8, 18[1-62] September 1876

18 [1]

“Willst du mir folgen, so baue mit dem Pfluge!, dann geniessen deiner Viele, dein geneusst sicherlich der Arme und der Reiche, dein geneusst der Wolf und der Aar und durchaus alle Creatur.”

Der Meier Helmbrecht.
 

Wege zur geistigen Freiheit.

18 [2]

1.2. Alle öffentlichen Schulen sind auf die mittelmässigen Naturen eingerichtet, also auf Die, deren Früchte nicht sehr in Betracht kommen, wenn sie reif werden. Ihnen werden die höheren Geister und Gemüther zum Opfer gebracht, auf deren Reifwerden und Früchtetragen eigentlich Alles ankommt. Auch darin zeigen wir uns als einer Zeit angehörig, deren Cultur an den Mitteln der Cultur zu Grunde geht. Freilich die begabte Natur weiss sich zu helfen: ihre erfinderische Kraft zeigt sich namentlich darin, wie sie, trotz dem schlechten Boden, in den man sie setzt, trotz der schlechten Umgebung, der man sie anpassen will, trotz der schlechten Nahrung, mit der man sie auffüttert, sich bei Kräften zu erhalten weiss. Darin liegt aber keine Rechtfertigung für die Dummheit Derer, welche sie in diese Lage versetzen.

18 [3]

3. Loslösung von der nicht verstehenden Umgebung:—Eine tiefe Verwundung und Beleidigung entsteht, wenn Menschen, mit denen man lange vertraulich umgegangen ist und denen man vom Besten gab, das man hatte, gelegentlich Geringschätzung gegen uns merken lassen. Wer mit den Menschen vorsichtig umgeht und sie nicht verletzt, um nicht verletzt zu werden, erfährt gewöhnlich zu seinem Schrecken, dass die Menschen seine Vorsicht gar nicht gemerkt haben oder gar, dass sie sie merken und sich über sie hinwegsetzen, um ihren Spaass dabei zu haben.

18 [4]

4. Mittel, Leute von sich zu entfernen:—Man kann Niemanden mehr verdriessen und gegen sich einnehmen, als wenn man ihn zwingen will, an Dinge zu denken, welche er sich mit aller Gewalt aus dem Sinne schlagen will, z. B. Theologen an die Ehrlichkeit im Bekennen, Philologen an die erziehende Kraft des Alterthums, Staatsmänner an den Zweck des Staates, Kaufleute an den Sinn alles Gelderwerbes, Weiber an die Zu- und Hinfälligkeit ihrer Neigungen und Bündnisse.

18 [5]

8. Es ist nützlich, mehr zu fordern:—Wer etwas erreichen will, muss sehr nachdrücklich noch mehr fordern; man bewilligt ihm dann das geringere Maass seiner Forderung und ist zufrieden damit, dass er sich zufrieden giebt.

18 [6]

12. Werth einer gedrückten Stimmung.— Menschen, welche unter einem inneren Druck leben, neigen zu Ausschweifungen,—auch des Gedankens. Grausamkeit ist häufig ein Zeichen einer unfriedlichen inneren Gesinnung, welche Betäubung begehrt; ebenso eine gewisse grausame Rücksichtslosigkeit des Denkens.

18 [7]

24. Reist man von Ort zu Ort weiter, und fragt man überall, welche Köpfe an jedem Ort die höchste Geltung haben, so findet man, wie selten überlegene Intelligenzen sind. Gerade mit den geachteten und einflussreichen Intelligenzen möchte man am Wenigsten auf die Dauer zu thun haben, denn man merkt ihnen an, dass sie nur als Anführer der vortheilhaften Ansichten diese Geltung haben, dass der Nutzen Vieler ihnen ihr Ansehen giebt. Ein Land von vielen Millionen Köpfen schrumpft bei einem solchen Blicke zusammen, und Alles, was Geltung hat, wird Einem verdächtig.

Bei den Schutzzöllnern und Freihändlern handelt es sich um den Vortheil von Privatpersonen, welche sich einen Saum von Wissenschaft und Vaterlandsliebe angelogen haben.

18 [8]

27. Ohne Productivität ist das Leben unwürdig und unerträglich: gesetzt aber, ihr hättet keine Productivität oder nur eine schwache, dann denkt über Befreiung vom Leben nach, worunter ich nicht sowohl die Selbsttödtung, als jene immer völligere Befreiung von den Trugbildern des Lebens verstehe—bis ihr zuletzt wie ein überreifer Apfel vom Baume fallt. Ist der Freigeist auf der Höhe angelangt, so sind alle Motive des Willens an ihm nicht mehr wirksam, selbst wenn sein Wille noch anbeissen möchte: er kann es nicht mehr, denn er hat alle Zähne verloren.

18 [9]

31. Den Glauben an Gott, Freiheit und Unsterblichkeit soll man wie die ersten Zähne verlieren, dann wächst einem erst das rechte Gebiss.

18 [10]

32. Von der Todesfurcht zu erlösen ist vielleicht das Eine Mittel: ein ewiges Leben zu lehren; ein andres sichereres jedenfalls, Todesverlangen einzuflössen.

18 [11]

33. Religiöse Meinungen gewöhnt man uns in den ersten fünfzehn Jahren unseres Lebens an, und in den nächsten fünfzehn Jahren wieder ab, im zehnten Lebensjahr ist jetzt gewöhnlich ein Mensch am religiösesten.— Wenn es nützlich sein sollte, den Menschen zuerst an die Brust der Amme Religion zu legen und ihn die Milch des Glaubens trinken zu lassen, so dass er erst später, und allmählich, an Brod und Fleisch der Erkenntniss gewöhnt wird: so scheint mir doch die Zeit zu lang, in Anbetracht der Kürze des menschlichen Lebens. Die jetzige Oekonomie würde vielleicht im Rechte sein, wenn der Mensch erst im sechzigsten Jahr in die Blüthezeit seiner Kraft und Vernunft träte. Aber thatsächlich wird er jetzt zu gleicher Zeit weise und kraftlos. —

18 [12]

38. Es ist entweder das Zeichen einer sehr ängstlichen oder sehr stolzen Gesinnung, in Jedermann, auch in Freunden, Gönnern, Lehrern, die Gefahr eines tyrannischen Übergewichtes zu sehen, und sich in Acht zu nehmen, grosse Wohlthaten zu empfangen. Aber es wird keinen Freigeist geben, der nicht diese Gesinnung hätte.

