12, 8[1-8] Sommer 1887
8 [1]
Das Problem der Wahrheit.
Das Bedürfniß nach Glauben ist der größte Hemmschuh der Wahrhaftigkeit.
Der Wille zur Wahrheit |
| Die Falschheit. | Die unbewußte Falschheit. |
Jeder souveräne Instinkt hat die anderen zu seinen Werkzeugen, Hofstaat, Schmeichlern: er läßt sich nie bei seinem häßlichen Namen nennen: und er duldet keine anderen Lobsprüche, bei denen er nicht indirekt mit gelobt wird.
Um jeden souveränen Instinkt herum krystallisirt sich alles Loben und Tadeln überhaupt zu einer festen Ordnung und Etiquette.
Dies die Eine Ursache der Falschheit.
Jeder nach Herrschaft strebende, aber unter einem Joch befindliche Instinkt, braucht für sich, zur Unterstützung seines Selbstgefühls, zur Stärkung, alle schönen Namen und anerkannten Werthe: so daß er sich hervor wagt zumeist unter dem Namen des von ihm bekämpften “Herren,” von dem er frei werden will. (Z.B. unter der Herrschaft christlicher Werthe die fleischliche Begierde oder die Machtbegierde)
Dies die andere Ursache der Falschheit.
In beiden Fällen herrscht vollkommene Naivetät: die Falschheit tritt nicht ins Bewußtsein. Es ist ein Zeichen von gebrochenem Instinkt, wenn der Mensch das Treibende und dessen “Ausdruck” (“die Maske”) getrennt sieht—ein Zeichen von Selbstwiderspruch, und viel weniger siegreich. Die absolute Unschuld in der Gebärde, im Wort, im Affekt, das “gute Gewissen” in der Falschheit, die Sicherheit, mit der man nach den größten und prachtvollsten Worten und Stellungen faßt—Alles nothwendig zum Siege.
Im anderen Falle: bei extremer Hellsichtigkeit bedarf es Genie des Schauspielers und ungeheure Zucht in der Selbstbeherrschung, um zu siegen. Deshalb Priester die geschicktesten bewußten Heuchler; sodann Fürsten, denen ihr Rang und ihre Abkunft eine Art von Schauspielerei großzüchtet. Drittens Gesellschafts-Menschen, Diplomaten. Viertens Frauen.
Grundgedanke: Die Falschheit erscheint so tief, so allseitig, der Wille ist dergestalt gegen das direkte Sichselbst-Erkennen und Bei-Namen-nennen gerichtet, daß die Vermuthung sehr große Wahrscheinlichkeit hat: Wahrheit, Wille zur Wahrheit sei eigentlich etwas ganz Andres und auch nur eine Verkleidung.
Die Sinnlichkeit in ihren Verkleidungen
als Idealismus (“Plato”), der Jugend eigen, dieselbe Art von Hohlspiegel-Bild schaffend, wie die Geliebte im Speziellen erscheint, eine Inkrustation Vergrößerung Verklärung, Unendlichkeit um jedes Ding legend
in der Religion der Liebe: “ein schöner junger Mann, ein schönes Weib,” irgendwie göttlich, ein Bräutigam, eine Braut der Seele
in der Kunst, als “schmückende” Gewalt: wie der Mann das Weib sieht, indem er ihr gleichsam alles zum Präsent macht, was es von Vorzügen giebt, so legt die Sinnlichkeit des Künstlers in Ein Objekt, was er sonst noch ehrt und hochhält—dergestalt vollendet er ein Objekt (“idealisirt” es)
Das Weib, unter dem Bewußtsein, was der Mann in Bezug auf das Weib empfindet, kommt dessen Bemühen nach Idealisirung entgegen, indem es sich schmückt, schön geht, tanzt, zarte Gedanken äußert: insgleichen übt sie Scham, Zurückhaltung, Distanz—mit dem Instinkt dafür, daß damit das idealisirende Vermögen des Mannes wächst. (—Bei der ungeheuren Feinheit des weiblichen Instinkts bleibt die Scham keineswegs bewußte Heuchelei: sie erräth, daß gerade die naive wirkliche Schamhaftigkeit den Mann am meisten verführt und zur Überschätzung drängt. Darum ist das Weib naiv—aus Feinheit des Instinkts, welcher ihr die Nützlichkeit des Unschuldig-seins anräth. Ein willentliches Die-Augen-über-sich-geschlossen-halten ...
