7, 24[1-14] Winter 1872-73
24 [1]
Gesundes Hineinblicken in sich selbst, ohne sich zu untergraben; nicht mit Wahn und Fabelei, sondern mit reinem Schauen in die unerforschte Tiefe sich wagen, ist eine seltne Gabe. Goethe.
24 [2]
Zwei Behandlungsarten sind zu Hinderniß und Verspätung der Wissenschaft die traurigsten Werkzeuge; entweder man nähert und verknüpft himmelweit entfernte Dinge, in düsterer Phantasie und witziger Mystik; oder man vereinzelt das Zusammengehörige, durch zersplitternden Unverstand, bemüht sich nahverwandte Erscheinungen zu sondern, jeder ein eigen Gesetz unterzulegen, woraus sie zu erklären sein soll.
Da im Wissen sowohl als in der Reflexion kein Ganzes zusammengebracht werden kann usw.
Erfordernisse zu einem wissenschaftlichen Kunstwerke: man müßte keine der menschlichen Kräfte bei wissenschaftlicher Thätigkeit ausschließen. Die Abgründe der Ahnung, ein sicheres Anschauen der Gegenwart, mathematische Tiefe, physische Genauigkeit, Höhe der Vernunft, Schärfe des Verstandes, bewegliche sehnsuchtsvolle Phantasie, liebevolle Freude am Sinnlichen, nichts kann entbehrt werden zum lebhaften fruchtbaren Ergreifen des Augenblicks, wodurch ganz allein ein Kunstwerk, von welchem Gehalt es auch sey, entstehen kann.— Sie können jeden Augenblick hervortreten, wenn sie nicht durch Vorurtheile, durch Eigensinn einzelner Besitzender und wie sonst alle die vorkommenden zurückschreckenden und tödtenden Verneinungen heißen mögen —
Denn ob wir gleich, was Wissenschaft und Kunst betrifft, in der seltsamsten Anarchie leben, die uns von jedem erwünschten Zweck immer mehr zu entfernen scheint
24 [3]
Von der Natur. Sie spielt ein Schauspiel: ob sie es selbst sieht, wissen wir nicht und doch spielt sie’s für uns, die wir in der Ecke stehen.— Ihr Schauspiel ist immer neu, weil sie immer neue Zuschauer schafft. Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben. Goethe.
24 [4]
Von der Gelehrten-Republik ist oft die Rede, aber nicht von der Genialen-Republik. In dieser geht es so zu:—ein Riese ruft dem andern zu, durch den öden Zwischenraum der Jahrhunderte, ohne daß die Zwergenwelt, welche darunter wegkriecht, etwas mehr vernähme als Getön, und mehr verstände als daß überhaupt etwas vorgeht. Und wiederum, dies Gezwerge treibt da unten unaufhörliche Possen und macht großen Lärm, schleppt sich mit dem, was jene haben fallen lassen, proklamirt Heroen, die selbst Zwerge sind, wovon jene Riesengeister sich nicht stören lassen, sondern ihr hohes Geistergespräch fortsetzen. Schopenhauer.
24 [5]
Meine Zeitgenossen haben durch die gänzliche Vernachlässigung meiner Leistungen und derweiliges Celebriren des Mediokren und Schlechten alles Mögliche mich an mir selbst irre zu machen. Schopenhauer.
24 [6]
Das Genie der Kreuzträger der Menschheit, um sie aus Rohheit und Barbarei zu erlösen. Schopenhauer.
24 [7]
Es zwingt sich mir Alles auf, ich sinne nicht mehr drüber, es kommt mir alles entgegen, und das ungeheure Reich simplificirt sich mir in der Seele, daß ich bald die schwerste Aufgabe gleich weglegen kann. Wenn ich nur jemandem den Blick und die Freude mittheilen könnte, es ist aber nicht möglich. Und es ist kein Traum, keine Phantasie; es ist ein Gewahrwerden der wesentlichen Form, mit der die Natur nur gleichsam immer spielt und spielend das mannigfaltige Leben hervorbringt. Hätt’ ich Zeit in dem kurzen Lebensraum, so getraute ich mich es auf alle Reiche der Natur—auf ihr ganzes Reich auszudehnen. G.
24 [8]
Ich habe es oft gesagt und werde es noch oft wiederholen, die causa finalis der Welt- und Menschenhändel ist die dramatische Dichtkunst. Denn das Zeug ist sonst absolut zu nichts zu brauchen. G.
24 [9]
Bei der anatomischen Entdeckung. Ich habe eine solche Freude, daß sich mir alle Eingeweide bewegen.
24 [10]
| Grillparzer in knöchernen Versen: |
| Kunstliebe ohne Kunstsinn Bringt bei Fürsten wenig Gewinn, Sie öffnet Kunstschwätzern ihr Ohr, Und die Kunst bleibt einsam wie zuvor. |
24 [11]
Es giebt zwei Arten der Kultur, die hellenische und die römische: die erstere ein natürliches Gewächs, das in allen seinen Gestalten und Gliedern die wesentliche Form immer wieder spielend umschreibt, so daß die ungeheure Vielheit sich dem betrachtenden Auge simplificirt: die andre eine vornehme Convention und Dekoration, mit entlehnten, auch vielleicht nicht verstandenen, aber in’s Prachtvolle und Üppige oder Zierliche umgedeuteten Formen.
