11, 41[1-16] August-September 1885

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Sils-Maria Ende August 1885

Friedrich Nietzsche, gesammelte Schriften.

Erstlinge.Die Geburt der Tragödie.
 Unzeitgemässe Betrachtungen.
 Rede über Homer.

Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister.

Unter uns.” Vermischte Meinungen und Sprüche.

Morgenröthe. Gedanken über die moralischen Vorurtheile

Gai saber. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.

Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen.

Mittag und Ewigkeit. Vermächtniss eines Wahrsagers.

“Exultabit Solitudo et florebit quasi lilium.”
Isaias

41 [2]

Neue unzeitgemässe Betrachtung.—

1.

Man verehrt und verachtet in jungen Jahren wie ein Narr und bringt wohl seine zartesten und höchsten Gefühle zur Auslegung von Menschen und Dingen dar, welche nicht zu uns gehören, so wenig als wir zu ihnen gehören. Jugend selber ist etwas Fälschendes und Betrügerisches. Es scheint, daß das Ehrfürchtige und Zornige, was der Jugend eignet, durchaus keine Ruhe hat, als bis es sich Menschen und Dinge so zurecht “gefälscht” hat, bis es an denselben seine Affekte entladen kann. Später, wo man stärker, tiefer, auch wahrhaftiger geworden ist, erschrickt man zu entdecken, wie wenig man damals die Augen offen gehabt hat, als man auf diesen Altären opferte. Man zürnt sich, all das Eitle, Übertreibende, Unächte, Geschminkte, Schauspielerische an unseren geliebten Götzen nicht gesehn zu haben,—man zürnt sich wegen dieser Selbst-Verblendung. Wie als ob sie eine unredliche Blindheit gewesen sei. In diesem Übergange nimmt man Rache an sich, durch Mißtrauen; man ist auf der Hut vor seinen begeisterten Gefühlen—ja “das gute Gewissen” selber erscheint Einem schon wie eine Gefahr, wie eine Selbst-Verschleierung und Ermüdung der eigenen Redlichkeit. Wieder ein Jahrzehend später: und man begreift, daß auch dies Alles noch—Jugend war.—

2.

— Was ich selber einstmals, in meinen “jungen Jahren,” über Schopenhauer und Richard Wagner schrieb und weniger schrieb als malte—vielleicht in einem allzuverwegenen übermüthigen überjugendlichen al fresco—das will ich am wenigsten heute auf “wahr” und “falsch” hin ins Einzelne prüfen. Gesetzt aber, ich hätte mich damals geirrt: mein Irrthum gereicht zum Mindesten weder den Genannten, noch mir selber zur Unehre! Es ist etwas, sich so zu irren; es ist auch etwas, gerade mich dergestalt zum Irrthume zu verführen. Auch war es mir in jedem Falle eine unschätzbare Wohlthat, damals als ich “den Philosophen” und “den Künstler” und gleichsam meinen eigenen “kategorischen Imperativ” zu malen beschloß,—meine neuen Farben nicht ganz in’s Unwirkliche hinein, sondern gleichsam auf vorgezeichnete Gestalten aufmalen zu können. Ohne daß ich es Wußte, sprach ich nur für mich, ja im Grunde nur von mir. Indessen: Alles, was ich damals erlebt habe, das sind für eine gewisse Art von Menschen typische Erlebnisse, welchen zu einem Ausdruck zu verhelfen Und wer mit einer jungen und feurigen Seele jene Schriften liest, wird vielleicht die schweren Gelöbnisse errathen, mit denen ich damals mich für mein Leben band,—mit denen ich mich zu meinem Leben entschloß: möchte er Einer jener Wenigen sein, die sich zu einem gleichen Leben und zu gleichen Gelöbnissen entschließen—dürfen!

3.

Es gab einen Zeitpunkt, wo ich im Geheimen anfieng, über Richard Wagner zu lachen, damals als er zu seiner letzten Rolle sich anschickte und mit den Gebärden eines Wundermanns, Heil-Verkünders, Propheten, ja sogar Philosophen vor den lieben Deutschen auftrat. Und da ich noch nicht aufgehört hatte, ihn zu lieben, so biß mich mein eignes Gelächter noch in’s Herz: wie es zur Geschichte eines Jeden gehört, der von seinem Lehrer unabhängig wird und endlich seinen eignen Weg findet. In dieser Zeit entstand der hier folgende lebhafte Aufsatz, aus dem, wie mir scheint, mancher junge Deutsche auch heute noch seinen Gewinn ziehen kann:—ich selber, so wie ich jetzt gesinnt bin, würde Alles geduldiger, auch herzlicher und schonender gesagt wünschen. Inzwischen errieth ich Allzuviel von der schmerzlichen und schauerlichen Tragödie, welche hinter dem Leben eines solchen Menschen, wie Richard Wagner es war, verborgen liegt.

4.

Richard Wagner hat ohne allen Zweifel den Deutschen usw.

5.

Aber der Musiker Richard Wagner?— “Richard Wagner und kein Ende”: das ist heute die Loosung.

Aber wir Freunde der Musik sind damit am Ende unserer Geduld. Wir haben so lange die beste Miene zum bösen Spiele der Wagnerei gemacht und mit Hülfe aller Tugenden und Ästhetiken uns einen ganzen langen Regentag hindurch zugeredet und ermahnt: “wie schön ist auch das schlechte Wetter! Wie viel Reize liegen in den Falten des Unwetters versteckt! Wie fein sich der Regen auf die ‘unendliche Melodie’ versteht! Wie unvergleichlich leuchtet ein Blitz inmitten langer grauer Trübsal! Und gar der Donner: wie schön ist die Chromatik des Donners!” Aber endlich, endlich wollen wir auch den aufgeklärten Himmel wieder sehn und zum Mindesten den schönen Abend haben, den wir verdienen, nach einem so tugendhaften, aber so bösen Tage!— Wirklich? Den Abend? Will es denn wirklich schon “Abend werden”? Geht nun auch noch unsre beste Kunst, die Musik, auf die Neige? Meine Freunde, hier ist Einer, der nicht mehr daran glaubt! Es ist noch lange nicht Zeit für den Abend! Und Wagner bedeutete weder den Tag, noch den Abend unserer Kunst,—sondern nur einen gefährlichen Zwischenfall, eine Ausnahme und ein Fragezeichen, welches unser Gewissen auf die Probe gestellt hat! Noch zur rechten Zeit lernten wir Nein! sagen: jeder rechtschaffne und tiefe Musiker sagt heute Nein zu Wagner und zu sich selber, so weit er noch “wagnerisirt”—und zwar je gründlicher gerade er bei Wagner in die Schule gegangen, bei Wagner gelernt hat.

6.

Um so schlimmer mag es freilich um die geringer begabten, auch um die geld- und ehrgeizigen Musiker bestellt sein: es giebt gerade für sie ausgesuchte Verführungen in der Art Wagner’s, Musik zu machen. Es ist nämlich leicht, mit Wagnerischen Mitteln und Kunstgriffen zu componiren, es mag auch, bei dem demagogischen Verlangen heutiger Künstler nach Aufregung der “Massen,” lohnbringender sein, nämlich “wirkungsvoller,” “überwältigender,” “schlagender,” “packender,” und wie die verrätherischen Lieblingsworte des Theaterpöbels und der dilettantischen Schwärmer lauten. Aber was bedeutet zuletzt, in Sachen der Kunst, der Lärm und die Begeisterung von “Massen”! Gute Musik hat niemals ein “Publikum”:—sie ist und kann niemals “öffentlich” sein, sie gehört den Ausgesuchtesten zu, sie soll immer und allein—im Gleichnisse gesprochen—für diecamera” da sein! “Massen” fühlen den heraus, der ihnen am besten zu schmeicheln versteht, sie sind auf ihre Art allen demagogischen Talenten dankbar und geben es ihnen zurück, so gut sie können. (Wie “Massen” zu danken verstehen, mit welchem “Geiste” und “Geschmacke,” dafür gab der Tod Victor Hugo’s ein belehrendes Zeugniß: ist in allen Jahrhunderten Frankreichs zusammen so viel Frankreich entwürdigender Unsinn gedruckt und geredet worden, wie bei dieser Gelegenheit? Aber auch bei dem Begräbnisse Richard Wagner’s verstiegen sich die Schmeicheleien der Dankbarkeit bis hinauf zu dem “frommen” Wunsche: “Erlösung dem Erlöser!”—)

