11, 40[1-70] August-September 1885

40 [1]

Müde, Leidende, Geängstigte meinen Frieden, meinen Unbewegtheit, Ruhe, etwas dem tiefen Schlafe Ähnliches, wenn sie an das höchste Glück denken. Davon ist viel in die Philosophie gekommen. Ebenso hat die Angst vor dem Ungewissen, Vieldeutigen, Verwandlungsfähigen seinen Gegensatz, das Einfache, Sich-Gleich-bleibende, Berechenbare, Gewisse zu Ehren gebracht. Eine andere Art Wesen würde die umgekehrten Zustände zu Ehren bringen. Aber als ich, vor zehn Jahren

40 [2]

Der Wille zur Macht.
Versuch einer neuen Auslegung alles Geschehens.

(Vorrede über die drohende “Sinnlosigkeit.” Problem des Pessimismus.)

Logik.
Physik.
Moral.
Kunst.
Politik.

40 [3]

Für wen diese Auslegung wichtig ist. Neue “Philosophen.” Es mag hier und dort einen Solchen geben, der in ähnlicher Weise seine Unabhängigkeit liebt,—aber wir drängen uns nicht zu einander, wir “sehnen” uns nicht nach einander.

40 [4]

Wir sind die Erben der unvollkommenen schlechten Art, der längsten Art zu beobachten und zu schließen. Unsere gründlichsten und einverleibtesten Begriffe werden wohl am falschesten sein: soweit mit ihnen nämlich sich leben ließ! Aber man kann umgekehrt fragen: würde Leben überhaupt möglich sein mit einer feineren Beobachtung und strengeren vorsichtigeren Schlußverfahren? Auch heute noch ist der praktische Theil unseres Lebens im gröbsten Sinne versuchsweise, auf gut Glück hin: man sehe nur zu, was die meisten Menschen von der Ernährung wissen! Daß die Zweckmäßigkeit der Mittel in der gesammten Geschichte der Organismen zugenommen habe (wie Spencer meint) ist ein englisch-oberflächliches Urtheil, im Verhältniß zur Complicirtheit unsrer Zwecke ist die Dummheit der Mittel wahrscheinlich sich gleich geblieben.

40 [5]

Die Zunahme der Verstellung in der Rangordnung der Wesen (in der anorganischen Macht gegen Macht ganz roh, in der organischen Welt List usw.) die höchsten Menschen wie Caesar Napoleon (Stendhals Wort über ihn) ebenso die höheren Rassen (Italiäner usw.) Sollte man es nicht für möglich halten, daß die tausendfältigste Verschlagenheit mit in das Wesen höherer Geschöpfe gehöre? Natürlich würde der Sinn der Wahrheit (zu sehen, was ist) auch zunehmen müssen, als Mittel, um scheinen zu können. Der Schauspieler. Dionysos.

40 [6]

Wie arm sind die Philosophen bisher, wo ihnen nicht die Sprache, mindestens die Grammatik, im Ganzen das, was “Volk” in ihnen ist, soufflirt! In den Worten stecken Wahrheiten, mindestens Ahnungen der Wahrheit: das glauben sie alle steif und fest: daher die Zähigkeit, mit der sie sich an “Subjekt” “Leib” “Seele” “Geist” klammern. Welches Unheil liegt allein in jenem mumisirten Irrthum, den das Wort “Abstraktion” birgt! Als ob durch Weglassen und nicht vielmehr durch Unterstreichen, Hervorheben, Verstärken das entstünde, was man damit bezeichnet! So wie jedes Bild, jede Gestalt in uns entsteht und möglich wird, durch Vergröberung!

40 [7]

Wie der Entstehung der Arithmetik eine lange Übung und Vorschulung im Gleichsehen, Gleichnehmen-wollen, im Ansetzen identischer Fälle und im “Zählen” vorangegangen sein muß, So insgleichen auch dem logischen Schließen. Das Urtheil ist ursprünglich noch mehr als der Glaube “das und das ist wahr,” sondern “genau so und so will ich, daß es wahr ist!” Der Trieb der Assimilation, jene organische Grundfunktion, auf der alles Wachsthum beruht, paßt sich, was es aus der Nähe sich aneignet, auch innerlich an: der Wille zur Macht fungirt in diesem Einbegreifen des Neuen unter den Formen des Alten, Schon-Erlebten, im Gedächtniß noch-Lebendigen: und wir heißen es dann—“Begreifen”!

40 [8]

Der Begriff “Individuum” “Person” enthält eine große Erleichterung für das naturalistische Denken: welches vor Allem sich beim Ein-mal-eins wohl fühlt. Thatsächlich stecken dort Vorurtheile: wir haben leider keine Worte, um das wirklich Vorhandene, nämlich die Intensitäts-grade auf dem Wege zum Individuum, zur “Person” zu bezeichnen. Zwei wird aus Eins, Eins aus Zwei: das sieht man mit Augen bei der Zeugung und Vermehrung der niedrigsten Organismen; der Mathematik wird beständig im wirklichen Geschehen widersprochen, widerlebt, wenn der Ausdruck erlaubt ist. Ich habe einmal den Ausdruck “viele sterbliche Seelen” gebraucht: ebenso wie Jeder das Zeug zu vielen personae hat.

40 [9]

Es giebt schematische Köpfe, solche, welche einen Gedankencomplex dann für wahrer halten, wenn er sich in vorher entworfene Schemata oder Kategorien-Tafeln einzeichnen läßt. Der Selbst-Täuschungen auf diesem Gebiete giebt es unzählige: fast alle großen “Systeme” gehören hierhin. Das Grundvorurtheil ist aber: daß die Ordnung, Übersichtlichkeit, das Systematische dem wahren Sein der Dinge anhaften müsse, umgekehrt die Unordnung, das Chaotische, Unberechenbare nur in einer falschen oder unvollständig erkannten Welt zum Vorscheine komme—kurz ein Irrthum sei—: —was ein moralisches Vorurtheil ist, entnommen aus der Thatsache, daß der wahrhaftige zutrauenswürdige Mensch ein Mann der Ordnung, der Maximen, und im Ganzen etwas Berechenbares und Pedantisches zu sein pflegt. Nun ist es aber ganz unbeweisbar, daß das Ansich der Dinge nach diesem Recepte eines Muster-Beamten sich verhält.

40 [10]

— Descartes ist mir nicht radikal genug. Bei seinem Verlangen, Sicheres zu haben und “ich will nicht betrogen werden” that es Noth fragen “warum nicht?” Kurz, moralische Vorurtheile (oder Nützlichkeits-Gründe) zu Gunsten der Gewißheit gegen Schein und Ungewißheit. Darauf sehe ich die Philosophen an, von der Vedanta-Philos bis jetzt: warum dieser Haß auf das Unwahre, Böse, Schmerzhafte usw.?— Zur Vorrede. Erst die moral Werthschätzungen erledigt!

— Zum “kategorischen Imperativ” gehört ein Imperator!

40 [11]

— Die Kinder der Unschuld, welche an “Subjekt” Prädikat und Objekt glauben, die Grammatik-Gläubigen, welche noch von unserem Apfel der Erkenntniß nicht gehört haben!

40 [12]

Teichmüller p. 25 “ist es ein Schluß, wenn wir die sogenannten Dinge für seiend erklären, so müssen wir also schon vorher wissen, welche Natur (terminus medius) das Seiende (terminus major) habe, um diesen Begriff den Dingen zusprechen oder absprechen zu können” Dagegen sage ich: “zu wissen meinen.”

“Logische Gesetze” bei Spir I p. 76 definirt als “allgemeine Principien von Affirmationen über Gegenstände d. h. eine innere Nothwendigkeit, etwas von Gegenständen zu glauben.”

Meine Grundvorstellungen: “das Unbedingte” ist eine regulative Fiction, der keine Existenz zugeschrieben werden darf, die Existenz gehört nicht zu den nothwendigen Eigenschaften des Unbedingten. Ebenso “das Sein,” die “Substanz”—alles Dinge, die nicht aus der Erfahrung geschöpft sein sollten, aber thatsächlich durch eine irrthümliche Auslegung der Erfahrung aus ihr gewonnen sind.

Schlußcapitel Die bisherigen Auslegungen hatten alle einen gewissen Sinn für das Leben—erhaltend, erträglich machend, oder entfremdend, verfeinernd, auch wohl das Kranke separirend und zum Absterben bringend
meine neue Auslegung giebt den zukünftigen Philosophen als Herrn der Erde die nöthige Unbefangenheit.

1. Nicht sowohl “widerlegt,” als unverträglich mit dem, was wir jetzt vornehmlich für “wahr” halten und glauben: insofern ist die religiöse und moralische Auslegung uns unmöglich.

40 [13]

Die Logik ist geknüpft an die Bedingung: gesetzt, es giebt identische Fälle. Thatsächlich, damit logisch gedacht und geschlossen werde, muß diese Bedingung erst als erfüllt fingirt werden. Das heißt: der Wille zur logischen Wahrheit kann erst sich vollziehen, nachdem eine grundsätzliche Fälschung alles Geschehens vorgenommen ist. Woraus sich ergiebt, daß hier ein Trieb waltet, der beider Mittel fähig ist, zuerst der Fälschung und dann der Durchführung Eines Gesichtspunktes: die Logik stammt nicht aus dem Willen zur Wahrheit.

40 [14]

Man könnte sagen, die Complicirtheit der Wege (z. B. einer Pflanze, um zur Befruchtung zu kommen) sei ein Argument gegen die Absichtlichkeit: denn hier werde ein raffinirter Geist gedacht, der zu große Umwege wähle, in Hinsicht auf den Weg klug, auf die Wahl gerade dieses Weges dumm—also eine widerspruchsvolle Art Geist. Aber gegen diese Auffassung würde ich auf unsre menschliche Erfahrung verweisen: wir müssen dies Zufällige und Störende ausnützen und mit in jeden unsrer Entwürfe aufnehmen, so daß Alles, was wir durchführen, den ganz gleichen Charakter trägt, eines Geistes, der seinen Plan trotz vieler Hemmnisse durchführt, also mit vielen krummen Linien. Denken wir uns den Fall ins Ungeheure übersetzt: so wäre die scheinbare Dummheit des Weltenganges, der Charakter von Verschwendung, von nutzlosen Opfern vielleicht nur eine Betrachtung aus der Ecke, eine perspektivische Betrachtung für kleine Wesen, wie wir sind. In Anbetracht, daß wir die Zwecke nicht kennen, ist es kindlich, die Mittel nach Seite ihrer Vernünftigkeit zu kritisiren. Gewiß ist es, daß sie nicht gerade “human” sind.

40 [15]

Das Urtheil, das ist der Glaube: “dies und dies ist so.” Also steckt im Urtheile das Geständniß, einem identischen Fall begegnet zu sein: es setzt also Vergleichung voraus, mit Hülfe des Gedächtnisses. Das Urtheil schafft es nicht, daß ein identischer Fall da zu sein scheint. Vielmehr es glaubt einen solchen wahrzunehmen; es arbeitet unter der Voraussetzung, daß es überhaupt identische Fälle giebt. Wie heißt nun jene Funktion, die viel älter, früher arbeitend sein muß, welche an sich ungleiche Fälle ausgleicht und anähnlicht? Wie heißt jene zweite, welche, auf Grund dieser ersten usw. “Was gleiche Empfindungen erregt, ist gleich”: wie aber heißt das, was Empfindungen gleich macht, als gleich “nimmt”?— Es könnte gar keine Urtheile geben, wenn nicht erst innerhalb der Empfindungen eine Art Ausgleichung geübt wäre: Gedächtniß ist nur möglich mit einem beständigen Unterstreichen des schon Gewohnten, Erlebten— —Bevor geurtheilt wird, muß der Prozeß der Assimilation schon gethan sein: also liegt auch hier eine intellektuelle Thätigkeit, die nicht in’s Bewußtsein fällt, wie beim Schmerz infolge einer Verwundung. Wahrscheinlich entspricht allen organischen Funktionen ein inneres Geschehen, also ein Assimiliren, Ausscheiden, Wachsen usw.

Wesentlich, vom Leibe ausgehen und ihn als Leitfaden zu benutzen. Er ist das viel reichere Phänomen, welches deutlichere Beobachtung zuläßt. Der Glaube an den Leib ist besser festgestellt als der Glaube an den Geist.

“Eine Sache mag noch so stark geglaubt werden: darin liegt kein Kriterium der Wahrheit.” Aber was ist Wahrheit? Vielleicht eine Art Glaube, welche zur Lebensbedingung geworden ist? Dann freilich wäre die Stärke ein Kriterium. Z. B. in Betreff der Causalität.

40 [16]

Was thut denn im Grunde die ganze neuere Philosophie? sie macht, versteckt oder offen, ein Attentat auf den alten Seelenbegriff—das heißt auf die Grundlage des Christenthums, auf das “Ich”: sie ist antichristlich im feinsten Sinne. Ehemals glaubte man unbedingt an die Grammatik: man sagte: “Ich” ist Bedingung, “denke” ist Prädikat. Man versuchte, mit einer bewunderungswürdigen Zähigkeit, ob man nicht aus diesem Netze heraus könne—ob nicht allererst das Umgekehrte wahr sei: “Denke” Bedingung—und “Ich” bedingt, als eine Synthese, welche das Denken vornimmt. Kant wollte im Grunde beweisen, daß vom Subjekt aus das Subjekt nicht bewiesen werden könne, das Objekt auch nicht. Die Möglichkeit einer Schein-existenz des “Subjekts” dämmert: ein Gedanke, welcher, wie in der Vedanta-Philosophie, schon einmal auf Erden dagewesen ist. Will man einen neuen, wenngleich sehr vorläufigen Ausdruck dafür, so lese man

40 [17]

Die Vergröberung als Grundmittel, um Wiederkehr, identische Fälle erscheinen zu lassen; bevor also “gedacht” wurde, muß schon gedichtet worden sein, der formende Sinn ist ursprünglicher als der “denkende.”

40 [18]

Zur Moral. Wir benehmen uns der Rangordnung gemäß, zu der wir gehören: ob wir es schon nicht wissen, noch weniger Andern demonstriren können. Ein Imperativ “benimm dich der Rangordnung gemäß, zu der du gehörst” ist unsinnig: weil wir 1) uns 2) jene Ordnung kennen müßten, was Beides nicht der Fall ist——und 3) weil es überflüssig ist, etwas zu befehlen, das ohnedies geschieht. Rangordnung: nicht nur zu unseren Nächsten, sondern, unter Umständen, zur Nachwelt, ebenso zu den Bewohnern anderer Sterne; denn wir wissen nicht, ob jemand da ist, der uns mit ihnen vergleicht.— Alles Imperativische in der Moral wendet sich an die Vielheit der Masken, die wir in uns tragen, und will, daß wir dies hervorkehren und jenes nicht, also unsern Anschein verändern. “Besserung” ist: etwas sichtbar werden lassen von dem, was den guten Menschen gefällt—nicht mehr!

40 [19]

Und was Nachkommenschaft betrifft: so muß man sich klüglich und zur Zeit entscheiden: aut libri aut liberi.

