10, 1[1-112] Juli-August 1882

1 [1]

solitudo continuata dulcescit.” Madonna del Sasso. (Locarno)

1 [2]

Widerlegung der Moral?

Die Moral ist die Sache jener, welche sich von ihr nicht frei machen können: für sie gehört sie eben deshalb unter die “Existenz-Bedingungen.” Existenz-Bedingungen kann man nicht widerlegen: man kann sie nur—nicht haben!

1 [3]

Grundsätze.

Der letzte physikalische Zustand der Kraft, den wir erschließen, muß auch nothwendig der erste sein.

Die Auflösung der Kraft in latente Kraft muß die Ursache der Entstehung der lebendigsten Kraft sein. Dem einen Zustand der Negation muß der Zustand der höchsten Position folgen.

Raum ist wie Materie eine subjektive Form. Zeit nicht.

Raum ist erst durch die Annahme leeren Raumes entstanden. Den giebt es nicht. Alles ist Kraft.

Bewegtes und Bewegendes können wir nicht zusammen denken, aber das macht Materie und Raum. Wir isoliren.

Die Entwicklung eines Dinges erlaubt Rückschlüsse auf die Entstehung des Dings.

Alle Entwicklung ist eine Entstehung.



Materie, Stoff ist eine subjektive Form.

Wir können uns Nichts anders als stofflich denken. Auch Gedanken und Abstrakta bekommen von uns eine sehr verfeinerte Stoff lichkeit, die wir vielleicht ableugnen: nichts destoweniger haben sie eine solche. Wir haben uns daran gewöhnt, diese feine Stofflichkeit zu übersehn und vom “Immateriellen” zu reden. Ganz wie wir todt und lebendig, logisch und unlogisch usw. getrennt haben. Unsere Gegensätze verlernen—ist die Aufgabe.

1 [4]

Auch die Begriffe sind entstanden. Woher?— Hier giebt es Übergänge.

1 [5]

Personen, die man zu einem Unternehmen benutzt hat, welches mißrathen ist, soll man doppelt belohnen.

1 [6]

Willst du lange jung bleiben, werde spät jung.

“Wer in seinem Urtheile über Andere zu streng ist, den halte ich für schlecht”—sage ich mit Demosthenes.

1 [7]

Suaviter in re, fortiter in me.”

1 [8]

Glaube aller Wieder-Erstandenen.— Wer früh einmal gestorben ist, stirbt lange nicht zum zweiten Male.

1 [9]

Leben nach dem Tode.— Wer Gründe hat, an sein “Leben nach dem Tode” zu glauben, muß seinen “Tod” während seines Lebens ertragen lernen.

1 [10]

Spät jung.— Spät jung erhält lang jung.

1 [11]

Das Ideal.— Das Auge sieht Alles außer sich: und so sehen wir auch unser Ideal immer noch vor uns, wenn wir es auch schon erreicht haben!

1 [12]

Begriff und Gefühl “edel” hat eine andere Vorgeschichte als Begriff und Gefühl “gut.”

1 [13]

Vademecum. Vadetecum
Von F. Nietzsche
Erste Gesammtausgabe

Inhalt:
Menschliches Allzumenschliches. Mit Anhang
Der Wanderer und sein Schatten
Morgenröthe
Die fröhliche Wissenschaft.

1 [14]

Die Pflugschar.
Ein Werkzeug zur Befreiung
des Geistes
.

Erste Gesammt-Ausgabe.
in 2 Bänden

Inhalt:
Menschliches Allzumenschliches. Mit Anhang:
Vermischte Meinungen und Sprüche.
Der Wanderer und sein Schatten.
Morgenröthe. Gedanken über die moralischen Vorurtheile.
Die fröhliche Wissenschaft.

1 [15]

An

Freundin!— sprach Columbus—traue
Keinem Genueser mehr!
Immer starrt er in das Blaue,
Fernstes lockt ihn allzusehr!

Muth! Auf offnem Meer bin ich,
Hinter mir liegt Genua.
Und mit dir im Bund gewinn ich
Goldland und Amerika.

Stehen fest wir auf den Füßen!
Nimmer können wir zurück.
Schau hinaus: von fernher grüßen
Uns Ein Tod, Ein Ruhm, Ein Glück!