NB. Es ist kein Zweifel, daß die W Kunst heute auf die Massen wirkt: daß sie das kann—sollte damit nicht über diese Kunst selber etwas ausgesagt sein? Für drei gute Dinge in der Kunst haben “Massen” niemals Sinn gehabt, für Vornehmheit, für Logik und für Schönheit—pulchrum est paucorum hominum—: um nicht von einem noch besseren Dinge, vom großen Stile zu reden, zu welchem bisher auch die höchstgearteten Künstler der neueren Zeit weder Ja noch Nein sagen durften:—sie haben noch kein Recht auf ihn gehabt, sie fühlten sich vor ihm ferne und beschämt, und diese Scham war gerade noch ihre höchste Höhe! Vom großen Stile steht Wagner am Fernsten: das Ausschweifende und Heroisch-Prahlerische seiner Kunstmittel steht geradezu im Gegensatze zum großen Stile; und ebenso das Zärtlich-Verführerische, das Vielfältig-Reizende, das Unruhige, Ungewisse, Spannende, Augenblickliche, Heimlich-überschwängliche, die ganze “übersinnliche” Maskerade kranker Sinne, und was nur Alles im typischen Sinne “Wagnerisch” heißen darf. Und dennoch, trotz dem gründlichsten Unvermögen dazu: Wagner schielt nach dem großen Stile, er, der nicht einmal die gewöhnliche, rechte, ächte Logik vermag! Er weiß dies gut genug, er erkannte es zeitig: aber sofort gieng er daran, mit der unbedenklichen Schauspieler-Gewandtheit die seine Meisterschaft ausmacht, sich seinen Mangel zum Vortheile auszulegen. Es liegt im Unlogischen, Halblogischen viel Verführerisches:—das hat Wagner gründlich errathen—: namentlich für Deutsche, bei denen Unklarheit als “Tiefe” empfunden wird. Die Männlichkeit und Strenge einer logischen Entwicklung war ihm versagt: aber er fand “Wirkungsvolleres”! “Die Musik, hat er gelehrt, ist immer nur ein Mittel, der Zweck ist das Drama.” Das Drama? Nein, die Attitüde!—so wenigstens verstand es Wagner bei sich selber. Vor allem und zuerst die ergreifende Attitüde! Etwas, das umwirft und schaudern macht! Was liegt am “zureichenden Grunde”! Eine Art Vieldeutigkeit, selbst in der rhythmischen Phrasirung, gehört insgleichen unter seine liebsten Kunstmittel, eine Art Trunkenheit und Traumwandeln, welches nicht mehr zu “folgern” weiß und einen gefährlichen Willen zum blinden Folgen und Nachgeben entfesselt.

Man sehe nur unsre Frauen an, wenn sie “wagnetisirt” sind: welche “Unfreiheit des Willens”! Welcher Fatalismus im erlöschenden Blicke! Welches Geschehen-Lassen, über-sich-ergehen-lassen! Vielleicht ahnen sie sogar, daß sie, in diesem Zustande des “ausgehängten” Willens, einen Zauber und Reiz mehr für manche Art Männer haben?: welcher Grund mehr zur Anbetung ihres Cagliostro und Wundermanns! Bei den eigentlichen “Mänaden” der Wagner-Anbetung darf man unbedenklich sogar auf Hysterie und Krankheit schließen; irgend Etwas ist in ihrer Geschlechtlichkeit nicht in Ordnung; oder es fehlt an Kindern, oder, im erträglichsten Falle, an Männern.

7.

Was die Jünglinge betrifft, welche Wagner’n huldigen, so sind sie gemeinhin schlecht musikalisch. (Einer von den Besten sagte mir sogar einmal treuherzig “ich verstehe gar nichts von Musik, aber Wagner vereinigt alles Gute, was es heute giebt—er ist Antisemit, Vegetarianer und verabscheut die Vivisektion”) Die Wagnerischen Jünglinge, in manchem Betracht eine sehr erquickliche und edle Art von Jünglingen,—verehren in Wagnern ungefähr das Gleiche, was die leidenschaftlichen jünger Victor Hugo’s gegen 1828 in ihrem Abgotte verehrten: vor Allem den Meister großer Worte und Gebärden, den Fürsprecher aller schwellenden Gefühle, aller erhabenen Instinkte, sodann den wagenden Neuerer und Kettenlöser im Kampfe und Gegensatze zur älteren strengeren, vielleicht beschränkteren Kunstschulung, den Eröffner neuer Zugänge, neuer Ausblicke, neuer Fernen, neuer Tiefen und Höhen, endlich, und nicht am Wenigsten: diese deutsche Jugend verehrt an Wagnern das Befehlerische, die Fähigkeit, lärmend zu kommandiren, auf sich allein zu stehen, auf sich allein zurückzuweisen, hartnäckig zu sich selber Ja zu sagen, und immer im Namen des “auserwählten Volks,” der Deutschen!—kurz, das Volkstribunenhafte und Demagogische an Wagner. Von welchem schlechten, ja abscheulichen Geschmacke diese ganze “Selbst-in-Scene-Setzung” Wagner’s ist, davon sehen solche begeisterte Jünglinge noch Nichts: die Jugend hat einmal das Recht zum schlechten Geschmack,—es ist ihr Recht. Will man aber kennen lernen, wohin die Unschuld und die unbedenkliche Bereitwilligkeit von Jünglingen durch einen alten umgetriebenen Rattenfänger geführt und verführt werden kann, so werfe man einen Blick auf jenen litterarischen Sumpf, aus welchem zuletzt der altgewordene Meister mit seinen “Jungen” zu singen liebt (ist “Singen” das rechte Wort?) ich meine die übel berufenen “Bayreuther Blätter.” Das ist wirklich ein Sumpf: Anmaaßung, Deutschthümelei und Begriffswirrwarr im trübsten Durcheinander, ein unausstehlicher Zucker “süßesten” Mitleidens darüber gegossen, dazwischen jene schon angedeutete Neigung für grüne Gemüse und jene zweckbewußte Salbung und Rührseligkeit zu Gunsten der Thiere, dicht neben dem ungeschminkten ächten und gründlichen Hasse auf die Wissenschaft und überhaupt der Verhöhnung und Beschmutzung alles dessen, was Wagnern im Wege steht und stand—wie stand seinem Einflusse die vornehmere Natur Mendelssohns, die reinere Natur Schumann’s im Wege!—dabei ein kluges Ausschielen nach neuen Hülfstruppen, ein “Entgegenkommen” nach der Seite mächtiger Parteien hin, zum Beispiel das vollends unsaubere Spielen und Äugeln mit christlichen Symbolen—Wagner, der alte Atheist, Antinomist und Immoralist, ruft sogar einmal salbungsvoll das “Blut des Erlösers” an!—im Ganzen die Frechheit eines alten dick-umräucherten Oberpriesters, der über alle erdenklichen gerade ihm gänzlich entzogenen und verbotenen Bereiche des Denkens seine dunklen Gefühle wie Offenbarungen verlautbart; und dies Alles in einem Deutsch, einem eigentlichen Sumpf-Deutsch der Unklarheit und Übertreibung, wie es vielleicht selbst von den “deutsch”-feindlichsten Schülern Hegel’s nicht erreicht worden ist!

8.

Vielleicht, daß nunmehr erst deutlich gemacht werden kann, wohin Wagner gehört: nämlich nicht in die große Reihe der Eigentlichen und Ächten höchsten Ranges, nicht an diesen olympischen “Hof der Höfe.” Vielmehr gebührt Wagnern ein ganz anderer Rang und eine ganz andere Ehre—und in der That, keine kleine und gemeine: Wagner ist eines von jenen drei Schauspieler-Genie’s der Kunst, von welchen die Menge in diesem Jahrhundert—und es ist ja das “Jahrhundert der Menge”!—beinahe erst den Begriff “Künstler” gelernt hat: ich meine jene drei wunderlichen und gefährlichen Menschen, Paganini, Liszt, Wagner, welche, fragwürdig in die Mitte gestellt zwischen “Gott” und “Affe,” ebenso sehr zum “Nachmachen” als zum Erfinden, zum Schaffen in der Kunst des Nachmachens selber vorherbestimmt waren, und deren Instinkt alles errathen hat, was zum Zweck des Vortrags, des Ausdrucks, der Wirkung, der Bezauberung, der Verführung ausfindig und ausgiebig gemacht werden kann. Als dämonische Mittler und Kunst-Interpreten wurden sie—und sind sie heute die Meister aller Künstler der Interpretation überhaupt: Jedermann in diesen Kreisen hat von ihnen gelernt;—unter Schauspielern und ausübenden Spielleuten jeder Art wird man deshalb auch den Heerd und insgleichen die Herkunft des eigentlichen “Wagner-Cultus” zu suchen haben. Abgesehen aber von diesen Kreisen, denen man alles Recht zu ihrem Glauben und Aberglauben zusprechen darf, und im Hinblick auf die gesammte Erscheinung jener drei Schauspieler-Genies und ihren geheimsten und allgemeinsten Sinn komme ich bei mir nicht darüber hinweg, immer dieselbe Frage wieder aufzuwerfen: was sich in jenen Dreien scheinbar neu ausdrückt, ist das vielleicht doch nur der alte und ewige “Cagliostro,” nur neu verkleidet, neu in Scene gesetzt, “in Musik gesetzt,” in Religion gesetzt—wie es dem Geschmack des neuen Jahrhunderts—dem Jahrhundert der Menge, wie gesagt,—am besten entsprechen mag? Also nicht mehr wie der letzte Cagliostro als der Verführer einer vornehmen und ermüdeten Cultur, sondern—als demagogischer Cagliostro?— Und unsre Musik, mit deren Hülfe hier “gezaubert” wird:—was, ich bitte und frage euch, bedeutet unsere d M!