40 [20]

Abgesehn von den Gouvernanten, welche auch heute noch an die Grammatik als veritas aeterna und folglich als Subjekt Prädikat und Objekt glauben, ist Niemand heute mehr so unschuldig, noch in der Art des Descartes das Subjekt “ich” als Bedingung von “denke” zu setzen; vielmehr ist durch die skeptische Bewegung der neueren Philosophie die Umkehrung, nämlich das Denken als Ursache und Bedingung sowohl von “Subjekt” wie von “Objekt,” wie von “Substanz” wie von “Materie” anzunehmen, uns glaubwürdiger geworden: was vielleicht nur die umgekehrte Art des Irrthums ist. So viel ist gewiß:—wir haben die “Seele” fahren lassen und folglich auch die “Weltseele,” die “Dinge an sich” so gut einen Welt-Anfang, eine “erste Ursache.” Das Denken ist uns kein Mittel zu “erkennen,” sondern das Geschehen zu bezeichnen, zu ordnen, für unsern Gebrauch handlich zu machen: so denken wir heute über das Denken: morgen vielleicht anders. Wir begreifen nicht recht mehr, wie “Begreifen” nöthig sein sollte, noch weniger, wie es entstanden sein sollte: und ob wir fortwährend in die Noth kommen, mit der Sprache und den Gewohnheiten des Volks-Verstandes uns behelfen zu müssen, so spricht der Anschein des beständigen Sich-widersprechens noch nicht gegen die Berechtigung unsres Zweifels. Auch in Betreff der “unmittelbaren Gewißheit” sind wir nicht mehr so leicht zu befriedigen: wir finden “Realität” und “Schein” noch nicht im Gegensatz, wir würden vielmehr von Graden des Seins—und vielleicht noch lieber von Graden des Scheins—reden und jene “unmittelbare Gewißheit” z. B. darüber, daß wir denken und daß folglich Denken Realität hat, immer noch mit dem Zweifel durchsäuern, welchen Grad dieses Sein hat; ob wir vielleicht als “Gedanken Gottes” zwar wirklich, aber flüchtig und scheinbar wie Regenbogen sind. Gesetzt, es gäbe im Wesen der Dinge etwas Täuschendes Närrisches etwas Betrügerisches, so würde der allerbeste Wille de omnibus dubitare, nach Art des Cartesius, uns nicht vor den Fallstricken dieses Wesens hüten; und gerade jenes Cartesische Mittel könnte ein Hauptkunstgriff sein, uns gründlich zu foppen und für Narren zu halten. Schon insofern wir doch, nach der Meinung des Cartesius, wirklich Realität hätten, müßten wir ja als Realität an jenem betrügerischen täuschenden Grunde der Dinge und seinem Grund-Willen irgendwie Antheil haben:—genug, “ich will nicht betrogen werden” könnte das Mittel eines tieferen feineren gründlicheren Willens sein, der gerade das Umgekehrte wollte: nämlich sich selber betrügen.

In summa: es ist zu bezweifeln, daß “das Subjekt” sich selber beweisen kann—dazu müßte es eben außerhalb einen festen Punkt haben und der fehlt!

40 [21]

Ausgangspunkt vom Leibe und der Physiologie: warum?— Wir gewinnen die richtige Vorstellung von der Art unsrer Subjekt-Einheit, nämlich als Regenten an der Spitze eines Gemeinwesens, nicht als “Seelen” oder “Lebenskräfte,” insgleichen von der Abhängigkeit dieser Regenten von den Regierten und den Bedingungen der Rangordnung und Arbeitstheilung als Ermöglichung zugleich der Einzelnen und des Ganzen. Ebenso wie fortwährend die lebendigen Einheiten entstehen und sterben und wie zum “Subjekt” nicht Ewigkeit gehört; ebenso daß der Kampf auch in Gehorchen und Befehlen sich ausdrückt und ein fließendes Machtgrenzen-bestimmen zum Leben gehört. Die gewisse Unwissenheit, in der der Regent gehalten wird über die einzelnen Verrichtungen und selbst Störungen des Gemeinwesens, gehört mit zu den Bedingungen, unter denen regirt werden kann. Kurz, wir gewinnen eine Schätzung auch für das Nichtwissen, das Im-Großen-und-Groben-Sehen, das Vereinfachen und Fälschen, das Perspectivische. Das Wichtigste ist aber: daß wir den Beherrscher und seine Unterthanen als gleicher Art verstehn, alle fühlend, wollend, denkend—und daß wir überall, wo wir Bewegung im Leibe sehen oder errathen, wir auch ein zugehöriges subjektives unsichtbares Leben hinzuschließen lernen. Bewegung ist eine Symbolik für das Auge; sie deutet hin, daß etwas gefühlt, gewollt, gedacht worden ist.— Das direkte Befragen des Subjekts über das Subjekt, und alle Selbst-Bespiegelung des Geistes hat darin seine Gefahren, daß es für seine Thätigkeit nützlich und wichtig sein könnte, sich falsch zu interpretiren. Deshalb fragen wir den Leib und lehnen das Zeugniß der verschärften Sinne ab: wenn man will, wir sehen zu, ob nicht die Untergebenen selber mit uns in Verkehr treten können.

40 [22]

NB. “Es wird gedacht: folglich giebt es Denkendes”—darauf läuft die Argumentation des Cartesius hinaus—aber die Realität eines Gedankens ist es nicht, die Cartesius wollte. Er wollte über “Einbildung” hinweg zu einer Substanz, welche denkt und sich einbildet.

40 [23]

Seien wir vorsichtiger als Cartesius, welcher in dem Fallstrick der Worte hängen blieb. Cogito ist freilich nur Ein Wort: aber es bedeutet etwas Vielfaches: manches ist vielfach, und wir greifen derb darauf los, im guten Glauben, daß es Eins sei. In jenem berühmten cogito steckt 1) es denkt 2) und ich glaube, daß ich es bin, der da denkt, 3) aber auch angenommen, daß dieser zweite Punkt in der Schwebe bliebe, als Sache des Glaubens, so enthält auch jenes erste “es denkt” noch einen Glauben: nämlich, daß “denken” eine Thätigkeit sei, zu der ein Subjekt, zum mindesten ein “es” gedacht werden müsse:—und weiter bedeutet das ergo sum nichts! Aber dies ist der Glaube an die Grammatik, da werden schon “Dinge” und deren “Thätigkeiten” gesetzt, und wir sind ferne von der unmittelbaren Gewißheit. Lassen wir also auch jenes problematische “es” weg und sagen wir cogitatur als Thatbestand ohne eingemischte Glaubensartikel: so täuschen wir uns noch einmal, denn auch die passivische Form enthält Glaubenssätze und nicht nur “Thatbestände”: in summa, gerade der Thatbestand läßt sich nicht nackt hinstellen, das “Glauben” und “Meinen” steckt in cogito des cogitat und cogitatur: wer verbürgt uns, daß wir mit ergo nicht etwas von diesem Glauben und Meinen herausziehn und daß übrig bleibt: es wird etwas geglaubt, folglich wird etwas geglaubt—eine falsche Schlußform! Zuletzt müßte man immer schon wissen, was “sein” ist, um ein sum aus dem cogito herauszuziehn, man müßte ebenso schon wissen, was wissen ist: man geht vom Glauben an die Logik—an das ergo vor Allem!—aus, und nicht nur von der Hinstellung eines factums!— Ist “Gewißheit” möglich im Wissen? ist unmittelbare Gewißheit nicht vielleicht eine contradictio in adjecto? Was ist Erkennen im Verhältniß zum Sein? Für den, welcher auf alle diese Fragen schon fertige Glaubenssätze mitbringt, hat aber die Cartesianische Vorsicht gar keinen Sinn mehr: sie kommt viel zu spät. Vor der Frage nach dem “Sein” müßte die Frage vom Werth der Logik entschieden sein.

40 [24]

Man soll die Naivetät des C nicht verschönern und zurechtrücken, wie es z. B. Spir thut.

“Das Bewußtsein ist sich selber unmittelbar gewiß: das Dasein des Denkens kann nicht geleugnet, noch bezweifelt werden, denn diese Leugnung oder dieser Zweifel sind eben selbst Zustände des Denkens oder des Bewußtseins, ihr eigenes Vorhandensein beweist also das, was sie in Abrede stellen, es benimmt ihnen folglich jede Bedeutung.” Spir 1, 26. “Es wird gedacht,” ergo giebt es etwas, nämlich “Denken.” War das der Sinn des Cartesius? Teichmüller p. 5 und 40 stehen Stellen. “Etwas, das sich selber unmittelbar gewiß ist” ist Unsinn. Gesetzt z. B., Gott dächte durch uns, und unsere Gedanken, sofern wir uns als Ursache fühlten, wären ein Schein, so wäre das Dasein der Gedanken nicht geleugnet oder bezweifelt, wohl aber das ergo sum. Sonst hätte er sagen müssen: ergo est.— Es giebt keine unmittelbaren Gewißheiten: cogito, ergo sum setzt voraus, daß man weiß, was “denken” ist und zweitens was “sein” ist: es wäre also, wenn das est (sum) wahr wäre, eine Gewißheit auf Grund zweier richtiger Urtheile, hinzugerechnet die Gewißheit, daß man ein Recht überhaupt zum Schlusse, zum ergo hat—also jedenfalls keine “unmittelbare” G. Nämlich: in cogito steckt nicht nur irgend ein Vorgang, welcher einfach anerkannt wird—dies ist Unsinn!—, sondern ein Urtheil, daß es der und der Vorgang ist, und wer z. B. nicht zwischen denken fühlen und wollen zu unterscheiden wüßte, könnte den Vorgang gar nicht constatiren. Und in sum oder est steckt immer noch eine solche begriffliche Ungenauigkeit, daß noch nicht einmal damit fit oder “es wird” abgelehnt ist. “Es geschieht da etwas,” könnte an Stelle von “da giebt es etwas, da existirt etwas, da ist etwas” gesetzt werden.

40 [25]

Der Glaube an die unmittelbare Gewißheit des Denkens ist ein Glaube mehr, und keine Gewißheit! Wir Neueren sind Alle Gegner des Descartes und wehren uns gegen seine dogmatische Leichtfertigkeit im Zweifel. “Es muß besser gezweifelt werden als Descartes!” Wir finden das Umgekehrte, die Gegenbewegung gegen die absolute Autorität der Göttin “Vernunft” überall, wo es tiefere Menschen giebt. Fanatische Logiker brachten es zu Wege, daß die Welt eine Täuschung ist; und daß nur im Denken der Weg zum “Sein,” zum “Unbedingten” gegeben sei. Dagegen habe ich Vergnügen an der Welt, wenn sie Täuschung sein sollte; und über den Verstand der Verständigsten hat man sich immer unter vollständigeren M lustig gemacht.

40 [26]

Scheinbar entgegengesetzt die 2 Züge, welche die modernen Europäer kennzeichnen: das Invidualistische und die Forderung gleicher Rechte: das verstehe ich endlich. Nämlich, das Individuum ist eine äußerst verwundbare Eitelkeit:—diese fordert, bei ihrem Bewußtsein, wie schnell sie leidet, daß Jeder Andere ihm gleichgestellt gilt, daß er nur inter pares ist. Damit ist eine gesellschaftliche Rasse charakterisirt, in welcher thatsächlich die Begabungen und Kräfte nicht erheblich auseinandergehn. Der Stolz, welcher Einsamkeit und wenige Schätzer will, ist ganz außer Verständniß; die ganz “großen” Erfolge giebt es nur durch Massen, ja man begreift es kaum noch, daß ein Massen-Erfolg immer eigentlich ein kleiner Erfolg ist: weil pulchrum est paucorum hominum.— Alle Moralen wissen nichts von “Rangordnung” der Menschen; die Rechtslehrer nichts vom Gemeinde-Gewissen. Das Individual-Princip lehnt die ganz großen Menschen ab und verlangt, unter ungefähr Gleichen, das feinste Auge und die schnellste Herauserkennung eines Talentes; und weil Jeder etwas von Talenten hat, in solchen späten und civilisirten Culturen, also erwarten kann, sein Theil Ehre zurückzubekommen, deshalb findet heute ein Herausstreichen der kleinen Verdienste statt wie niemals noch:—es giebt dem Zeitalter einen Anstrich von grenzenloser Billigkeit. Seine Unbilligkeit besteht in einer Wuth ohne Grenzen nicht gegen die Tyrannen und Volksschmeichler, auch in den Künsten, sondern gegen die vornehmen M, welche das Lob der Vielen verachten. Die Forderung gleicher Rechte (z. B. über Alles und Jeden zu Gericht sitzen zu dürfen) ist anti-aristokratisch. Ebenso fremd ist ihm das verschwundene Individuum, das Untertauchen in einen großen Typus, das Nicht-Person-sein-wollen: worin die Auszeichnung und der Eifer vieler hohen Menschen früher bestand (die größten Dichter darunter); oder “Stadt sein” wie in Griechenland; Jesuitismus, preußisches Offizier-Corps und Beamtenthum; oder Schüler sein und Fortsetzer großer Meister: wozu ungesellschaftliche Zustände und der Mangel der kleinen Eitelkeit nöthig ist

40 [27]

So wie Mathematik und Mechanik lange Zeiten als Wissenschaften mit absoluter Gültigkeit betrachtet wurden und erst jetzt sich der Verdacht zu entschleiern wagt, daß sie nichts mehr und nichts weniger sind als angewandte Logik auf die bestimmte unbeweisliche Annahme hin, daß es “identische Fälle” giebt—Logik selber aber eine consequente Zeichenschrift auf Grund der durchgeführten Voraussetzung (daß es identische Fälle giebt)—: so galt ehemals auch das Wort schon als Erkenntniß eines Dings, und noch jetzt sind die grammatischen Funktionen die bestgeglaubten Dinge, vor denen man sich nicht genug hüten kann. Es ist möglich, daß dieselbe Art Mensch, die später Vedanta-Philosophien ausdachte, Jahrtausende früher vielleicht auf der Grundlage unvollkom Sprachen sich eine philosophische Sprache ausdachte, nicht, wie sie meinten, als Zeichenschrift, sondern als “Erkenntniß der Welt” selber: aber welches “das ist” bisher auch aufgestellt wurde, eine spätere und feinere Zeit hat immer wieder daran aufgedeckt, daß es nicht mehr ist als “das bedeutet.” Noch jetzt ist die eigentliche Kritik der Begriffe oder (wie ich es einst bezeichnete) eine wirkliche “Entstehungsgeschichte des Denkens” von den meisten Philos nicht einmal geahnt. Man sollte die Werthschätzungen aufdecken und neu abschätzen, welche um die Logik herum liegen: z. B. “das Gewisse ist mehr werth als das Ungewisse” “das Denken ist unsre höchste Funktion”; ebenso den Optimismus im Logischen, das Siegesbewußtsein in jedem Schlusse, das Imperativische im Urtheil, die Unschuld im Glauben an die Begreifbarkeit im Begriff.

40 [28]

Es muß gedacht worden sein, lange bevor es Augen gab: die “Linien und Gestalten” sind also nicht anfänglich gegeben, sondern auf Tastgefühle hin ist am längsten gedacht worden: dies aber, nicht unterstützt durch das Auge, lehrt Grade des Druckgefühls, noch nicht Gestalten. Vor der Einübung also, die Welt als bewegte Gestalten zu verstehen, liegt die Zeit, wo sie als veränderliche und verschiedengradige Druck-Empfindung “begriffen” wurde. Daß in Bildern, daß in Tönen gedacht werden kann, ist kein Zweifel: aber auch in Druckgefühlen. Die Vergleichung in Bezug auf Stärke und Richtung und Nacheinander, die Erinnerung usw.

40 [29]

In Betreff des Gedächtnisses muß man umlernen: hier steckt die Hauptverführung eine “Seele” anzunehmen, welche zeitlos reproduzirt, wiedererkennt usw. Aber das Erlebte lebt fort “im Gedächtniß”; daß es “kommt,” dafür kann ich nichts, der Wille ist dafür unthätig, wie beim Kommen jedes Gedankens. Es geschieht etwas, dessen ich mir bewußt werde: jetzt kommt etwas Ähnliches—wer ruft es? weckt es?

40 [30]

Die große Gefahr steckt in der Annahme, daß es unmittelbares Erkennen gäbe (also “Erkennen” im strengen Sinn überhaupt!) Teichm p. 35 —

40 [31]

Das müßte etwas sein, nicht Subjekt, nicht Objekt, nicht Kraft, nicht Stoff, nicht Geist, nicht Seele:—aber man wird mir sagen, etwas dergleichen müsse einem Hirngespinnste zum Verwechseln ähnlich sehn? Das glaube ich selber: und schlimm, wenn es das nicht thäte! Freilich: es muß auch allem Andern, was es giebt und geben könnte, und nicht nur dem Hirngespinnste zum Verwechseln ähnlich sehn! Es muß den großen Familienzug haben, an dem sich alles als mit ihm verwandt wiedererkennt — —

40 [32]

Gesetzt, ihr fragt: “Hat denn vor 50 000 Jahren der Baum schon grün ausgesehen?” so würde ich antworten: “vielleicht noch nicht: vielleicht gab es damals erst die zwei Hauptgegensätze der valeurs, dunklere und hellere Massen:—und allmählich haben daraus sich die Farben ausgewickelt.

