuren segensreichen Folgen, so sucht er nach einer tiefen weisheitsvollen Absicht in der Seele derer, welche das Herkommen pflanzten.— Aber es steht umgekehrt; die Entstehung Gottes, der Ehe ist flach und dumm, das Fundament des Herkommens ist intellektuell sehr niedrig anzusetzen.
19 [97]
Wenn man einen Glauben umwirft, so wirft man nicht die Folgen um, welche aus ihm herausgewachsen sind. Diese leben vermöge des Herkommens weiter: das Herkommen schließt die Augen über den Verband von Glauben und Folge. Die Folge erscheint ihrer selbst wegen da zu sein. Die Folge verleugnet ihren Vater.
19 [98]
Was ist die Reaktion der Meinungen? Wenn eine Meinung aufhört, interessant zu sein, so sucht man ihr einen Reiz zu verleihen, indem man sie an ihre Gegenmeinung hält. Gewöhnlich verführt aber die Gegenmeinung und macht einen neuen Bekenner: sie ist inzwischen interessanter geworden.
19 [99]
Aristoteles meint, durch die Tragödie werde das Übermaß am Mitleide und Furchtsamkeit entladen, der Zuhörer kehre kälter nach Hause zurück. Plato meint dagegen, er sei rührseliger und ängstlicher als je.— Plato’s Frage über die moralische Bedeutung der Kunst ist noch nicht wieder aufgeworfen. Der Künstler braucht die Entfesselung der Leidenschaft. Wir lassen uns die Leidenschaften, welche der athenische Komiker bei seinen Zuhörern entladen will, kaum mehr gefallen: Begierde Schmähsucht Unanständigkeiten usw. Thatsächlich ist Athen weichlich geworden. Als Ersatz der Religion kann die Kunst nicht gelten: denn für den, welcher vollendet hat, ist sie überflüssig, für den welcher im Kampf ist, kein Ersatz der Religion, sondern höchstens eine Beihülfe der Religion.— Vielleicht ist ihre Stellung so, wie sie Mainländer nimmt, eine Beihülfe der Erkenntniß, sie läßt den Frieden und den großen Erfolg der Erkenntniß von ferne wie blaue Berge sehen. Ersatz der Religion ist nicht die Kunst, sondern die Erkenntniß.
19 [100]
Die Religionen drücken nicht irgend welche Wahrheiten sensu allegorico aus, sondern gar keine Wahrheiten—das ist gegen Schopenhauer einzuwenden. Der consensus gentium in
Religionsansichten ist doch eher ein Gegenargument gegen die zu Grunde liegende Wahrheit. Nicht eine uralte Priesterweisheit, sondern die Furcht vor dem Unerklärlichen ist der Ursprung der Religion: was von Vernunft darin ist, ist auf Schleichwegen in sie hineingekommen.
19 [101]
Das Studium der Psychologie gehörte zur antiken Rhetorik. Wie weit sind wir zurück! Die Parteipresse hat thatsächlich ein Stückchen Psychologie, auch die Diplomatie—alles als Praxis. Die neue Psychologie ist unerläßlich für den Reformator.
19 [102]
Der neue Reformator nimmt die Menschen wie Thon. Durch Zeit und Institutionen ist ihnen alles anzubilden, man kann sie zu Thieren und zu Engeln machen. Es ist wenig Festes da. “Umbildung der Menschheit!”
19 [103]
Es ist alles zuzugestehen, was die Religion Nützliches für den Menschen habe: direkt Glück und Trost verleihen. Wenn man die Wahrheit nicht mit dem Nutzen verschwistern kann, ist ihre Sache verloren. Weshalb sollte die Menschheit sich für die Wahrheit opfern? ja sie kann es gar nicht. Alles Wahrheitsbestreben hat bis jetzt den Nutzen im Auge: die entfernte Nützlichkeit der Mathematik war es, die der Vater an seinem studirenden Sohn achtete. Man hätte einen Menschen als blödsinnig genommen, der sich mit etwas beschäftigt, bei dem nichts herauskommt, oder gar Schaden. Man hielte den für gemeingefährlich, der den Menschen die Luft die sie athmen verdirbt. Ist die Religion nöthig, um zu leben, so ist der, welcher sie erschüttert, gemeingefährlich: ist die Lüge nöthig, so darf sie nicht erschüttert werden. Also—ist die Wahrheit möglich in Verbindung mit dem Leben? —
19 [104]
Man sorgt für sich—und dann noch für den Sohn: die letztere Rücksicht hindert den Menschen ganz individuell und rücksichtslos zu leben. Er will Institutionen, die seinem Sohn zu Gute kommen. Daran hängt die Continuation der Menschheit: haben die Menschen keine Kinder, so fällt alles unter den Haufen. Die Sorge für das Kind sorgt für den Besitz und die gesicherte Stellung: für Eigenthum und Ordnung der Gesellschaft. Habsucht und Ehrgeiz sind die Triebe, welche vielleicht mit dieser Sorge um die Brut zusammenhängen: sie sind durch Vererbung sehr groß, auch wenn im speziellen Falle die Brut fehlt: wenn dem Streben das Ziel, der Kopf abgeschnitten ist: trotzdem bewegt der Leib sich noch.