Überall, wo die Verstellung stärker wirkt, wenn sie unbewußt ist, wird sie unbewußt.
zur Genesis der Kunst. Jenes Vollkommen-machen, Vollkommen-sehen, welches dem mit geschlechtlichen Kräften überladenen cerebralen System zu eigen ist (der Abend zusammen mit der Geliebten, die kleinsten Zufälligkeiten verklärt, das Leben eine Abfolge sublimer Dinge, “das Unglück des unglücklich-Liebenden mehr werth als irgend etwas”): andrerseits wirkt jedes Vollkommene und Schöne als unbewußte Erinnerung jenes verliebten Zustandes und seiner Art zu sehen—jede Vollkommenheit, die ganze Schönheit der Dinge erweckt durch contiguity die aphrodisische Seligkeit wieder. Physiologisch: der schaffende Instinkt des Künstlers und die Vertheilung des semen ins Blut ... Das Verlangen nach Kunst und Schönheit ist ein indirektes Verlangen nach den Entzückungendes Geschlechtstriebes, welche er dem Cerebrum mittheilt. Die vollkommen gewordene Welt, durch “Liebe” ...
| Der “Heerdentrieb” in seiner Verkleidung |
| Der Lügen- und Verstellungstrieb am Künstler hervorbrechend |
| Der contemplative Trieb in seiner Verkleidung. |
| Die Grausamkeit in ihrer Verkleidung |
| Krankheit und Entartung in ihren Verkleidungen |
| Das Alter in seiner Verkleidung |
| (als Nihilism |
| (als Wiederkehr jugendlicher und vererbter Werthe |
| —die Spannkraft des Intellekts und Charakters ist gebrochen z.B. R W |
| Die Verkleidung der vis inertiae |
8 [2]
Zur Psychologie der Metaphysik
Diese Welt ist scheinbar—folglich giebt es eine wahre Welt.
Diese Welt ist bedingt—folglich giebt es eine unbedingte Welt.
Diese Welt ist widerspruchsvoll—folglich giebt es eine widerspruchslose Welt.
Diese Welt ist werdend—folglich giebt es eine seiende Welt.
Lauter falsche Schlüsse (blindes Vertrauen in die Vernunft: wenn A ist, so muß auch sein Gegensatz-Begriff B sein)
Zu diesen Schlüssen inspirirt das Leiden: im Grunde sind es Wünsche, es möchte eine solche Welt geben; ebenfalls drückt sich der Haß gegen eine Welt, die leiden macht, darin aus, daß eine andere imaginirt wird, eine werthvolle: das Ressentiment der Metaphysiker gegen das wirkliche ist hier schöpferisch.
Zweite Reihe von Fragen: wozu Leiden? ... und hier ergiebt sich ein Schluß auf das Verhältniß der wahren Welt zu unsrer scheinbaren, wandelbaren, leidenden und widerspruchsvollen.
1) Leiden als Folge des Irrthums: wie ist Irrthum möglich?
2) Leiden als Folge von Schuld: wie ist Schuld möglich?
(—lauter Erfahrungen aus der Natursphäre oder der Gesellschaft universalisirt und ins “An-sich” projicirt)
Wenn aber die bedingte Welt ursächlich von der unbedingten bedingt ist, so muß die Freiheit zum Irrthum und zur Schuld mit von ihr bedingt sein: und wieder fragt man wozu? ... Die Welt des Scheins, des Werdens, des Widerspruchs, des Leidens ist also gewollt: wozu?
Der Fehler dieser Schlüsse: zwei gegensätzliche Begriffe sind gebildet,—weil dem einen von ihnen eine Realität entspricht, “muß” auch dem anderen eine Realität entsprechen. “Woher sollte man sonst dessen Gegenbegriff haben?”— Vernunft somit als eine Offenbarungs-Quelle über Ansich-Seiendes.
Aber die Herkunft jener Gegensätze braucht nicht nothwendig auf eine übernatürliche Quelle der Vernunft zurückzugehen: es genügt die wahre Genesis der Begriffe dagegen zu stellen:—diese stammt aus der praktischen Sphäre, aus der Nützlichkeitssphäre und hat eben daher ihren starken Glauben (man geht daran zu Grunde, wenn man nicht gemäß dieser Vernunft schließt: aber damit ist das nicht “bewiesen,” was sie behauptet)
Die Präokkupation durch das Leiden bei den Metaphysikern: ist ganz naiv. “Ewige Seligkeit”: psychologischer Unsinn. Tapfere und schöpferische Menschen fassen Lust und Leid nie als letzte Werthfragen,—es sind Begleit-Zustände, man muß Beides wollen, wenn man etwas erreichen will.— Darin drückt sich etwas Müdes und Krankes an den Metaphysikern und Religiösen aus, daß sie Lust- und Leidprobleme im Vordergrunde sehen. Auch die Moral hat nur deshalb für sie solche Wichtigkeit, weil sie als wesentliche Bedingung in Hinsicht auf Abschaffung des Leidens gilt.