9.

— Dieser letzte Wagner, im Grunde ein zerbrochner und überwundener Mensch, der aber die große Schauspielerei nicht lassen konnte, dieser Wagner, der zuletzt gar noch von den “Entzückungen” sprach, die er dem protestantischen Abendmahle abzugewinnen wisse, während er zu gleicher Zeit mit seiner Parsifal-Musik allem eigentlich Römischen die Hände entgegenstreckte: dieser überallhin sich anbietende Schmeichler aller deutschen Eitelkeiten, Unklarheiten und Anmaaßungen,—dieser letzte Wagner sollte der letzte und höchste Gipfel unsrer Musik und der Ausdruck der endlich erreichten Synthesis der “deutschen Seele” sein, der Deutsche selber?— Es war im Sommer 1876, daß ich diesem Glauben bei mir abschwur; und damit begann jene Bewegung des deutschen Gewissens, von der sich heute immer ernstere, immer deutlichere Zeichen zu erkennen geben,—und der Rückgang der Wagnerei!

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Es giebt nur Geburtsadel, nur Geblütsadel. (Ich rede hier nicht vom Wörtchen “von” und dem Gothaischen Kalender: Einschaltung für Esel.) Wo von “Aristokraten des Geistes” geredet wird, da fehlt es zumeist nicht an Gründen, etwas zu verheimlichen; es ist bekanntermaaßen ein Leib-Wort unter ehrgeizigen Juden. Geist allein nämlich adelt nicht; vielmehr bedarf es erst etwas, das den Geist adelt.— Wessen bedarf es denn dazu? Des Geblüts.

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Die deutsche Philosophie als Ganzes—Leibnitz, Kant, Hegel, Schopenhauer, um die Großen zu nennen—ist die gründlichste Art Romantik und Heimweh, die es bisher gab: das Verlangen nach dem Besten, was jemals war. Man ist nirgends mehr heimisch, man verlangt zuletzt nach dem zurück, wo man irgendwie heimisch sein kann, weil man dort allein heimisch sein möchte: und das ist die griechische Welt! Aber gerade dorthin sind alle Brücken abgebrochen,—ausgenommen die Regenbogen der Begriffe! Und die führen überall hin, in alle Heimaten und “Vaterländer,” die es für Griechen-Seelen gegeben hat! Freilich: Man muß sehr fein sein, sehr leicht, sehr dünn, um über diese Brücken zu schreiten! Aber welches Glück liegt schon in diesem Willen zur Geistigkeit, fast zur Geisterhaftigkeit! Wie ferne ist man damit von “Druck und Stoß,” von der mechanistischen Tölpelei der Naturwissenschaft, von dem Jahrmarkts-Lärme der “modernen Ideen”! Man will zurück, durch die Kirchenväter zu den Griechen, aus dem Norden nach dem Süden, aus den Formeln zu den Formen; man genießt noch den Ausgang des Alterthums, das Christenthum, wie einen Zugang zu ihm, wie ein gutes Stück alter Welt selber, wie ein glitzerndes Mosaik antiker Begriffe und antiker Werthurtheile. Arabesken, Schnörkel, Rokoko scholastischer Abstraktionen—immer noch besser, nämlich feiner und dünner, als die Bauern- und Pöbel-Wirklichkeit des europäischen Nordens, immer noch ein Protest höherer Geistigkeit gegen den Bauernkrieg und Pöbel-Aufstand, der über den geistigen Geschmack im Norden Europa’s Herr geworden ist und welcher an dem großen “ungeistigen Menschen,” an Luther, seinen Anführer hatte:—In diesem Betracht ist deutsche Philosophie ein Stück Gegenreformation, sogar noch Renaissance, mindestens Wille zur Renaissance, Wille, fortzufahren in der Entdeckung des Alterthums, in der Aufgrabung der antiken Philosophie, vor Allem der Vorsokratiker—, der best-verschütteten aller griechischen Tempel! Vielleicht, daß man einige Jahrhunderte später urtheilen wird, daß alles deutsche Philosophiren darin seine eigentliche Würde habe, ein schrittweises Wiedergewinnen des antiken Bodens zu sein, und daß jeder Anspruch auf “Originalität” kleinlich und lächerlich klinge im Verhältnisse zu jenem höheren Anspruche der Deutschen, das Band, das zerrissen schien, neu gebunden zu haben, das Band mit den Griechen, dem bisher höchst gearteten Typus “Mensch.” Wir nähern uns heute allen jenen grundsätzlichen Formen der Weltauslegung wieder, welche der griechische Geist, in Anaximander, Heraklit, Parmenides, Empedokles, Demokrit und Anaxagoras, erfunden hat,—wir werden von Tag zu Tage griechischer, zuerst, wie billig, in Begriffen und Werthschätzungen, gleichsam als gräcisirende Gespenster: aber dereinst, hoffentlich auch mit unserem Leibe! Hierin liegt (und lag von jeher) meine Hoffnung für das deutsche Wesen!

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Man schlägt ein weibliches Buch auf:—und bald seufzt man “wieder eine verunglückte Köchin!”

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Zu den höchsten und erlauchtesten Menschen-Freuden, in denen das Dasein seine eigene Verklärung feiert, kommen, wie billig, nur die Allerseltensten und Best-Gerathenen: und auch diese nur, nachdem sie selber und ihre Vorfahren ein langes vorbereitendes Leben auf dieses Ziel hin, und nicht einmal im Wissen um dieses Ziel, gelebt haben. Dann wohnt ein überströmender Reichthum vielfältigster Kräfte und zugleich die behendeste Macht eines “freien Wollens” und herrschaftlichen Verfügens in Einem Menschen liebreich bei einander, der Geist ist dann ebenso in den Sinnen heimisch und zu Hause, wie die Sinne in dem Geiste zu Hause und heimisch sind; und Alles, was nur in diesem sich abspielt, muß auch in jenen ein feines außerordentliches Glück und Spiel auslösen. Und ebenfalls umgekehrt!—man denke über diese Umkehrung bei Gelegenheit von Hafis nach; selbst Goethe, wie sehr auch schon im abgeschwächten Bilde, giebt von diesem Vorgange eine Ahnung. Es ist wahrscheinlich, daß bei solchen vollkommenen und wohlgerathenen Menschen zuletzt die allersinnlichsten Verrichtungen von einem Gleichniß-Rausche der höchsten Geistigkeit verklärt werden; sie empfinden an sich eine Art Vergöttlichung des Leibes und sind am entferntesten von der Asketen-Philosophie des Satzes “Gott ist ein Geist”: wobei sich klar heraus stellt, daß der Asket “der mißrathene Mensch” ist, welcher nur ein Etwas an sich, und gerade das richtende und verurtheilende Etwas, gut heißt—und “Gott” heißt. Von jener Höhe der Freude, wo der Mensch sich selber und sich ganz und gar als eine vergöttlichte Form und Selbst-Rechtfertigung der Natur fühlt, bis hinab zu der Freude gesunder Bauern und gesunder Halbmensch-Thiere: diese ganze lange ungeheure Licht- und Farbenleiter des Glücks nannte der Grieche, nicht ohne die dankbaren Schauder dessen, der in ein Geheimniß eingeweiht ist, nicht ohne viele Vorsicht und fromme Schweigsamkeit—mit dem Götternamen: Dionysos.— Was wissen denn alle neueren Menschen, die Kinder einer brüchigen vielfachen kranken seltsamen Mutter, von dem Umfange des griechischen Glücks, was könnten sie davon wissen! Woher nähmen gar die Sklaven der “modernen Ideen” ein Recht zu dionysischen Feiern!