19 [105]
Ein guter Erzieher kann in den Fall kommen, den Zögling scharf zu beleidigen, nur um eine Dummheit, die er sagen will, im Keime zu ersticken.
19 [106]
Der Märtyrer wider Willen und der Ehrliche der verachtet wird, als Feigling usw., während er nur so ist, wie er sein kann.
19 [107]
Es ist in der Art der gebundenen Geister, irgend eine Erklärung keiner vorzuziehn; dabei ist man genügsam. Hohe Cultur verlangt, manche Dinge ruhig unerklärt stehen zu lassen:.
19 [108]
Die dunkle Sache gilt als wichtiger gefährlicher als die helle. Die Angst wohnt im Innersten der menschlichen Phantasie. Die letzte Form des Religiösen besteht darin, daß man überhaupt dunkle unerklärliche Gebiete zugesteht; in diesen aber, meint man, müsse das Welträthsel stecken.
19 [109]
Durch die Pfahlbauten usw. ist bewiesen, daß es einen Fortschritt der Menschheit gegeben hat. Ob aber auf Grund der letzten 4000 der Menschheit diese Annahme erlaubt ist, ist fraglich. Aber die Wissenschaft ist fortgeschritten: damit ist die höchste Form der bisherigen Cultur vernichtet und kann nie wieder entstehen.
19 [110]
Der Instinkt ist einem Wurm gleich, dem man den Kopf abgeschnitten hat und der sich doch in der gleichen Richtung weiter bewegt.
19 [111]
Die Liebe ist von Schopenhauer gar nicht erklärt. Das Geschlechtliche einmal. Dann die spezielle Neigung aus aesthetischen Miturtheilen, welche durch Vererbung sehr stark geworden sind. Der Schwarze will die Schwarze und verachtet die Weiße. Mit dem “Genius der Gattung” ist gar nichts gewonnen.
19 [112]
Nicht um unsterblich zu sein, nicht in Rücksicht auf die Propagation sind die Menschen verliebt: gegen Platon. Sondern des Vergnügens halber. Sie wären es, auch wenn die Weiber unfruchtbar wären; erst recht! Die griechische Päderastie nicht unnatürlich, deren causa finalis, nach Plato, sein soll, “schöne Reden zu erzeugen.”
19 [113]
Jeder Mensch nimmt an sich das höchste Interesse, ist aber gewohnt, das Urtheil der Anderen höher zu respektiren als das eigne: Glaube an Auktorität, angeerbt und angezogen, Fundament von Gesellschaft Sitte usw. Aus diesen beiden Prämissen ergiebt sich die Eitelkeit: der Mensch stellt seinen eigenen Werth durch das Urtheil Anderer vor sich selber fest.
19 [114]
Alles Sittliche ist irgend wann einmal noch nicht “Sitte” sondern Zwang gewesen. Erst seit es Herkommen giebt, giebt es gute Handlungen.
19 [115]
Unegoistische Regungen auf egoistische zurückzuführen ist methodisch geboten. Der sociale Instinkt geht auf den Einzelnen zurück, der begreift, daß er nur erhalten bleibt, wenn er sich einem Bunde einverleibt. Die Schätzung des Socialen wird dann vererbt und, da die nützlichsten Mitglieder auch die geehrtesten sind, immer fort gestärkt. Jetzt ist eine helle Flamme da, für das Vaterland alles zu leiden (auch für jede ähnliche Vereinigung z. B. die Wissenschaft). Der egoistische Zweck ist vergessen. Das “Gute” entsteht, wenn man den Ursprung vergißt.— Der elterliche Instinkt ist erst in der Gesellschaft großgezüchtet worden, man braucht Nachkommen, so nimmt man die Ehe in Schutz und ehrt sie.— Auch die unegoistische Liebe (zwischen den Geschlechtern) ist erst wohl eine erzwungene Sache, durch die Societät erzwungen. Später erst gewöhnt und vererbt und endlich wie eine ursprüngliche Regung. Zuerst geht der Trieb nur auf eine Befriedigung, ohne Rücksicht auf das andre Individuum, grausam.— Ob auch alle elterlichen Instinkte der Thiere auf Societät zurückzuführen sind? —
19 [116]
Hier beginnen die “Gedanken und Entwürfe” aus Herbst und Winter 1876.
22 Dezember 1876 schrieb ich diese letzte Seite.
19 [117]
Einleitung.