Insgleichen die Präokkupation durch Schein und Irrthum: Ursache von Leiden, Aberglaube, daß das Glück mit der Wahrheit verbunden sei (Verwechslung: das Glück in der “Gewißheit,” im “Glauben”)
8 [3]
zu “homines religiosi”
Was bedeuten asketische Ideale?
Vorform der noch neuen contemplativen Lebensweise, extrem, um Respekt zu finden und sich selbst Respekt zu machen (gegen das “schlechte Gewissen” der Inaktivität) deren Bedingungen werden gesucht
ein Sinn für Reinlichkeit der Seele, barock ausgedrückt
ein Zuchthäusler-Zustand (eine Menge Delikatessen sich vorbereitend), als Remedur für eine überwilde Begehrlichkeit (welche den “Verleitungen” aus dem Wege geht)—als Haß gegen Sinne, Leben sich äußernd.
eine Verarmung des Lebens, ein Bedürfniß nach Indolenz, Ruhe. Kunstgriff des Fakirs. “Alter”
eine krankhafte Verletzlichkeit, Empfindsamkeit, etwas Alt-Jüngferliches, das dem Leben aus dem Wege geht: mitunter eine falsch geleitete Erotik und Hysterie der “Liebe”
Kritik der Demuth (“der absolute Gehorsam”) mitunter der Instinkt der Macht, nach absoluten “Werkzeugen” zu suchen oder als Werkzeug am meisten zu erreichen. Die Klugheit daran, die Faulheit (ebenso wie in Armut und Keuschheit)
Kritik der Armuth (die scheinbare Verzichtleistung und die Concurrenz, als Klugheitsmittel auf dem Wege zur Herrschaft.
Kritik der Keuschheit. Nützlichkeit: sie giebt Zeit, Unabhängigkeit—intellekt Verwöhnung, die es unter Weibchen nicht aushält—Familien sind große Schwatznester. erhält Kraft, hält manche Krankheit fern. Freiheit von Weib und Kind hält eine Menge Versuchungen fern (Luxus, Servilität gegen Macht, Einordnung
Ein Mensch in dem sich die geheimnißreiche Vielheit und Fülle der Natur auswirkt, eine Synthesis des Furchtbaren und des Entzückenden, etwas Versprechendes, etwas Mehr-Wissendes, etwas Mehr-könnendes. Das asketische Ideal drückt immer ein Mißrathen aus, eine Entbehrung, einen physiologischen Widerspruch. Es macht nachdenklich, daß eigentlich nur diese Asketen-Species Priester den gegenwärtigen Menschen noch bekannt ist: es ist ein Ausdruck von Entartung und Mißrathensein des Menschen überhaupt.— Und wie wir von romantischen Künstlern reden, so dürfte man sagen, daß uns eigentlich nur der romantische Priester bekannt ist—daß an sich der klassische Priester möglich ist, daß er wahrscheinlich auch dagewesen ist. Stelle man sich mit dieser Möglichkeit eines kl Pr vor Plato im museo Borbonico Neapels: die Archäologen sind ungewiß, ob es nicht ein bärtiger Dionysos sei. Das soll uns gleichgültig sein: gewiß ist, daß man hier einen priesterlichen Typus voraussetzt,—keinen asketischen Typus ...
Der Priester des Christenthums repräsentirt die Widernatur, die Macht der Weisheit und der Güte, aber die widernatürliche Macht und die widernatürliche Weisheit, die widernatürliche Güte: die Feindschaft gegen die Macht, die Erkenntniß und diedie Macht als Wunder-Macht
die Weisheit als Wider-Vernunft
die Liebe als Wider-Geschlechtlichkeit
der Haß gegen die Mächtigen der Erde und ein versteckter grundsätzlicher Wettkampf und Wettstreit—man will die Seele, man läßt ihnen den Leib —
der Haß gegen den Geist, den Stolz, den Muth, die Freiheit, Ausgelassenheit des Geistes
der Haß gegen die Sinne, gegen die Freuden der Sinne, gegen die Freude überhaupt und eine Todfeindschaft gegen die Sinnlichkeit und Geschlechtlichkeit
das christliche Priesterthum hat es auf dem Gewissen—der verleumderische und schnöde Wille zum Mißverständniß mit dem der Geschlechtlichkeit in den Culten und Mysterien von den Anfängen ...
der christliche Priester ist von Anfang an der Todfeind der Sinnlichkeit: man kann sich keinen größeren Gegensatz denken, als die unschuldig ahnungsvolle und feierliche Haltung, mit der z.B. in den ehrwürdigsten Frauenkulten Athens die Gegenwart der geschlechtlichen Symbole. Der Akt der Zeugung ist das Geheimniß an sich in allen nicht-asketischen Religionen: eine Art Symbol der Vollendung und der geheimnißvollen Absicht, der Zukunft (Wiedergeburt, Unsterblichkeit
8 [4]
Die Guten und die Verbesserer.