40 [33]

Vor der Logik, welche überall mit Gleichungen arbeitet, muß das Gleichmachen, das Assimiliren gewaltet haben: und es waltet noch fort, und das logische Denken ist ein fortwährendes Mittel selber für die Assimilation, für das Sehen-wollen identischer Fälle.

40 [34]

Unser “Gedächtniß,” was es immer sei, mag uns als Gleichniß dienen, etwas Wichts damit zu bezeichnen: in der Entwicklung jedes organischen Wesens zeigt sich ein Wunderding von Gedächtniß für seine gesammte Vorgeschichte, soweit organische Wesen eine Vorgeschichte haben,—und zwar ein nachbildendes Gedächtniß, welches die frühesten und längstens einverleibten Formen eher nachbildet als die letzterlebten: somit zurückgreift und nicht schrittweise, wie man vermuthen sollte, mit einem regressus vom Letzten zum Fernst-Erlebten geht, sondern gerade umgekehrt alles Jüngere und Frischer-Eingedrückte zunächst bei Seite läßt. Hier ist eine erstaunliche Willkür da:— Auch die “Seele,” welche in allen philosophischen Verlegenheiten gewöhnlich zu Hülfe gerufen wird, vermag hier nicht zu helfen: zum Mindesten nicht die Individuai-seele, sondern ein Seelen-continuum, welches im ganzen Prozesse einer gewissen organischen Reihe waltete. Wiederum: da nicht Alles nachgebildet wird, sondern nur Grundformen, so müßte in jenem Gedächtniß ein subsumirendes Denken, Simplificiren, Reduziren beständig stattfinden: genug, etwas Analoges dem, was wir von unserem Bewußtsein aus als “Logik” bezeichnen.— Und wie weit mag diese Nachbildung des früher Erlebten gehen? Gewiß auch bis zur Nachbildung von Gefühls- und Gedankengängen. Aber was halten von den “angeborenen Ideen,” welche Locke in die Zweifel zog? Es ist sicherlich viel mehr wahr als nur dies, daß Ideen angeboren werden, vorausgesetzt, daß man den Akt der Geburt nicht bei dem Wort “angeboren” unterstreicht.

40 [35]

Die allgemeine Verlogenheit der Menschen über sich, das moral Ausdeuten dessen, was sie thun und wollen, wäre zu verachten, wenn es nicht auch etwas sehr Lustiges wäre: und es bedürfte wirklich der Zuschauer—so interessant ist das Schauspiel! Nicht von Göttern, wie Epicur sie sich dachte! Sondern homerische Götter: so ferne und nahe den Menschen und ihnen zusehend, wie etwa Galiani seinen Katzen und Affen stand:—also ein wenig verwandt den Menschen, aber höherer Art!

40 [36]

Die mathematischen Physiker können die Klümpchen-Atome nicht für ihre Wissenschaft brauchen: folglich construiren sie sich eine Kraft-Punkte-Welt, mit der man rechnen kann. Ganz so, im Groben, haben es die Menschen und alle organischen Geschöpfe gemacht: nämlich so lange die Welt zurecht gelegt, zurecht gedacht, zurecht gedichtet, bis sie dieselbe brauchen konnten, bis man mit ihr “rechnen” konnte.

40 [37]

Sollte nicht es genügen, uns als “Kraft” eine Einheit zu denken, in der Wollen Fühlen und Denken noch gemischt und ungeschieden sind? Und die organischen Wesen als Ansätze zur Trennung, so daß die organischen Funktionen sämmtlich noch in jener Einheit beieinander sind, also Selbst-regulirung, Assimilation, Ernährung, Ausscheidung, Stoffwechsel? Zuletzt ist als “real” nichts gegeben als Denken und Empfinden und Triebe: ist es nicht erlaubt zu versuchen, ob dies Gegebene nicht ausreicht, die Welt zu construiren? Ich meine nicht als Schein: sondern als so real, wie eben unser Wollen Fühlen Denken ist—aber als primitivere Form desselben. Die Frage ist zuletzt: ob wir den Willen wirklich als wirkend anerkennen? Thun wir dies, so kann er natürlich nur auf etwas wirken, was seiner Art ist: und nicht auf “Stoffe.” Entweder muß man alle Wirkung als Illusion auffassen (denn wir haben uns die Vorstellung von Ursache und Wirkung nur nach dem Vorbilde unseres Willens als Ursache gebildet!) und dann ist gar nichts begreiflich: oder man muß versuchen, sich alle Wirkungen als gleicher Art, wie Willensakte zu denken, also die Hypothese machen, ob nicht alles mechanische Geschehen, insofern eine Kraft darin ist, eben Willenskraft ist. —

Die “sterblichen Seelen” resp. die Unmöglichkeit, das numerische Verhältniß auf diese Dinge zu übertragen. Gegen das Individuum. Das “Zählen” ist nur eine Vereinfachung, wie alle Begriffe. Nämlich: überall wo etwas rein arithmetisch gedacht werden soll, wird die Qualität weggerechnet. Ebenso in allem Logischen, wo die Identität der Fälle die Voraussetzung ist, also der eigentliche spez Charakter jedes Vorgangs einmal weggedacht ist (das Neue, nicht aus den Bedingungen des Entstehens Zu-Begreifende—r Inbegriffene.)

40 [38]

Es kommt darauf an, die Einheit richtig zu bezeichnen, in der Denken Wollen und Fühlen und alle Affekte zusammengefaßt sind: ersichtlich ist der Intellekt nur ein Werkzeug, aber in wessen Händen? Sicherlich der Affekte: und diese sind eine Vielheit, hinter der es nicht nöthig ist eine Einheit anzusetzen: es genügt sie als eine Regentschaft zu fassen.— Daß die Organe sich überall herausgebildet haben, was die morphologische Entwicklung zeigt, darf als Gleichniß gewiß auch für das Geistige benutzt werden: so daß etwas “Neues” immer nur durch Ausscheidung einer einzelnen Kraft aus einer synthetischen Kraft zu fassen ist.

Das Denken selber ist eine solche Handlung, welche auseinanderlegt, was eigentlich Eins ist. überall ist die Scheinbarkeit da, daß es zählbare Vielheiten giebt, auch im Denken schon. Es giebt nichts “Addirtes” in der Wirklichkeit, nichts “Dividirtes,” ein Ding halb und halb ist nicht gleich dem Ganzen.

40 [39]

Die Physiker sind jetzt mit allen Metaphysikern darüber einmüthig, daß wir in einer Welt der Täuschung leben: glücklich, daß man nicht mehr nöthig hat, darüber mit einem Gotte abzurechnen, über dessen “Wahrhaftigkeit” man zu seltsamen Gedanken kommen könnte. Das Perspektivische der Welt geht so tief als heute unser “Verständniß” der Welt reicht; und ich würde es wagen, es noch dort anzusetzen, wo der Mensch billigerweise überhaupt von Verstehen absehn darf—ich meine dort, wo die Metaphysiker das Reich des anscheinend Sich-selbst-Gewissen, Sich-selber-Verständlichen, u im Denken. Daß die Zahl eine perspektivische Form ist, so gut als Zeit und Raum, daß wir so wenig “Eine Seele” als “zwei Seelen” in einer Brust beherbergen, daß die “Individuen” sich wie die materiellen “Atome” nicht mehr halten lassen, außer für den Hand-Hausgebrauch des Denkens, und sich in ein Nichts verflüchtigt (oder in eine “Formel”), daß Nichts Lebendiges und Todtes zusammenaddirt werden kann, daß beide Begriffe falsch sind, daß es nicht drei Vermögen der Seele giebt, daß “Subjekt” und “Objekt” “Aktivum und Passivum” “Ursache und Wirkung” “Mittel und Zweck” immer nur perspektivische Formen sind, in summa daß die Seele, die Substanz, die Zahl, die Zeit, der Raum, der Grund, der Zweck,—miteinander stehen und fallen. Gesetzt aber nun, daß wir nicht so thöricht sind, die Wahrheit, in diesem Falle das x, höher zu schätzen, als den Schein, gesetzt daß wir entschlossen sind zu leben—so wollen wir mit dieser Scheinbarkeit der Dinge nicht unzufrieden sein und nur daran festhalten, daß Niemand zu irgend welchen Hintergedanken in der Darstellung dieser Perspektivität stehen bleibt:—was in der That fast allen Philosophen bisher begegnet ist, denn sie hatten alle Hintergedanken und liebten ihre “Wahrheiten”—Freilich: wir müssen hier das Problem der Wahrhaftigkeit aufwerfen: gesetzt, wir leben in Folge des Irrthums, was kann denn da der “Wille zur Wahrheit” sein? Sollte er nicht ein “Wille zum Tode” sein müssen?— Wäre das Bestreben der Philosophen und wissenschaftlichen Menschen vielleicht ein Symptom entartenden absterbenden Lebens, eine Art Lebens-Überdruß des Lebens selber? Quaeritur: und man könnte hier wirklich nachdenklich werden.

40 [40]

Scepsis gegen die Sceptiker.— Welches Glück giebt der zarte Flaum den Dingen! Wie leuchtet das ganze Leben von schönen Scheinbarkeiten! Die großen Fälschungen und Ausdeutungen waren es, die uns bisher über das Glück des Thiers emporhoben—ins Menschliche! Und umgekehrt: was hat bisher das Geknarr des logischen Räderwerks, die Selbst-Bespiegelung des Geistes, die Aufdröselung der Instinkte mit sich gebracht? Gesetzt, ihr hättet alles in Formeln aufgelöst und euern Glauben in Grade der Wahrscheinlichkeit: da ihr darnach nicht leben könntet, wie? solltet ihr mit schlechtem Gewissen leben? Und wenn der Mensch erst den Glauben an Güte Gerechtigkeit und Wahrheit im Grunde der Dinge als haarsträubende Fälschung empfindet: wie soll er sich selber fühlen, insofern er doch Theil und Stück dieser Welt? Als etwas Haarsträubendes, Falsches:

40 [41]

Es giebt keine unmittelbaren Empfindungen Spir 2 p. 56.
 keine unmittelbaren Schmerzgefühle
 keine unmittelbaren Gedanken

Wenn es ein unmittelbares Wissen gäbe, so dürfte man nicht, wie J. St. Mill, von der “Relativität des Wissens” reden.

40 [42]

Die Annahme des Einen Subjekts ist vielleicht nicht nothwendig; vielleicht ist es ebensogut erlaubt, eine Vielheit von Subjekten anzunehmen, deren Zusammen-Spiel und Kampf unserem Denken und überhaupt unserem Bewußtsein zu Grunde liegt? Eine Art Aristokratie von “Zellen,” in denen die Herrschaft ruht? Gewiß von pares, welche mit einander an’s Regieren gewöhnt sind und zu befehlen verstehen?

Meine Hypothesen:

das Subjekt als Vielheit

der Schmerz als intellektuell und abhängig vom Urtheil “Schädlich”: projicirt

die Wirkung immer “unbewußt”: die erschlossene und vorgestellte “Ursache” wird projicirt, folgt der Zeit nach.

die Lust ist eine Art des Schmerzes.

die einzige Kraft, die es giebt, ist gleicher Art, wie die des Willens, ein Commandiren an andere Subjekte, welche sich daraufhin verändern.

die beständige Vergänglichkeit und Flüchtigkeit des Subjekts, “sterbliche Seele”

die Zahl als perspektivische Form.

40 [43]

Innerhalb einer Heerde, jeder Gemeinde, also inter pares, hat die Überschätzung der Wahrhaftigkeit guten Sinn. Sich nicht betrügen lassen—und folglich, als persönliche Moral, selber nicht betrügen! Eine gegenseitige Verpflichtung unter Gleichen! Nach außen hin verlangt die Gefahr und Vorsicht, daß man auf der Hut vor Betrug sei: als psychologische Vorbedingung dazu auch innen. Mißtrauen als Quelle der Wahrhaftigkeit.

40 [44]

Gesetzt, die Welt wäre falsch, Leben nur auf dem Boden des Wahns, unter dem Schirme des Wahns, an dem Leitfaden des Wahns zu begreifen: was bedeutete dann “der Natur gemäß leben”? Könnte die Vorschrift nicht gerade die sein: “sei ein Betrüger”? Ja sogar, wie wollte man es verhüten zu täuschen? Wir irren uns über uns selber und sind uns unfaßbar: wie viel mehr sind wir es für die “Nächsten”! Aber sie glauben sich nicht getäuscht durch uns—und darauf hin beruht aller Verkehr mit gegenseitigen Rechten und Pflichten.— Daß das Täuschen nicht in meiner Absicht liegt, zugegeben! Aber feiner zugesehn: ich thue auch nichts dazu, meine Nächsten aufzuklären, darüber, daß sie sich über mich täuschen. Ich verhindere nicht ihren Irrthum, ich bekämpfe ihn nicht, ich lasse ihn geschehn—: in so fern bin ich zuletzt doch der Betrügende mit Willen. Genau so verfahre ich aber auch gegen mich selber: die Selbsterkenntniß gehört nicht unter die Gefühle der Verpflichtung; selbst wenn ich mich zu erkennen Suche, so geschieht es aus Gründen der Nützlichkeit oder einer feineren Neugierde,—nicht aber aus dem Willen der Wahrhaftigkeit.— Daß der Wahrhaftige mehr werth sei als der Lügner, im Haushalte der Menschheit, wäre immer noch erst zu erweisen. Die ganz Großen und Mächtigen waren bisher Betrüger: ihre Aufgabe wollte es von ihnen. Vorausgesetzt, daß es sich ergäbe, Leben und Vorwärtskommen sei nur möglich auf einem consequenten und langen Getäuscht-werden: so könnten die consequenten Betrüger zu den höchsten Ehren kommen, als Lebensbedinger und Förderer des Lebens. Daß man schädigt, indem man nicht die Wahrheit sagt, ist der Glaube der Naiven, eine Art Frosch-Perspektive der Moral. Wenn das Leben und der Werth des Lebens auf gut geglaubten Irrthümern ruht, so könnte gerade der Wahrheit-Redende, Wahrheit-Wollende der Schädigende sein (als der Aufdröseler der Illusionen).

40 [45]

Der Philosoph der Zukunft.
Gedanken über Zucht und Züchtung.

40 [46]

NB. Unsre ferne einstmalige Bestimmung waltet über uns, auch wenn wir noch kein Auge für sie offen haben; wir erleben lange Zeiten nur Räthsel. Die Wahl von Menschen und Dingen, die Auswahl der Ereignisse, das Wegstoßen des Angenehmsten, oft des Verehrtesten—es erschreckt uns, wie als ob aus uns ein Zufall, eine Willkür hier und da einem Vulkane gleich herausbräche: aber es ist die höhere Vernunft unserer zukünftigen Aufgabe. Vorwärts gesehn mag sich all unser Geschehen nur wie die Einmüthigkeit von Zufall und Unsinn ausnehmen: rückwärts gesehn weiß ich für meinen Theil an meinem Leben nichts von Beidem mehr ausfindig zu machen.

40 [47]

Die Herkunft. Was ist vornehm? Die Entstehung des Adels. Die nachahmenden Talente wie Voltaire.

Die große Loslösung.
Die sieben Einsamkeiten.
Der Wille zur Macht.

40 [48]

Von der Rangordnung.
Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.

Erstes Buch:Züchtung und Zucht.
Zweites Buch:die große Loslösung.
Drittes Buch:die sieben Einsamkeiten.
Überwindung der Moral.
Viertes Buch:der Wille zur Macht.