An Goethe zu erinnern “wenn einer redet soll er positiv reden.”
19 [118]
Menschliches und Allzumenschliches.
Gesellige Sprüche.
19 [119]
Die Sentenz als Thema der Geselligkeit.
19 [120]
Die alte Cultur.
- Das unreine Denken im Fundamente der Cultur.
- Sittlichkeit.
- Religion.
- Kunst (Sprache).
- Die Freigeister.
- Die Frauen.
- Die Heiligen.
- Die Schätzung des Lebens.
- Recht.
- Völker.
- Wissenschaft.
- Verschwinden der alten Cultur.
8, 19[1-120] Oktober-December 1876
19 [1]
1. Philology is the art of learning and teaching how to read in an age that reads too much. Only the philologist reads slowly and ponders over six lines for half an hour. Not his result, but this habit of his is his merit.
19 [2]
2. The history of philology is the history of a species of industrious but untalented people. Hence the senseless opposition and later overestimation of some more astute and richer natures who have fallen among the philologists.
19 [3]
3. That philologists are qualified to educate the young (more so than, for example, physicians) is a prejudice that is, moreover, refuted daily by experience. Here, one proceeds as with street sweepers, whom no one examines to see if they are best at sweeping the streets; it is enough that they have the will to do this unclean work. Likewise, every profession rejects the task of educating the young and is content that the philologists—do not do it.
19 [4]
4. Antiquity has been discovered in all essential matters by artists, statesmen, and philosophers, not by philologists: and this remains true to this day.
19 [5]
5. That one can misunderstand a Sophoclean tragedy in 100 places and simply pass over many corrupted passages, yet still understand and explain the tragedy better than the most thorough philologist—that is something philologists do not want to believe.
Whoever reads a witty author and at the end believes they have understood everything, exc.—that person is happy.
19 [6]
6. I believe I understand Shakespeare better than modern English language teachers, even though I make many mistakes. In general, everyone will even understand an old author better than the philological language teacher: where does this come from?— Hence, that philologists are nothing but aged gymnasium students.
19 [7]
8. More refined spirits are imposed upon by those who always tell stories that one is supposed to laugh at: where a smile is not enough.
19 [8]
12. A master will choose his company among masters of other arts and among his students, but not among his peers and certainly not among those who are merely specialists and not masters.
19 [9]
14. Those who can rejoice with us stand higher and closer to us than those who suffer with us. Shared joy makes the “friend” (the one who shares joy), compassion the fellow sufferer.— An ethics of compassion needs to be complemented by the even higher ethics of friendship.
19 [10]
15. People become Protestants, Catholics, or Turks depending on their homeland, just as someone born in a wine-producing country becomes a wine drinker.
19 [11]
17. Those who deny themselves much in general will easily indulge in small things. Thus, there may have been no estate that understood excesses under the erotic as much as the Catholic priesthood, which renounced love. In return, it allowed itself occasional pleasure.
19 [12]
18. One can speak most appropriately and yet in such a way that the whole world shouts about the opposite. Thus Socrates spoke very appropriately, but before a world-historical forum: his judges judged the opposite.— The masters speak down to their listeners.
19 [13]
19. If one does not have a good father, one should acquire one. That a son adopts a father is more reasonable than the opposite: because he knows much more precisely what he needs.
19 [14]
20. The reputation of doctors is based on the ignorance of the healthy and the sick: and this ignorance in turn is based on the reputation of doctors.
19 [15]
21. The best doctor will only be able to have one patient; every person is a medical history.
19 [16]
23. To guess and reveal an author who does not name himself is to treat him as if one were dealing with a disguised criminal or a mischievous beauty, which may often be permissible; but there are cases where one must honor his silence at least as much as that of a prince traveling incognito.
19 [17]
The estimation of qualities can only be comparative, one's own interest demands the highest estimation.
Competition or annihilation.
19 [18]
24. The illusion of the sexual drive is a net that, when torn, always mends itself.
19 [19]
27. To gain the advantage of a dangerous money speculation, one must do it as with a cold bath—quickly in, quickly out.
19 [20]
28. The dramatic musician must not only have ears, but also eyes in the ears.
19 [21]
32. The workers complain that they are overworked. But the same overwork is found everywhere, among merchants, scholars, officials, and military personnel: among the wealthy classes, overwork appears as an inner drive of excessive activity, while among the workers it is externally enforced—that is the difference. A mitigation of this drive would indirectly also benefit the worker. He should not believe that the current banker lives more pleasurably or more worthily than he does.
19 [22]
35. Most writers write poorly because they do not communicate their thoughts to us, but rather the thinking of thoughts. Often it is vanity that makes the period so full, it is the accompanying clucking of the hen that wants to draw our attention to the egg, namely to some small thought standing in the midst of the full period.