Der Haß gegen die Leiblich- und Seelisch-Privilegirten: Aufstand der häßlichen mißrathenen Seelen gegen die schönen stolzen wohlgemuthen
ihr Mittel: Verdächtigung der Schönheit, des Stolzes, der Freude
| das Widernatürliche als das Höhere | “es giebt kein Verdienst” “die Gefahr ist ungeheuer: man soll zittern und sich schlecht befinden” “die Natürlichkeit ist böse; der Natur widerstreben ist das Rechte. Auch der “Vernunft.” |
wieder sind es die Priester, die diesen Zustand ausbeuten und das “Volk” für sich gewinnen. “Der Sünder,” an dem Gott mehr Freude hat als am “Gerechten”
dies ist der Kampf gegen das “Heidenthum” (der Gewissensbiß als Mittel, die seelische Harmonie zu zerstören)
Der Haß der Durchschnittlichen gegen die Ausnahmen, der Heerde gegen die Unabhängigen
| die Sitte als eigentliche “Sittlichkeit” | Wendung gegen den “Egoismus”: Werth hat allein das “dem Anderen” “wir sind alle gleich” gegen die Herrschsucht, gegen “Herrschen” überhaupt |
| gegen das Vorrecht gegen Sektirer, Freigeister, Skeptiker gegen die Philosophie (als dem Werkzeug- und Ecken-Instinkt entgegen) bei Philosophen selbst “der kategorische Imperativ,” das Wesen des Moralischen “allgemein und überall” |
Die drei Behauptungen:
das Unvornehme ist das Höhere (Protest des “gemeinen Mannes”)
das Widernatürliche ist das Höhere (Protest der Schlechtweggekommenen)
das Durchschnittliche ist das Höhere (Protest der Heerde, der “Mittleren”)
In der Geschichte der Moral drückt sich also ein Wille zur Macht aus, durch den
| bald die Sklaven und Unterdrückten, bald die Mißrathenen und An-sich-Leidenden bald die Mittelmäßigen | den Versuch machen, die ihnen günstigsten Werthurtheile durchzusetzen. |
Insofern ist das Phänomen der Moral vom Standpunkt der Biologie aus höchst bedenklich. Die Moral hat sich bisher entwickelt auf Unkosten:
| der Herrschenden und ihrer spezifischen Instinkte der Wohlgerathenen und schönen Naturen der Unabhängigen und Privilegirten in irgend einem Sinne | |
Die Moral ist also eine Gegenbewegung gegen die Bemühungen der Natur, es zu einem höheren Typus zu bringen. Ihre Wirkung ist:
Mißtrauen gegen das Leben überhaupt (insofern dessen Tendenzen als “unmoralisch” empfunden werden Sinnlosigkeit, insofern die obersten Werthe als im Gegensatz zu den obersten Instinkten empfunden werden—Widersinn.
Entartung und Selbstzerstörung der “höheren Naturen,” weil gerade in ihnen der Conflikt bewußt wird.
Sklavenaufstand in der Moral: das Ressentiment schöpferisch. Die Zerdrückten, Niedergetretenen, denen die eigentliche Reaktion versagt ist.
Folglich: ein negativer Werth zuerst (umgekehrt als bei der vornehmen Moral, die aus dem Gefühl eines triumphirenden Ja-sagens zu sich selbst entspringt).
“der Böse” (eigentlich der Starke)
Methode der Verleumdung der aristokratischen Werthe: (Stolz, Schönheit, Glück, Heiterkeit, Sinnlichkeit, Reichthum
mit Hülfe des 1) Nicht-sehen-wollens 2) des Falsch-sehen-wollens 3) des Hinein-sehen-wollens.