1 [16]

über vornehmliche oder ausschließliche Pflanzenkost

Menschen der heftigen Affekte, ehrgeizige gehässige wollüstige Menschen mögen in der Tat sich die Frage stellen, ob für sie nicht auch wenig Fleisch schon zu viel ist, obschon mir viel wichtiger als die Frage, was sie essen sollen, jene andere Frage gilt: wieviel, das heißt hier: wie wenig.

1 [17]

Wie Freund sich reißt von Freundesbrust.
Wohlan! Noch hast du deine Pein!

1 [18]

Was liegt an meinem Buche, wenn es nicht aushält, wenigstens sub specie trecentorum annorum betrachtet zu werden?

1 [19]

Freigeister.
Stil.
Moralisch und organisch.
Selbstsucht und Nächstensucht.
Heroismus.
Die Wirkung des Gedankens an die Zukunft der Welt.
Gott und Teufel.

1 [20]

Zur Moral desIch.”

Die Schwierigkeit, sich verständlich zu machen. An Viele ist es unmöglich.

Jede Handlung wird mißverstanden. Und man muß, um nicht fortwährend gekreuzt zu werden, seine Maske haben. Auch um zu verführen ...

Lieber mit solchen umgehen, die bewußt lügen, weil nur sie auch mit Bewußtsein wahr sein können. Die gewöhnliche Wahrhaftigkeit ist eine Maske ohne Bewußtsein der Maske.

Das “Ich” unterjocht und tödtet: es arbeitet wie eine organische Zelle: es raubt und ist gewaltthätig. Es will sich regeneriren—Schwangerschaft. Es will seinen Gott gebären und alle Menschheit ihm zu Füßen sehen.

Die befreiten Ich’s kämpfen um die Herrschaft.

1 [21]

Dies ist kein Buch: was liegt an Büchern!
Was liegt an Särgen und Leichentüchern!
Dies ist ein Wille, dies ist ein Versprechen,
Dies ist ein letztes Brücken-Zerbrechen,
Dies ist ein Meerwind, ein Ankerlichten,
Ein Räderbrausen, ein Steuer-Richten,
Es brüllt die Kanone, weiß dampft ihr Feuer,
Es lacht das Meer, das Ungeheuer —

1 [22]

mit schönen Worten nennen, nachdem die Selbstsucht böse sein soll

1 [23]

daß die semitische Rasse zur indoeuropäischen gehört, glaube ich G. I. Ascoli und E. Rénan.

1 [24]

Das Leben eines heroischen Menschen enthält die abgekürzte Geschichte mehrerer Geschlechter in Bezug auf Vergottung des Teufels. Er macht den Zustand des Ketzers, der Hexe, des Wahrsagers, des Skeptikers, des Schwachen, des Gläubigen und überwältigten durch.

1 [25]

Wer selber den Willen zum Leiden hat, steht anders zur Grausamkeit; indem er wehethut, hält er das Wehethun nicht an und für sich für schädlich und schlecht.

1 [26]

“Jesus sah Jemanden am Sabbat arbeiten und sagte zu ihm: wenn du weißt, was du thust, so bist du selig; wenn du’s aber nicht weißt, so bist du verflucht und ein Übertreter des Gesetzes.”

Lucas, 6,4. alte Hdschr.

1 [27]

Die vorhandene Welt von Kräften leitet zurück auf einen einfachsten Zustand dieser Kräfte: und ebenso vorwärts auf einen einfachsten Zustand,—könnten und müßten beide Zustände nicht identisch sein? Aus einem System bestimmter Kräfte, also aus einer meßbar sicheren Kraft kann sich keine Unzähligkeit der Zustände ergeben. Nur bei der falschen Annahme eines unendlichen Raums, in welchen sich die Kraft gleichsam verflüchtigt, ist der letzte Zustand ein unproduktiver, todter. Der einfachste Zustand ist zugleich - und +

1 [28]

Stellen wir uns auf den strengsten Standpunkt der Moralität, z. B. der Ehrlichkeit so ist schon der Verkehr mit den Dingen, alle die Glaubensartikel unseres gewöhnlichen Handelns unmoralisch (z. B. daß es Körper gebe.