19 [23]
36. Man is farthest from the animal as a child, his intellect most human. At fifteen years and puberty, he takes a step closer to the animal; with the acquisitive sense of his thirties (the middle line between laziness and greed), another step. In the sixtieth year of life, shame is often lost; then the seventy-year-old stands before us as a fully unveiled beast: just look at the eyes and teeth.
19 [24]
38. The disobedience and independence, especially internal, of sons against their fathers usually goes as far as possible, i.e., as far as the father can somehow still endure; from which it follows that it is much more unpleasant to be a father than a son.
19 [25]
Irony is ignoble.
19 [26]
41. Once it is understood that a prince no longer matters in the political changes of his country and is only of interest to the courtiers and the rural population, one should avoid him, as he must not be treated as a private individual.
19 [27]
42. The active man wants to be distracted by art, the artist demands the highest concentration. Consequently, they must be dissatisfied with each other and bite into each other. Art is simply not there for these active people, but for those who have a surplus of leisure and can therefore exceptionally bestow their highest seriousness upon the artist: for the existence of this class of idle Olympians, those active people (whether they be workers or bankers or officials) must provide with their overwork. If the existence of this class is an evil, then art is also an evil.
Art is the activity of the idle.
Lusts form the leisure of the active.
19 [28]
43. In 50 years, every able-bodied man in Europe will understand weapons and military maneuvering, and the more capable will even understand tactics. Anyone who from then on seeks to bring opinions to power should know that they have won a trained army for their opinions. This will determine the history of opinions.
19 [29]
45. Three-quarters of all lies have entered the world through the antithesis.
19 [30]
Tone of youth too loud.
19 [31]
The vain and the lover imagine that they are vain or in love because of another person.
19 [32]
50. The best author is ashamed to be a writer, he is too rich in thoughts and too noble not to be ashamed to show his wealth other than only occasionally.
19 [33]
51. To bring a grape and a talent to maturity, both rainy and sunny days are equally necessary.
19 [34]
52. One underestimates the value of an evil deed if one does not take into account how many tongues it sets in motion, how much energy it unleashes, and how many people it serves as a stimulus for reflection or elevation.
19 [35]
53. The darkening of Europe may depend on whether five or six freer spirits remain true or not.
19 [36]
54. No one is responsible for their deeds, no one for their nature: judging is as much as being unjust. This also applies when the individual judges themselves.— The proposition is as bright as sunlight, and yet everyone prefers to walk in the shadows and falsehood here: out of fear of completely losing their sight, i.e., because of the supposed consequences.
19 [37]
55. Morality is spread solely by the fact that what enlightens the intellect teaches as many new and higher possibilities of action as possible and thus offers a multitude of new motives for action to choose from, and then by giving opportunities. A person is often seized by a lower motive only because he did not know a higher one, and he remains mediocre and low in his actions because he was not given the opportunity to bring out his greater and purer instincts.— Many people wait their whole lives for the opportunity to be good in their own way.
19 [38]
56. When choosing between physical and intellectual offspring, one must consider in favor of the latter that here one is both father and mother in one person and that the child, once born, requires no further upbringing but only introduction to the world.
19 [39]
59. Philosophy can gradually liberate one from two evil sensations: first, from the fear on the deathbed, because there is nothing to fear there; second, from the remorse and pangs of conscience after the deed, because every deed was entirely unavoidable. With regard to all that is past, a cold fatalism is the philosophical attitude.
However, the displeasure over a deed may not become less when I realize that it was necessity: it is a pain that cannot be relieved by reproach, revenge, etc. For its entire nature—its esse—is to accuse the deed, which is only a new stage of the same unreason that wants to hold us responsible for every single action. Because displeasure exists, responsibility must exist, and thus somewhere a freedom: this is how Schopenhauer arrived at the concept of intelligible freedom.
But the fact of displeasure does not prove the rational reasonableness of this displeasure: and only if it were so could one proceed to conclude in the Schopenhauerian manner.— The displeasure is indeed present now, but perhaps it can be unlearned.If, however, the bad, clumsy action does not lead to displeasure, then this cold disposition, which one would have acquired with regard to the past, would also have uprooted the joy in what has been done. Now, however, human action is determined by the anticipation of the pleasure or displeasure to be acquired: if this is removed, no feeling would hold him back from the bad action, and nothing would draw him toward the good deed.He would be as cold towards the future as towards the past. Now the cold consideration would arise as to whether life or non-life is to be preferred: and suicide from deliberation would be the consequence. In recognition or intuition of this state of affairs, every human being, and also every ethics, rebels against the abolition of freedom: the latter wrongly, since philosophy must pay attention not to the consequences of truth but only to truth itself.— That life as a whole should have no consequence of sensation (pleasure or displeasure) is rejected for the same reason (hence the significance attributed to the deathbed).