Umkehrung: Versuch, das ressentiment selbst als Tugend auszulegen (Gerechtigkeits-Sinn)
die thatsächliche ängstliche Niedrigkeit als “Demuth”
das Inoffensive, die “Feigheit,” das Warten als “Geduld” als “Güte,” als “Liebe der Feinde,” als “Menschenliebe” auch als “Gehorsam gegen Gott,” der der “Obrigkeit” zu gehorchen befiehlt
den Wunsch nach Rache als “Siege Gottes über seine Feinde” insgleichen die Grausamkeit beim Anblick einer Niederlage als “Triumph über Gottes Gerechtigkeit”
ihr Elend als Prüfung, Vorbereitung der “Auserwählten,” Auszeichnung, selbst als Klugheit (“damit reichlicher einst vergolten wird”)
das Leben in der “Hoffnung,” in der “Liebe,” im “Glauben” (an einen Gott der Armen und Gedrückten)
die Ehre der Armut als “Gottesdienst”
Versuch, in summa, mit sich zufrieden zu sein und sich zu überreden, daß “man nicht nur besser sei,” sondern auch “es besser habe.” Die “Guten,” eigentlich die Schwachen.
— Tiefste Unehrlichkeit und Verlogenheit dabei. —
Die Verinnerlichung des Menschen (als Krankheit)
Die V entsteht, daß mächtige Triebe, denen mit Einrichtung des Friedens und der Gesellschaft die Entladung nach außen versagt wird, sich nach innen zu schadlos zu halten suchen, im Bunde mit der Imagination. Das Bedürfniß nach Feindschaft, Grausamkeit, Rache, Gewaltsamkeit wendet sich zurück, “tritt zurück”; im Erkennen-wollen ist Habsucht und Erobern; im Künstler tritt die zurückgetretene Verstellungs- und Lügenkraft auf; die Triebe werden zu Dämonen umgeschaffen, mit denen es Kampf giebt usw.
Die Bewußtheit als Krankheit
Der Mensch sich immer wieder in Lagen versetzend, für die er noch keinen Instinkt hat: also zeitweilig experimentirend und auf Grund von “Schlüssen” handelnd, nicht von Instinkten. “Rationalistische” Ereignisse z.B. die französische Revolution.
Das schlechte Gewissen dem Neuen anhaftend
z.B. der Ehe
den milden mitleidigen vergeberischen Gefühlen (lange mit Selbstvernichtung verknüpft)
dem Willen zur Forschung (als wider die Autorität gerichtet)
den großen Natur-Überwältigungen (als Gottlosigkeiten)
dem Frieden
dem Handelsmann, dem Zöllner
bei den vornehmen Geschlechtern, die auf Rache verzichten, der obersten Gewalt gegenüber.
also das “Rechtsbewußtsein” mit dem schlechten Gewissen verschwistert
8 [5]
jede Ungerechtigkeit etwas unfreiwilliges: folglich eine συμφορά: so Plato in 9. und 11 B der Gesetze in Hinsicht auf Tempelraub und Elternmord.
8 [6]
Die Entwicklung der persönlichen Verantwortlichkeit zurückgehalten: durch die straff gespannte Geschlechts-Organisation (die Folge traf nicht den Thäter, und jeder trug die Folgen Aller—am wunderlichsten war es wohl mit dem “Gewissen” des Oberhaupts bestellt, der relativ Alles büßen mußte)
Die großen Ereignisse:
Sieg des Mannes über das Weib (kriegerisch, Herrenrecht
Sieg des Friedens über den Krieg
8 [7]
Die Lust an der Lüge als die Mutter der Kunst, Furcht und Sinnlichkeit als Mutter der Religion, das Nitimur in vetitum und die Neugierde als Mutter der Wissenschaft, die Grausamkeit als Mutter der unegoistischen Moral, die Reue als Ursprung der socialen Gleichheits-Bewegung, der Wille zur Macht als Ursprung der Gerechtigkeit, der Krieg als der Vater (des guten Gewissens und der Heiterkeit) der Ehrlichkeit, das Herrenrecht als der Ursprung der Familie; das Mißtrauen als die Wurzel der Gerechtigkeit und Contemplation
8 [8]
Zarathustra
An diesem Werk muß Einem jedes Wort einmal wehgethan und verwundet, und wieder einmal tief entzückt haben:—was man nicht so verstanden hat, hat man gar nicht verstanden.
12, 8[1-8] Sommer 1887
8 [1]
The Problem of Truth.
The need for belief is the greatest obstacle to truthfulness.
The Will to Truth |
| Falsehood. | The unconscious falsehood. |
Every sovereign instinct has the others as its tools, court, flatterers: it never allows itself to be called by its ugly name: and it tolerates no other praises in which it is not indirectly praised.
Around every sovereign instinct, all praise and blame crystallizes into a fixed order and etiquette.