Menschliches und Allzumenschliches.

18 [13]

51. Menschen, deren Umgang uns unangenehm ist, thun uns einen Gefallen, wenn sie uns einen Anlass geben, uns von ihnen zu trennen. Wir sind hinterdrein viel eher bereit, ihnen aus der Ferne Gutes zu erweisen oder zu gönnen.

18 [14]

52. Man denkt sich den moralischen Unterschied zwischen einem ehrlichen Manne und einem Spitzbuben viel zu gross; dagegen ist gewöhnlich der intellectuelle Unterschied gross. Die Gesetze gegen Diebe und Mörder sind zu Gunsten der Gebildeten und Reichen gemacht.

18 [15]

55. Es giebt viel mehr Behagen, als Unbehagen in der Welt. Practisch ist der Optimismus in der Herrschaft;—der theoretische Pessimismus entsteht aus der Betrachtung: wie schlecht und absurd der Grund unseres Behagens ist; er wundert sich über die geringe Besonnenheit und Vernunft in diesem Behagen; er würde das fortwährende Unbehagen begreiflich finden.

18 [16]

57. Die Seelenunruhe, welche die philosophischen Menschen an sich verwünschen, ist vielleicht gerade der Zustand, aus dem ihre höhere Productivität hervorquillt. Erlangten sie jenen völligen Frieden, so hätten sie wahrscheinlich ihre beste Thätigkeit entwurzelt und sich damit unnütz und überflüssig gemacht.

18 [17]

58. Jeder, der geheimnissvoll von seinem Vorhaben spricht, oder der merken lässt, dass er gar nicht davon spreche, stimmt seine Mitmenschen ironisch.

18 [18]

60. In Lastern und bösen Stimmungen sammelt oft der gute Hang in uns sein Quellwasser, um dann stärker hervorzubrechen. Wenn die Tugend geschlafen hat, wird sie frischer aufstehen.

18 [19]

62. Was kann das Motiv für die jetzt geforderte Abschliessung der Nationen von einander sein, während doch alles Andere auf Verschmelzung derselben hinweist? Ich glaube dynastische Interessen und kaufmännische Interessen gehen da Hand in Hand. Sodann benutzen alle liberalen Parteien die nationale Abschliessung als einen Umweg, um das sociale Leben freier zu gestalten. Während man grosse Nationalstaaten aufbaut, wird man viele kleinere Machthaber und den Einfluss einzelner bedrückender Kasten los; dabei versteht es sich von selbst, dass dieselbe Macht, welche jetzt den Kleinstaat zertrümmern muss, einstmals den Grossstaat zertrümmern muss. Ein blindes Vorurtheil ist es dagegen, es seien die Racen und die Verschiedenheit der Abstammung, was jetzt die Nationen zu Grossstaaten umbildet.

18 [20]

64. Über den Fleiss machen die Gelehrten viele schöne Worte; die Hauptsache ist, dass sie sich ohne ihren Fleiss zu Tode langweilen würden.

18 [21]

65. Das Christenthum und La Rochefoucauld sind nützlich, wenn sie die Motive des menschlichen Handelns verdächtigen: denn die Annahme von der gründlichen Ungerechtigkeit jedes Handelns, jedes Urtheilens hat großen Einfluß darauf, daß der Mensch sich von dem allzuheftigen Wollen befreie.

18 [22]

66. Junge Leute klagen oft, dass sie keine Erfahrungen gemacht haben, während sie gerade daran leiden, zu viele gemacht zu haben: es ist der Gipfel der modernen Gedankenlosigkeit.

18 [23]

67. Die Philosophen zweiten Ranges zerfallen in Nebendenker und Gegendenker, das heisst in solche, welche zu einem vorhandenen Gebäude einen Seitenflügel entsprechend dem gegebenen Grundplane ausführen (wozu die Tugend tüchtiger Baumeister ausreicht), und in solche, die in fortwährendem Widerstreben und Widersprechen so weit geführt werden, daß sie zuletzt einem vorhandenen System ein anderes entgegenstellen. Alle übrigen Philosophen sind Überdenker, Historiker dessen was gedacht ist, derer die gedacht haben: jene wenigen abgerechnet, welche für sich stehen, aus sich wachsen und allein “Denker” genannt zu werden verdienen. Diese denken Tag und Nacht und merken es gar nicht mehr, wie die welche in einer Schmiede wohnen, nicht mehr den Lärm der Ambose hören: so geht es ihnen wie Newton (der einmal gefragt wurde, wie er nur zu seinen Entdeckungen gekommen sei, und der einfach erwiderte: “dadurch daß ich immer daran dachte.”)

18 [24]

68. In doppelter Weise ist das Publicum unhöflich gegen einen Schriftsteller: Es lobt das eine Werk desselben auf Unkosten eines anderen vom gleichen Autor und dann: es fordert, wenn der Autor einmal geschrieben hat, immer neue Schriften—als ob es dadurch, dass es beschenkt worden wäre, ein Übergewicht über den Geber bekommen habe.

18 [25]

71. Zeichen einer rücksichtslosen Überlegenheit von Seiten befreundeter oder durch Dankbarkeit uns verpflichteter Personen sind sehr schmerzlich und schneiden tief in’s Herz.

18 [26]

77. Man klagt über die Zuchtlosigkeit der Masse; wäre diese erwiesen, so fiele der Vorwurf schwer auf die Gebildeten zurück; die Masse ist gerade so gut und böse wie die Gebildeten sind. Sie zeigt sich in dem Maasse böse und zuchtlos, als die Gebildeten zuchtlos sich zeigen; man geht ihr als Führer voran, man mag leben wie man will; man hebt oder verdirbt sie, je nachdem man sich selber hebt oder verdirbt.

18 [27]

90. Fast jeder gute Schriftsteller schreibt nur Ein Buch. Alles Andere sind nur Vorreden, Vorversuche, Erklärungen, Nachträge dazu; ja mancher sehr gute Schriftsteller hat sein Buch nie geschrieben, zum Beispiel Lessing, dessen intellectuelle Bedeutsamkeit sich hoch über jede seiner Schriften, jeden seiner dichterischen Versuche erhebt.