Insgleichen, daß Mensch = Mensch sei zu glauben, an Stelle der Atomistik der Individuen.

Alles wird so zur Unredlichkeit. Und gesetzt, wir erkennen, das Leben ist Unredlichkeit, also Unmoralität—so ist das Leben zu verneinen.

Ebenso die unbedingte Gerechtigkeit bringt zur Einsicht, daß Leben wesentlich ungerecht ist.

Consequenz der äußersten Moralität der Erkenntniß: Verlangen nach Vernichtung.

Aber nun kommt erlösend die Kritik der Moral und Moralität: sie bringt sich selber um.

Also: das Leben ist nicht zu verneinen, denn die Moral steht nicht über ihm, sie ist todt. Der Exceß der Moral hat ihren Gegensatz, das Böse, als nothwendig und nützlich bewiesen, und als Quelle des Guten.

Haben wir damit das Gute aufzugeben ? Nein, gerade nicht! Denn unsere Redlichkeit braucht nicht mehr so streng zu sein. Thatsächlich sind es die Guten nicht.

1 [29]

Das Bedürfniß des Gemüthes ist nicht zu verwechseln mit dem Bedürfniß nach Gemüth: das einige sehr kalte Personen haben.

1 [30]

Der Hund bezahlt Wohlwollen mit Unterwerfung. Die Katze genießt sich selber dabei und hat ein wollüstiges Kraftgefühl: sie giebt nicht zurück.

1 [31]

Zur Erklärung der sogenannten “Spiritistischen Erscheinungen.” Ein Theil der intellektuellen Funktionen des Mediums verlaufen ihm unbewußt: sein Zustand ist darin hypnotisch (Trennung eines wachen und schlafenden Intellekts) Auf diesen unbewußten Theil concentrirt sich die Nervenkraft.— Es muß zwischen den durch die Hände verbundenen Personen eine elektrische Leitung nach dem Medium zu stattfinden, vermöge dessen Gedanken einer jeden Person in das Medium übergehen. Eine solche Leitung von Gedanken ist nicht wunderbarer als die Leitung vom Gehirne zum Fuße, im Fall eines Stolperns, innerhalb Eines Menschen. Die Fragen werden durch die lntellektualität der betheiligten Personen beantwortet: wobei das Gedächtniß oft etwas leistet und bietet, was für gewöhnlich vergessen scheint. Folge der nervösen Emotion.— Es giebt kein Vergessen.— Auch unbewußter Betrug ist möglich: ich meine, ein betrügerisches Medium fungirt mit allerlei betrügerischen Manipulationen, ohne darum zu wissen: seine Art Moralität äußert sich instinktiv in diesen Handlungen.— Zuletzt geht es immer so zu, bei allen unseren Handlungen. Das Wesentliche verläuft uns unbewußt, und der Schelm ist sich unbewußt hundertmal mehr und häufiger Schelm als bewußt.

Elektricitäts-Erscheinungen, kalte Ströme, Funken sind möglich dabei. Gefühle Angefaßt-werden können die Sache der Täuschung sein, Hallucinationen der Sinne: wobei möglich ist, daß es für mehrere Personen Hallucinat-Einheit giebt. (Wie bei den alten orgiastischen Culten)

Der Glaube an die Wiederbegegnung mit Todten ist die Voraussetzung des Spiritismus. Es ist eine Art Freigeisterei. Wirkliche Fromme haben diesen Glauben nicht nöthig. (Buckle über Unsterblichkeit)

1 [32]

Advocatus diaboli

Neue Vorstellungen von Gott und Teufel. Die unbedingte Erkenntniß ist ein Wahnsinn der Tugend-Periode; an ihr gienge das Leben zu Grunde. Wir müssen die Lüge, den Wahn und Glauben, die Ungerechtigkeit heiligen. Wir müssen uns von der Moral befreien, um moralisch leben zu können. Meine freie Willkür, mein selbstgeschaffenes Ideal will diese und jene Tugend von mir d. h. den Untergang in Folge der Tugend. Das ist Heroismus.

1 [33]

Das National-Princip wird die Muhamedaner die Inder entfesseln.