This is the one cause of falsity.
Every instinct striving for dominion, but under a yoke, needs for itself, to support its self-esteem, to strengthen itself, all beautiful names and recognized values: so that it ventures forth mostly under the name of the "master" it is fighting against, from whom it wants to be free. (E.g., under the dominion of Christian values, carnal desire or the lust for power)
This is the other cause of falsity.
In both cases, there is complete naivety: the falsity does not enter consciousness.It is a sign of broken instinct when man sees the driving force and its “expression” (“the mask”) as separate—a sign of self-contradiction, and far less victorious. The absolute innocence in gesture, in word, in affect, the “good conscience” in falsity, the certainty with which one grasps the grandest and most magnificent words and postures—all necessary for victory.
In the other case: with extreme perspicacity, it requires the genius of the actor and immense discipline in self-control to triumph. Hence, priests are the most skilled conscious hypocrites; then princes, whose rank and lineage cultivate a kind of acting. Thirdly, social men, diplomats. Fourthly, women.
Basic idea: The falsity appears so deep, so all-encompassing, the will is so directed against direct self-recognition and naming by name that the assumption has very great probability: Truth, will to truth is actually something quite different and also only a disguise.
The sensuality in its disguises
as idealism (“Plato”), inherent to youth, creating the same kind of concave mirror image as the beloved appears in particular, an incrustation magnification transfiguration, laying infinity around every thing
in the religion of love: “a beautiful young man, a beautiful woman,” somehow divine, a bridegroom, a bride of the soul
in the art, as "adorning" power: how the man sees the woman by making everything she has of virtues a present to her, so the artist's sensuality places into one object what he otherwise honors and esteems—thus he perfects an object ("idealizes" it)
The woman, aware of what the man feels about the woman, meets his effort toward idealization by adorning herself, walking beautifully, dancing, expressing delicate thoughts: likewise she practices modesty, restraint, distance—with the instinct that this increases the man's idealizing capacity. (—With the immense subtlety of the female instinct, modesty is by no means conscious hypocrisy: she guesses that precisely the naive, genuine modesty seduces the man most and drives him to overestimation.That is why woman is naive—out of the fineness of instinct, which advises her of the usefulness of being innocent. A voluntary closing-of-the-eyes-over-oneself ...
Wherever dissimulation acts more strongly when it is unconscious, it becomes unconscious.
on the genesis of art.That perfecting, perfect-seeing, which is inherent to the cerebral system overloaded with sexual forces (the evening together with the beloved, the smallest coincidences transfigured, life a sequence of sublime things, “the unhappiness of the unhappily-in-love more worth than anything”): on the other hand, every Perfect and Beautiful thing acts as an unconscious reminder of that enamored state and its way of seeing—every Perfection, the entire Beauty of things reawakens, through contiguity, the aphrodisiac bliss once more. Physiologically: the creative instinct of the artist and the distribution of semen into the blood... The desire for art and beauty is an indirect desire for the ecstasies of the sexual drive, which it communicates to the cerebrum.The perfected world, through “love” ...
| The “herd instinct” in its disguise |
| The lying- and dissimulation drive breaking forth in the artist |
| The contemplative drive in its disguise. |
| Cruelty in its disguise |
| Illness and degeneration in their disguises |
| Age in its disguise |
| (as nihilism |
| (as the return of youthful and inherited values |
| —the tension of intellect and character is broken e.g. R W |
| The disguise of vis inertiae |
8 [2]
On the Psychology of Metaphysics
This world is apparent—hence there is a true world.
This world is conditional—hence there is an unconditional world.
This world is contradictory—hence there is a non-contradictory world.
This world is becoming—hence there is a being world.
All false conclusions (blind trust in reason: if A is, then its opposite concept B must also be)
Suffering inspires these conclusions: fundamentally, they are wishes—there should be such a world; likewise, hatred for a world that causes suffering is expressed by imagining another, a valuable one: here, the ressentiment of metaphysicians against the real is creative.
Second series of questions: why suffering? ... and here a conclusion arises about the relationship of the true world to our apparent, changeable, suffering, and contradictory one.
1) Suffering as a consequence of error: how is error possible?
2) Suffering as a consequence of guilt: how is guilt possible?
(—all experiences from the natural sphere or society universalized and projected into the “in-itself”)
But if the conditional world is causally conditioned by the unconditional, then the freedom to err and to be guilty must also be conditioned by it: and again one asks why? ... The world of appearance, of becoming, of contradiction, of suffering is therefore willed: why?