40 [49]

Seien wir mißtrauisch gegen alle anscheinende “Gleichzeitigkeit”! Es schieben sich da Zeit-Bruchstücke ein, welche nur nach einem groben Maaße, z. B. unserem menschlichen Zeitmaaße klein heißen dürfen; in abnormen Zuständen, z. B. als Haschischraucher oder im Augenblick der Lebensgefahr bekommen aber auch wir Menschen einen Begriff davon, daß in einer Sekunde unserer Taschenuhr tausend Gedanken gedacht, tausend Erlebnisse erlebt werden können. Wenn ich das Auge aufmache, steht die sichtbare Welt da, scheinbar sofort: inzwischen aber ist etwas Ungeheures geschehen, ein Vielerlei von Geschehen:—erstens zweitens drittens: doch hier mögen die Ph reden!

40 [50]

Unter dem nicht ungefährlichen Titel “der Wille zur Macht” soll hiermit eine neue Philosophie oder, deutlicher geredet, der Versuch einer neuen Auslegung alles Geschehens, zu Worte kommen: billigerweise nur vorläufig und versucherisch, nur vorbereitend und vorfragend, nur “vorspielend” zu einem Ernste, zu dem es eingeweihter und auserlesener Ohren bedarf, wie es sich übrigens bei allem, was ein Ph öffentlich sagt, von selber versteht,—mindestens verstehen sollte. Aber heute, Dank dem oberflächlichen und anmaaßlichen Geiste eines Zeitalters, welches an die “Gleichheit aller Rechte” glaubt, ist es dahin gekommen, daß man durchaus nicht mehr Denn jeder Philosoph soll insoweit die Tugend des Erziehers haben, daß er, bevor er zu überzeugen unternimmt, erst verstehen muß zu überreden. Ja der Verführer hat vor allem Beweisen zu untergraben und zu erschüttern, vor allem Befehlen und Vorangehn erst zu versuchen, in wie weit er versteht, auch zu verführen.

40 [51]

Die Begriffe sind etwas Lebendiges, folglich auch etwas bald Wachsendes, bald Schwindendes: viele Begriffe sind eines elenden Todes gestorben. Sie wären im Gleichnisse wohl als Zellen zu bezeichnen, mit einem Zellen-Kern und einem Leibe herum, der nicht fest und

40 [52]

Es giebt verhängnißvolle Worte, welche eine Erkenntniß auszudrücken scheinen und in Wahrheit eine Erkenntniß verhindern; zu ihnen gehört das Wort “Erscheinungen.” Welches Wirrsal die “Erscheinungen” anrichten, mögen diese Sätze verrathen, welche ich verschiedenen neueren Philosophen entlehne.

gegen das Wort “Erscheinungen.”

40 [53]

NB. Schein wie ich es verstehe, ist die wirkliche und einzige Realität der Dinge,—das, dem alle vorhandenen Prädikate erst zukommen und welches verhältnißmäßig am besten noch mit allen, also auch den entgegengesetzten Prädikaten zu bezeichnen ist. Mit dem Worte ist aber nichts weiter auszudrücken als seine Unzugänglichkeit für die logischen Prozeduren und Distinktionen: also “Schein” im Verhältniß zur “logischen Wahrheit”—welche aber selber nur an einer imaginären Welt möglich ist. Ich setze also nicht “Schein” in Gegensatz zur “Realität” sondern nehme umgekehrt Schein als die Realität, welche sich der Verwandlung in eine imaginative “Wahrheits-Welt” widersetzt. Ein bestimmter Name für diese Realität wäre “der Wille zur Macht,” nämlich von innen her bezeichnet und nicht von seiner unfaßbaren flüssigen Proteus-Natur aus.

40 [54]

Die Absichtlichkeit der Handlungen ist nichts Entscheidendes in der Moral (gehört in die kurzsichtige individualistische Tendenz). “Zweck” und “Mittel” sind im Verhältniß zur ganzen Art, woraus sie wachsen, nur symptomatisch, an sich vieldeutig und unfaßbar beinahe. Das Thier und die Pflanze zeigen ihren moralischen Charakter, je nach den Lebensbedingungen, in welche sie gestellt sind. Hinter der “Absichtlichkeit” liegt erst das Entscheidende. Man wird nie das Individuum isoliren dürfen: “Hier, muß man sagen, ist ein Gewächs mit einer solchen Vorgeschichte.”

40 [55]

Die Gesetzmäßigkeit der Natur ist eine falsche humanitäre Auslegung. Es handelt sich um eine absolute Feststellung der Machtverhältnisse, um die ganze Brutalität, ohne die Milderung, welche im organischen Leben das Vorausnehmen der Zukunft, die Vorsicht und List und Klugheit, kurz der Geist mit sich bringt. Die absolute Augenblicklichkeit des Willens zur Macht regirt; im Menschen (und schon in der Zelle) ist diese Feststellung ein Prozeß, der bei dem Wachsthum aller Betheiligten sich fortwährend verschiebt—ein Kampf, vorausgesetzt, daß man dies Wort so weit und tief versteht, um auch das Verhältniß des Herrschenden zum Beherrschten noch als ein Ringen, und das Verhältniß des Gehorchenden zum Herrschenden noch als ein Widerstreben zu verstehen.

40 [56]

1. Über vornehme und gemeine Moral.
 “Sittlichkeit”: ein Typus des Menschen soll erhalten werden. Vornehme Moral.
Das Menschliche in irgend welchem Maaße soll erhalten werden: gemeine Moral.
   
2. Die Absichtlichkeit der Handlungen.
   
3. Das Böse in den Tugenden.
   
4. Die schlimmen Triebe und ihre Nützlichkeit.

40 [57]

NB! Ist aber etwas Ruhendes wirklich glücklicher als alles Bewegte? Ist das Unveränderliche wirklich und nothwendig werthvoller als ein Ding, das wechselt? Und wenn sich Einer tausende Male widerspricht und viele Wege geht und viele Masken trägt und in sich selber kein Ende und letzte Horizontlinie findet: ist es wahrscheinlicher, daß ein Solcher weniger von der “Wahrheit” erfährt als ein tugendhafter Stoiker, welcher sich ein für alle Mal wie eine Säule und mit der harten Haut einer Säule an seine Stelle gestellt hat? Aber dergleichen Vorurtheile sitzen an der Schwelle zu aller bisherigen Philosophie: und sonderlich die, daß Gewißheit besser sei als Ungewißheit und offene Meere, und daß der Schein es sei, den ein Philosoph als seinen eigentlichen Feind zu bekämpfen habe.

40 [58]

Es liegt Jetzt noch wenig daran, daß man wisse, was ich damals eigentlich von Richard Wagner wollte (obwohl der Leser meiner Geburt der Tragödie darüber nicht im Unklaren sein sollte), ja daß ich, durch ein Verlangen dieser Art, allerdings auf das Gründlichste bewiesen habe, wie sehr ich mich über ihn und sein Vermögen im Irrthum befand. Genug, daß mein Irrthum—eingerechnet der Glaube an eine gemeinsame und zusammengehörige Bestimmung—weder ihm noch mir zur Unehre gereicht, und, unter allen Umständen, uns Beiden damals, als zwei auf sehr verschiedene Weise Vereinsamten, keine kleine Erquickung und Wohlthat war

Es kam der Augenblick, wo ich empfand, in wie fern ich viel zu viel in Bezug auf Richard Wagner gewollt hatte: und, etwas später, der noch schlimmere Augenblick, wo er meine

40 [59]

Schluss von “der Mensch im Verkehre
Vorrede und Vorfrage:
“was sind freie Geister?”

“Eine Seele, in welcher die Weltweisheit wohnt, muß durch ihre Gesundheit auch den Körper gesund machen”: so sagt es Montaigne, und ich gebe heute gern mein Jawort dazu, als Einer, der auf diesem Bereiche Erfahrung hat. “Es kann nichts Muntreres, Aufgeweckteres, fast hätte ich gesagt, Kurzweiligeres geben als die Welt und ihre Weisheit”: so sage ich ebenfalls mit Montaigne—aber unter welchen bleichen und schauerlichen Larven gieng damals die Weisheit an mir vorbei! Genug, ich fürchtete mich oft genug vor ihr und war ungern dergestalt mit ihr allein und begab mich, allein und schweigsam, aber mit einem zähen “Willen zur Weisheit” und zum Süden,—auf die Wanderschaft. Damals nannte ich mich bei mir selber einen “freien Geist,” oder “den Prinzen Vogelfrei” und wer mich gefragt hätte: wo bist du eigentlich noch zu Hause, dem würde ich geantwortet haben “vielleicht Jenseits von Gut und Böse, sonst nirgends.” Aber ich trug dergestalt hart daran, daß ich keine Wandergenossen hatte: so warf ich denn eines Tags einen Angelhaken nach anderen “freien Geistern” aus—mit eben diesem Buche, das ich bereits mit Namen nannte als “ein Buch für freie Geister.”

Heute freilich—was lernt man nicht alles in zehn Jahren!—weiß ich kaum noch, ob ich mit diesem Buche nach Gefährten und “Wandergenossen” suche. Inzwischen nämlich lernte ich, was jetzt Wenige verstehen, Einsamkeit ertragen, Einsamkeit—“verstehen”, und ich würde es heute geradezu mit unter die wesentlichen Anzeichen eines “freien Geistes” setzen, daß er lieber allein läuft, lieber allein fliegt, ja selber noch, wenn er einmal kranke Beine hat, lieber allein kriecht. Die Einsamkeit tödtet, wenn sie nicht heilt: das ist wahr; die Einsamkeit gehört zu einer schlimmen und gefährlichen Heilkunst. Aber gewiß ist, daß sie, wenn sie heilt, auch den Menschen gesünder und selbstherrlicher hinstellt, als je ein Mensch in Gesellschaft, ein Baum in seinem Walde stehen könnte: Einsamkeit erprobt am gründlichsten, mehr als irgend eine Krankheit selber, ob Einer zum Leben geboren und vorbestimmt ist—oder zum Tode, wie die Allermeisten. Genug, ich lernte erst aus der Einsamkeit heraus die zusammengehörigen Begriffe “freier Geist” und “Gesundheit” ganz zu Ende denken.

2.

Wir “freien Geister” leben einzeln und hier und dort auf Erden—daran ist nichts zu ändern; wir sind Wenige—und so ist es billig. Es gehört zu unserem Stolze zu denken, daß unsere Art eine seltne und seltsame Art ist; und wir drängen uns nicht zu einander, wir “sehnen” uns vielleicht nicht einmal nach einander. Freilich: treffen wir einmal zusammen, wie heute, so giebt es ein Fest! Wenn wir das Wort “Glück” im Sinne unserer Philosophie gebrauchen, so denken wir dabei nicht wie die Müden, Geängstigten und Leidenden unter den Philosophen vor allem erst an äußeren und inneren Frieden, an Schmerzlosigkeit, Unbewegtheit, Ungestörtheit, an einen “Sabbat der Sabbate,” an etwas, das dem tiefen Schlafe im Werthe nahe kommen mag. Das Ungewisse vielmehr, das Wechselnde Verwandlungsfähigen Vieldeutige ist unsere Welt, eine gefährliche Welt! mehr noch sicherlich als das Einfache, Sich-selbst-Gleich-Bleibende, Berechenbare, Feste, dem bisher die Philosophen, als Erben der Heerden-Instinkte und Heerden-Werthschätzungen, die höchste Ehre gegeben haben. In vielen Ländern des Geistes bekannt und umhergetrieben usw.

3.

Habe ich euch damit beschrieben? Oder nur auf eine neue Weise verschwiegen? Ich weiß es nicht: aber ihr sagt mir, ihr befürchtet in jedem Falle, daß ich mich mit diesem Namen vergriffen habe? Daß der Name “freier Geist” vorweggenommen sei? Daß er irre führe? Daß man uns, auf diesen Namen hin, verwechseln werde?— Aber warum, unter uns gesagt, warum doch, meine Freunde, sollten wir nicht irreführen? Was liegt daran, daß man uns verwechselt? Werden wir uns deshalb verwechseln? Und zuletzt: wäre es vielleicht nicht schlimmer, wenn— —?

Wohlan, ich verstehe euch. ihr wollt durchaus einen anderen, einen neuen Namen! “Aus Stolz,” sagt ihr mir: das beste Argument, auf das hin man jede Dummheit thun darf. So fange ich denn von Neuem an: macht nur eure Ohren für meine Neuigkeiten auf!

— Aber hier unterbrecht ihr mich, ihr freien Geister. “Genug! Genug! höre ich euch schreien und lachen—wir halten es nicht mehr aus! Oh über diesen schauerlichen Hanswurst! Diesen tugendhaften Verräther und Verleumder! Willst du uns bei der ganzen Welt den Ruf verderben? Unseren guten Namen anschwärzen? Uns Zunamen anhängen, die sich nicht nur in die Haut einfressen? Stille, du Gewissens-Störenfried! Und wozu am hellen blauen Tage diese düsteren Fratzen, diese Gurgeltöne, diese ganze rabenschwarze Musik? Sprichst du Wahrheiten: nach solchen Wahrheiten können keine Füße tanzen, also sind es keine Wahrheiten für uns. Ecce nostrum veritatis sigillum! Und hier ist Rasen und weicher Grund: was gäbe es Besseres als geschwind deine Grillen wegjagen und uns, nach deiner “Nacht,” einen guten Tag machen? Aber Jemand muß uns dazu aufspielen! Und fort erst mit allen Wetterwolken! Es wäre Zeit, daß sich endlich wieder ein Regenbogen über das Land ausspannte, irgend eine bunte schöne Lügen-Brücke, auf der nur Geister, sehr freie, sehr luftige lustige Geister wandeln können! Und zu guterletzt und allererst: hast du keine Milch zu trinken? Du selber hast uns Durst gemacht nach deiner Milch!”

— “So viel ihr wollt, meine Freunde. Dort seht ihr ja meine Heerde springen, alle meine zarten sonnigen windsillen Lämmer und Böcke: und hier steht schon für euch ein ganzer Eimer Milch bereit, ein Eimer voll frischgemolkener Wahrheiten, noch warm genug, um euch wieder zu machen. Incipit: “Menschliches, Allzumenschliches. Gute Milch für freie Geister.” Wollt ihr davon trinken?

Schön ist’s, mit einander schweigen

40 [60]

Künstler-Pessimismus.— Es giebt sehr unterschiedliche Arten von Künstlern. Wenn Richard Wagner Pessimist sein muß, so zwingt ihn hierzu der Widerwille gegen sich selbst, der Wurm vielfacher Selbstverachtung, die Nothwendigkeit von Berauschungsmitteln, eingerechnet seine Kunst, um das Leben überhaupt auszuhalten, und wieder der Ekel hinter dem Rausche, zu alledem das Bewußtsein der Schauspielerei, der Druck der Unfreiheit, an welcher jeder leidet, der sich verkleiden muß, weil er sich selber nackt nicht aushält—, andrerseits der unersättliche Hunger nach Lob und Lärm, weil solche Komödianten sich ihren Glauben an sich immer erst von außen her und immer nur auf Augenblicke schenken lassen müssen:—es steht ihnen gar nicht frei, auf Lob und Lärm zu verzichten! Aber was helfen auch die wonnevollsten Augenblicke der vanitatum vanitas, was hilft aller Weihrauch, alle Selbst-Vergötterung! Gleich darauf gräbt der alte Gram von Neuem! und über alle Stürme der Leidenschaft, oder der als Leidenschaft maskirten Unenthaltsamkeit, wird zuletzt immer wieder eine innere schwache zögernde Stimme hervortönen, eine verurtheilende Stimme:—Solche Künstler verherrlichen in ihrer Kunst unwillkürlich und unvermeidlich ihr “Nicht-Ich” und alles, was den äußersten Gegensatz zu ihnen macht: die also, im Falle Wagners, alle ausschweifenden Tugenden z. B. die unbedingte Treue oder die unbedingte Keuschheit oder die Einfalt des Kindes oder die asketischen Selbst-Opferungen: so daß bis zu einem gewissen Grade man ein Recht hat, gegen den Charakter jedes Künstlers argwöhnisch zu sein, der immer gerade nur ausschweifende Tugenden verherrlicht: denn damit will er von sich los und verneint sich selber! Aber seien wir doch damit zufrieden! Zuletzt lobt und preist solch ein Künstler bei allem seinem Willen zur Weltverneinung etwas, das eben doch in dieser Welt möglich ist: die Kunst kann nichts anderes sein als Welt-Bejahung!— Und mein Einwand, meine Freunde, war kein Einwand.