19 [40]
65. “Become who you are”: this is a call that is always only permitted for few people, but is superfluous for the very fewest of these few.
19 [41]
66. The ethics of every pessimistic religion consist in evasions of suicide.
19 [42]
70. And what came to the aid of her virtue? The voice of conscience?— Oh no, the voice of the neighbor.
19 [43]
71. Self-sufficient people sometimes show themselves vain out of good-naturedness: e.g., to avoid shaming the vanity of certain classes.
19 [44]
72. The self-sufficient person becomes vain when they perceive the higher self-sufficiency of another, but this rarely happens.
19 [45]
73. It does not allow any conclusion about talent whether someone is predominantly vain or self-sufficient: the greatest genius is sometimes vain like a young girl and would be capable of dyeing his hair. This vanity is perhaps the remaining and overgrown habit from the time when he had no right to believe in himself and had to beg for this belief from other people in small coins.
19 [46]
79. One often escapes one's pursuers more by going slower than by going faster; this applies especially to literary pursuits.
19 [47]
Kotzebue—“in him we live and move and have our being.”
Shakespeare, chance in the history of theater.
Schiller is a better playwright.
19 [48]
84. The pious man feels superior to the impious: I will believe in Christian humility when I see the pious man humble himself before the impious.
19 [49]
I change some rhythms of the period because of the readers.
19 [50]
90. One would rather give someone their whole heart than their whole money.— How does that come about?— One gives their heart and still has it, but the money is gone.
19 [51]
93. No writer has yet had enough spirit to be allowed to write rhetorically.
19 [52]
96. A beautiful woman has something in common with the truth (whatever the slanderers may say!): both bring more happiness when desired than when possessed.
19 [53]
99. An alliance is stronger when the allies believe in each other rather than know each other: hence among lovers the alliance is stronger before the marital union than after it.
19 [54]
100. No prince who wanted to wage war was ever at a loss for a casus belli. But all the motives that we publicly acknowledge show that none of us are ever at a loss for a casus belli. Every action is done for motives and for an alleged motive.
19 [55]
103. A statesman divides people into two categories: first, tools; second, enemies. Actually, there is therefore only one category of people for him: enemies.
19 [56]
108. Either one makes external life difficult and internal life easy with the help of a religion, or vice versa: the former is the case with Christianity, the latter with the decline of religions. From this it follows that a religion arises to lighten the heart and perishes when it has nothing left to lighten here.
19 [57]
110. “A spirit is just as deep as it is high,” someone said. Now, when we speak of a “high spirit,” we think of the power and energy of ascent, of flight; when we speak of a “deep spirit,” we think of the distance to the goal toward which the spirit has set its course. The statement thus means: a spirit reaches as far as it can fly. But this is not true: rarely does a spirit reach as far as it could have flown at all. Therefore, the statement must read: rarely is a spirit as deep as it is high.
19 [58]
111. If in earlier times smallpox tested the strength and health of a physical constitution and proved fatal to those who did not pass the test: perhaps one can now regard religious infection as such a test for the strength and health of the spiritual constitution. Either one overcomes it, or one is spiritually ruined by it.
19 [59]
Elements of Education.
1) Errors.
2) False Conclusions.
3) Passions.
4) The Bound Spirits.
5) Forgetfulness.
6) Man as Object.
7) The Degenerate Natures.
8) The Origin of the Sense of Truth.
9) Future of Culture.
19 [60]
113. Treaties of European states now apply precisely as long as the coercion that created them exists. This is thus a state in which force (in the physical sense) decides and leads to its consequence. This is as follows: the great powers devour the small states, the monstrous state devours the great state—and the monstrous state bursts apart because it finally lacks the belt that girded its body: the hostility of its neighbors. The fragmentation into atomistic state structures is the most distant yet apparent perspective of European politics. The struggle within society perpetuates the habit of war.
19 [61]
114. There is no educator anymore; under this name one only ever buys people who themselves are not educated.— There are teachers, but no educators, grooms, but no riders.
19 [62]
116. Here and there a party tries to clean some rags of the polluted Christianity and clothe itself with them—the effect is small: for freshly washed rags clothe cleanly, but always only raggedly.
19 [63]
117. At the sight of the countless churches that Christianity once built, one must say to oneself: there is not enough religion present today to dismantle these buildings. Likewise: there is now a lack of religion even to destroy religion itself.
19 [64]
112. Public opinions arise from private vices. But what arises from private opinions?— The public passions.
19 [65]
118) we live in a culture, which is perishing from the means of culture.
Abolition of nations—the European man.
Abstention from politics.
Withdrawal of talents.
Contempt for the press.
Religion and art only as remedies.
Simple life.
Disdain for social distinctions.
Higher tribunal for the sciences.
Liberation of women.
Friendships—intertwined circles.
Organization of the economy of the spirit.
Institutions follow opinions of their own accord.