The error of these conclusions: two opposing concepts are formed,—because one of them corresponds to a reality, the other “must” also correspond to a reality. “Where else would one get its counter-concept from?”— Reason thus as a source of revelation about being-in-itself.
But the origin of those opposites does not necessarily have to go back to a supernatural source of reason: it suffices to contrast the true genesis of concepts:—this originates from the practical sphere, from the sphere of utility, and thus has its strong belief (one perishes if one does not conclude according to this reason: but this does not “prove” what it claims)
The preoccupation with suffering among metaphysicians is quite naive. “Eternal bliss”: psychological nonsense. Brave and creative people never regard pleasure and pain as ultimate questions of value—they are accompanying states; one must want both if one is to achieve anything. This reveals something weary and sickly in metaphysicians and the religious, that they place pleasure and pain at the forefront. Even morality holds such importance for them only because it is seen as an essential condition for the abolition of suffering.
Likewise, the preoccupation with illusion and error: cause of suffering, superstition that happiness is linked to truth (confusion: happiness in “certainty,” in “faith”)
8 [3]
to “homines religiosi”
What do ascetic ideals mean?
Preform of the still new contemplative way of life, extreme, to find respect and to make oneself respected (against the “bad conscience” of inactivity) whose conditions are sought
a sense of purity of the soul, expressed in baroque terms
a prisoner’s state (preparing a multitude of delicacies), as a remedy for an over-wild desire (which avoids the “temptations”)—as hatred against the senses, expressing itself in life.
an impoverishment of life, a need for indolence, rest. Artifice of the fakir. “Old age”
a morbid vulnerability, sensitivity, something old-maidish that avoids life: at times a misdirected eroticism and hysteria of “love”
Critique of humility (“absolute obedience”)—at times the instinct for power, seeking absolute “tools” or achieving the most as a tool. The prudence in it, the laziness (just as in poverty and chastity)
Critique of poverty (the apparent renunciation and competition as a means of prudence on the path to dominion.
Critique of chastity. Utility: it gives time, independence—intellectual indulgence that cannot endure among females—families are great chatterboxes. Preserves strength, keeps certain illnesses at bay. Freedom from wife and child keeps many temptations away (luxury, servility toward power, subordinationA human being in whom the mysterious multiplicity and abundance of nature takes effect, a synthesis of the terrible and the enchanting, something promising, something more-knowing, something more-capable. The ascetic ideal always expresses a failure, a deprivation, a physiological contradiction. It is thought-provoking that actually only this ascetic species of priest is still known to present-day humans: it is an expression of degeneration and failure of humanity in general.— And just as we speak of romantic artists, one might say that actually only the romantic priest is known to us—that in itself the classical priest is possible, that he probably also existed. Imagine with this possibility of a cl Pr before Plato in the museo Borbonico in Naples: the archaeologists are uncertain whether it is not a bearded Dionysus.That should be indifferent to us: certainly, one presupposes here a priestly type,—not an ascetic type...
The priest of Christianity represents the unnatural, the power of wisdom and goodness, but the unnatural power and the unnatural wisdom, the unnatural goodness: the hostility against power, knowledge, and the power as miracle-power
the wisdom as anti-reason
the love as anti-sexuality
the hatred against the powerful of the earth and a hidden fundamental competition and rivalry—one wants the soul, one leaves them the body—
the hatred against the spirit, the pride, the courage, the freedom, the exuberance of the spirit
hatred of the senses, hatred of the pleasures of the senses, hatred of joy in general, and mortal enmity toward sensuality and sexuality
the Christian priesthood bears the guilt—slanderous and base will to misunderstanding with which sexuality in the cults and mysteries from the beginnings...
the Christian priest has from the beginning been the mortal enemy of sensuality: one cannot imagine a greater contrast than the innocently presentimental and solemn attitude with which, for example, in the most venerable women's cults of Athens, the presence of sexual symbols. The act of procreation is the mystery par excellence in all non-ascetic religions: a kind of symbol of fulfillment and the mysterious intention, of the future (rebirth, immortality
8 [4]
The Good and the Improvers.