18 [28]

91. Ich unterscheide grosse Schriftsteller, nämlich sprachbildende—solche, unter deren Behandlung die Sprache noch lebt oder wieder auflebt—und classische Schriftsteller. Letztere werden classisch in Hinsicht auf ihre Nachahmbarkeit und Vorbildlichkeit genannt, während die grossen Schriftsteller nicht nachzuahmen sind. Bei den classischen Schriftstellern ist die Sprache und das Wort todt; das Thier in der Muschel lebt nicht mehr, und so reihen sie Muschel an Muschel. Aber bei Goethe lebt es noch.

18 [29]

92. Wie kommt es, dass der Verliebte die Wirkung der Tragödie und jeder Kunst stärker empfindet, während doch das völlige Schweigen des Willens als der eigentliche contemplative Zustand bezeichnet wird? Es scheint vielmehr, dass der Wille gleichsam erst aufgepflügt werden muss, um den Saamen der Kunst in sich aufzunehmen.

Das leichte Leben.

18 [30]

101. Jeder Mensch hat seine eigenen Recepte dafür, wie das Leben zu ertragen ist und zwar wie es leicht zu erhalten ist oder leicht zu machen ist, nachdem es sich einmal als schwer gezeigt hat.

18 [31]

104. Wenn das Leben im Verlauf der Geschichte immer schwerer empfunden werden soll, so kann man wohl fragen, ob die Erfindungsgabe der Menschen zuletzt auch für die höchsten Grade dieser Erschwerung ausreicht.

18 [32]

112. Der Mensch, der diesen christenmässigen Trost nicht hat und dem andererseits die Philosophie nicht das Gegengeschenk der völligen Unverantwortlichkeit machte, ist schlimm daran: er kennt sich selber nur zu gut und verachtet sich, weil er sein Wesen irrthümlicher Weise sich als Schuld bemisst; desshalb sieht er auf den Mit-Menschen mit Angst, dass der nicht hinter seine Heimlichkeiten kommt. Er hält den Mit-Menschen entweder wirklich besser als sich, weil er ihn weniger kennt, oder er stellt sich, als ob er ihn für besser halte, um ihn für sich zu gewinnen und zu einem gleichen Gefühle gegen sich zu stimmen. Die Eitelkeit und Ehrsucht der Menschen ruht meistens auf dem Gefühl der eigenen Verachtung: sie wollen, dass man sich über sie täusche; sie freuen sich über jedes Urtheil des Mit-Menschen, wenn es für sie günstig lautet, selbst, wenn sie wissen, dass es falsch ist; ihr Bestreben ist, zu verhüten, dass über sie die ganze Wahrheit an’s Licht komme.

18 [33]

113. Die Mittel gegen Schmerzen, welche Menschen anwenden, sind vielfach nur Betäubungen. Alle solche Mittel aber gehören einer niedrigen Stufe der Heilkunst an. Betäubungen durch Vorstellungen findet man in den Religionen und Künsten, die insofern in die Geschichte der Heilkunst gehören. Besonders verstehen sich Religionen darauf, durch Annahmen die Ursache des Leidens aus den Augen zu rücken, zum Beispiel dadurch, dass sie Aeltern, denen ein Kind gestorben ist, sagen, es sei nicht gestorben und in Hinblick auf den Leichnam hinzufügen, ihr Kind lebe sogar als ein schöneres fort.

18 [34]

115. Es ist bekannt, dass Liebe und Verehrung nicht leicht in Bezug auf dieselbe Person mit einander empfunden werden können. Das Schwerste und Seltenste wäre aber dies, daß höchste Liebe und der niedrigste Grad der Achtung sich bei einander fänden; also Verachtung als Urtheil des Kopfes und Liebe als Trieb des Herzens. Und trotzdem, dieser Zustand ist möglich und durch die Geschichte bewiesen. Der, welcher sich selbst mit der reinsten Art von Liebe lieben könnte, wäre der, welcher sich zugleich selbst verachtete, und welcher zu sich spräche: verachte Niemanden, ausgenommen dich selbst, weil du dich allein kennen kannst. Diess ist vielleicht die Stellung des Stifters der christlichen Religion zur Welt. Selbstliebe aus Erbarmen mit sich und seiner völligen Verächtlichkeit ist Kern des Christenthums ohne alle Schaale und Mythologie. Das Gefühl dieser Verächtlichkeit entspringt aus Selbsterkenntniss und diese wieder aus Rachebedürfniß. Hat Jemand genug an sich gelitten, sich selbst genug verletzt durch Sündhaftigkeit aller Art, so beginnt er gegen sich das Gefühl der Rache zu fühlen. Eindringende Selbstbetrachtung und zuletzt Selbstverachtung sind die natürlichen Folgen, bei manchen Menschen selbst Askese, d. h. Rache an sich in Thätlichkeit des Widerwillens und Hasses. Auch darin, dass der Mensch sich mehr Mühe und Hast zumuthet, zeigt sich derselbe Hang zur Rache an sich. Dass bei alledem der Mensch sich noch liebt, erscheint dann wie ein Wunder, und gewöhnlich legt man eine solche geläuterte und unbegreifliche Liebe einem Gotte bei, aber der Mensch selbst ist es, der einer solchen Liebe fähig ist in einer Art von Selbstbegnadigung denn er kann nicht aufhören, sich zu lieben, da seine Liebe nie Sache des Kopfes sein kann. In diesem Zustande wird die Liebe Herr über das Gefühl der Rache, der Mensch vermag wieder zu handeln und weiter zu leben; er hält freilich dieses Handeln und alles irdische Streben nicht sehr hoch, es ist fast zwecklos, aber er kann nicht anders, als handeln; wie der Christ der ersten Zeit sich durch den Hinblick auf den Untergang der Welt tröstet und dann endlich seiner verächtlichen, zum Handeln treibenden Natur verlustig zu gehen hofft, so kann jetzt jeder Mensch wissen, dass es mit der Menschheit jedenfalls einmal vorbei sein wird und damit muss sich der Ausdruck der Ziellosigkeit auf alles menschliche Streben legen; dazu wird er immer mehr hinter die Grundirrthümer in allen Bestrebungen kommen und sie an’s Licht bringen; ihnen allen liegt unreines Denken zu Grunde. Er wird zum Beispiel einsehen, dass alle Aeltern ihr Kind ohne Verantwortung erzeugen und ohne Kenntniss des zu Erziehenden erziehen, sodass sie nothwendig Unrecht thun und sich an einer fremden Sphäre vergreifen. Es gehört diess eben zur Unseligkeit der Existenz, und so wird der Mensch zuletzt bei allem, was er thut, sich voller Ungenüge fühlen und das Höchste, was er erreichen kann, wird sein: Mitleid mit sich zu haben; die Liebe und das Mitleid mit sich selber sind für die höchsten Stufen der Erschwerung des Lebens aufgespart, als die stärksten Erleichterungsmittel.