41 [7]

Als der griechische Leib und die griechische Seele “blühte,” und nicht etwa in Zuständen krankhafter Überschwenglichkeit und Tollheit, entstand jenes geheimnißreiche Symbol der höchsten bisher auf Erden erreichten Welt-Bejahung und Daseins-Verklärung. Hier ist ein Maaßstab gegeben, an dem Alles, was seitdem wuchs, als zu kurz, zu arm, zu eng befunden wird:—man spreche nur das Wort “Dionysos” vor den besten neueren Namen und Dingen aus, vor Goethe etwa, oder vor Beethoven, oder vor Shakespeare, oder vor Raffael: und auf Ein Mal fühlen wir unsre besten Dinge und Augenblicke gerichtet. Dionysos ist ein Richter!— Hat man mich verstanden?— Es ist kein Zweifel, daß die Griechen die letzten Geheimnisse “vom Schicksale der Seele” und Alles, was sie über die Erziehung und Läuterung, vor Allem über die unverrückbare Rangordnung und Werth-Ungleichheit von Mensch und Mensch wußten, sich aus ihren dionysischen Erfahrungen zu deuten suchten: hier ist für alles Griechische die große Tiefe, das große Schweigen,—man kennt die Griechen nicht, so lange hier der verborgene unterirdische Zugang noch verschüttet liegt. Zudringliche Gelehrten-Augen werden niemals etwas von diesen Dingen sehen, so viel Gelehrsamkeit auch im Dienste jener Ausgrabung noch verwendet werden muß—; selbst der edle Eifer solcher Freunde des Alterthums, wie Goethens und Winckelmanns, hat gerade hier etwas Unerlaubtes, fast Unbescheidenes. Warten und sich-vorbereiten; das Aufspringen neuer Quellen abwarten, in der Einsamkeit sich auf fremde Gesichte und Stimmen vorbereiten; vom Jahrmarkts-Staube und -Lärm dieser Zeit seine Seele immer reiner waschen; alles Christliche durch ein Überchristliches überwinden und nicht nur von sich abthun—denn die christliche Lehre war die Gegenlehre gegen die dionysische—; den Süden in sich wieder entdecken und einen hellen glänzenden geheimnißvollen Himmel des Südens über sich aufspannen; die südliche Gesundheit und verborgene Mächtigkeit der Seele sich wieder erobern; Schritt vor Schritt umfänglicher werden, übernationaler, europäischer, übereuropäischer, morgenländischer, endlich griechischer—denn das Griechische war die erste große Bindung und Synthesis alles Morgenländischen—: und eben damit der Anfang der europäischen Seele, die Entdeckung unsererneuen Welt”:—wer unter solchen Imperativen lebt, wer weiß, was dem eines Tages begegnen kann? Vielleicht eben—ein neuer Tag!

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Den deutschen Bildungs-Zuständen habe ich in jungen Jahren den Krieg erklärt und brav dabei meinen Degen geführt: anders geht es nicht. Die Weiber fort, auch die männlichen Weiber und Zärtlinge! das versteht nichts vom Kriege und jammert sich halbtodt über einen vergossenen Blutstropfen. Man rückt mir vor, ich hätte früher den alten David Strauß “umgebracht”? Ich werde wohl noch andere Menschenleben auf dein Gewissen haben—aber so bringt es Krieg und Sieg mit sich. Ein Ding, das zum Sterben reif ist: wozu dergleichen noch künstlich pflegen, schonen und einwickeln? An den deutschen Bildungs-Zuständen aber will nichts geschont sein: das ist “reif.”

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Vorrede.

Wer die Begierden einer hohen und wählerischen Seele hat und nur selten seinen Tisch gedeckt, seine Nahrung bereit findet, dessen Gefahr ist heute keine geringe. In ein lärmendes und pöbelhaftes Zeitalter hineingeworfen, mit dem er nicht aus Einer Schüssel essen mag, kann er leicht vor Hunger und Durst, oder, falls er endlich dennoch “zugreift”—, vor Ekel zu Grunde gehn. Dies war die Gefahr meiner Jugend, einer ungesättigten, sehnsüchtigen, vereinsamten Jugend; und die Gefahr kam auf die Höhe, als ich eines Tages begriff, was für Speisen ich zuletzt doch mir zugeführt, und wozu mich der ungestüme Hunger und Durst meiner Seele verlockt hatte. Es war im Sommer 1876. Damals stieß ich, wüthend vor Ekel, alle Tische von mir, an denen ich bis dahin gesessen hatte, und ich gelobte mir, lieber zufällig und schlecht, lieber von Gras und Kraut und unterwegs, wie ein Thier, lieber gar nicht mehr zu leben als meine Mahlzeiten mit dem “Schauspieler-Volk” und den “höheren Kunstreitern des Geistes”—solche harte Ausdrücke gebrauchte ich damals—zu theilen:—denn ich schien mir unter lauter Cagliostros und unächte Menschen gerathen zu sein, und zürnte und tobte darüber, dort geliebt zu haben, wo ich hätte verachten sollen.

Nachdem ich endlich ruhiger geworden war, obschon durchaus nicht billiger und versöhnlicher, löste ich mich langsam und ohne Unart aus meiner bisherigen “Gesellschaft” und gieng auf die Wanderschaft,—krank, lange Jahre krank. Eine große, immer größere Loslösung—denn philosophische Menschen treiben das Einzelne gern ins Allgemeine—eine willkürliche “Entfremdung” war in jener Zeit meine einzige Labsal: ich prüfte Alles, woran sich bis dahin überhaupt mein Herz gehängt hatte, ich drehte die besten und verehrtesten Dinge und Menschen um und sah mir ihre Kehrseite an, ich that das Umgekehrte mit Allem, woran sich bisher die menschliche Kunst der Verleumdung und Verlästerung am besten geübt hat. Es war ein böses Spiel: ich war oft krank daran,—aber mein Entschluß blieb stehen. Ich “zerbrach mein verehrendes Herz” selber und sah mir noch seine gebrochenen Stücke und deren Kehrseiten an,—nicht ohne vielerlei neue Lust und Neugierde: denn man ist in dem Grade grausam als man der Liebe fähig ist. Endlich kam ich, Schritt vor Schritt, zu der letzten Forderung meiner innewendigen Härte: ich setzte mir die beste Miene zu meinem bösen Spiele auf, lachte allen “Pessimismus” bei mir aus und wehrte mich boshaft gegen jeden Schluß, an dem Krankheit und Einsamkeit einen Antheil haben könnten:—“vorwärts, sagte ich mir, eines Tags wirst du gesund sein, heute genügt es, sich gesund zu stellen! Der Wille zur Gesundheit ist schon das allerbeste Heilmittel!”

Darauf machte ich zum ersten Male meine Augen auf—und sah alsbald viele Dinge und viele Farben der Dinge, wie sie ängstliche Eckensteher und um sich besorgte Geister, die immer zu Hause geblieben sind, niemals zu sehen bekommen. Eine Art Vogel-Freiheit, eine Art Vogel-Umblick, eine Art Mischung von Neugierde und Verachtung, wie sie Jeder hat, der unbetheiligt ein ungeheures Vielerlei übersieht—das war endlich der erreichte neue Zustand, mit dem ich es lange aushielt. Ein “freier Geist” und nichts mehr: so fühlte, so nannte ich mich damals; und ich war wirklich das Gegenstück derer geworden, welche sich um Dinge bekümmern, die sie nichts angehn,—mich giengen lauter Dinge an, die mich nicht mehr—“bekümmerten.”

Dies waren Jahre der Genesung: vielfältige Jahre voll bunter und schmerzlich-zauberhafter Begebnisse, von denen die Gesunden, die Vierschrötigen des Geistes eben so wenig Etwas begreifen und riechen dürften als die Krankhaften, die Verurtheilten, die zum Tode und nicht zum Leben Vorherbestimmten. Damals hatte ich “mich” noch nicht gefunden: aber ich war tapfer unterwegs nach “mir” und prüfte tausend Dinge und Menschen, an denen ich vorbei kam, ob sie nicht zu “mir” gehörten oder Etwas mindestens von “mir” wüßten. Welche Überraschungen gab es dabei! Welche Schauder! Welche kurze kleine Winkel des Glücks! Welches Ausruhen in der Sonne! Welche Zärtlichkeiten! Und immer wieder diese harte innere Stimme, welche befahl: “fort von hier! Vorwärts, Wanderer! Es sind noch viele Meere und Länder für dich übrig: wer weiß, wem Alles du noch begegnen mußt?”

Daß ich es also dankbar eingestehe: es sind mir damals, als ich die Regel “Mensch” zu studiren begann, seltsame und nicht ungefährliche Geister, mitunter sogar sehr freie Geister begegnet und über den Weg gelaufen,—und vor Allem Einer, und dieser immer wieder, kein Geringerer als der Gott Dionysos selber:—derselbe, dem ich einst, in viel jüngeren Jahren ein ehrfürchtiges und unschuldiges Opfer dargebracht hatte. Vielleicht finde ich noch einmal Muße und Stille genug, um meinen Freunden Alles, was ich von der Philosophie des Gottes Dionysos behalten habe, zu erzählen. mit halber Stimme, wie billig,—denn es handelt sich um vieles Heimliche, und manches Unheimliche. Daß aber Dionysos ein Philosoph ist und daß also auch Götter philosophiren, dünkt mich jedenfalls ein wichtiger und der sorgsamsten Mittheilung würdiger Umstand, welcher nichts gegen sich hat, außer daß er vielleicht nicht zur rechten Zeit bekannt wird: denn man glaubt heute ungern an Götter. Vielleicht, daß ich auch in der Freimüthigkeit meiner Erzählung etwas weiter gehen müßte, als den strengen Ohren meiner Freunde immer liebsam sein mag. Gewiß ist, daß der genannte Gott bei unseren Zwiegesprächen weiter gegangen ist und immer um einige Schritt mir voraus war: er liebt das Weitgehen! Ja, ich würde, falls es erlaubt wäre, ihm nach Menschenbrauch, schöne heuchlerische Prunk- und Tugend-Namen beizulegen, viel Rühmens von seinem Forscher- und Entdecker-Muthe, von seiner Redlichkeit, Wahrhaftigkeit und Liebe zur Weisheit zu machen haben. Aber mit allem diesem schönen Plunder und Prunk weiß ein solcher Gott nichts anzufangen. “Behalte dies, würde er sagen, lieber für dich und deines Gleichen, und wer sonst es nöthig hat! Ichhabe keinen Grund, meine Blöße zu decken.”