Also mein Freund: man wird es seinem Urtheile anmerken, selbst wenn man demselben nicht beipflichtet, daß er Wagner sehr geliebt hat: denn ein Gegner nimmt seinen Gegenstand niemals so tief, wie er es thut. Es ist kein Zweifel, daß indem er an Wagner leidet, er auch mit Wagner leidet.

40 [61]

Zum Plan.

Unser Intellekt, unser Wille, ebenso unsere Empfindungen sind abhängig von unseren Werthschätzungen: diese entsprechen unseren Trieben und deren Existenz-Bedingungen. Unsere Triebe sind reduzirbar auf den Willen zur Macht.

Der Wille zur Macht ist das letzte Factum, zu dem wir hinunterkommen.

Unser Intellekt ein Werkzeug
Unser Wille
Unsere Unlustgefühle
Unsere Empfindungen
schon abhängig von den Werthschätzungen

40 [62]

Die beschönigende Geschichtsschreibung Rankes, seine Leisetreterei, an allen Stellen wo es gilt, einen furchtbaren Unsinn des Zufalls als solchen hinzustellen; sein Glaube an einen gleichsam immanenten Finger Gottes, der gelegentlich einmal etwas am Uhrwerk schiebt und rückt: denn er wagt es nicht mehr, der Über-Ängstliche, weder ihn als Uhrwerk, noch als Ursache des Uhrwerks anzusehn

40 [63]

Vorrede zu “Vermischte Meinungen und Sprüche.”

Welche Art Menschen mag das sein, die an solchen Aufzeichnungen Freude hat?— Man gestattet mir, mein Bild von dieser Art rasch an die nächste beste Wand zu malen: hierhin, auf die Blätter meiner “Vorrede.” Ich möchte auch am wenigsten gleich eine Bezeichnung, ein einzelnes Wort für sie in Anspruch nehmen, obschon es dergleichen geben mag:—vielleicht findet Einer, der mein Bild sieht, von selbst das Wort — das “rechte Wort”!

Diese Art Menschen beschützt den Künstler und Philosophen, aber verwechselt sich nicht mit ihm. Sie sind müssig, sie haben die Vernunft zum otium

40 [64]

Ich habe mir lange Zeit die allerbeste Mühe gegeben, in R. W eine Art von Cagl zu sehn: man vergebe mir diesen nicht unbedenklichen Einfall, der zum mindesten nicht vom Haß und der Abneigung eingegeben ist, sondern von der Bezauberung, welcher dieser unvergleichliche Mensch auch auf mich ausgeübt hat: hinzugerechnet, daß nach meiner Beobachtung die wirklichen “Genies,” die Achten höchsten Ranges, allesammt nicht dergestalt “bezaubern,” so daß “das Genie” allein mir nicht zur Erklärung jenes geheimnißvollen Einflusses auszureichen schien.

40 [65]

Vorrede.

Wer die Begierden einer hohen und wählerischen Seele hat, dessen Gefahr wird zu allen Zeiten groß sein: heute aber ist sie außerordentlich. In ein lärmendes, pöbelhaftes Zeitalter hineingeworfen, mit dem er nicht aus Einer Schüssel essen mag, kann er leicht vor Hunger und Durst, oder, falls er endlich dennoch “zugreift,” vor Ekel zu Grunde gehn. Einem solchen Menschen müssen schon zur rechten Stunde ein paar Glücksfälle zu Hülfe kommen, welche es irgendwie noch ausglichen, worin er etwa durch eine ungesättigte sehnsüchtige und vereinsamte Jugend zu Schaden gekommen ist: zum Beispiel daß sich für ihn ein strenger Beruf findet, in dessen Dienst er zeitweilig sich selber und seiner Krankheit entfremdet, und ganz und gar nur den Anforderungen einer tapferen Geistigkeit zu leben hat. Oder daß er einem Ph sein Ohr aufmacht, der ihn von allem Zeitgemäßen und Zeitgefälligen zu “dauerhafteren” Zielen, als die Gegenwart ist, zurück- und wegführt, ohne doch durch ein Übermaaß von Verneinung den Sinn der Ehrfurcht selber bei seinem Schüler zu beschädigen: daß er guter Musik und am besten auch guten Musikern selber Freund wird—ein großes Labsal (denn die guten Musiker sind alle Einsiedler und “außer der Zeit”) und ein gutes Gegengift gegen einen allzukriegerischen u zornigen Hang, der, das Lust hat, sich auf die heutigen Menschen und Dinge zu stürzen.

Es geschah spät—ich war schon über die zwanziger Jahre hinaus—, daß ich dahinter kam, was mir eigentlich noch ganz und gar fehle: nämlich die Gerechtigkeit. “Was ist Gerechtigkeit? Und ist sie möglich? Und wenn sie nicht möglich sein sollte, wie wäre da das Leben auszuhalten?”—solchermaaßen fragte ich mich unablässig. Es beängstigte mich tief, überall, wo ich bei mir selber nachgrub, nur Leidenschaften, nur Winkel-Perspektiven, nur die Unbedenklichkeit dessen zu finden, dem schon die Vorbedingungen zur Gerechtigkeit fehlen: aber wo war die Besonnenheit?—nämlich Besonnenheit aus umfänglicher Einsicht. Was ich mir allein zugestand, das war der Muth und eine gewisse Härte, welche die Frucht langer Selbstbeherrschung ist. In der That gehörte schon Muth und Härte dazu, sich so Vieles und noch dazu so spät einzugestehn. Genug, ich fand Gründe und immer bessere Gründe, meinem Lobe wie meinem Tadel zu mißtrauen und über die richterliche Würde, die ich mir angemaaßt hatte, zu lachen: ja ich verbot mir mit Beschämung endlich jedes Recht auf Ja und Nein; zugleich erwachte eine plötzliche und heftige Neugierde nach der unbekannten Welt in mir,—kurz, ich beschloß, in eine harte und lange neue Schule zu gehen und möglichst weit weg von meinem Winkel. Vielleicht, daß mir unterwegs einmal die Gerechtigkeit selber begegnen würde! Also begann für mich eine Zeit der Wanderschaft.

Was begab sich damals eigentlich mit mir? Ich verstand mich nicht, aber der Antrieb war wie ein Befehl. Es scheint, daß unsere ferne einstmalige Bestimmung über uns verfügt; lange Zeit erleben wir nur Räthsel. Die Auswahl der Ereignisse, das Zugreifen und plötzliche Begehren, das Wegstoßen des Angenehmsten, oft des Verehrtesten: dergleichen erschreckt uns, wie als ob aus uns eine Willkür, etwas Launisches, Tolles, Vulkanisches hier und da herausspränge. Aber es ist nur die höhere Vernunft und Vorsicht unserer zukünftigen Aufgabe. Der lange Satz meines Lebens will vielleicht—so fragte ich mich unruhig—rückwärts gelesen werden? Vorwärts, daran ist kein Zweifel, las ich damals nur “Worte ohne Sinn.”

Eine große, immer größere Loslösung, ein willkürliches In-die-Fremde-gehn, eine “Entfremdung,” Erkältung, Ernüchterung—dies allein, nichts weiter war in jenen Jahren mein Verlangen. Ich prüfte Alles, woran sich bis dahin überhaupt mein Herz gehängt hatte, ich drehte die besten und geliebtesten Dinge um und sah mir ihre Kehrseiten an, ich that das Entgegengesetzte mit allem, woran sich bisher die menschliche Kunst der Verleumdung und Verlästerung am feinsten geübt hat. Damals gieng ich um Manches, das mir bis dahin fremd geblieben war, mit einer schonenden, selbst liebevollen Neugierde herum, ich lernte billiger—unsere Zeit und alles “Moderne” empfinden. Es mag im Ganzen wohl ein unheimliches und böses Spiel gewesen sein;—ich war oft krank daran. Jene Loslösung kommt plötzlich wie ein Erdstoß: die junge Seele muß sehen, was sich mit ihr begiebt. Es ist eine Krankheit zugleich, die den Menschen zerstören kann: dieser erste Ausbruch von Kraft und Willen zur Selbst-Bestimmung; und viel krankhafter sind die ersten wunderlichen und wilden Versuche des Geistes, sich mit eigener Faust nunmehr die Welt zurecht zu rücken. Aber mein Entschluß blieb stehen; und, selbst krank, machte ich noch die beste Miene zu meinem “Spiele” und wehrte mich boshaft gegen jeden Schluß, an dem Krankheit oder Einsamkeit oder die Ermüdung der Wanderschaft Antheil haben könnten. “Vorwärts, sprach ich mir zu, morgen wirst du gesund sein, heute genügt es dich gesund zu stellen.” Damals wurde ich über alles “Pessimistische” bei mir Herr; der Wille zur Gesundheit selbst, die Schauspielerei der Gesundheit war mein Heilmittel. Was ich damals als “Gesundheit” empfand und wollte, drücken diese Sätze verständlich und verrätherisch genug aus (p. 37 der ersten Auflage): “eine gefestete milde und im Grunde frohsinnige Seele, eine Stimmung, welche nicht vor Tücken und plötzlichen Ausbrüchen auf der Hut zu sein braucht und in ihren Äußerungen nichts von dem knurrenden Tone und der Verbissenheit an sich trägt—jene bekannten lästigen Eigenschaften alter Hunde und Menschen, die lange an der Kette gelegen haben;—und als der wünschenswertheste Zustand jenes freie furchtlose Schweben über Menschen Sitten Gesetzen und den herkömmlichen Schätzungen der Dinge.”— In der That eine Art Vogel-Freiheit und Vogel-Umblick, etwas von Neugierde und Verachtung zugleich, wie dergleichen ein Jeder kennt, der unbetheiligt ein ungeheures Vielerlei übersieht.— “Ein freier Geist”— kühle Wort thut in jenem Zustande wohl, es wärmt beinahe; der Mensch ist zum Gegenstück derer geworden, welche sich um Dinge bekümmern, die sie nichts angehn; den freien Geist—giengen lauter Dinge an, die ihn nicht mehr “bekümmern.”

Es hilft nichts, ob es gleich eine harte Nuß ist, die hier geknackt werden will:—der höhere Mensch, der Ausnahme-Mensch, muß, wenn anders er

Das persönliche Ergebniß von alledem war damals (Menschliches, Allzumenschliches, p. 31), wie ich es bezeichnete, die logische Welt-Verneinung: nämlich das Urtheil, daß die Welt, die uns überhaupt etwas angeht, falsch sei. “Nicht die Welt als Ding an sich—diese ist leer, sinn-leer und eines homerischen Gelächters würdig!—sondern die Welt als Irrthum ist so bedeutungsreich, tief, wundervoll, Glück und Unglück im Schooße tragend”: so dekretirte ich damals—. Die “Überwindung der Metaphysik,” “eine Sache der höchsten Anspannung menschlicher Besonnenheit,” p. 23, galt mir als erreicht: und zugleich stellte ich die Forderung für mich, für diese überwundene Metaphysiken, insofern von ihr “die größte Förderung der Menschheit” gekommen sei, einen großen dankbaren Sinn festzuhalten.

Aber im Hintergrunde stand der Wille zu einer viel weiteren Neugierde, ja zu einem ungeheuren Versuche: der Gedanke dämmerte in mir auf, ob sich nicht alle Werthe umkehren ließen, und immer kam die Frage wieder: “was bedeuteten überhaupt alle menschlichen Werthschätzungen? Was verrathen sie von den Bedingungen des Lebens, —deines Lebens, weiterhin des menschlichen Lebens, zuletzt alles Lebens überhaupt? —

40 [66]

Entwurf zu 2) der Vorrede: wer nichts Ähnliches erlebt hat, hat nichts hier zu schaffen. Ein Buch der Vorbereitung. Man muß eine Vorrede schreiben, nicht nur um einzuladen, sondern um fortzuscheuchen.

“Unsere höchsten Einsichten müssen und sollen usw.

Um der Verwechselung vorzubeugen, habe ich Vieles zugefügt, um den Zustand zu ergänzen, auf dem ich damals

: er ist ein nothwendiger Durchgangs-Zustand für einige Menschen.— Manches konnte ich jetzt verständlicher sagen.

Abwehr der “Freidenker.”

Gegen die scabies anarchistica. Es ist ein Buch, wodurch Naturen, die zum Herrschen u Vorangehn bestimmt sind, unter Umständen zu furchtbaren Entschlüssen, zum Nachdenken gebracht werden sollen über die Zucht gegen sich selber, die Art Überlegenheit und Zugänglichkeit zu vielen Denkweisen (Geschmeidigkeit) und jene ungeheure Gesundheit, welche selbst der Krankheit nicht entbehren will, zu einem höheren Zwecke.

Jene Zucht und Selbstbeherrschung des Geistes, welche ebenso sehr eine Geschmeidigkeit des Herzens und eine Kunst der Maske ist: jene innere Umfänglichkeit und Verwöhnung, welche es erlaubt, die Wege zu vielen und entgegengesetzten Denkweisen zu gehen, ohne daß wir Gefahr liefen, uns in sie zu verirren oder zu verlieben; jene ungeheure Gesundheit, welche selbst der Krankheit nicht entbehren will, jener Überschuß an plastischen ausheilenden nachbildenden wiederherstellenden Kräften

40 [67]

Damals erst bekam ich ein Auge für die Geschichte: Ranke. Die Unwissenheit in den Naturwissenschaften und der Heilkunst macht unsere Historiker zu bescheidenen Advokaten der Facta: wie als ob irgend etwas Gutes uns doch “heraus” komme, irgend ein kleiner “Finger Gottes” mindestens.

40 [68]

Nr. 1 von M. Allzum.: Die Sphinx. —
Schluß von Abschnitt I: der neue Oedipus.

40 [69]

Unser “Geist” sammt Gefühlen und Empfindungen ist ein Werkzeug, welches einem vielköpfigen und vielspältigen Herrn zu Diensten ist: dieser Herr sind unsere Werthschätzungen. Unsere Werthschätzungen aber verrathen etwas davon, was unsere Lebens-Bedingungen sind (zum kleinsten Theil die Bedingungen der Person, zum weiteren die der Gattung “Mensch,” zum größten und weitesten die Bedingungen, unter denen überhaupt Leben möglich ist).

40 [70]

Deutsch.”
Fragen und Gedankenstriche.

Der deutsche Pessimismus
Die deutsche Romantik.
Die Wieder-Entdecker der Griechen.
Der deutsche Anarchismus.
Die Gefahren der jüdischen Seele.
Die Litteraten.
Die Frauen.
Die Einsiedler.
Die Demagogen in der Kunst.
Der deutsche Stil.
Die deutsche Musik. Süden Morgenland (zwei Süden: Venedig und die Provence)
Die “Aufklärung” und die modernen Ideen.
Die Schulmeister-Cultur.
Die Wagnerei.
Der Europäer.
Der deutsche Geist.
Der Juden
Voilà un homme.
Die “Tiefe”
Der christliche Europäer.

11, 40[1-70] August-September 1885

40 [1]

Tired, suffering, anxious people mean peace, my immobility, rest, something similar to deep sleep when they think of the highest happiness. Much of this has entered philosophy. Likewise, the fear of the unknown, the ambiguous, the transformable has brought its opposite, the simple, the self-same, the calculable, the certain to honor. Another kind of being would bring the opposite states to honor. But when I, ten years ago

40 [2]

The Will to Power.
An Attempt at a New Interpretation of All That Happens.

(Preface on the Looming "Meaninglessness." The Problem of Pessimism.)

Logic.
Physics.
Morality.
Art.
Politics.

40 [3]

For whom this interpretation is important. New “philosophers.” There may be here and there one who loves his independence in a similar way,—but we do not push ourselves together, we do not “yearn” for one another.