Weib und Kind.

18 [35]

116. Auf die verfängliche Frage, woher bist du Mensch? antworte ich: aus Vater und Mutter, dabei wollen wir einmal stehen bleiben.

18 [36]

118. Wenn ich überall eine Erniedrigung der Deutschen finde, so nehme ich als Grund an, dass seit vier Jahrzehnten ein gemeinerer Geist bei den Ehestiftungen gewaltet hat, zum Beispiel in den mittleren Klassen die reine Kuppelei um Geld und Rang; die Töchter sollen versorgt werden und die Männer wollen Vermögen oder Gunst erheirathen; dafür sieht man den Kindern auch den gemeinen Ursprung dieser Ehen an.

18 [37]

119. Das Beste an der Ehe ist die Freundschaft. Ist diese gross genug, so vermag sie selbst über das Aphrodisische mildernd hinwegzusehen und hinwegzukommen. Ohne Freundschaft macht die Ehe beide Theile gemein denkend und verachtungsvoll.

18 [38]

123. Das Beisammenleben der Ehegatten ist das Hauptmittel, um eine gute Ehe selten zu machen, denn selbst die besten Freundschaften vertragen diess nur selten.

18 [39]

124. Zu dem Rührendsten in der guten Ehe gehört das gegenseitige Mitwissen um das widerliche Geheimniss, aus welchem das neue Kind gezeugt und geboren wird. Man empfindet namentlich in der Zeugung die Erniedrigung des Geliebtesten aus Liebe.

18 [40]

125. Für die Existenz braucht kein Sohn seinem Vater dankbar zu sein, vielleicht darf er ihm sogar wegen bestimmter vererbter Eigenschaften (Hang zu Jähzorn, Wollust) zürnen. Väter haben viel zu thun, um es wieder gut zu machen, dass sie Söhne haben.

18 [41]

126. Väter, welche ihr eigenes Ungenügen recht herzlich fühlen und sich nach der Höhe des Intellektes und Herzens fortwährend hinauf sehnen, haben ein Recht, Kinder zu zeugen. Einmal geben sie diesen Hang diese Sehnsucht mit, sodann ertheilen sie schon dem Kinde manchen grossen Wink über das wahrhaft Erstrebenswerthe, und für solche Winke pflegt der Erwachsene seinen Aeltern einzig wirklich dankbar zu sein.

18 [42]

130. Der Mensch ist dazu bestimmt entweder Vater oder Mutter zu sein, in irgend welchem Sinne. Ohne Productivität ist das Leben grässlich, desshalb mache ich mir aus der Jugend nichts, denn in ihr ist es nicht möglich oder nicht vernünftig, zu produciren.

18 [43]

131. Wären die Weiber so beflissen auf die Schönheit der Männer, so würden endlich der Regel nach die Männer schön und eitel sein—wie es jetzt der Regel nach die Weiber sind. Es zeigt die Schwärmerei und vielleicht die höhere Gesinnung des Mannes, dass er das Weib schön will. Es zeigt den größeren Verstand und die Nüchternheit der Weiber (vielleicht auch ihren Mangel an ästhetischem Sinne), dass die Weiber auch die hässlichen Männer annehmen; sie sehen mehr auf die Sache, das heisst hier: Schutz, Versorgung; die Männer mehr auf den schönen Schein, auf Verklärung der Existenz, selbst wenn diese dadurch mühsäliger werden sollte.

18 [44]

135. Es setzt die Liebe tief unter die Freundschaft, dass sie ausschliesslichen Besitz verlangt, während einer mehrere gute Freunde haben kann, und diese Freunde unter sich einander wieder Freund werden.

18 [45]

140. Frauen, welche ihre Söhne besonders lieben, sind meistens eitel und eingebildet. Frauen, welche sich nicht viel aus ihren Söhnen machen, haben meistens Recht damit, geben aber zu verstehen, dass von einem solchen Vater kein besseres Kind zu erwarten gewesen sei: so zeigt sich ihre Eitelkeit.

Über die Griechen.

18 [46]

143. Denkt man sich die Griechen als wenig zahlreiche Stämme, auf einem reichbevölkerten Boden, wie sie das Festland im Innern mit einer Race mongolischer Abkunft bedeckt fanden, die Küste mit einem semitischen Streifen verbrämt und dazwischen Thrazier angesiedelt fanden, so sieht man die Nöthigung ein, vor Allem die Superiorität der Qualität festzuhalten und immer wieder zu erzeugen; damit übten sie ihren Zauber über die Massen aus. Das Gefühl, allein als höhere Wesen unter einer feindsäligen Überzahl es auszuhalten, zwang sie fortwährend zur höchsten geistigen Spannung.

18 [47]

146. Der platonische Sokrates ist im eigentlichen Sinne eine Carricatur; denn er ist überladen mit Eigenschaften, die nie an Einer Person zusammensein können. Plato ist nicht Dramatiker genug, um das Bild des Sokrates auch nur in einem Dialoge festzuhalten. Es ist also sogar eine fliessende Carricatur. Dagegen geben die Memorabilien des Xenophon ein wirklich treues Bild, das gerade so geistreich ist, als der Gegenstand des Bildes war; man muss dieses Buch aber zu lesen verstehen. Die Philologen meinen im Grunde, dass Sokrates ihnen nichts zu sagen habe, und langweilen sich desshalb dabei. Andere Menschen fühlen, dass dieses Buch zugleich sticht und beglückt.

18 [48]

153. Die Götter machen den Menschen noch böser, wenn sie ihm nicht wohl wollen; das ist nicht nur griechisch, das ist Menschennatur. Wen Einer nicht lieben mag, von dem wünscht er im Stillen, dass er schlechter werde und so gleichsam seine Abneigung rechtfertige. Es gehört diess in die düstere Philosophie des Hasses, die noch nicht geschrieben ist.

Fortsetzung von
Menschliches und Allzumenschliches.”