Man sieht, es fehlt dieser Art von Gottheit und Philosophen etwas an Scham. So sagte er gleich bei unserer ersten Unterredung zu mir: “unter Umständen liebe ich den Menschen—und dabei spielte er auf Ariadne an—: es ist ein angenehmes erfinderisches Thier, das auf Erden nicht seines Gleichen hat, es findet sich in allen Labyrinthen noch zurecht. Ich denke oft darüber nach, wie ich ihn noch vorwärts bringe und ihn stärker, böser und tiefer mache als er ist.”— Stärker, böser und tiefer? fragte ich erschreckt. “Ja, sagte er noch Ein Mal, stärker, böser und tiefer: auch schöner”—und dazu lächelte der Gott, wie als ob er eben eine bezaubernde Artigkeit gesagt habe. Man sieht hier zugleich: es fehlt dieser Gottheit nicht nur an Scham—; und es giebt überhaupt gute Gründe dafür, zu muthmaaßen, daß in einigen Stücken die Götter insgesammt bei uns Menschen in die Schule gehen könnten. Wir sind menschlicher.

Und hiermit sind wir angelangt und am rechten Orte: nämlich am Ende. Denn man wird bereits sattsam begriffen haben, was es heißen soll: “Menschliches, Allzumenschliches.” Und warum dieses Buch “ein Buch für freie Geister” ist.

2.

Was an diesem Titel die Worte “Menschliches, Allzumenschliches” bedeuten sollen, habe ich schon zu verstehn gegeben—zum Mindesten für solche, die feine Ohren haben. Was aber in aller Welt dachte ich mir damals unter “freien Geistern,” nach denen ich den Angelhaken meines Buches auswarf? Es scheint, ich wünschte mir—Gesellschaft?

41 [10]

Darum kann ich die drei Glücksfälle meines Lebens nicht genugsam preisen, welche zur rechten Zeit noch ausglichen, worin ich etwa durch eine ungesättigte, sehnsüchtige und vereinsamte Jugend zu Schaden gekommen war. Das Erste war, daß ich zeitig in jungen Jahren eine achtbare und gelehrte Beschäftigung fand, welche mir erlaubte, mich in der Nähe der Griechen heimisch zu machen: wenn man mir diesen unbescheidnen aber deutlichen Ausdruck nachsehen will. Solchermaaßen bei Seite gerückt und auf das Beste unterhalten brachte ich nicht leicht über mich, über Etwas, das sich heute begiebt, heftig zu zürnen. Dazu kam, daß ich einem Philosophen ergeben war, der auf eine tapfere Art allem Gegenwärtigen zu widersprechen wußte, ohne doch durch ein Übermaaß von Verneinung die Ehrfurcht selber bei seinem Schüler zu entwurzeln. Endlich bin ich von Kindesbeinen an ein Liebhaber der Musik und auch jeder Zeit guten Musikern selber Freund gewesen: dies Alles zusammen ergab, daß ich wenig Grund hatte, mich um die heutigen Menschen zu kümmern:—denn die guten Musiker sind alle Einsiedler und außer der Zeit.

Ich war schon über die zwanziger Jahre hinaus, als ich dahinter kam, daß mir die Kenntniß der Menschen fehlte. Ist es denn wahrscheinlich, daß Jemand zum Menschenkenner werden könne, der seinen Sinn weder auf Ehren, noch auf Ämter, noch auf Geld, noch auf Weiber ernstlich gerichtet hat und die längsten Stücke jedes Tages mit sich allein verbringt? Hier gäbe es mancherlei Anlaß zu spotten, wenn es nicht wider den guten Geschmack wäre, daß der Urheber eines Buches dessen Vorrede dazu mißbraucht, über sich selber zu spotten. Genug, ich fand Gründe und immer mehrere und bessere Gründe, meinem Lobe wie meinem Tadel gründlich zu mißtrauen; zugleich erwachte eine heftige und plötzliche Neugierde nach “dem Menschen: kurz, ich beschloß, in eine harte und lange Schule zu gehen.

41 [11]

“Denken” im primitiven Zustande (vor-organisch) ist Gestalten-Durchsetzen, wie beim Crystalle.— In unserem Denken ist das Wesentliche das Einordnen des neuen Materials in die alten Schemata (= Prokrustesbett), das Gleich-machen des Neuen.

41 [12]

Schluß von I.

Ich sehe neue Philosophen heraufkommen. So wie ich euch kenne, meine Freunde, ihr freien Geister, so fliegen unter euch auch diese “Kommenden,” schöne, stolze Vögel!— ich

41 [13]

Was aber den angeführten Imperativ des deutschen Instinkts betrifft, welcher gebietet: “Keine neuen Juden mehr! Und die Thore nach dem Osten zu geschlossen halten!”—so dürfte die kluge Erwägung den deutschen Juden selber zu einer derartigen “Grenz-regulirung” rathen: ihre Aufgabe, in das deutsche Wesen hineinzuwachsen und zu einem deutscheren Typus des Ausdrucks und der Gebärde, endlich der “Seele” zu gelangen—denn dies ist der Gang, von Außen nach Innen, vom “Schein” zum “Sein”—darf nicht immer wieder durch die schauerliche und verächtliche Häßlichkeit neu einwandernder polnischer und russischer, ungarischer und galizischer Juden ins Unlösbare zurückgeschoben werden. Hier ist der Punkt, wo die Juden auch ihrerseits zu handeln, nämlich sich “Grenzen zu setzen” haben:—der einzige und letzte Punkt, in dem jüdischer und deutscher Vortheil sich noch zu einem gemeinsamen Vortheile ausgleichen könnte: aber freilich, es ist Zeit, ja die höchste Zeit!

41 [14]

Es gab bisher auch noch keine Deutsche Cultur. Gegen diesen Satz ist es kein Einwand, daß es in Deutschland große Einsiedler gab—Göthe z. B.: denn diese hatten ihre eigene Cultur. Gerade aber um sie herum, gleichsam wie um mächtige trotzige vereinsamt hingestellte Felsen, lag immer das übrige deutsche Wesen als ihr Gegensatz, nämlich wie ein weicher mooriger unsicherer Grund, auf dem jeder Schritt und Tritt des Auslandes “Eindruck” machte und “Formen” schuf: die “deutsche Bildung” war ein Ding ohne Charakter, eine beinahe unbegrenzte Nachgiebigkeit.

41 [15]

— ich lachte ein armes anmaaßliches moderiges Buch öffentlich zu Tode, in das sich die “deutsche Bildung” vernarrt hatte,—nun, man kann auf Erden noch manchen gefährlicheren Gebrauch von seinem Gelächter machen! Vielleicht habe ich selbst unversehens dabei einen alten Mann, den alten würdigen David Strauß, virum optime meritum, “umgebracht”?—man giebt es mir zu verstehen. Aber so bringt es Krieg und Sieg mit sich; und ich will mit gutem Gewissen noch ganz andre Menschenleben einmal “auf dem Gewissen” haben! Nur die Weiber fort, auch die männlichen Klage-Weiber und Zärtlinge! Das versteht nichts vom Kriegs-Handwerk und jammert sich halbtodt über jeden “Mangel an Schonung.” Damit etwas Andres anfangen könne, muß man hier erst ein Ende machen: ich hoffe doch, daß man—mich hier—versteht? An der “deutschen Bildung” aber will nichts mehr geschont sein: hier muß man seiner selbst nicht schonen und endlich ein Ende machen—oder Etwas Anderes kann gar nicht anfangen

41 [16]

Die Deutschen sind tief.
der christliche Europäer.
der deutsche Geist
jener unbedenkliche Enthusiast.
die Demagogen in der Kunst.
Vom Rückgange der Wagnerei.
Wie wenig der deutsche Stil
die Juden
Ranke, der beschönigende Advokat der Thatsache

11, 41[1-16] August-September 1885

41 [1]

Sils-Maria, end of August 1885

Friedrich Nietzsche, Collected Writings.

Firstlings.The Birth of Tragedy.
 Untimely Meditations.
 Speech on Homer.

Human, All Too Human. A Book for Free Spirits.

Among Ourselves.” Mixed Opinions and Maxims.

Dawn. Thoughts on Moral Prejudices

Gai saber. Prelude to a Philosophy of the Future.

Thus Spoke Zarathustra. A Book for All and None.

Noon and Eternity. Legacy of a Seer.

“Exultabit Solitudo et florebit quasi lilium.”
Isaias

41 [2]

New Untimely Consideration.—

1.