24 [12]
Ist das Leben eines Volkes unter die griechisch oder römisch geartete Herrschaft der Kunst gerathen, so reden wir von der Kultur dieses Volkes: welche Stellung wird aber die Philosophie zu der fest und normativ gewordenen Herrschaft der Kunst über das Leben einnehmen, wenn diese Kunst in einem Falle Natur, im anderen Convention ist? Beantworten wir diese Frage zuerst aus einer Analogie.
24 [13]
Es ist meine Absicht, Jünglinge, die der lateinischen und der griechischen Sprache fähig sind, durch eine einfache Erzählung von den großen griechischen Meistern der Philosophie zu unterhalten.
24 [14]
Vorträge über die griechische Philosophie.
Erster Theil.
7, 24[1-14] Winter 1872-73
24 [1]
A healthy gaze into oneself without undermining oneself; daring to venture into the unexplored depths not with delusion and fantasy, but with pure vision, is a rare gift. Goethe.
24 [2]
Two methods of treatment are the saddest tools for hindrance and delay in science; either one brings together and connects things that are heaven-wide apart, in gloomy fantasy and witty mysticism; or one isolates what belongs together, through splintering misunderstanding, striving to separate closely related phenomena, each to be subjected to its own law, by which it is to be explained.
Since in knowledge as well as in reflection no whole can be brought together etc.
Requirements for a scientific work of art: one must not exclude any of the human faculties in scientific activity.
The abysses of intuition, a secure contemplation of the present, mathematical depth, physical precision, height of reason, sharpness of intellect, mobile yearning imagination, loving joy in the sensual—nothing can be dispensed with for the vivid, fruitful seizing of the moment, through which alone a work of art, whatever its content may be, can arise.—They may emerge at any moment, if they are not held back by prejudices, by the obstinacy of individual possessors, and by whatever other negations that repel and kill may be called— For though we live, as far as science and art are concerned, in the strangest anarchy, which seems to distance us ever further from every desired goal24 [3]
From Nature. She performs a play: whether she sees it herself, we do not know, and yet she performs it for us, who stand in the corner.— Her play is always new because she always creates new spectators. Life is her most beautiful invention, and death is her artifice to have much life. Goethe.
24 [4]
There is often talk of the Republic of Scholars, but not of the Republic of Geniuses. In this republic, things go like this:—one giant calls to another across the empty space of centuries, without the world of dwarfs, which creeps beneath them, hearing anything more than a sound, or understanding anything more than that something is happening. And again, this dwarfing goes on down there, ceaselessly playing pranks and making a great noise, dragging along what those giants have dropped, proclaiming heroes who are themselves dwarfs, of which those giant spirits take no notice, but continue their lofty conversation. Schopenhauer.
24 [5]
My contemporaries have, through the complete neglect of my achievements and the simultaneous celebration of the mediocre and the bad, done everything possible to make me doubt myself. Schopenhauer.
24 [6]
The genius of the cross-bearers of humanity, to redeem it from crudeness and barbarism. Schopenhauer.
24 [7]
Everything forces itself upon me, I no longer ponder over it, everything comes towards me, and the immense realm simplifies itself in my soul, so that I can soon set aside even the most difficult task. If only I could share the vision and the joy with someone, but it is not possible. And it is no dream, no fantasy; it is an awareness of the essential form with which nature only plays, as it were, and playfully brings forth the manifold life. If I had time in this brief span of life, I would dare to extend it to all realms of nature—to her entire realm. G.
24 [8]
I have often said it and will repeat it often, the causa finalis of world and human affairs is dramatic poetry. For the stuff is otherwise absolutely good for nothing. G.
24 [9]
In the anatomical discovery. I have such joy that all my entrails move.
24 [10]
| Grillparzer in bony verses: |
| Love of art without artistic sense Brings little gain to princes, It opens their ears to art chatterers, And art remains as lonely as before. |
24 [11]
There are two kinds of culture, the Hellenic and the Roman: the former a natural growth, which in all its shapes and members playfully reiterates the essential form, so that the immense multiplicity simplifies itself to the contemplative eye; the other a noble convention and decoration, with borrowed, perhaps even misunderstood, but reinterpreted into the magnificent and lush or delicate forms.
24 [12]
If the life of a people has come under the Greek or Roman-style rule of art, we speak of the culture of this people: but what position will philosophy take toward the fixed and normative rule of art over life when this art is in one case nature, in the other convention? Let us answer this question first by way of an analogy.
24 [13]
It is my intention, young men, who are capable of the Latin and Greek languages, to entertain through a simple narrative about the great Greek masters of philosophy.
24 [14]
Lectures on Greek Philosophy.
First Part.