19 [66]
Greetings to the Moralists.
Absence of the moralists.
The Active Ones.
Those who want to become free.
Free Spirit.
Wounding.
Impossible without productivity—thus free spirit.
Sigh over earlier youth.
Father or mother.
Generation of genius.
Middle of the path.
Poet as Reliever.
Aesthetics.
Poet. Writer. Philologists.
Art—Active Ones.
Society.
Woman and child.
State (Greeks).
Religious.
Higher moral propositions (good and evil) (vanity).
Highest relief of life.
fatum tristissimum.
19 [67]
Voice of history.
Everything general first:
free-spirited tour: to detach people from the conventional.
1. Man alone with himself.
2. Woman and child.
3. Society.
4. Art—Poets—Aesthetics.
5. State.
6. Religious matters.
7. Easing of life.
19 [68]
Homo liber de nulla re minus quam de morte cogitat et ejus sapientia non mortis sed vitae meditatio est. Spinoza.
19 [69]
Those who think more sharply may not like the images of poets, as too much of the dissimilar is brought into memory at once; just as someone who hears sharply hears the overtones of a tone as a discordant chord.
19 [70]
c. 4. the free spirit and the philosopher.
5. within a culture: examples.
6. current position.
7. future.
19 [71]
The compassionate person feels like the stronger one, which gives pleasure, as ready to intervene, if only he could help. Pain, like the aesthetic, is an echo.
19 [72]
| Themata: |
| on the maxim. |
| on the novella. |
| Against the poets. |
| The philosopher for pleasure, who thinks of predecessors, not successors (where is the pleasure?). |
| Difference between free spirit and philosopher. |
| Thucydides as the ideal of the free-spirited sophist. |
| Origin of pity. |
| Suicide in religions. |
| The sick. |
| Vanities of scholars. |
19 [73]
One seeks to connect the things that evoke a similar feeling in us, for example, spring, love, the beauty of nature, divinity, etc. This interweaving of things corresponds in no way to the actual causal connection. Poets and philosophers love to arrange things in this way; art and morality come together.
19 [74]
They call the unification of the German governments into one state a “great idea.” It is the same kind of people who will one day be enthusiastic about the united states of Europe: it is the even “greater idea.”
19 [75]
The diversity of languages prevents most from seeing what is fundamentally happening—the disappearance of the national and the creation of the European human.
19 [76]
All the foundations of culture have become obsolete: therefore culture must perish.
19 [77]
The 10 Commandments of the Free Spirit.
You shall neither love nor hate peoples.
You shall not engage in politics.
You shall be neither rich nor a beggar.
You shall avoid the famous and the influential.
You shall take your wife from a people other than your own.
You shall have your children educated by your friends.
You shall not submit to any ceremony of the Church.
You shall not regret a wrongdoing, but instead do one more good deed because of it.
You shall prefer exile in order to be able to speak the truth.
You shall allow the world to be against you and you against the world.
19 [78]
Cap. II. The Freethinker in the Present.
Cap. III. Goals of the Freethinker: Future of Mankind.
Cap. IV. Origin of the Freethinker.
19 [79]
Future in a few centuries. Economy of the Earth, letting bad races die out, breeding better ones, one language. Completely new conditions for humans, even for a higher being? Now it is the merchant class that prevents a complete relapse into barbarism (telegraphy, geography, industrial invention, etc.).
19 [80]
To tell the truth when falsehood reigns is mixed with so much pleasure that a person chooses exile, even worse, for its sake.
19 [81]
He cursed the scholars and wanted to live only in good company. Voltaire (Zadig)
19 [82]
Philologists.
Whence the stupidity of gymnasium students? Through the example of the teachers, who dumb everything down, the authors, etc.
Why are philologists so eager for corrupted passages? Out of vanity: they care nothing for the ancients, but very much for themselves.
Is there a witty school edition?
19 [83]
Because people find little of value in the world insofar as it is explicable, they believe that the true and important must lie in the inexplicable; they attach their highest feelings and intuitions to the dark and inexplicable. Now, nothing essential may lie in this unilluminated realm—it could be empty: the same result would emerge for humanity if they merely had a dark spot in their knowledge: from this, they then conjure up what they need and populate the dark passage with spirits and premonitions.
19 [84]
If man gets used to strictly adhering to the truth and guarding against all metaphysical obscurities, then perhaps one day the enjoyment of poetry would be associated with the feeling of doing something forbidden: it would be a sweet pleasure, but not without pangs of conscience afterward and in the process.
19 [85]
The so-called metaphysical need proves nothing about a reality corresponding to this need: on the contrary, because we are in need here, we hear the language of the will, not that of the intellect, and go astray if we believe this language. A God would be to be assumed if he were provable, without a need making him appear necessary to us.
19 [86]
Themata.
Of the Free Spirit.