In youth, one reveres and despises like a fool and may well offer up one’s most tender and lofty feelings to interpret people and things that do not belong to us, just as we do not belong to them. Youth itself is something falsifying and deceptive. It seems that the reverent and angry qualities inherent in youth find no rest until they have “falsified” people and things to their liking, until they can discharge their passions upon them. Later, when one has grown stronger, deeper, and more truthful, one is horrified to discover how little one had one’s eyes open when sacrificing on these altars.One is angry with oneself for not having seen all the vain, exaggerated, inauthentic, made-up, theatrical aspects of our beloved idols—one is angry with oneself for this self-deception. As if it had been a dishonest blindness. In this transition, one takes revenge on oneself through mistrust; one is on guard against one's enthusiastic feelings—yes, even "good conscience" itself already appears to one as a danger, as a self-concealment and fatigue of one's own honesty. Another decade later: and one understands that all this too was still—youth.

2.

— What I myself once, in my “young years,” wrote and less wrote than painted about Schopenhauer and Richard Wagner—perhaps in an all-too-reckless, overbold, over-youthful al fresco—that is what I least wish to examine today in detail for “truth” and “falsity.” Suppose, however, that I was mistaken back then: my error does at least no dishonor to either of the aforementioned, nor to myself! It is something to err thus; it is also something to have led me in such a manner into error. Moreover, it was in any case an invaluable benefit to me at the time when I resolved to “paint” “the philosopher” and “the artist” and, as it were, my own “categorical imperative”—to be able to apply my new colors not entirely into the unreal, but rather, as it were, onto pre-drawn figures.Without knowing it, I spoke only for myself, indeed fundamentally only about myself. However: Everything that I experienced back then are typical experiences for a certain kind of people, to help give expression to which. And whoever reads those writings with a young and fiery soul will perhaps guess the heavy vows with which I bound myself for my life at that time—with which I resolved to live *my* life: may he be one of those few who decide—and *are permitted*—to live a similar life and make similar vows!

3.

There was a moment when I secretly began to laugh about Richard Wagner, back when he prepared for his final role and appeared before the dear Germans with the gestures of a wonder-worker, healer, prophet, even a philosopher.And since I had not yet stopped loving him, my own laughter still bit into my heart: as it belongs to the story of everyone who becomes independent of their teacher and finally finds their own way. During this time, the following lively essay emerged, from which, as it seems to me, many a young German can still draw profit today:—I myself, as I am now disposed, would wish everything said more patiently, more warmly, and more gently. Meanwhile, I guessed too much of the painful and dreadful tragedy that lies hidden behind the life of such a man as Richard Wagner was.

4.

Richard Wagner has without any doubt the Germans etc.

5.

But the musician Richard Wagner?—“Richard Wagner and no end”: that is today the watchword.

But we friends of music have reached the end of our patience. We have put on the best face to the bad game of Wagnerism for so long and, with the help of all virtues and aesthetics, have talked and admonished ourselves throughout a long rainy day: “how beautiful even the bad weather is! How many charms lie hidden in the folds of the storm! How finely the rain understands the ‘infinite melody’! How incomparably a flash of lightning shines amid long gray gloom! And the thunder: how beautiful is the chromaticism of thunder!” But finally, finally, we also want to see the enlightened sky again and at least have the beautiful evening we deserve, after such a virtuous but so wicked day!— Really? The evening? Does it really want to “become evening” already? Is our best art, music, now also coming to an end?

My friends, here is one who no longer believes in it! It is still far from time for the evening! And Wagner signified neither the day nor the evening of our art,—but only a dangerous incident, an exception, and a question mark, which has put our conscience to the test! Just in time we learned to say No! Every honest and profound musician today says No to Wagner and to himself, insofar as he is still "wagnerized"—and indeed the more thoroughly he has gone to school with Wagner, learned from Wagner.

6.

All the worse, however, may be the lot of the less gifted, as well as the money- and ambition-driven musicians: there are precisely for them selected temptations in Wagner’s manner of making music.It is namely easy to compose with Wagnerian means and devices, and it may also, given the demagogic desire of today's artists to excite the "masses," be more rewarding, namely "effective," "overwhelming," "striking," "gripping," and however the treacherous favorite words of the theater rabble and the dilettantish enthusiasts go. But what ultimately means, in matters of art, the noise and enthusiasm of "masses"! Good music has never had a "public":—it is and can never be "public," it belongs to the most select, it should always and only—speaking in parables—be there for the "camera!" "Masses" sense out the one who knows best how to flatter them, they are grateful in their own way to all demagogic talents and give it back to them as well as they can.(How "masses" understand to thank, with what "spirit" and "taste," for this the death of Victor Hugo provided an instructive testimony: has so much France-degrading nonsense been printed and spoken in all the centuries of France combined as on this occasion? But also at the funeral of Richard Wagner, the flatteries of gratitude soared up to the "pious" wish: "Redemption to the Redeemer!"—)

NB. There is no doubt that W art today affects the masses: that it can—should this not say something about this art itself?For three good things in art, the "masses" have never had any sense: for nobility, for logic, and for beauty—*pulchrum est paucorum hominum*—not to mention an even better thing, the grand style, to which even the most highly gifted artists of modern times have not been able to say either yes or no:—they have had no right to it, they felt distant and ashamed before it, and this shame was still their highest elevation! Wagner stands farthest from the grand style: the excessive and heroically boastful nature of his artistic means stands in direct opposition to the grand style; and the same is true of the tenderly seductive, the multifariously alluring, the restless, uncertain, suspenseful, momentary, secretly ecstatic, the entire "supersensual" masquerade of sick senses, and everything else that may be called "Wagnerian" in the typical sense.And yet, despite the most thorough inability to do so: Wagner squints at the great style, he who cannot even manage the ordinary, proper, genuine logic! He knows this well enough, he recognized it early: but immediately he set about, with the unscrupulous actor’s skill that is his mastery, turning his deficiency to his advantage. There is much seductive power in the illogical, the semi-logical:—Wagner has thoroughly guessed this—: especially for Germans, among whom obscurity is perceived as “depth.” The masculinity and rigor of a logical development were denied him: but he found something “more effective”! “Music,” he taught, “is always only a means, the end is the drama.” The drama? No, the attitude!—that is how Wagner understood it for himself. Above all and first, the gripping attitude!Something that overturns and makes one shudder! What lies in the "sufficient reason"! A kind of ambiguity, even in the rhythmic phrasing, belongs equally among his favorite artistic means, a kind of intoxication and sleepwalking, which no longer knows how to "conclude" and unleashes a dangerous will to blindly follow and yield.

Just look at our women when they are "wagnerized": what "unfreedom of the will"! What fatalism in the fading glance! What letting-happen, letting-oneself-be-overcome! Perhaps they even sense that, in this state of "suspended" will, they have a magic and charm more for certain kinds of men?: what more reason to worship their Cagliostro and wonder-man!One may safely conclude that the actual "Maenads" of Wagner worship even suffer from hysteria and illness; something is not right in their sexuality; either they lack children, or, in the most tolerable case, men.

7.

As for the young men who pay homage to Wagner, they are generally poor musicians.(Even one of the best once said to me with touching sincerity, “I understand absolutely nothing about music, but Wagner unites all that is good today—he is an antisemite, a vegetarian, and detests vivisection.”) The Wagnerian youths, in many respects a very refreshing and noble kind of youth,—revere in Wagner roughly the same thing that the passionate disciples of Victor Hugo revered in their idol around 1828: above all, the master of grand words and gestures, the advocate of all swelling emotions, all lofty instincts, then the daring innovator and liberator in the struggle and contrast to the older, stricter, perhaps more limited artistic training, the opener of new paths, new vistas, new distances, new depths and heights, and finally, not least: this German youth reveres in Wagner the commanding nature, the ability to make noiseto command, to stand alone, to refer back to oneself, stubbornly to say Yes to oneself, and always in the name of the “chosen people,” the Germans!—in short, the populist and demagogic side of Wagner. Of what bad, indeed abominable taste this entire “self-staging” of Wagner’s is, the enthusiastic young men still see nothing: youth has once the right to bad taste,—it is its right.If one wants to learn where the innocence and unquestioning willingness of young men can be led and seduced by an old, world-weary rat-catcher, one should take a look at that literary swamp from which the aged master finally loves to sing with his "young ones" (is "singing" the right word?)—I mean the ill-reputed "Bayreuther Blätter." This is truly a swamp: presumption, German sentimentalism, and conceptual confusion in the murkiest disorder, with an unbearable sugar-coating of "sweetest" pity poured over it, interspersed with that already mentioned inclination for green vegetables and that purposeful unction and sentimentality in favor of animals, right next to the unvarnished, genuine, and thorough hatred of science and, in general, the mockery and defilement of everything that stands in Wagner's way andstood—how did his influence stand in the way of Mendelssohn’s more noble nature, Schumann’s purer nature!—alongside a shrewd scouting for new auxiliary troops, a “meeting halfway” toward powerful parties, for example, the utterly unsavory playing and winking with Christian symbols—Wagner, the old atheist, antinomian, and immoralist, even invokes the “blood of the Redeemer” with unction!—on the whole, the audacity of an old, thickly incensed high priest who proclaims his dark feelings as revelations over all conceivable realms of thought that are entirely denied and forbidden to him; and all this in a German, a veritable swamp-German of obscurity and exaggeration, such as may not even have been achieved by the most “German”-hostile disciples of Hegel!