18 [49]

154. Ein dummer Fürst, der Glück hat, ist vielleicht das glücklichste Wesen unter der Sonne, denn der Anstand des Hofes lässt ihn sich gerade so weise dünken, als er zum Glücke nöthig hat. Ein dummer Fürst, der Unglück hat, lebt immer noch erträglich, denn er kann seinen Unmuth und sein Misslingen an Anderen auslassen. Ein kluger Fürst, der Glück hat, ist gewöhnlich ein glänzendes Raubthier; ein kluger Fürst, der Unglück hat, dagegen ein sehr gereiztes Raubthier, welches man in einen Käfig sperren soll; er täuscht sich nicht über seine Fehlgriffe und das macht ihn so böse. Ein kluger Fürst, der dabei gut ist, ist meistens sehr unglücklich, denn er muss Vieles thun, für das er zu gut oder zu klug ist.

18 [50]

155. Im Grunde hält man das Streben und die Absichten eines Menschen, seien sie auch noch so gefährlich und absonderlich, für entschuldigt oder mindestens für verzeihlich, wenn er sein Leben dafür einsetzt. Die Menschen können vielleicht durch nichts so deutlich ausdrücken, wie hoch sie den Werth des Lebens nehmen.

18 [51]

156. Unser Verbrechen gegen Verbrecher besteht darin, dass wir sie wie Schufte behandeln. Ich wünschte einmal, die Definition des Schuftes zu hören. Das eigentlich Schuftige scheint für das Auge der Justiz unerkennbar zu sein und desshalb erreicht auch ihr Arm es nicht.

18 [52]

157. Der Sinn der ältesten Strafen ist nicht: vor dem Vergehen abzuschrecken, sondern erstens: ein Versuch, den Schaden wieder gut zu machen, zum Beispiel durch ein Bussgeld an die Verwandten des Erschlagenen; zweitens gehören Maassregeln hieher, welche das Gemeinwesen trifft, um sich als Ganzes vor dem Zorn einer beleidigten Gottheit zu sichern, desshalb muss der Mörder bei Homer aus seiner Heimath flüchtig werden; es liegt kein sittlicher, wohl aber ein religiöser Makel auf ihm: er gefährdet das Gemeinwesen, zu dem er gehört. Diese Gattung von Maassregeln ist bei uns überflüssig.

18 [53]

158. Der Grundgedanke eines neuen menschlicheren Strafrechts müsste sein: ein Unrecht einmal insofern zu beseitigen, als der Schaden wieder gut gemacht werden kann; sodann die böse That durch eine Gutthat zu compensiren. Diese Gutthat brauchte nicht den Beschädigten und Beleidigten, sondern irgend Jemandem erwiesen zu werden; man hat sich ja durch den Frevel selten am Individuum, sondern gewöhnlich am Gliede der menschlichen Gesellschaft vergangen,—man ist dadurch der Gesellschaft eine Wohlthat schuldig geworden. Diess ist nicht so gröblich zu verstehen, als ob ein Diebstahl durch ein Geschenk wieder gut zu machen wäre; vielmehr soll Der, welcher seinen bösen Willen gezeigt hat, nun einmal seinen guten Willen zeigen.

18 [54]

162. Man kann zweifeln, ob dem guten Menschen, den es nach Erkenntniss dürstet, dadurch genützt wird, dass er immer besser wird. Ein Wenig mehr Sünde gelegentlich macht ihn wahrscheinlich weiser. Jedermann von einiger Erfahrung wird wissen, in welchem Zustande er das tiefste verstehende Mitgefühl mit der Unsicherheit der Gesellschaft und der Ehen hatte.

18 [55]

163. Eigentlich hat der einmal bestrafte Dieb einen Anspruch auf Vergütung, insofern er durch die Justiz seinen Ruf eingebüsst hat. Was er dadurch leidet, dass er von jetzt ab als Dieb gilt, geht weit über das Abbüssen einer einmaligen Schuld hinaus.

18 [56]

164. Die katholische Kirche hat, durch die Institution der Beichte, ein Ohr geschaffen, in welches man sein Geheimniss ohne gefährliche Folgen ausplaudern kann. Diess war eine grosse Erleichterung des Lebens, denn man vergisst seine Schuld von dem Augenblick an, wo man sie weitererzählt hat, aber gewöhnlich vergessen die Anderen sie nicht.

18 [57]

165. Wer das Nichtsein wirklich höher stellt, als das Sein, hat im Verhalten zu dem Nächsten dessen Nichtsein mehr zu fördern, als dessen Sein; weil die Moralisten dieser Forderung ausbiegen wollen, erfinden sie solche Sätze, dass Jeder nur sich selber in’s Nichtsein erlösen könne.

18 [58]

167. Auf die reine Erkenntniss der Dinge lässt sich keine der bisherigen Ethiken gründen; aus ihr folgt allein diess, dass man sein muss, wie die Natur, weder gut noch böse. Die Forderung, gut zu sein, entspringt aus unreinem Erkennen.

18 [59]

168. Unrecht hinterlässt mitunter in Dem, welcher es thut, eine Wunde, doch nicht häufig. Gewissensbisse sind eher die Ausnahme, als die Regel. Jemanden, der uns zuwider ist, so zu beleidigen, dass wir seinen Umgang los sind, erzeugt sogar ein seliges Aufathmen über die erlangte Freiheit. Vielleicht aber ist hier das Unrechtthun Nothwehr.

18 [60]

169. Der Staatsmann muss seinen Unternehmungen ein gutes Gewissen vorhängen können und braucht dazu die begeisterten Ehrlichen und noch mehr Die, welche so zu scheinen vermögen.

18 [61]

173. Wer den Trieb zur Reinlichkeit auch im Geistigen hat, wird es nur eine Zeit lang in den Religionen aushalten und sich dann in eine Metaphysik flüchten; später wird er sich von Stufe zu Stufe auch der Metaphysik entschlagen. Es ist wahrscheinlich, dass der Trieb zur Reinlichkeit im Moralischen eher einen entgegengesetzten Weg einschlagen wird; dafür ist dieser Trieb immer mit der Unreinheit des Denkens verbunden und macht dieses vielleicht immer unreinlicher.

18 [62]

176. Die Pflugschar schneidet in das harte und das weiche Erdreich, sie geht über Hohes und Tiefes hinweg und bringt es sich nah. Diess Buch ist für den Guten und den Bösen, für den Niedrigen und den Mächtigen. Der Böse, der es liest, wird besser werden, der Gute schlechter, der Geringe mächtiger, der Mächtige geringer.