40 [4]

We are the heirs of the imperfect, bad way, the longest way to observe and conclude. Our most thorough and ingrained concepts will probably be the most false: insofar as one could live with them! But one can ask the reverse: would life be possible at all with a finer observation and stricter, more cautious conclusion procedures? Even today, the practical part of our lives is still in the crudest sense tentative, by chance: just look at what most people know about nutrition! That the suitability of the means in the entire history of organisms has increased (as Spencer claims) is an English-superficial judgment; in relation to the complexity of our purposes, the stupidity of the means has probably remained the same.

40 [5]

The increase of dissimulation in the hierarchy of beings (in the inorganic world power against power is quite crude, in the organic world cunning etc.) the highest men like Caesar Napoleon (Stendhal's word about him) as well as the higher races (Italians etc.) Should one not consider it possible that the most manifold cunning is part of the essence of higher creatures? Of course, the sense of truth (to see, what is) would also have to increase, as a means to be able to appear. The actor. Dionysus.

40 [6]

How poor the philosophers have been so far, where not language, at least grammar, in general that which is “folk” in them, prompts them! In words lie truths, at least intimations of truth: they all believe this stiffly and firmly: hence the tenacity with which they cling to “subject” “body” “soul” “spirit.” What mischief lies in that mummified error which the word “abstraction” conceals! As if what is thereby designated arose through omission and not rather through underlining, emphasizing, intensifying! Just as every image, every form arises and becomes possible in us, through coarsening!

40 [7]

Just as the emergence of arithmetic must have been preceded by a long practice and pre-schooling in seeing things as equal, wanting to take them as equal, in positing identical cases, and in “counting,” so too with logical reasoning. Judgment was originally even more than belief “this and that is true,” but rather “exactly thus and so do I want it to be true!” The drive for assimilation, that organic basic function upon which all growth depends, also internally adapts what it appropriates from its surroundings: the will to power functions in this incorporation of the new under the forms of the old, the already experienced, the still-living in memory: and we call it then—“comprehension”!

40 [8]

The term “individual” “person” contains a great relief for naturalistic thinking: which above all feels comfortable with the one-times-one. In fact, there are prejudices there: unfortunately, we have no words to denote what is actually present, namely the intensity degrees on the way to the individual, to the “person.” Two becomes one, one becomes two: this can be seen with the eyes in the procreation and multiplication of the lowest organisms; mathematics is constantly contradicted in actual events, lived against, if the expression is permitted. I once used the expression “many mortal souls”: just as everyone has the potential for many personae.

40 [9]

There are schematic minds, those who consider a complex of thoughts to be truer when it can be fitted into previously designed schemas or category tables. The self-deceptions in this area are countless: almost all great "systems" belong here. The fundamental prejudice is that order, clarity, and systematicity must adhere to the true being of things, whereas disorder,the chaotic, unpredictable only appears in a falsely or incompletely recognized world—briefly, an error—: —which is a moral prejudice, derived from the fact that the truly trustworthy man is a man of order, of maxims, and on the whole tends to be something calculable and pedantic. Now it is entirely unprovable that the thing-in-itself behaves according to this recipe of a model official.

40 [10]

— Descartes is not radical enough for me. In his desire to have certainty and “I do not want to be deceived,” it is necessary to ask “why not?” In short, moral prejudices (or utility-based reasons) in favor of certainty against illusion and uncertainty. This is how I view philosophers, from Vedanta philosophy to the present: why this hatred of the untrue, the evil, the painful, etc.?— To the preface. First, moral valuations must be disposed of!

— A “categorical imperative” requires an imperator!

40 [11]

— The children of innocence, who believe in “subject,” predicate, and object, the grammar-believers, who have not yet heard of our apple of knowledge!

40 [12]

Teichmüller p. 25 “it is a conclusion if we declare the so-called things to be existent, so we must therefore already know beforehand what nature (terminus medius) the existent (terminus major) has, in order to be able to ascribe or deny this concept to things” Against this I say: “to know mean.”

“Logical laws” in Spir I p. 76 defined as “general principles of affirmations about objects i.e. an inner necessity to believe something about objects.”

My fundamental conceptions: “the Unconditioned” is a regulative fiction to which no existence may be ascribed; existence does not belong to the necessary properties of the Unconditioned.

Likewise, “being,” “substance”—all things that were not supposed to be derived from experience, but in fact were obtained from it through a misinterpretation of experience.

Final Chapter The previous interpretations all had a certain meaning for life—preserving, making it bearable, or alienating, refining, and also separating the sick and bringing them to perish
my new interpretation gives future philosophers as masters of the earth the necessary impartiality.

1. Not so much “refuted” as incompatible with what we now primarily consider “true” and believe: in this respect, the religious and moral interpretation is impossible for us.

40 [13]

The logic is tied to the condition: provided, there are identical cases. In fact, for logical thought and conclusion to take place, this condition must first be fictitiously fulfilled. That is: the will to logical truth can only be realized after a fundamental falsification of all events has been carried out. From which it follows that here a drive prevails, capable of both means, first falsification and then the implementation of one perspective: logic does not originate from the will to truth.

40 [14]

One might say that the complexity of the paths (e.g., of a plant to reach fertilization) is an argument against intentionality: for here a refined spirit is imagined who chooses too great detours, clever in regard to the path, but foolish in the choice of precisely this path—thus a contradictory kind of spirit. But against this view, I would refer to our human experience: we must utilize this accidental and disruptive element and incorporate it into every one of our designs, so that everything we carry out bears the very same character, of a spirit that executes its plan despite many obstacles, thus with many crooked lines.

Let us imagine the case translated into the immense: so the apparent stupidity of the world's course, the character of waste, of useless sacrifices might only be a consideration from the corner, a perspective consideration for small beings, like we are. In consideration that we do not know the purposes, it is childish to criticize the means in terms of their reasonableness. It is certain that they are not exactly "humane".

40 [15]

The judgment, that is the belief: “this and that is so.” Thus, judgment contains the admission of having encountered an identical case: it therefore presupposes comparison, with the help of memory. Judgment does not create the appearance of an identical case being present. Rather, it believes it perceives such a case; it operates under the assumption that identical cases exist at all. What is the name of that function which must be much older, working earlier, which equalizes and assimilates inherently unequal cases? What is the name of that second function which, based on this first one, etc.“What arouses the same sensations is equal”: but what is the name of that which makes sensations equal, which “takes” them as equal?— There could be no judgments at all if a kind of equalization were not first practiced within the sensations: memory is only possible with a constant underlining of what is already familiar, experienced— —Before judgment occurs, the process of assimilation must already have been done: thus here too lies an intellectual activity that does not enter consciousness, as with pain following an injury.Probably, all organic functions correspond to an inner process, i.e., assimilation, excretion, growth, etc.

Essential to proceed from the body and use it as a guiding thread. It is the much richer phenomenon that allows clearer observation. Belief in the body is more firmly established than belief in the spirit.

“A thing may be believed ever so strongly: that is no criterion of truth.” But what is truth? Perhaps a kind of belief that has become a condition of life? Then indeed strength would be a criterion. E.g., with regard to causality.

40 [16]

What does all modern philosophy do at its core? It makes, covertly or openly, an attack on the old concept of the soul—that is, on the foundation of Christianity, on the “I”: it is anti-Christian in the finest sense. Formerly, one believed unconditionally in grammar: one said, “I” is the condition, “think” is the predicate. One tried, with admirable tenacity, to see if one could not escape this net—whether the opposite might not be true first: “Think” as the condition—and “I” as conditioned, as a synthesis that thinking performs.

Kant essentially wanted to prove that from the subject, the subject cannot be proven, nor can the object. The possibility of a pseudo-existence of the “subject” dawns: a thought that, as in Vedanta philosophy, has already existed on earth before. If one wants a new, albeit very preliminary, term for it, one should read

40 [17]

The coarsening as a fundamental means to make recurrence, identical cases appear; thus, before anything was “thought,” something must already have been composed, the shaping sense is more original than the “thinking” one.

40 [18]

On Morality. We behave according to the hierarchy to which we belong, whether we know it or not, and even less can demonstrate it to others. An imperative “behave according to the hierarchy to which you belong” is nonsensical: because we would have to 1) know ourselves 2) know that order must, neither of which is the case—and 3) because it is superfluous to command something that happens anyway. Hierarchy: not only toward our neighbors, but, under certain circumstances, toward posterity, as well as toward the inhabitants of other stars; for we do not know if there is someone who compares us with them.— All imperatives in morality address the multiplicity of masks we carry within us and demand that we bring this to the fore and not that, thus changing our appearance. “Improvement” is: making visible something that pleases good people—nothing more!

40 [19]

And as for offspring: one must decide wisely and in time: aut libri aut liberi.

40 [20]

Apart from the governesses, who even today still believe in grammar as veritas aeterna and consequently in subject, predicate, and object, no one today is so innocent as to set the subject “I” as the condition of “think” in the manner of Descartes; rather, through the skeptical movement of modern philosophy, the reversal, namely to assume thinking as the cause and condition of both “subject” and “object,” as well as of “substance” and “matter,” has become more credible to us: which perhaps is only the reverse kind of error.

So much is certain:—we have let go of the “soul” and consequently also the “world soul,” the “things in themselves” as well as a world beginning, a “first cause.” Thinking is no longer for us a means to “know,” but rather to designate, to order, to make the happening manageable for our use: that is how we think about thinking today; tomorrow perhaps differently. We no longer quite understand how “comprehending” should be necessary, still less how it should have arisen: and even if we are continually forced to make do with the language and habits of common sense, the appearance of constant self-contradiction does not yet speak against the legitimacy of our doubt.Even regarding "immediate certainty," we are no longer so easily satisfied: we do not yet see "reality" and "appearance" as opposites; rather, we would speak of degrees of being—and perhaps even more readily of degrees of appearance—and we would still permeate that "immediate certainty," for example, that we think and that thinking therefore has reality, with the doubt of what degree this being possesses; whether we, perhaps as "thoughts of God," are indeed real but as fleeting and illusory as rainbows. Suppose there were something deceptive, foolish, or fraudulent in the essence of things—then even the best will to doubt everything, in the manner of Descartes, would not protect us from the snares of this essence; and precisely that Cartesian method could be a chief artifice to thoroughly dupe us and hold us for fools.Already insofar as we, according to the opinion of Descartes, would have real reality, we would indeed have to have some share in that deceptive, fraudulent ground of things and its ground-will:—enough, “I do not want to be deceived” could be the means of a deeper, finer, more thorough will that wanted precisely the opposite: namely, to deceive itself.

In summa: it is to be doubted that “the subject” can prove itself—it would need a fixed point outside itself for that, and that is missing!

40 [21]

Starting point from the body and physiology: why?— We gain the correct conception of the nature of our subject-unit, namely as rulers at the head of a commonwealth, not as “souls” or “vital forces,” likewise of the dependence of these rulers on the ruled and the conditions of rank and division of labor as enabling both the individual and the whole. Just as living units continually arise and perish and eternity does not belong to the “subject”; just as the struggle also expresses itself in obeying and commanding and a fluid determination of power boundaries belongs to life. The certain ignorance in which the ruler is kept regarding the individual functions and even disturbances of the commonwealth is among the conditions under which rule can take place.

Briefly, we gain an estimate also for the not-knowing, the seeing-in-broad-strokes, the simplifying and falsifying, the perspectival. The most important thing, however, is that we understand the ruler and his subjects as of the same kind, all feeling, willing, thinking—and that wherever we see or guess movement in the body, we also learn to include an associated subjective invisible life.Movement is a symbolism for the eye; it indicates that something has been felt, willed, thought.— Directly questioning the subject about the subject, and all self-reflection of the mind has its dangers in that it could be useful and important for its activity to misinterpret itself. Therefore, we ask the body and reject the testimony of the heightened senses: if one wishes, we observe whether the subordinates themselves can enter into communication with us.

40 [22]

NB. “It is thought: consequently there is something that thinks”—this is what Descartes’ argumentation amounts to—but it is not the reality of a thought that Descartes wanted. He wanted to get beyond “imagination” to a substance that thinks and imagines.

40 [23]

Let us be more cautious than Descartes, who got caught in the snare of words. Cogito is indeed only one word: but it signifies something manifold: many things are manifold, and we roughly seize upon them, in good faith, that they are one. In that famous cogito there is 1) it thinks 2) and I believe that it is I who thinks, 3) but even if this second point were to remain in suspense, as a matter of belief, that first "it thinks" still contains a belief: namely, that "thinking" is an activity for which a subject, at least an "it," must be thought:—and furthermore, the ergo sum means nothing! But this is the belief in grammar, where "things" and their "activities" are already posited, and we are far from immediate certainty.Let us therefore also omit that problematic "it" and say cogitatur as a fact without mixed-in articles of faith: we deceive ourselves once again, for the passive form also contains articles of faith and not just "facts": in summa, precisely the fact cannot be presented naked, the "believing" and "opining" is inherent in the cogito of cogitat and cogitatur: who guarantees us that with ergo we do not extract something from this belief and opinion and that what remains is: something is believed, therefore something is believed—a false form of conclusion!Lastly, one would always have to know what "being" is in order to derive a *sum* from the *cogito*; one would equally have to know what knowledge is: one proceeds from faith in logic—above all, in the *ergo*!—and not merely from the positing of a fact!—Is "certainty" possible in knowledge? Is immediate certainty not perhaps a *contradictio in adjecto*? What is cognition in relation to being? For someone who already brings ready-made articles of faith to all these questions, however, Cartesian caution no longer makes any sense: it comes far too late. Before the question of "being," the question of the value of logic must be decided.

40 [24]

One should not embellish and adjust the naivety of C, as Spir does, for example.

“Consciousness is immediately certain of itself: the existence of thought cannot be denied or doubted, for this denial or this doubt are themselves states of thought or consciousness, their own existence thus proves what they deny, consequently depriving them of any meaning.” Spir 1, 26. “It is thought,” ergo there is something, namely “thinking.” Was that the meaning of Descartes? Teichmüller p. 5 and 40 cite passages. “Something that is immediately certain of itself” is nonsense. Suppose, for example, that God thought through us, and our thoughts, insofar as we felt ourselves to be the cause, were an illusion, then the existence of thoughts would not be denied or doubted, but the ergo sum would be.

Otherwise, he would have had to say: ergo est.— There are no immediate certainties: cogito, ergo sum presupposes that one knows what “thinking” is and secondly what “being” is: it would therefore, if the est (sum) were true, be a certainty based on two correct judgments, plus the certainty that one has a right to draw a conclusion, to the ergo—so in any case no “immediate” certainty.Namely: in cogito there is not just any process that is simply acknowledged—this is nonsense!—but a judgment that it is this or that process, and someone who, for example, does not know how to distinguish between thinking, feeling, and willing could not even ascertain the process. And in sum or est there is still such a conceptual imprecision that not even fit or “it becomes” is rejected with it. “Something happens there” could be substituted for “there is something, something exists, something is there.”

40 [25]

The belief in the immediate certainty of thought is one belief more, and no certainty! We moderns are all opponents of Descartes and defend ourselves against his dogmatic frivolity in doubt. “One must doubt better than Descartes!” We find the opposite, the counter-movement against the absolute authority of the goddess “Reason” everywhere where there are deeper people. Fanatical logicians have brought it about that the world is an illusion; and that only in thought is the path to “Being,” to the “Unconditional” given. Against this, I take pleasure in the world, if it should be an illusion; and over the intellect of the most intelligent, one has always made fun under more complete M.

40 [26]

Apparently opposed are the 2 traits that characterize modern Europeans: the Individualistic and the Demand for Equal Rights: I finally understand this. Namely, the individual is an extremely vulnerable vanity:—this demands, given its awareness of how quickly it suffers, that everyone else be considered its equal, that it be only inter pares. This characterizes a social race in which talents and strengths do not actually differ significantly. The pride that desires solitude and few admirers is entirely beyond comprehension; the very “great” successes exist only through the masses, and one can hardly grasp anymore that a mass success is always actually a small success: because pulchrum est paucorum hominum.— All moral systems know nothing of a “hierarchy” among people; legal scholars know nothing of communal conscience.