8.

Perhaps it can now be made clear where Wagner belongs: namely not in the great line of the true and genuine of the highest rank, not at this Olympian “court of courts.” Rather, Wagner deserves a quite different rank and a quite different honor—and indeed, no small or common one: Wagner is one of those three actor-geniuses of art, from whom the crowd in this century—and it is indeed the “century of the crowd”!—has almost first learned the concept of “artist”: I mean those three strange and dangerous men, Paganini, Liszt, Wagner, who, placed questionably between “God” and “monkey,” were equally destined to “imitate” as to invent, to create in the art of imitation itself, and whose instinct has guessed everything that serves the purpose ofLectures, of expression, of effect, of enchantment, of seduction can be discovered and extensively explored. As demonic mediators and art interpreters, they were—and are today the masters of all interpreting artists: Everyone in these circles has learned from them;—among actors and performing players of all kinds, one will therefore also have to seek the hearth and likewise the origin of the actual “Wagner cult.”Abgesehen aber von diesen Kreisen, denen man alles Recht zu ihrem Glauben und Aberglauben zusprechen darf, und im Hinblick auf die gesammte Erscheinung jener drei Schauspieler-Genies und ihren geheimsten und allgemeinsten Sinn komme ich bei mir nicht darüber hinweg, immer dieselbe Frage wieder aufzuwerfen: was sich in jenen Dreien scheinbar neu ausdrückt, ist das vielleicht doch nur der alte und ewige “Cagliostro,” nur neu verkleidet, neu in Scene gesetzt, “in Musik gesetzt,” in Religion gesetzt—wie es dem Geschmack des neuen Jahrhunderts—dem Jahrhundert der Menge, wie gesagt,—am besten entsprechen mag? Also nicht mehr wie der letzte Cagliostro als der Verführer einer vornehmen und ermüdeten Cultur, sondern—als demagogischer Cagliostro?— Und unsre Musik, mit deren Hülfe hier “gezaubert” wird:—was, ich bitte und frage euch, bedeutet unsere d M!

9.

— This last Wagner, fundamentally a broken and overcome man, who could not give up the great acting, this Wagner, who in the end even spoke of the “raptures” he knew how to derive from the Protestant communion, while at the same time with his Parsifal music he stretched out his hands to everything truly Roman: this flatterer, offering himself everywhere to all German vanities, ambiguities, and presumptions,—this last Wagner should be the last and highest peak of our music and the expression of the finally achieved synthesis of the “German soul,” the German himself?— It was in the summer of 1876 that I renounced this belief within myself; and with that began that movement of the German conscience, of which today ever more serious, ever clearer signs are becoming recognizable,—and the

Decline of daring!

41 [3]

There is only nobility of birth, only nobility of blood. (I am not speaking here of the little word “von” and the Gotha Almanac: an insertion for asses.) Wherever “aristocrats of the spirit” are spoken of, there are usually reasons not to lack something to conceal; it is a well-known code word among ambitious Jews. Spirit alone does not ennoble; rather, something is first needed that ennobles the spirit.— What is needed for that? Blood.

41 [4]

The German philosophy as a whole—Leibnitz, Kant, Hegel, Schopenhauer, to name the great ones—is the most thorough kind of Romanticism and homesickness that has ever existed: the longing for the best that ever was. One is no longer at home anywhere, one ultimately longs to return to where one can somehow be at home, because one wants to be at home there alone: and that is the Greek world! But all bridges to it have been broken—except the rainbows of concepts! And they lead everywhere, to all homes and “fatherlands” that have existed for Greek souls! Admittedly: One must be very fine, very light, very thin, to walk across these bridges! But what happiness already lies in this will to spirituality, almost to ghostliness!

How far is this from "pressure and impact," from the mechanistic clumsiness of natural science, from the fairground noise of "modern ideas"! One wants to go back, through the Church Fathers to the Greeks, from the north to the south, from formulas to forms; one still enjoys the end of antiquity, Christianity, as an access to it, as a good piece of the ancient world itself, as a glittering mosaic of ancient concepts and ancient value judgments.Arabesques, flourishes, Rococo of scholastic abstractions—still better, namely finer and more delicate, than the peasant and rabble reality of northern Europe, still a protest of higher spirituality against the peasant war and rabble uprising that has taken control of the intellectual taste in the north of Europe and which had its leader in the great "unspiritual man," in Luther:—In this regard, German philosophy is a piece of Counter-Reformation, even still Renaissance, at least a will to Renaissance, a will to continue in the discovery of antiquity, in the excavation of ancient philosophy, above all the pre-Socratics—, the most thoroughly buried of all Greek temples!Perhaps, that some centuries later it will be judged that all German philosophizing has its true dignity in being a step-by-step recovery of the ancient ground, and that any claim to "originality" sounds petty and ridiculous in comparison to that higher claim of the Germans, to have retied the bond that seemed torn, the bond with the Greeks, the hitherto most highly developed type of "human." We approachwe today return to all those fundamental forms of world interpretation that the Greek spirit, in Anaximander, Heraclitus, Parmenides, Empedocles, Democritus, and Anaxagoras, invented—we are becoming more Greek day by day, first, as is fitting, in concepts and valuations, as it were, as Hellenizing ghosts: but someday, hopefully, also with our body! In this lies (and has always lain) my hope for the German essence!

41 [5]

One opens a female book:—and soon one sighs “another failed cook!”

41 [6]

Among the highest and most exalted human joys, in which existence celebrates its own transfiguration, come, as is fitting, only the rarest and best-endowed: and even these only after they themselves and their ancestors have lived a long preparatory life toward this goal, and not even in knowledge of this goal. Then an overflowing wealth of manifold powers and at the same time the most agile might of a “free will” and sovereign command dwell lovingly together in one person, the spirit is then as much at home in the senses as the senses are at home in the spirit; and everything that takes place in the one must also evoke a fine, extraordinary happiness and play in the other.

And likewise the reverse!—one should reflect on this reversal on occasion with regard to Hafiz; even Goethe, however much already in a weakened image, gives an inkling of this process. It is probable that in such perfectly and well-formed people, ultimately the most sensual functions are transfigured by a parable-intoxication of the highest spirituality; they experience in themselves a kind of deification of the body and are farthest from the ascetic philosophy of the statement “God is a spirit”: whereby it clearly emerges that the ascetic is “the failed man” who calls only one thing in himself, and precisely the judging and condemning thing, good—and calls it “God.”From that height of joy where man feels himself and himself entirely as a deified form and self-justification of nature, down to the joy of healthy peasants and healthy half-human animals: this entire long, immense ladder of light and colors of happiness the Greek called, not without the grateful shudders of one initiated into a mystery, not without much caution and pious silence—by the name of the god: Dionysus.— What do all modern people, the children of a fragile, manifold, sick, strange mother, know of the scope of Greek happiness, what could they know of it! Where would the slaves of "modern ideas" even take the right to Dionysian celebrations!

41 [7]

When the Greek body and the Greek soul "flourished," and not in states of morbid excess and madness, that mysterious symbol of the highest affirmation of the world and transfiguration of existence ever achieved on earth arose. Here is a standard given by which everything that has grown since is found to be too short, too poor, too narrow:—just utter the word "Dionysos" before the best modern names and things, before Goethe, for example, or before Beethoven, or before Shakespeare, or before Raphael: and at once we feel our best things and moments judged.

Dionysus is a judge!— Have I been understood?— There is no doubt that the Greeks sought to interpret the ultimate secrets “of the soul’s destiny” and everything they knew about education and purification, above all about the unshakable hierarchy and inequality of value among human beings, from their Dionysian experiences: here lies the great depth, the great silence, for all things Greek—one does not know the Greeks, as long as this hidden subterranean access remains buried. Inquisitive scholarly eyes will never see anything of these matters, no matter how much scholarship is employed in the service of that excavation—; even the noble zeal of such friends of antiquity as Goethe and Winckelmann has something forbidden, almost impertinent, here.Waiting and preparing oneself; awaiting the emergence of new sources, preparing in solitude for foreign visions and voices; washing one's soul ever cleaner of the fairground dust and noise of this time; overcoming everything Christian through something beyond Christian overcoming and not merely casting it aside—for Christian doctrine was the counter-doctrine to the Dionysian; rediscovering the South within oneself and stretching a bright, radiant, mysterious southern sky above oneself; reclaiming southern health and the hidden power of the soul; becoming step by step more comprehensive, supranational, European, beyond European, Oriental, finally Greek—for the Greek was the first great bond and synthesis of all things Oriental: and thus the beginning of the European soul, the discovery of ournew world”:—who lives under such imperatives, who knows what one might encounter one day? Perhaps—a new day!

41 [8]

In my youth, I declared war on the German educational conditions and bravely wielded my sword in the process: there is no other way. Away with the women, including the male women and tenderlings! they understand nothing of war and whimper half-dead over a single drop of spilled blood. They reproach me for having "murdered" the old David Strauss earlier? I may well have other lives on my conscience—but that is what war and victory bring. A thing that is ripe for dying: why artificially nurture, spare, and coddle such things? But nothing about the German educational conditions should be spared: that is "ripe."