The Inexplicable and the Explicable.
Decline of the Old Culture.
Causes of Art.
Suicide.
Vanity of Scholars.
The Maxim.
The Writer.
The Sick.
The Improveability of People.
On the Novella.
Social Intercourse.
The Intellect of Women.
Friendship.
Phases of Morality.
On Power.
Simplicity of the Good.
Hope.
Nobility.
Struggle Against Fate.
Good and Evil.
Substitution of Religious Motives.
Promises.
Intellect and Morality.
Boredom—Leisure.
Punishment and Remorse.
Philologists as Teachers.
Thucydides as a Type of Sophistic Free Thought.
19 [87]
The judgments of jury courts are incorrect for the same reason that a teacher's censorship of a student is incorrect: they arise from a mediation between the various judgments rendered: assuming the best case, one of the jurors has judged correctly, the overall result is the middle between the correct and several incorrect judgments, i.e., in any case incorrect.
19 [88]
A poet does not need to have such a definite concept of his audience in his soul as the painter does of a specific distance from the picture when it is to be viewed correctly, and of a specific visual acuity of the viewer. The more recent poems are only partially enjoyed by us; each person picks what frightens him; we do not stand in the necessary relationship to these works of art.
The poets themselves are uncertain and have now this, now that listener in mind; they themselves do not believe that their entire intention is grasped and seek to please through details or through the subject matter. How now everything that a narrator does well is lost on today's audience: which only wants the subject matter of the narrative and wishes to be carried away, overwhelmed by the fact, which the criminal records, for example, contain best, not by the art of the narrator.19 [89]
Prehistoric ages are determined by tradition over immeasurable periods of time, nothing happens. In historical time, every fact is a departure from tradition, a difference of opinion, it is freethinking that makes history. The faster the shift in opinions occurs, the faster the world moves, the chronicle turns into the journal, and finally the telegraph records how human opinions have changed within hours.
19 [90]
A beautiful woman in marriage must have very many good qualities to make up for the fact that she is beautiful.
19 [91]
Communicability of truth, of opinions in general.
19 [92]
What does an opinion achieve?— asks the statesman. Is it a force?
19 [93]
People become accustomed to value a foreign opinion higher than their own.
19 [94]
The pious ask: does this opinion make you happy?—this is considered proof for and against the truth. If now a madman believes he is God and is happy in that—as it happens—then it is consequently proven that there is a God.
19 [95]
In a tragedy, eloquence will necessarily prevail, which is practiced and highly valued in a particular era. This was the case with the Greeks, the French, and also with Shakespeare. In his works, the Spanish influence that prevailed at the court of Elizabeth is unmistakable: the abundance of imagery, its contrivance, is not universally human but Spanish. In the Italian novella as in Le Sage, the noble art of speech of the aristocracy and the Renaissance prevails.— We have no courtly eloquence, nor any public eloquence like the Greeks: hence there is nothing to the speech in drama, it is naturalizing. Goethe in Tasso reverts to the Renaissance model. Schiller depends on the French. Wagner entirely abandons the art of speech.
19 [96]
Man has the tendency, when seeking reasons for the traditional, to always give the deepest reasons. For he senses the immense beneficial consequences, so he searches for a deep, wise intention in the soul of those who established the tradition.— But it is the opposite; the origin of God, of marriage is shallow and foolish, the foundation of tradition is to be set very low intellectually.
19 [97]
When one overturns a belief, one does not overturn the consequences that have grown out of it. These continue to live by virtue of tradition: tradition closes its eyes to the connection between belief and consequence. The consequence appears to exist for its own sake. The consequence disowns its father.
19 [98]
What is the reaction of opinions? When an opinion ceases to be interesting, one seeks to lend it a stimulus by holding it up against its counter-opinion. Usually, however, the counter-opinion seduces and makes a new confessor: it has meanwhile become more interesting.
19 [99]
Aristotle believes that through tragedy the excess of pity and fear is discharged, the listener returns home colder. Plato, on the other hand, believes that he is more sentimental and anxious than ever.— Plato’s question about the moral significance of art has not yet been raised again. The artist needs the unleashing of passion. We can hardly tolerate the passions that the Athenian comedian wants to discharge in his audience: lust, malice, indecencies, etc.
In fact, Athens has become effeminate. Art cannot be considered a substitute for religion: for the one who has achieved perfection, it is superfluous; for the one who is struggling, it is not a substitute for religion, but at most an aid to religion.— Perhaps its position is as Mainländer takes it, an aid to knowledge, allowing the peace and great success of knowledge to be seen from afar like blue mountains. The substitute for religion is not art, but knowledge.19 [100]
Religions do not express any truths sensu allegorico, but rather no truths—this is to be objected to Schopenhauer. The consensus gentium in
religious views is rather a counterargument against the underlying truth. Not an ancient priestly wisdom, but fear of the inexplicable is the origin of religion: what reason there is in it has entered it by stealth.