The Individual-Princip rejects the very great people and demands, among roughly equals, the finest eye and the quickest recognition of a talent; and because everyone has something of talents, in such late and civilized cultures, thus can expect to receive their share of honor, therefore today an emphasis on small merits takes place as never before:—it gives the age a touch of boundless fairness. Its unfairness consists in a rage without limits not against the tyrants and demagogues, even in the arts, but against the noble M, who despise the praise of the many.The demand for equal rights (e.g., to sit in judgment over everyone and everything) is anti-aristocratic. Equally alien to him is the vanished individual, the submergence into a great type, the not-wanting-to-be-a-person: in which the distinction and zeal of many high people once consisted (the greatest poets among them); or "being a city" as in Greece; Jesuitism, Prussian officer corps and bureaucracy; or being a disciple and continuator of great masters: for which unsocial conditions and the lack of small vanity are necessary

40 [27]

Just as mathematics and mechanics were long considered sciences with absolute validity, and only now does the suspicion dare to unravel that they are nothing more and nothing less than applied logic based on the specific unprovable assumption that there are “identical cases”—logic itself being a consistent notation based on the carried-out presupposition (that there are identical cases)—: so too was the word once regarded as knowledge of a thing, and even now grammatical functions are the most firmly believed things, from which one cannot be too careful.It is possible that the same kind of human who later devised Vedanta philosophies may, thousands of years earlier, have conceived a philosophical language on the basis of imperfect languages, not, as they believed, as a system of signs, but as “knowledge of the world” itself: but whatever “that is” has been posited so far, a later and more refined age has always revealed that it is nothing more than “that means.” Even now, the true critique of concepts—or (as I once called it) a genuine “genealogy of thinking”—has not even been suspected by most philosophers.One should uncover the valuations and reassess those that surround logic: e.g., “the certain is worth more than the uncertain,” “thinking is our highest function”; likewise the optimism in the logical, the consciousness of victory in every conclusion, the imperative in judgment, the innocence in the belief in the comprehensibility of the concept.

40 [28]

It must have been thought long before there were eyes: the "lines and shapes" are therefore not initially given, but rather thought has been based on tactile sensations for the longest time: this, however, not supported by the eye, teaches degrees of pressure sensation, not yet shapes. Before the practice, therefore, of understanding the world as moving shapes, lies the time when it was "comprehended" as variable and differently graded pressure sensations. That one can think in images, that one can think in sounds, is beyond doubt: but also in pressure sensations. The comparison in terms of strength and direction and sequence, the memory, etc.

40 [29]

Regarding memory, one must relearn: here lies the main temptation to assume a "soul" that reproduces timelessly, recognizes, etc. But the experienced lives on "in memory"; that it "comes," I can do nothing about, the will is inactive in this, as in the coming of every thought. Something happens of which I become aware: now something similar comes—who calls it? awakens it?

40 [30]

The great danger lies in the assumption that there is immediate cognition (i.e., "cognition" in the strict sense at all!) Teichm p. 35 —

40 [31]

This must be something, not subject, not object, not force, not matter, not spirit, not soul:—but they will tell me that something like this must look confusingly similar to a figment of the imagination? I believe that myself: and it would be bad if it didn’t! Of course: it must also look confusingly similar to everything else that exists and could exist, and not just to the figment of the imagination! It must have the great family trait by which everything recognizes itself as related to it — —

40 [32]

Suppose you ask: “Did the tree already look green 50,000 years ago?” I would answer: “perhaps not yet: perhaps at that time there were only the two main opposites of the valeurs, darker and lighter masses:—and gradually the colors evolved from them.

40 [33]

Before logic, which operates everywhere with equations, the equalizing, the assimilating must have prevailed: and it still prevails, and logical thinking is itself a continual means for assimilation, for the wanting-to-see identical cases.

40 [34]

Our “memory,” whatever it may be, may serve us as a simile to designate something important with it: in the development of every organic being, a marvel of memory for its entire prehistory is revealed, insofar as organic beings have a prehistory,—and indeed a replicating memory, which replicates the earliest and longest-incorporated forms rather than the most recently experienced: thus it reaches back and does not proceed step by step, as one might assume, with a regressus from the last to the most distantly experienced, but rather the opposite—it first sets aside everything younger and more freshly impressed.

Here is an astonishing arbitrariness:— Even the “soul,” which is usually called upon for help in all philosophical difficulties, cannot help here: at least not the individual soul, but rather a soul-continuum that governed the entire process of a certain organic series. Again: since not everything is reproduced, but only basic forms, there must be a constant process of subsuming thought, simplification, reduction in that memory: in short, something analogous to what we designate as “logic” from our consciousness.— And how far might this reproduction of the previously experienced go?Certainly also to the imitation of emotional and thought processes. But what about the "innate ideas" that Locke called into question? It is certainly much more true than just this, that ideas are innate, provided that one does not emphasize the act of birth in the word "innate."

40 [35]

The general mendacity of people about themselves, the moral interpretation of what they do and want, would be despicable if it were not also something very amusing: and it would indeed require spectators—so interesting is the spectacle! Not of gods as Epicurus imagined them! But Homeric gods: so distant and near to humans, observing them as Galiani stood to his cats and monkeys:—thus somewhat related to humans, but of a higher kind!

40 [36]

The mathematical physicists cannot use the clump-atoms for their science: consequently, they construct for themselves a force-point world with which one can calculate. Quite so, in broad terms, have humans and all organic creatures done: namely, they have arranged the world, thought it through, poetized it, until they could use it, until one could "calculate" with it.

40 [37]

Would it not suffice to conceive of us as a "force" in which willing, feeling, and thinking are still mixed and undifferentiated? And organic beings as attempts at separation, so that all organic functions are still together in that unity, i.e., self-regulation, assimilation, nutrition, excretion, metabolism? Ultimately, nothing is given as "real" except thinking, feeling, and drives: is it not permitted to attempt whether this given does not suffice to construct the world? I do not mean as an illusion: but as real as our willing, feeling, thinking is—yet as a more primitive form of it. The question ultimately is: whether we truly recognize the will as effective?If we do this, he can naturally only act on something that is of his kind: and not on "substances." Either one must regard all effect as illusion (for we have formed the idea of cause and effect only after the model of our will as cause!) and then nothing is comprehensible: or one must try to conceive of all effects as of the same kind as acts of will, thus making the hypothesis whether all mechanical events, insofar as there is a force in them, are not precisely willpower. —

The “mortal souls” resp. the impossibility of transferring the numerical relation to these things. Against the individual. The “counting” is only a simplification, like all concepts. Namely: wherever something is to be thought purely arithmetically, the quality is subtracted. Likewise in all logical matters, where the identity of cases is the prerequisite, thus the actual specific character of each event is once thought away (the new, not to be comprehended from the conditions of origin—r included.)

40 [38]

It depends on correctly designating the unity in which thinking, willing, feeling, and all affects are combined: clearly, the intellect is only a tool, but in whose hands? Certainly those of the affects: and these are a plurality, behind which it is not necessary to posit a unity: it suffices to grasp them as a regency.— That organs have developed everywhere, as morphological development shows, may certainly also be used as an analogy for the spiritual: so that something “new” can always only be grasped through the separation of an individual force from a synthetic force.

Thinking itself is such an action that unfolds what is actually One. Everywhere there is the appearance that there are countable multiplicities, even in thinking already. There is nothing “added” in reality, nothing “divided,” a thing half and half is not equal to the whole.

40 [39]

Physicists are now in agreement with all metaphysicians that we live in a world of deception: fortunate that one no longer needs to settle accounts with a god about whose "truthfulness" one might come to strange thoughts. The perspectival nature of the world goes as deep as our "understanding" of the world reaches today; and I would venture to place it even where man may reasonably refrain from understanding at all—I mean where metaphysicians posit the realm of the apparently self-conscious, self-explanatory, and in thought.That the number is a perspectival form, just as well as time and space, that we harbor no more “One Soul” than “two souls” in a breast, that “individuals” can no longer be maintained like material “atoms,” except for the hand-household use of thinking, and dissolve into nothing (or into a “formula”), that nothing living and dead can be added together, that both concepts are false, that there are not three faculties of the soul, that “subject” and “object,” “active and passive,” “cause and effect,” “means and end” are always only perspectival forms, in summa that the soul, substance, number, time, space, ground, purpose—stand and fall together.Set aside, however, that we are not so foolish as to value the truth, in this case the x, more highly than the appearance, set aside that we are determined to live—then we should not be dissatisfied with this apparentness of things and only hold fast to the fact that no one remains at any ulterior motives in the presentation of this perspectivity:—which in fact has happened to almost all philosophers hitherto, for they all had ulterior motivesand loved their “truths”—Of course: we must raise the problem of truthfulness here: suppose we live as a result of error, what then can the “will to truth” be? Should it not have to be a “will to death”?— Could the striving of philosophers and scientific people perhaps be a symptom of degenerating, dying life, a kind of life-weariness of life itself? Quaeritur: and one could indeed become thoughtful here.

40 [40]

Scepticism against the Sceptics.— What happiness the delicate down gives to things! How the whole of life shines with beautiful semblances! It was the great falsifications and interpretations that have hitherto elevated us above the happiness of the animal—into the human! And conversely: what has hitherto the creaking of the logical machinery, the self-reflection of the spirit, the unraveling of the instincts brought with it? Suppose you had resolved everything into formulas and your faith into degrees of probability: since you could not live by it, how? should you live with a bad conscience? And when man first feels the belief in goodness, justice, and truth at the heart of things as a hair-raising falsification: how should he feel about himself, insofar as he is yet part and piece of this world? As something hair-raising, false:

40 [41]

There are no immediate sensations Spir 2 p. 56.
 no immediate pain sensations
 no immediate thoughts

If there were immediate knowledge, one would not be allowed to speak, as J. St. Mill does, of the "relativity of knowledge".

40 [42]

The assumption of the One Subject may not be necessary; perhaps it is just as permissible to assume a plurality of subjects, whose interplay and struggle underlie our thinking and indeed our consciousness? A kind of aristocracy of "cells" in which dominion resides? Certainly of peers who are accustomed to governing together and know how to command?

My hypotheses:

the subject as plurality

pain as intellectual and dependent on the judgment "harmful": projected

the effect always "unconsciously": the inferred and imagined "cause" is projected, follows in time.

pleasure is a kind of pain.

the only force that exists is of the same kind as that of the will, a commanding of other subjects, which then change.

the constant transience and fleetingness of the subject, "mortal soul"

the number as a perspectival form.

40 [43]

Within a herd, every community, that is, inter pares, the overestimation of truthfulness makes good sense. Not letting oneself be deceived—and consequently, as personal morality, not deceiving oneself! A mutual obligation among equals! Outwardly, danger and caution demand that one be on guard against deception: as a psychological precondition for this, also inwardly. Distrust as the source of truthfulness.

40 [44]

Suppose the world were false, life only to be understood on the ground of delusion, under the umbrella of delusion, by the thread of delusion: what would "living according to nature" mean then? Could the prescription not be precisely: "be a deceiver"? Yes, even, how could one prevent deceiving? We deceive ourselves about ourselves and are incomprehensible to ourselves: how much more so are we to the "neighbors"! But they do not believe themselves deceived by us—and on that basis rests all intercourse with mutual rights and duties.— That deceiving is not in my intention, granted! But more finely observed: I also do nothing to enlighten my neighbors about that they deceive themselves about me. I do not prevent their error, I do not combat it, I let it happen—: in so far am I after all the deceiver with will.Exactly the same way I proceed against myself: self-knowledge does not belong among the feelings of obligation; even when I seek to recognize myself, it happens for reasons of utility or a finer curiosity,—not but from the will to truthfulness.— That the truthful one is worth more than the liar, in the household of humanity, would still have to be proven. The very great and powerful were hitherto deceivers: their task demanded it of them.Assuming that life and progress were only possible through consistent and prolonged deception, then consistent deceivers could rise to the highest honors as conditions and promoters of life. The belief that one harms by not telling the truth is the conviction of the naive, a kind of frog’s perspective on morality. If life and the value of life rest on well-intentioned errors, then the truth-speaker, the truth-seeker, could be the one who harms (as the unraveler of illusions).

40 [45]

The Philosopher of the Future.
Thoughts on Breeding and Cultivation.

40 [46]

NB. Our distant, one-time destiny governs us, even if we have not yet opened our eyes to it; we experience long periods as nothing but riddles. The choice of people and things, the selection of events, the rejection of the most pleasant, often the most revered—it alarms us, as if chance and arbitrariness were erupting from within us like a volcano: but it is the higher reason of our future task. Looking forward, all our happenings may appear as mere unanimity of chance and nonsense: looking backward, for my part, I can no longer discern either in my life.

40 [47]

The origin. What is noble? The emergence of the nobility. The imitating talents like Voltaire.

The great detachment.
The seven solitudes.
The will to power.

40 [48]

On the Order of Rank.
Prelude to a Philosophy of the Future.

First Book:Breeding and Discipline.
Second Book:the great emancipation.
Third Book:the seven solitudes.
Overcoming Morality.
Fourth Book:the will to power.

40 [49]

Let us be suspicious of all apparent "simultaneity"! Fragments of time slip in here that may only be called small according to a rough measure, e.g., our human measure of time; but in abnormal states, e.g., as hashish smokers or in the moment of mortal danger, we humans also get an idea that in one second of our pocket watch, a thousand thoughts can be thought, a thousand experiences can be lived. When I open my eye, the visible world is there, seemingly instantly: but in the meantime, something enormous has happened, a multitude of events:—first, second, third: but here the Ph may speak!

40 [50]

Under the not entirely harmless title “the Will to Power,” a new philosophy—or, more clearly put, an attempt at a new interpretation of all events—is to be given voice here: appropriately only provisionally and tentatively, only preparatory and preliminary, only “preluding” to a seriousness that requires initiated and select ears, as is, moreover, self-evident in everything that a Ph publicly says—or at least should be.

But today, thanks to the superficial and presumptuous spirit of an age that believes in the "equality of all rights," it has come to the point that one no longer must. For every philosopher should have the virtue of the educator to the extent that, before he undertakes to convince, he must first understand how to persuade. Indeed, the seducer must first undermine and shake all proofs, first try commanding and leading, to see how far he understands how to seduce as well.

40 [51]

The terms are something living, consequently also something that grows and sometimes dwindles: many terms have died a miserable death. They might be compared to cells, with a cell nucleus and a body around it that is not solid and

40 [52]

There are fateful words that seem to express a cognition and in truth prevent a cognition; among them belongs the word “phenomena.” What confusion the “phenomena” cause, these sentences may reveal, which I borrow from various modern philosophers.

against the word “phenomena.”

40 [53]

NB. Appearance as I understand it is the real and only reality of things,—that to which all existing predicates first apply and which, relatively speaking, can still best be designated by all of them, including the opposing predicates. With the word, however, nothing more is to be expressed than its inaccessibility to logical procedures and distinctions: thus “appearance” in relation to “logical truth”—which itself is only possible in an imaginary world. I therefore do not set “appearance” in opposition to “reality,” but rather take appearance as the reality that resists transformation into an imaginative “world of truth.” A specific name for this reality would be “the will to power,” namely designated from within and not from its unfathomable, fluid Protean nature.

40 [54]

The intentionality of actions is not decisive in morality (belongs to the short-sighted individualistic tendency). “Purpose” and “means” are, in relation to the whole species from which they grow, only symptomatic, in themselves ambiguous and almost incomprehensible. The animal and the plant reveal their moral character, depending on the living conditions into which they are placed. Behind the “intentionality” lies what is truly decisive. One must never isolate the individual: “Here,” one must say, “is a growth with such a history.”

40 [55]

The lawfulness of nature is a false humanitarian interpretation. It is an absolute statement of power relations, the entire brutality, without the mitigation that organic life brings with it through anticipating the future, caution, cunning, and intelligence—in short, the spirit. The absolute immediacy of the will to power governs; in humans (and already in the cell), this statement is a process that continually shifts with the growth of all involved—a struggle, provided that one understands this word so broadly and deeply as to still comprehend the relationship of the ruler to the ruled as a contest, and the relationship of the obedient to the ruler as a resistance.