1 [34]

Was macht denn z. B. die Prostitution so schädlich, schleichend, ihrer selber unsicher? Nicht “das Böse an sich” in ihr, sondern die schlechte Meinung, mit der sie behandelt wird. Dies gegen die Statistiker. Man sollte den Guten nachrechnen, daß die gröbere und feinere Nachwirkung ihrer Urtheile das innere und äußere Elend der Menschen ausmacht. Und dann nehmen sie dieses Elend als Beweis dafür, daß sie Recht haben, als Beweis der Natur und Kraft! Das schlechte Gewissen vergiftet die Gesundheit.



Die Ehe als die erlaubte Form der Geschlechtsbefriedigung.
Der Krieg als die erlaubte Form des Nachbar-Mordes.
Die Schule als die erlaubte Form der Erziehung.
Justiz als die erlaubte Form der Rache.
Religion als die erlaubte Form des Erkenntnißtriebes.



Die Guten als die Pharisäer, die Bösen mit schlechtem Gewissen und unterdrückt lebend. Was ist denn Ausschweifung aller Art mehr als die Consequenz der Unbefriedigung so Vieler an den erlaubten Formen? Was ist das meiste Verbrecherthum anders als Unvermögen oder Unlust zur Heuchelei der “Guten”? Mangel an Erziehung der starken Triebe? Es giebt dafür nur Gegner und Verächter.

1 [35]

Vom Glück des Pharisäers.

Seine Selbst-Überwindung. Die Herstellung des sittlichen Handelns unter allen Umständen und die Einübung, sich fortwährend solche Motive allein im Bewußtsein zu erhalten und die wirklichen Motive falsch (nämlich sittlich) zu benennen.

Es ist die uralte Übung innerhalb der Heerde: die eigentliche Unredlichkeit, bei sich nur die erlaubten Urtheile und Empfindungen zu sehen. Diese allen Guten gemeinsame Übung bringt die Uniformität der gemeinsamen Handlungen hervor: es giebt ihnen ihre ungeheure Kraft, an so wenige Motive bei sich und dem Nächsten zu glauben, und nur an gute.

Der Pharisäer ist der Urtypus des erhaltenden Menschen, immer nöthig.

Gegensatz:
die starken Bösen
und die schwachen Bösen, die sich so fühlen.

Aus ihnen entsteht mitunter der Sich-selber-Gute, der zum Gott gewordene Teufel.

1 [36]

Leiden verringern und sich selber dem Leiden (d.h. dem Leben) entziehen—das sei moralisch?

Leiden schaffen—sich selber und Anderen—um sie zum höchsten Leben, dem des Siegers zu befähigen—wäre mein Ziel.

1 [37]

Es ist ekelhaft, große Menschen durch Pharisäer verehrt zu sehen. Gegen diese Sentimentalität.

1 [38]

Auch das Rückwärts-gehen und Verfallen, beim Einzelnen und bei der Menschheit, muß seine Ideale erzeugen: und immer wird man glauben, fortzuschreiten. Das Ideal “Affe” könnte irgendwann einmal vor der Menschheit stehen—als Ziel.

1 [39]

Meine Virtuosität: das zu ertragen, was mir unangenehm ist, ihm gerecht zu sein, ja artig dagegen—Mensch und Erkenntniß. Darin bin ich am besten geübt.

1 [40]

Ich habe eine Neigung, mich bestehlen, ausbeuten zu lassen. Aber als ich merkte, daß alles darauf aus war, mich zu täuschen, gerieth ich in den Egoismus.

1 [41]

Aus der vollendeten alten Moralität heraus verlangte mich nach der Selbstsucht.

1 [42]

Warum liebe ich die Freigeisterei? Als letzte Consequenz der bisherigen Moralität. Gerecht sein gegen Alles, über Neigung und Abneigung hinweg, sich selber in die Reihe der Dinge einordnen, über sich sein, die Überwindung und der Muth nicht nur gegen das Persönlich-Feindliche, Peinliche, auch in Hinsicht auf das Böse in den Dingen, Redlichkeit, selbst als Gegnerin des Idealismus und der Frömmigkeit, ja der Leidenschaft, sogar in Bezug auf die Redlichkeit selber; liebevolle Gesinnung gegen Alles und Jedes und guter Wille, seinen Werth zu entdecken, seine Berechtigung, seine Nothwendigkeit. Auf Handeln verzichten (Quietismus) aus Unvermögen zu sagen: “es soll anders sein”—in Gott ruhen, gleichsam in einem werdenden Gotte.