8, 18[1-62] September 1876

18 [1]

“If you wish to follow me, then plow the field! Then many will enjoy your work, the poor and the rich will surely enjoy yours, the wolf and the eagle and indeed all creatures will enjoy yours.”

The Meier Helmbrecht.
 

Paths to Spiritual Freedom.

18 [2]

1.2. All public schools are designed for mediocre natures, that is, for those whose fruits are not of great importance when they ripen. The higher spirits and minds are sacrificed to them, when in fact everything depends on their ripening and bearing fruit. In this too we show ourselves to belong to an age whose culture is perishing by the means of culture. Admittedly, the gifted nature knows how to help itself: its inventive power is shown particularly in how it manages, despite the poor soil into which it is placed, despite the poor environment to which it is supposed to adapt, despite the poor nourishment with which it is fed, to maintain its strength. But this is no justification for the stupidity of those who put it in this position.

18 [3]

3. Detachment from the uncomprehending environment:—A deep wound and insult arises when people with whom one has long been intimately acquainted and to whom one has given the best of what one had occasionally show contempt for us. Those who handle people with caution and do not hurt them, so as not to be hurt themselves, usually discover to their horror that people have not even noticed their caution or, worse, that they have noticed it and override it to have their fun.

18 [4]

4. Means to alienate people:—One cannot displease and turn someone against oneself more than by forcing them to think about things they are trying with all their might to banish from their minds, e.g., theologians about honesty in confession, philologists about the educational power of antiquity, statesmen about the purpose of the state, merchants about the meaning of all money-making, women about the transience of their inclinations and alliances.

18 [5]

8. It is useful to demand more:—Whoever wants to achieve something must demand much more emphatically; then one grants him the lesser measure of his demand and is satisfied that he is content with it.

18 [6]

12. Value of a depressed mood.— People who live under inner pressure tend to indulge in excesses,—even of thought. Cruelty is often a sign of an unsettled inner disposition that craves numbness; likewise a certain cruel ruthlessness of thinking.

18 [7]

24. If one travels from place to place and asks everywhere which minds hold the highest esteem in each location, one finds how rare superior intelligences are. Precisely with the respected and influential intelligences, one would least like to deal with in the long run, for one notices that they owe their esteem solely to being leaders of advantageous opinions, that the benefit of many gives them their reputation. A country of many millions of minds shrinks under such a gaze, and everything that holds esteem becomes suspect to one.

With the protectionists and free traders, it is about the advantage of private individuals who have fabricated a fringe of science and patriotism for themselves.

18 [8]

27. Without productivity, life is unworthy and unbearable: but if you have no productivity or only a weak one, then think about liberation from life, by which I mean not so much suicide as that ever more complete liberation from the illusions of life—until you finally fall like an overripe apple from the tree. When the free spirit has reached the height, all motives of the will are no longer effective in him, even if his will might still want to bite: he can no longer do it, for he has lost all his teeth.

18 [9]

31. One should lose faith in God, freedom, and immortality like baby teeth, only then does the right set of teeth grow in.

18 [10]

32. To free from the fear of death is perhaps the one means: to teach an eternal life; another, more certain means, to instill a longing for death.

18 [11]

33. Religious opinions are instilled in us during the first fifteen years of our lives, and then unlearned in the next fifteen; by the age of ten, a person is usually at their most religious.— If it were useful to first place a person at the breast of the nurse Religion and let them drink the milk of faith, so that only later, and gradually, they are accustomed to the bread and meat of knowledge: then the time seems too long to me, considering the brevity of human life. The current economy might be justified if a person only entered the prime of their strength and reason at the age of sixty. But in reality, they now become wise and powerless at the same time. —

18 [12]

38. It is either a sign of a very anxious or very proud disposition to see in everyone, even in friends, patrons, teachers, the danger of a tyrannical superiority, and to be on guard against receiving great benefits. But there will be no free spirit who does not have this disposition.

Human, All Too Human.

18 [13]

51. People whose company is unpleasant to us do us a favor when they give us a reason to separate from them. Afterwards, we are much more willing to do good for them or wish them well from a distance.

18 [14]

52. One imagines the moral difference between an honest man and a scoundrel to be much too great; on the other hand, the intellectual difference is usually great. The laws against thieves and murderers are made in favor of the educated and the rich.

18 [15]

55. There is much more comfort than discomfort in the world. Practically, optimism is in control;—theoretical pessimism arises from the consideration: how poor and absurd the basis of our comfort is; it marvels at the slight prudence and reason in this comfort; it would find the continuous discomfort comprehensible.

18 [16]

57. The restlessness of the soul, which philosophical people curse in themselves, is perhaps precisely the state from which their higher productivity springs. If they attained that complete peace, they would probably have uprooted their best activity and thus made themselves useless and superfluous.

18 [17]

58. Anyone who speaks mysteriously about their plans, or who lets it be known that they are not speaking about them at all, ironically attunes their fellow human beings.

18 [18]

60. In vices and evil moods, the good inclination in us often gathers its spring water, only to break forth more strongly later. When virtue has slept, it will rise refreshed.

18 [19]

62. What could be the motive for the now demanded separation of nations from one another, when everything else points to their fusion? I believe dynastic interests and commercial interests go hand in hand here. Furthermore, all liberal parties use national separation as a detour to shape social life more freely. While large nation-states are being built, many smaller rulers and the influence of oppressive castes will be eliminated; it goes without saying that the same power that must now shatter the small state will one day have to shatter the large state. It is a blind prejudice, however, to claim that races and differences in descent are what now transform nations into large states.

18 [20]

64. About diligence, scholars make many fine words; the main thing is that without it they would bore themselves to death.

18 [21]

65. Christianity and La Rochefoucauld are useful when they cast suspicion on the motives of human action: for the assumption of the thorough injustice of every action, every judgment has a great influence on freeing man from overly vehement willing.

18 [22]

66. Young people often complain that they have no experiences, while they are suffering from having had too many: it is the pinnacle of modern thoughtlessness.

18 [23]

67. Second-rate philosophers are divided into side-thinkers and counter-thinkers, that is, into those who execute a side wing to an existing building according to the given ground plan (for which the virtue of skilled builders suffices), and into those who, in constant resistance and contradiction, are led so far that they finally oppose an existing system with another.

All other philosophers are Überthinkers, historians of what has been thought, those who have thought: except for those few who stand on their own, grow from within themselves, and alone deserve to be called “thinkers.” These think day and night and no longer notice it, like those who live in a smithy and no longer hear the noise of the anvils: so it is with them as with Newton (who, when once asked how he had come to his discoveries, simply replied: “by always thinking about it.”)