41 [9]

Preface.

Whoever has the desires of a high and discerning soul and only rarely finds his table set, his nourishment prepared, faces no small danger today. Thrown into a noisy and vulgar age with which he does not wish to eat from the same bowl, he may easily perish from hunger and thirst, or, if he finally "reaches out" after all—, from disgust. This was the danger of my youth, an unsatisfied, longing, lonely youth; and the danger reached its peak when one day I understood what kind of food I had ultimately fed myself, and to what my soul's unruly hunger and thirst had lured me. It was in the summer of 1876.

I then, furious with disgust, pushed away all the tables at which I had sat until then, and I vowed to myself to live rather by chance and poorly, rather on grass and herbs and on the road, like an animal, rather not to live at all than to share my meals with the “actor-people” and the “higher equestrians of the spirit”—such harsh expressions I used at the time:—for I seemed to have fallen among nothing but Cagliostros and counterfeit people, and I raged and stormed over having loved where I should have despised.

After I had finally become calmer, though by no means more lenient or conciliatory, I slowly and without rudeness detached myself from my previous “society” and went on my wanderings,—sick, sick for long years.A great, ever greater detachment—for philosophical people like to drive the individual into the general—a willful “alienation” was in that time my only solace: I examined everything to which my heart had hitherto clung, I turned the best and most revered things and people upside down and looked at their reverse side, I did the opposite with everything on which human art of slander and defamation had hitherto best practiced. It was a wicked game: I was often sick from it,—but my resolve remained firm. I “broke my reverent heart” myself and still looked at its broken pieces and their reverse sides,—not without much new pleasure and curiosity: for one is cruel to the degree that one is capable of love.Finally, step by step, I arrived at the last demand of my inner hardness: I put on my best face for my wicked game, laughed all "pessimism" out of me, and maliciously defended myself against every conclusion in which sickness and solitude might have a share:—"forward," I said to myself, "one day you will be healthy, today it is enough to pretend to be healthy! The will to health is already the best remedy!"

Then I opened my eyes for the first time—and immediately saw many things and many colors of things that anxious corner-dwellers and spirits worried about themselves, who have always stayed at home, never get to see.A kind of bird-like freedom, a kind of bird's-eye view, a kind of mixture of curiosity and contempt, as everyone has who, uninvolved, overlooks an immense variety—this was finally the new state I had reached, with which I endured for a long time. A "free spirit" and nothing more: that's how I felt, that's what I called myself back then; and I had truly become the opposite of those who concern themselves with things that don't concern them—I was concerned with things that no longer—"concerned" me.

These were years of recovery: multifaceted years full of colorful and painfully enchanting events, of which the healthy, the four-square of spirit, would understand and sense just as little as the sickly, the condemned, those predestined for death and not for life.Back then, I had not yet "found myself": but I was bravely on my way to "myself" and examined a thousand things and people I passed by to see if they did not belong to "me" or at least knew something of "me". What surprises there were! What shudders! What brief little corners of happiness! What resting in the sun! What tenderness! And again and again that harsh inner voice commanding: "away from here! Forward, wanderer! There are still many seas and lands left for you: who knows, whom all you must yet encounter?"

That I therefore gratefully confess: strange and not entirely harmless spirits, sometimes even very free spirits, crossed my path back then when I began to study the rule of "Man"—and above all, one in particular, and this one again and again, none other than the god Dionysus himself:—the same to whom, in much younger years, I had once offered a reverent and innocent sacrifice. Perhaps I will yet find enough leisure and quiet to tell my friends everything I have retained of the philosophy of the god Dionysus, in a hushed voice, as is fitting—for it concerns much that is secret, and some things uncanny.

That Dionysus is a philosopher and that gods therefore also philosophize seems to me in any case an important and most carefully communicable circumstance, which has nothing against it except that it may perhaps become known at the wrong time: for today one is reluctant to believe in gods. Perhaps I might also have to go further in the frankness of my narrative than may always be pleasing to the strict ears of my friends. It is certain that the aforementioned god went further in our dialogues and was always a few steps ahead of me: he loves going far! Yes, if it were permitted, I would, according to human custom, have much to praise about his researcher's and discoverer's courage, his honesty, truthfulness, and love of wisdom.But with all this fine finery and splendor, such a god knows nothing to do with it. “Keep this,” he would say, “for yourself and your kind, and whoever else needs it! Ihave no reason, to cover my nakedness.”

One sees that this kind of deity and philosopher lacks shame. He said to me right at our first conversation: “under certain circumstances I love man—and here he alluded to Ariadne—: he is an agreeable, inventive animal, unmatched on earth, he still finds his way in all labyrinths. I often think about how I can advance him further and make him stronger, wickeder, and deeper than he is.”— Stronger, wickeder, and deeper? I asked, alarmed.“Yes, he said once more, stronger, angrier, and deeper: also more beautifully”—and with that, the god smiled, as if he had just said something enchantingly charming. One can see here at the same time: this deity lacks not only shame—; and there are good reasons in general to conjecture that in some respects the gods as a whole might go to school with us humans. We are more human.

And with this we have arrived and are in the right place: namely, at the end.For one will have already understood sufficiently what it means: “Human, All Too Human.” And why this book is “a book for free spirits.”

2.

What the words “Human, All Too Human” in this title are meant to signify, I have already given to understand—at least for those who have fine ears. But what in the world did I imagine at that time by “free spirits,” after whom I cast the fishing hook of my book? It seems I wished for—company?

41 [10]

That is why I cannot praise enough the three fortunate events of my life, which at the right time still compensated for what I might have suffered through an unsatisfied, yearning, and lonely youth. The first was that I found an honorable and scholarly occupation at an early age, which allowed me to make myself at home near the Greeks: if one will pardon me this immodest but clear expression. Thus set aside and best entertained, I could hardly bring myself to be fiercely angry about something happening today. Added to this was that I was devoted to a philosopher who knew how to courageously contradict everything present without, however, uprooting reverence itself in his student through an excess of negation.Finally, I have been a lover of music since childhood and have always been a friend to good musicians myself: all this together meant that I had little reason to concern myself with today's people—for all good musicians are hermits and outside of time.

I was already past my twenties when I realized that I lacked knowledge of people. Is it likely that someone can become a connoisseur of people if they have never seriously directed their mind toward honors, offices, money, or women, and spend the longest parts of each day alone?There would be ample reason to mock, were it not against good taste for the author of a book to misuse its preface to mock himself. Suffice it to say, I found reasons—and always more and better reasons—to thoroughly distrust both my praise and my criticism; at the same time, a fierce and sudden curiosity arose about “the man.” In short, I resolved to enter a harsh and lengthy school.

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“Thinking” in the primitive state (pre-organic) is shaping-through, as with the crystal.— In our thinking, the essential is the integration of new material into old schemas (= Procrustean bed), the making-equal of the new.

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End of I.

I see new philosophers coming. As I know you, my friends, you free spirits, so these “Coming Ones” also fly among you, beautiful, proud birds!— I

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But as for the aforementioned imperative of the German instinct, which commands: “No new Jews anymore! And keep the gates to the East closed!”—wise consideration might advise the German Jews themselves to adopt such a “border regulation”: their task is to grow into the German essence and achieve a more German type of expression and gesture, ultimately of the “soul”—for this is the path, from the outside inward, from the “appearance”to the “Being”—must not be pushed back into the insoluble again and again by the horrifying and contemptible ugliness of newly immigrating Polish and Russian, Hungarian and Galician Jews. Here is the point where the Jews must also act, namely to “set limits” for themselves:—the only and last point where Jewish and German advantage could still be balanced into a common advantage: but indeed, it is time, yes, the highest time!

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There has not yet been any German culture. It is no objection to this statement that there have been great hermits in Germany—Goethe, for example: for they had their own culture. But precisely around them, as if around mighty, defiant, solitary rocks, the rest of German being always lay as their opposite, namely like a soft, boggy, uncertain ground on which every step and tread of foreign lands made an “impression” and created “forms”: “German education” was a thing without character, an almost limitless pliability.

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— I laughed a poor, presumptuous, moldy book to death in public, a book that “German education” had become infatuated with,—well, one can still make many a more dangerous use of one’s laughter on earth! Perhaps I myself inadvertently “killed” an old man, the old worthy David Strauss, virum optime meritum, in the process?—I am given to understand as much. But that is what war and victory entail; and I will yet have other human lives “on my conscience” with a clear conscience!

Only the women away, also the male lamenting women and tenderlings! That understands nothing of the war craft and moans itself half-dead over every “lack of consideration.” So that something else can begin, one must first make an end here: I hope indeed that one—me here—understands? But nothing more shall be spared at the “German education”: here one must not spare oneself and finally make an end—or something else cannot begin at all

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The Germans are profound.
the Christian European.
the German spirit
that unscrupulous enthusiast.
the demagogues in art.
On the decline of daring.
How little the German style
the Jews
Ranke, the whitewashing advocate of the fact

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