19 [101]
The study of psychology belonged to ancient rhetoric. How far back we have gone! The party press has actually a piece of psychology, also diplomacy—all as practice. The new psychology is indispensable for the reformer.
19 [102]
The new reformer takes people like clay. Through time and institutions, everything can be molded into them; one can make them into animals and into angels. There is little that is fixed. “Reshaping of humanity!”
19 [103]
Everything must be conceded that religion has of use for man: directly bestowing happiness and comfort. If one cannot wed truth with utility, its cause is lost. Why should humanity sacrifice itself for truth? Indeed, it cannot. All striving for truth has hitherto had utility in view: it was the distant usefulness of mathematics that the father valued in his studying son. One would have taken a man for a fool who occupies himself with something from which nothing comes, or even harm. One would hold him who spoils the air that men breathe to be a public danger. If religion is necessary for life, then he who shakes it is a public danger: if the lie is necessary, then it must not be shaken. So—is truth possible in connection with life? —
19 [104]
One takes care of oneself—and then also for the son: the latter consideration prevents the person from living entirely individually and ruthlessly. He wants institutions that will benefit his son. This is how the continuation of humanity depends: if people have no children, everything falls apart. The care for the child ensures possession and a secure position: for property and the order of society. Greed and ambition are the drives that perhaps connect with this concern for the offspring: they are very strong through inheritance, even when in the specific case the offspring is missing: when the goal of the striving, the head, is cut off: nevertheless, the body still moves.
19 [105]
A good educator may find himself in the position of having to sharply offend the pupil, just to nip in the bud a stupidity that he is about to utter.
19 [106]
The martyr against his will and the honest man who is despised as a coward, etc., while he is only as he can be.
19 [107]
It is in the nature of bound spirits to prefer some explanation to none; in doing so, one is content. High culture demands that some things be left quietly unexplained:.
19 [108]
The dark matter is considered more important and dangerous than the light one. Fear resides in the innermost depths of human imagination. The final form of the religious consists in admitting that there are dark, inexplicable realms at all; in these, one believes, the world riddle must lie.
19 [109]
Through the pile dwellings etc. it is proven that there has been a progress of mankind. Whether, however, this assumption is permitted on the basis of the last 4000 years of mankind is questionable. But science has advanced: with that the highest form of previous culture is destroyed and can never arise again.
19 [110]
The instinct is like a worm whose head has been cut off and yet continues to move in the same direction.
19 [111]
Love is not explained at all by Schopenhauer. The sexual aspect once. Then the specific inclination from aesthetic co-judgments, which have become very strong through inheritance. The Black man wants the Black woman and despises the White woman. Nothing is gained with the "genius of the species".
19 [112]
Not to be immortal, not out of consideration for propagation are people in love: against Plato. But for the sake of pleasure. They would be, even if women were infertile; all the more so! Greek pederasty not unnatural, whose causa finalis, according to Plato, is supposed to be “to produce beautiful speeches.”
19 [113]
Every person takes the highest interest in themselves, but is accustomed to respecting the judgment of others more than their own: belief in authority, inherited and acquired, the foundation of society, custom, etc. From these two premises arises vanity: the person establishes their own worth through the judgment of others before themselves.
19 [114]
All that is moral was once not yet “custom” but compulsion. Only since there has been tradition, have there been good deeds.
19 [115]
Altruistic impulses can be methodologically traced back to egoistic ones. The social instinct originates from the individual who realizes that they can only survive by joining a union. The appreciation of the social is then inherited and, since the most useful members are also the most honored, continually strengthened. Now there is a bright flame to suffer everything for the fatherland (and for any similar association, e.g., science). The egoistic purpose is forgotten.
"The “good” arises when one forgets the origin.— The parental instinct was first cultivated on a large scale in society; one needs descendants, so one protects marriage and honors it.— Even unselfish love (between the sexes) is probably first a forced matter, forced by society forced. Only later does it become habitual and inherited, and finally like an original impulse. At first, the drive is only for satisfaction, without regard for the other individual, cruel.— Can all parental instincts of animals also be traced back to society? —"19 [116]
Here begin the “Thoughts and Drafts” from autumn and winter 1876.
On 22 December 1876, I wrote this last page.
19 [117]
Introduction.
To remember Goethe “when someone speaks, they should speak positively.”
19 [118]
Human, All Too Human.
Social Maxims.
19 [119]
The maxim as a theme of sociability.
19 [120]
The old culture.
- The impure thinking in the foundation of culture.
- Morality.
- Religion.
- Art (Language).
- The Freethinkers.
- The Women.
- The Saints.
- The Appreciation of Life.
- Law.
- Peoples.
- Science.
- Disappearance of the old culture.