18 [24]

68. The public is impolite towards a writer in two ways: it praises one of his works at the expense of another by the same author, and then: it demands new writings from the author once he has written—as if, by having been gifted, it had gained an advantage over the giver.

18 [25]

71. Signs of ruthless superiority on the part of friendly or grateful persons who oblige us are very painful and cut deeply into the heart.

18 [26]

77. One complains about the lack of discipline among the masses; if this were proven, the blame would fall heavily on the educated; the masses are just as good and evil as the educated are. They show themselves to be as evil and undisciplined as the educated show themselves to be; one leads them as a guide, no matter how one lives; one uplifts or corrupts them, depending on whether one uplifts or corrupts oneself.

18 [27]

90. Almost every good writer writes only one book. Everything else is just prefaces, preliminary attempts, explanations, addenda to it; indeed, some very good writers have never written their book, for example Lessing, whose intellectual significance rises far above any of his writings, any of his poetic attempts.

18 [28]

91. I distinguish great writers, namely those who shape language—those under whose treatment the language still lives or revives—and classical writers. The latter are called classical with regard to their imitability and exemplarity, whereas the great writers cannot be imitated. In classical writers, the language and the word are dead; the animal in the shell no longer lives, and so they string shell upon shell. But in Goethe, it still lives.

18 [29]

92. How does it come about that the lover feels the effect of tragedy and every art more strongly, even though the complete silence of the will is designated as the true contemplative state? It seems rather that the will must first be plowed, so to speak, in order to take in the seed of art.

The Light Life.

18 [30]

101. Everyone has their own recipes for how to endure life, and indeed how to make it easy to obtain or easy to make, once it has shown itself to be difficult.

18 [31]

104. If life is to be felt as increasingly difficult in the course of history, one may well ask whether human inventiveness will ultimately suffice for the highest degrees of this aggravation.

18 [32]

112. The person who does not have this Christian-like comfort and to whom, on the other hand, philosophy does not offer the counter-gift of complete irresponsibility is in a bad way: they know themselves only too well and despise themselves because they mistakenly measure their nature as guilt; therefore, they look at their fellow human beings with fear that they might discover their secrets.

He either truly considers his fellow man better than himself because he knows him less, or he pretends to regard him as better in order to win him over and inspire a similar feeling toward himself. The vanity and ambition of people usually rest on the feeling of self-contempt: they want others to be deceived about them; they rejoice in every judgment of their fellow man if it is favorable to them, even if they know it is false; their endeavor is to prevent the whole truth about them from coming to light.

18 [33]

113. The remedies against pain that people use are often merely numbing agents. All such remedies, however, belong to a lower stage of the healing arts. Numbing through ideas is found in religions and arts, which thus belong to the history of the healing arts. Religions, in particular, understand how to obscure the cause of suffering through assumptions, for example, by telling parents whose child has died that it has not died and, with regard to the corpse, adding that their child even continues to live as a more beautiful being.

18 [34]

115. It is known that love and veneration cannot easily be felt together towards the same person. The most difficult and rarest thing, however, would be that the highest love and the lowest degree of respect could be found together; thus contempt as the judgment of the head and love as the drive of the heart. And yet, this state is possible and proven by history. The one who could love himself with the purest kind of love would be the one who at the same time despised himself, and who would say to himself: despise no one, except yourself, because you alone can know yourself. This is perhaps the position of the founder of the Christian religion towards the world. Self-love out of compassion for oneself and one's complete contemptibility is the core of Christianity without any shell and mythology.The feeling of this contempt arises from self-knowledge, and this in turn from a need for revenge. If someone has suffered enough from themselves, has injured themselves enough through all kinds of sinfulness, they begin to feel the urge for revenge against themselves. Penetrating self-reflection and ultimately self-contempt are the natural consequences; in some people, even asceticism, i.e., revenge against oneself in the activity of disgust and hatred. Even in the fact that a person imposes more effort and haste on themselves, the same inclination toward revenge against oneself is revealed.That in all this, man still loves himself appears then like a miracle, and usually one attributes such a purified and incomprehensible love to a god, but it is man himself who is capable of such love in a kind of self-absolution, for he cannot stop loving himself, since his love can never be a matter of the head.In this state, love becomes master over the feeling of revenge; man is able to act again and to go on living; he does not, to be sure, hold this action and all earthly striving in very high esteem, it is almost purposeless, but he cannot do otherwise than act; just as the Christian of the early period comforts himself with the prospect of the world’s downfall and then finally hopes to be rid of his despicable nature that drives him to act, so now every man can know that mankind will certainly come to an end someday, and with that the expression of purposelessness must settle over all human striving; in addition, he will increasingly get behind the fundamental errors in all endeavors and bring them to light; impure thinking lies at the root of them all.He will realize, for example, that all parents produce their child without responsibility and raise it without knowledge of what is to be educated, so that they necessarily do wrong and encroach upon a foreign sphere. This belongs to the misery of existence, and thus, in the end, man will feel full of dissatisfaction in everything he does, and the highest thing he can achieve will be: to have compassion for himself; love and compassion for oneself are reserved for the highest stages of life's difficulties, as the strongest means of relief.

Woman and Child.

18 [35]

116. To the tricky question, where do you come from, human? I answer: from father and mother, and we shall leave it at that.

18 [36]

118. If I find a degradation of the Germans everywhere, I assume the reason is that for four decades a more common spirit has prevailed in marriages, for example, in the middle classes the pure matchmaking for money and rank; the daughters are to be provided for and the men want to marry wealth or favor; one can see the common origin of these marriages in the children as well.

18 [37]

119. The best thing about marriage is friendship. If this is great enough, it can even soften and overcome the aphrodisiac. Without friendship, marriage makes both parties common in thought and contemptuous.

18 [38]

123. Living together is the main way to make a good marriage rare, for even the best friendships can rarely endure it.

18 [39]

124. Among the most touching things in a good marriage is the mutual awareness of the repulsive secret from which the new child is conceived and born. One feels, especially in conception, the degradation of the most beloved out of love.

18 [40]

125. For existence, no son needs to be grateful to his father; perhaps he may even be angry with him for certain inherited traits (tendency toward irritability, lust). Fathers have much to do to make amends for having sons.