The hatred against the bodily and spiritually privileged: uprising of the ugly, failed souls against the beautiful, proud, and contented
their means: suspicion of beauty, pride, joy
| the unnatural as the higher | “there is no merit” “the danger is immense: one should tremble and feel unwell” “naturalness is evil; resisting nature is right. Also of “reason.” |
once again, it is the priests who exploit this condition and win the “people” over to their side.“The sinner,” in whom God takes more pleasure than in the “righteous”
this is the struggle against “paganism” (the pang of conscience as a means to destroy spiritual harmony)
The hatred of the average against the exceptions, the herd against the independent
| custom as true “morality” | turn against “egoism”: value lies solely in “the other” “we are all equal” against the lust for power, against “ruling” altogether |
| against the privilege against sectarians, freethinkers, skeptics against philosophy (as opposed to the tool- and corner-instinct) among philosophers themselves "the categorical imperative," the essence of the moral "universal and everywhere" |
The three claims:
the unrefined is the higher (protest of the "common man")
the unnatural is the higher (protest of the misfits)
the average is the higher (protest of the herd, the "mediocre")
In the history of morality, a will to power is thus expressed, through which
| now the slaves and oppressed, now the misfits and those suffering in themselves now the mediocre | attempt to enforce the value judgments most favorable to them. |
In this respect, the phenomenon of morality is highly questionable from a biological standpoint. Morality has developed at the expense of:
| the rulers and their specific instincts the well-constituted and beautiful natures the independent and privileged in some sense | |
Morality is thus a counter-movement against nature's efforts to elevate it to a higher type. Its effect is:
Distrust of life in general (insofar as its tendencies are perceived as "immoral")—meaninglessness, insofar as the highest values are felt to be in opposition to the highest instincts—contradiction.
Degeneration and self-destruction of the "higher natures," because it is precisely in them that the conflict becomes conscious.
Slave revolt in morality: ressentiment as creative. The crushed, the downtrodden, those denied the actual reaction.
Consequently: a negative value first (the opposite of noble morality, which arises from a feeling of triumphant affirmation of itself).
“the Evil One” (actually the Strong One)
Method of slander of aristocratic values: (Pride, Beauty, Happiness, Cheerfulness, Sensuality, Wealth
with the help of 1) not-wanting-to-see 2) mis-wanting-to-see 3) projecting-wanting-to-see.
Reversal: Attempt to interpret ressentiment itself as virtue (sense of justice)
the actual anxious baseness as “humility”
the inoffensive, the “cowardice,” the waiting as “patience,” as “goodness,” as “love of enemies,” as “love of mankind,” also as “obedience to God,” who commands to obey the “authorities”
the desire for revenge as “God’s victory over His enemies,” likewise the cruelty at the sight of a defeat as “triumph over God’s justice”
their misery as a test, preparation of the "chosen ones," distinction, even as wisdom ("so that it may be more richly rewarded later")
life in "hope," in "love," in "faith" (in a God of the poor and oppressed)
the honor of poverty as "divine service"
attempt, in summa, to be content with oneself and to persuade oneself that "one is not only better," but also "has it better." The "good," actually the weak.
— Deepest dishonesty and hypocrisy in this. —
The internalization of man (as illness)
The V arises because powerful drives, which are denied outward discharge by the establishment of peace and society, seek to compensate inwardly, in alliance with the imagination.The need for enmity, cruelty, revenge, and violence turns back, "steps back"; in the desire to know, there is greed and conquest; in the artist, the suppressed power of deception and lying emerges; the drives are reshaped into demons with which there is struggle, etc.
Consciousness as illness
Man repeatedly placing himself in situations for which he has no instinct yet: thus temporarily experimenting and acting on the basis of "conclusions," not instincts. "Rationalistic" events, e.g.the French Revolution.
The bad conscience clinging to the new
e.g., marriage
the gentle, compassionate, forgiving feelings (long associated with self-destruction)
the will to research (as directed against authority)
the great conquests of nature (as godlessness)
peace
the merchant, the tax collector
among the noble classes who renounce revenge, toward the supreme power.
thus the “legal consciousness” intertwined with the bad conscience
8 [5]
every injustice something involuntary: consequently a συμφορά: so Plato in 9. and 11 B of the Laws with regard to temple robbery and parricide.
8 [6]
The development of personal responsibility held back: by the tightly structured gender organization (the consequence did not strike the perpetrator, and everyone bore the consequences of all—most strangely, it was probably with the “conscience” of the head, who had to atone for relatively everything)
The great events:
Victory of man over woman (warrior-like, lord's right
Victory of peace over war
8 [7]
The pleasure in lying as the mother of art, fear and sensuality as the mother of religion, the Nitimur in vetitum and curiosity as the mother of science, cruelty as the mother of unselfish morality, remorse as the origin of the social equality movement, the will to power as the origin of justice, war as the father (of good conscience and cheerfulness) of honesty, the lord's right as the origin of the family; distrust as the root of justice and contemplation
8 [8]
Zarathustra
In this work, every word must once have pained and wounded one, and again deeply delighted:—what one has not understood thus, one has not understood at all.