40 [56]

1. On Noble and Common Morality.
 “Morality”: a type of human being is to be preserved. Noble morality.
The human in some measure is to be preserved: common morality.
   
2. The Intentionality of Actions.
   
3. The Evil in Virtues.
   
4. The Bad Drives and their Usefulness.

40 [57]

NB! But is something at rest really happier than everything in motion? Is the unchanging really and necessarily more valuable than a thing that changes? And if someone contradicts himself a thousand times and takes many paths and wears many masks and finds no end or final horizon within himself: is it more likely that such a person learns less of the “truth” than a virtuous Stoic who has placed himself once and for all like a pillar and with the hard skin of a pillar in his position? But such prejudices lie at the threshold of all previous philosophy: and especially the notion that certainty is better than uncertainty and open seas, and that appearance is what a philosopher must combat as his true enemy.

40 [58]

It matters little now whether one knows what I actually wanted from Richard Wagner at that time (although the reader of my The Birth of Tragedy should not be left in the dark about it), or indeed that, through a desire of this kind, I have most thoroughly demonstrated how greatly I was mistaken about him and his abilities. Enough that my mistake—including the belief in a shared and interconnected destiny—brought neither him nor me dishonor, and, in any case, was no small refreshment and blessing to both of us at the time, as two individuals each isolated in very different ways.

The moment came when I realized to what extent I had wanted far too much with regard to Richard Wagner: and, somewhat later, the even worse moment when he—

40 [59]

End of “Man in Traffic
Preface and Preliminary Question:
“What are free spirits?”

“A soul in which philosophy dwells must, through its health, also make the body healthy”: thus says Montaigne, and today I gladly give my assent to it, as one who has experience in this realm. “There can be nothing more cheerful, more lively, almost I would say, more diverting than the world and its wisdom”: thus I also say with Montaigne—but under what pale and ghastly masks did wisdom then pass before me! Enough, I often feared it and was reluctant to be alone with it in such a way, and set out, alone and silent, but with a tenacious “will to wisdom” and to the South,—on my journey.Back then, I called myself a "free spirit" or "Prince Vogelfrei," and if anyone had asked me where I truly felt at home, I would have answered, "perhaps Beyond Good and Evil, nowhere else." But I suffered greatly from having no companions on my journey, so one day I cast out a fishing line to other "free spirits"—with this very book, which I had already named "a book for free spirits." Today, however—what doesn't one learn in ten years!—I hardly know whether I am still searching for companions and "fellow travelers" with this book.In the meantime, I learned what few understand today—how to endure solitude, how to "understand" solitude, and I would now count it among the essential signs of a "free spirit" that he prefers to walk alone, to fly alone, even, if his legs should fail him, to crawl alone. Solitude kills if it does not heal: that is true; solitude belongs to a grim and dangerous art of healing. But it is certain that, if it heals, it also sets a man more soundly and self-reliantly on his feet than any man in society, any tree in its forest, could ever stand: solitude tests most thoroughly, more than any illness itself, whether one is born and destined for life—or for death, like the vast majority.Enough, I only learned from solitude to fully think through the interconnected concepts of "free spirit" and "health."

2.

We "free spirits" live singly and here and there on earth—there is nothing to be done about that; we are few—and that is fair. It is part of our pride to think that our kind is a rare and strange kind; and we do not push ourselves together, we perhaps do not even "long" for one another. Of course: if we ever meet, as today, then there is a celebration!When we use the word “happiness” in the sense of our philosophy, we do not think, like the weary, the fearful, and the suffering among philosophers, first and foremost of external and internal peace, of painlessness, immobility, undisturbedness, of a “Sabbat of Sabbats,” of something that may come close in value to deep sleep. Rather, the uncertain, the changing, the transformable, the ambiguous is our world, a dangerous world! certainly more so than the simple, the self-identical, the calculable, the firm, to which philosophers, as heirs of herd instincts and herd valuations, have hitherto given the highest honor. Known and driven about in many lands of the spirit, etc.

3.

Have I thus described you? Or only in a new way concealed?I do not know: but you tell me, you fear in any case, that I have misused this name? That the name “free spirit” has been preempted? That it misleads? That we, on account of this name, will be confused?— But why, between us, why indeed, my friends, should we *not* mislead? What does it matter if *they* confuse us? Will *we* confuse ourselves because of it? And finally: would it not perhaps be worse if— —?

Very well, I understand you. You insist on a different, a new name! “Out of pride,” you tell me: the best argument for doing any foolishness. So I begin anew: just open your ears to my news!

— But here you interrupt me, you free spirits. “Enough! Enough! I hear you shout and laugh—we can’t take it anymore!Oh, about this ghastly buffoon! This virtuous traitor and slanderer! Do you want to ruin our reputation before the whole world? Tarnish our good name? Attach surnames to us that not only eat into the skin? Silence, you conscience-disturber! And why, in broad blue daylight, these gloomy grimaces, these guttural tones, this entire raven-black music? If you speak truths: after such truths, no feet can dance, so they are not truths for us. Ecce nostrum veritatis sigillum! And here is turf and soft ground: what could be better than quickly chasing away your whims and, after your “night,” making us a good day? But someone must play for us to do so! And away first with all storm clouds!It would be time for a rainbow to finally stretch across the land again, some colorful, beautiful bridge of lies, on which only spirits—very free, very airy, cheerful spirits—can walk! And last but not least: don’t you have any milk to drink? You yourself have made us thirsty for your milk!” — “As much as you like, my friends. There you see my herd leaping, all my tender, sunny, wind-swift lambs and goats: and here stands a whole bucket of milk ready for you, a bucket full of freshly milked truths, still warm enough to restore you. Incipit: ‘Human, All Too Human. Good milk for free spirits.’ Would you like to drink from it?” Beautiful it is, to be silent together

40 [60]

Artist-Pessimism.— There are very different kinds of artists. If Richard Wagner must be a pessimist, it is the disgust with himself that compels him, the worm of manifold self-contempt, the necessity of intoxicants, including his art, to endure life at all, and again the nausea after the intoxication, along with the consciousness of acting, the pressure of unfreedom, which everyone suffers who must disguise themselves because they cannot endure themselves naked—, on the other hand, the insatiable hunger for praise and noise, because such actors must always have their faith in themselves given to them from the outside and only for moments:—it is not at all within their power to renounce praise and noise!But what good are the most blissful moments of vanitas vanitatum, what good is all the incense, all the self-deification! Soon afterward, the old grief digs anew! And above all the storms of passion, or the unbridledness masked as passion, a weak, hesitant inner voice will ultimately sound again, a condemning voice:—Such artists unconsciously and inevitably glorify in their art their "Not-I" and everything that constitutes the utmost contrast to them: in Wagner's case, for example, all the extravagant virtues.unconditional loyalty or unconditional chastity or the simplicity of the child or the ascetic self-sacrifices: so that to a certain degree one has a right to be suspicious of the character of every artist who always glorifies only extravagant virtues: for with that he wants to rid himself of himself and denies himself! But let us be content with that!Finally, such an artist, despite all his will to negate the world, praises and glorifies something that is possible in this world: art can be nothing other than affirmation of the world!— And my objection, my friends, was not an objection.



So my friend: one will notice from his judgment, even if one does not agree with it, that he loved Wagner very much: for an opponent never takes his subject as deeply as he does. There is no doubt that in suffering from Wagner, he also suffers with Wagner.

40 [61]

To the Plan.

Our intellect, our will, as well as our feelings are dependent on our valuations: these correspond to our drives and their conditions of existence. Our drives can be reduced to the will to power.

The will to power is the ultimate fact to which we descend.

Our intellect a tool
Our will
Our feelings of displeasure
Our feelings
already dependent on the valuations

40 [62]

The whitewashing historiography of Rankes, his tiptoeing, in all places where it is a matter of presenting a terrible nonsense of chance as such; his belief in a kind of immanent finger of God, which occasionally shifts and adjusts something in the clockwork: for he no longer dares, the over-anxious one, neither to see it as clockwork, nor as the cause of the clockwork

40 [63]

Preface to “Mixed Opinions and Maxims.”

What kind of people might they be who take pleasure in such records?— You permit me to paint my image of this kind quickly on the nearest best wall: here, on the pages of my “Preface.” I would least of all want to immediately claim a designation, a single word for them, although such things may exist:—perhaps someone who sees my image will find the word themselves — the “right word”!

This kind of people protects the artist and philosopher, but does not confuse themselves with him. They are idle, they have reason as otium

40 [64]

I have long endeavored to see in R. W a kind of Cagl: one may forgive me this not unobjectionable idea, which at least is not inspired by hatred and aversion, but by the enchantment which this incomparable man has also exerted on me: added to which, according to my observation, the true “geniuses,” those of the highest rank, all do not “enchant” in such a way that “genius” alone did not seem to me sufficient to explain that mysterious influence.

40 [65]

Preface.

Whoever has the desires of a high and discerning soul, their danger will always be great: but today it is extraordinary. Thrown into a noisy, vulgar age with which they do not wish to eat from the same bowl, they may easily perish from hunger and thirst, or, if they finally "reach out," from disgust. Such a person must already be aided by a few strokes of luck at the right time, which somehow compensate for the harm they may have suffered through an unsatisfied, yearning, and lonely youth: for example, that they find a strict vocation in whose service they temporarily alienate themselves and their illness, and live entirely according to the demands of a brave intellect.

Or that he opens his ear to a philosopher who leads him back and away from everything contemporary and fashionable to "more enduring" goals than the present, without, however, damaging the sense of reverence in his student through an excess of negation: that he becomes a friend of good music and, best of all, of good musicians themselves—a great solace (for all good musicians are hermits and "out of time") and a good antidote to an all-too-warlike and wrathful inclination that delights in pouncing on today's people and things.

It happened late—I was already past my twenties—that I discovered what I still completely and utterly lacked: namely, justice. "What is justice? And is it possible? And if it should not be possible, how then could life be endured?"—thus I asked myself incessantly.It deeply frightened me to find, wherever I dug within myself, only passions, only corner-perspectives, only the recklessness of one who lacks even the prerequisites for justice: but where was the composure?—namely, composure born of comprehensive insight. The only thing I granted myself was courage and a certain hardness, which is the fruit of long self-discipline. Indeed, it already required courage and hardness to admit so much to oneself, and so late in life.Enough, I found reasons and ever better reasons to distrust my praise as well as my blame and to laugh at the judicial dignity I had usurped: yes, I forbade myself with shame finally any right to yes and no; at the same time, a sudden and violent curiosity about the unknown world awoke in me—briefly, I resolved to go into a hard and long new school and as far away as possible from my corner. Perhaps justice itself would meet me along the way! Thus began for me a time of wandering.

What actually happened to me at that time? I did not understand myself, but the impulse was like a command. It seems that our distant former destiny disposes over us; for a long time we experience only riddles.The selection of events, the sudden access and desire, the pushing away of the most pleasant, often the most revered: such things frighten us, as if from within us a caprice, something whimsical, mad, volcanic were to burst forth here and there. But it is only the higher reason and prudence of our future task. The long sentence of my life might perhaps—so I asked myself restlessly—be read backwards? Forwards, there is no doubt, at that time I only read “words without sense.”

A great, ever greater detachment, an arbitrary going-into-the-foreign, an “alienation,” cooling, sobering—this alone, nothing more, was my desire in those years.I examined everything to which my heart had hitherto clung, I turned the best and most beloved things around and looked at their reverse sides, I did the opposite of everything on which human art of slander and defamation had hitherto been most finely practiced. At that time, I went around many things that had hitherto remained strange to me with a gentle, even loving curiosity, I learned to appreciate—our time and everything “modern.” It may well have been an uncanny and wicked game as a whole;—I was often sick from it. That detachment comes suddenly like an earthquake: the young soul must see what is happening to it.It is a disease at the same time, which can destroy a person: this first outbreak of strength and will to self-determination; and much more pathological are the first strange and wild attempts of the spirit to now adjust the world with its own fist. But my resolve remained firm; and, even sick, I still put on the best face for my "game" and maliciously defended myself against any conclusion in which illness or solitude or the fatigue of wandering might have a share. "Forward, I said to myself, tomorrow you will be healthy, today it is enough to pretend to be healthy." At that time, I became master over all that was "pessimistic" in me; the will to health itself, the acting of health, was my remedy. What I then felt and wanted as "health" is expressed clearly and revealingly enough by these sentences (p.37 of the first edition): “a settled mild and fundamentally cheerful soul, a mood that does not need to be on guard against tricks and sudden outbursts and in its expressions carries nothing of the growling tone and the bitterness—those well-known tiresome qualities of old dogs and people who have long lain on the chain;—and as the most desirable state, that free, fearless hovering over people, customs, laws, and the conventional valuations of things.”— Indeed a kind of bird-freedom and bird’s-eye view, something of curiosity and contempt at once, as everyone knows who, uninvolved, overlooks an immense variety.— “A free spirit”— cool word does well in that state, it almost warms; the human being has become the counterpart of those who concern themselves with things that do not concern them; the freeGeist—all sorts of things happened that no longer "concerned" him.

There is no help for it, even if it is a hard nut to crack here:—the higher man, the exceptional man, must, if he is to

The personal result of all this at the time (Human, All Too Human, p. 31), as I designated it, was the logical world-negation: namely, the judgment that the world, which concerns us at all, is false. "Not the world as thing in itself—this is empty, meaningless, and worthy of Homeric laughter!—but the world as error is so significant, deep, wonderful, bearing happiness and unhappiness in its womb": thus I decreed at the time—.The “overcoming of metaphysics,” “a matter of the highest tension of human composure,” p. 23, seemed to me to have been achieved: and at the same time I set the demand for myself, for these overcome metaphysics, insofar as from them “the greatest advancement of humanity” had come, to firmly uphold a great grateful sense.

But in the background stood the will to a much broader curiosity, yes, to an enormous experiment: the thought dawned on me whether all values could not be reversed, and the question always returned: “what did all human valuations mean in the first place? What do they reveal about the conditions of life, —your life, further of human life, ultimately of all life in general? —

40 [66]

Draft for 2) of the Preface: whoever has not experienced anything similar has nothing to do here. A book of preparation. One must write a preface, not only to invite, but to drive away.

“Our highest insights must and shall etc.

To prevent confusion, I have added much to supplement the state in which I was at the time

: it is a necessary transitional state for some people.— Some things I can now say more understandably.

Defense against the “freethinkers.”

Against the scabies anarchistica.

It is a book through which natures destined to rule and lead may, under certain circumstances, be brought to terrible resolutions, to reflection on the discipline against themselves, the kind of superiority and accessibility to many ways of thinking (flexibility), and that immense health which does not wish to do without sickness, for a higher purpose.

That discipline and self-control of the spirit, which is equally a flexibility of the heart and an art of masking: that inner expansiveness and indulgence which allows one to traverse the paths to many and opposing ways of thinking without risking getting lost or falling in love with them; that immense health which does not wish to do without sickness, that surplus of plastic, healing, regenerative, restorative forces

40 [67]

Only then did I develop an eye for history: Ranke. The ignorance in the natural sciences and the art of healing makes our historians modest advocates of the facts: as if something good might still "emerge" for us, at least some small "finger of God".

40 [68]

No. 1 by M. Allzum.: The Sphinx. —
End of Section I: the new Oedipus.

40 [69]

Our “spirit” along with feelings and sensations is a tool that serves a many-headed and multifaceted master: this master is our valuations. Our valuations, however, reveal something about what our life-conditions are (to the smallest part the conditions of the person, to a further extent those of the species “human,” to the greatest and broadest extent the conditions under which life is possible at all).

40 [70]

German.”
Questions and dashes.

The German pessimism
The German Romanticism.
The re-discoverers of the Greeks.
The German anarchism.
The dangers of the Jewish soul.
The literati.
The women.
The hermits.
The demagogues in art.
The German style.
The German music. South Orient (two Souths: Venice and Provence)
The “Enlightenment” and the modern ideas.
The schoolmaster culture.
The Wagnerianism.
The European.
The German spirit.
The Jews
Voici un homme.
The “depth”
The Christian European.

×