18 [41]

126. Fathers who feel their own inadequacy deeply and constantly yearn upward in intellect and heart have a right to beget children. For one, they pass on this inclination, this longing, to them; moreover, they already give the child many great hints about what is truly worth striving for, and for such hints the adult tends to be uniquely grateful to his parents.

18 [42]

130. Man is destined to be either father or mother, in some sense. Without productivity, life is horrible, therefore I make nothing of youth, for in it it is not possible or not reasonable to produce.

18 [43]

131. If women were as eager for the beauty of men, then, as a rule, men would be beautiful and vain—just as women are now, as a rule. It shows the enthusiasm and perhaps the higher sentiment of man that he wants woman to be beautiful. It shows the greater intelligence and sobriety of women (perhaps also their lack of aesthetic sense) that women accept even ugly men; they care more about the matter, that is to say: protection, provision; men care more about the beautiful appearance, about the transfiguration of existence, even if it should thereby become more toilsome.

18 [44]

135. It places love far below friendship because it demands exclusive possession, whereas one can have several good friends, and these friends can in turn become friends with each other.

18 [45]

140. Women who particularly love their sons are usually vain and conceited. Women who do not care much for their sons are usually right to do so, but imply that no better child could have been expected from such a father: thus their vanity is revealed.

On the Greeks.

18 [46]

143. If one imagines the Greeks as small, numerous tribes on a densely populated land, as they found the mainland covered inland with a race of Mongolian descent, the coast adorned with a Semitic strip, and Thracians settled in between, one sees the necessity to first and foremost maintain and continually reproduce the superiority of quality; with this, they exerted their magic over the masses. The feeling of having to endure as higher beings among a hostile majority constantly forced them to the highest intellectual tension.

18 [47]

146. The Platonic Socrates is in the true sense a caricature; for he is overloaded with qualities that can never coexist in one person. Plato is not dramatic enough to fix the image of Socrates even in a single dialogue. It is therefore even a fluid caricature. In contrast, Xenophon's Memorabilia give a truly faithful portrait, which is just as witty as the subject of the portrait was; but one must know how to read this book. The philologists fundamentally believe that Socrates has nothing to say to them, and for that reason they find it boring. Other people feel that this book both stings and delights.

18 [48]

153. The gods make man even worse when they do not wish him well; this is not only Greek, it is human nature. If one does not love someone, one secretly wishes that he become worse and thus, as it were, justify one's aversion. This belongs to the dark philosophy of hatred, which has not yet been written.

Continuation of
Human, All Too Human.”

18 [49]

154. A foolish prince who has luck is perhaps the happiest being under the sun, for the decorum of the court allows him to consider himself as wise as he needs to be for his luck. A foolish prince who has bad luck still lives tolerably, for he can take out his displeasure and failures on others. A clever prince who has luck is usually a dazzling predator; a clever prince who has bad luck, on the other hand, is a very irritated predator that should be locked in a cage; he does not deceive himself about his mistakes, and that makes him so angry. A clever prince who is also good is usually very unhappy, for he must do many things for which he is too good or too clever.

18 [50]

155. In essence, one considers a person's striving and intentions, no matter how dangerous or bizarre they may be, as excused or at least forgivable if he stakes his life on them. People can perhaps express nothing more clearly than how highly they value life.

18 [51]

156. Our crime against criminals is that we treat them like scoundrels. I would like to hear the definition of a scoundrel once. What is truly scoundrel-like seems to be unrecognizable to the eye of justice and therefore its arm does not reach it.

18 [52]

157. The purpose of the oldest punishments is not to deter from the offense, but firstly: an attempt to make amends for the damage, for example through a fine paid to the relatives of the slain; secondly, measures belong here which the community takes to protect itself as a whole from the wrath of an offended deity, which is why in Homer the murderer must flee from his homeland; there is no moral, but rather a religious stain on him: he endangers the community to which he belongs. This type of measure is superfluous for us.

18 [53]

158. The fundamental idea of a new, more humane criminal law should be: to eliminate a wrong insofar as the damage can be repaired; then to compensate for the evil deed with a good deed. This good deed need not be shown to the injured and offended party, but to someone else; for one has rarely committed the outrage against the individual, but usually against a member of human society—one has thereby become indebted to society for a good deed. This is not to be understood so crudely as if a theft could be made good by a gift; rather, the one who has shown his evil will should now once show his good will.

18 [54]

162. One may doubt whether the good person who thirsts for knowledge benefits from becoming ever better. A little more sin now and then would probably make him wiser. Everyone with some experience will know in what state they had the deepest understanding sympathy with the uncertainty of society and marriages.

18 [55]

163. Actually, the thief who has been punished once has a claim to compensation, insofar as he has lost his reputation through the justice system. What he suffers from now being considered a thief goes far beyond the expiation of a one-time debt.

18 [56]

164. The Catholic Church has, through the institution of confession, created an ear into which one can divulge one's secret without dangerous consequences. This was a great relief in life, for one forgets one's guilt from the moment one has retold it, but usually the others do not forget it.

18 [57]

165. Whoever truly values non-being higher than being must, in their conduct toward their neighbor, promote the neighbor's non-being more than their being; because moralists want to evade this demand, they invent such propositions as that each person can redeem only themselves into non-being.

18 [58]

167. Pure knowledge of things cannot be the foundation of any previous ethics; from it alone follows this, that one must be as nature is, neither good nor evil. The demand to be good arises from impure knowledge.

18 [59]

168. Wrongdoing sometimes leaves a wound in the one who commits it, but not often. Pangs of conscience are rather the exception than the rule. To insult someone who is objectionable to us in such a way that we rid ourselves of their company even produces a blissful sigh of relief at the freedom gained. Perhaps, however, the wrongdoing here is self-defense.

18 [60]

169. The statesman must be able to hang a good conscience on his undertakings and needs for this the enthusiastic honest ones and even more those who are able to appear so.

18 [61]

173. Whoever has the drive for cleanliness in the spiritual realm will only endure it for a time in religions and then flee into metaphysics; later, they will gradually discard metaphysics as well. It is likely that the drive for cleanliness in the moral realm will take an opposite path; for this drive is always connected with the impurity of thought and perhaps makes it even more impure.

18 [62]

176. The plowshare cuts into the hard and the soft earth, it passes over high and low and brings it near. This book is for the good and the evil, for the lowly and the mighty. The evil one who reads it will become better, the good one worse, the lowly more powerful, the mighty less so.

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