Als Mittel dieser Freigeisterei erkannte ich die Selbstsucht als nothwendig, um nicht in die Dinge hinein verschlungen zu werden: als Band und Rückhalt. Jene Vollendung der Moralität ist nur möglich in einem Ich: insofern es sich lebendig, gestaltend, begehrend, schaffend verhält, und in jedem Augenblick dem Versinken in die Dinge widerstrebt, erhält es sich seine Kraft, immer mehr Dinge in sich aufzunehmen und in sich versinken zu machen. Die Freigeisterei ist also im Verhältniß zum Selbst und zur Selbstsucht ein Werden, ein Kampf zweier Gegensätze, nichts Fertiges, Vollkommenes, kein Zustand: es ist die Einsicht der Moralität, nur vermöge ihres Gegentheils sich in der Existenz und Entwicklung zu erhalten.

1 [43]

1. Unzufriedenheit mit uns selber. Gegenmittel gegen die Reue. Die Verwandlung der Temperamente (z. B. durch die Anorganica). Der gute Wille zu dieser Unzufriedenheit. Seinen Durst abwarten und voll werden lassen, um seine Quelle zu entdecken.
2. Der Tod umzugestalten als Mittel des Sieges und Triumphes.
3. Die Geschlechtsliebe, als das Mittel zum Ideal (Streben in seinem Gegensatz unterzugehen.) Liebe zur leidenden Gottheit.
4. Die Krankheit, Verhalten zu ihr, Freiheit zum Tode.
5. Die Fortpflanzung als die heiligste Angelegenheit. Schwangerschaft, Schaffung des Weibes und des Mannes, welche im Kinde ihre Einheit genießen wollen und ein Denkmal daran stiften.
6. Mitleiden als Gefahr. Die Gelegenheiten schaffen, damit jeder sich selber helfen könne und es ihm freistehe, ob geholfen werden solle.
7. Die Erziehung zum Bösen, zum eigenen “Teufel.”
8. Der innere Krieg, als “Entwicklung.”
9. “Arterhaltung” und der Gedanke der ewigen Wiederkunft.
10. In wiefern jeder geschaffene Gott sich wieder einen Teufel schafft. Und das ist nicht der, aus dem er entstanden ist. (Es ist das benachbarte Ideal, mit dem er kämpfen muß)

1 [44]

Staat hat seine Moral dem I einverleibt.



Willkür vielleicht der gelobteste Name einmal für Moral

1 [45]

Stil

Das Erste, was noth thut, ist Leben: der Stil soll leben.

Der Stil soll jedes Mal dir angemessen sein in Hinsicht auf eine ganz bestimmte Person, der du dich mittheilen willst.

Man muß erst genau wissen: “so und so würde ich dies sprechen und vortragen”—bevor man schreiben darf. Schreiben soll nur eine Nachahmung sein.

Weil dem Schreibenden viele Mittel des Vortragenden fehlen, so muß er im Allgemeinen eine sehr ausdrucksreiche Art von Vortrag zum Vorbilde haben: das Abbild davon, das Geschriebene wird nothwendig schon viel blässer (und dir natürlicher) ausfallen.

Der Reichthum an Leben verräth sich durch Reichthum an Gebärden. Man muß Alles, Länge Kürze der Sätze, die Interpunktionen, die Wahl der Worte, die Pausen, die Reihenfolge der Argumente—als Gebärden empfinden lernen.

Vorsicht gegen die Periode! Zur Periode haben nur die Menschen ein Recht, die einen langen Athem auch im Sprechen haben. Für die Meisten ist die Periode eine Affektation.

Der Stil soll beweisen, daß man an seine Gedanken glaubt, und sie nicht nur denkt, sondern empfindet.

Je abstrakter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehr muß man erst die Sinne zu ihr verführen.

Der Takt des guten Prosaikers besteht darin, dicht an die Poesie heranzutreten, aber niemals zu ihr überzutreten. Ohne das feinste Gefühl und Vermögen im Poetischen selber kann man diesen Takt nicht haben.

Es ist nicht artig und klug, seinem Leser die leichteren Einwände vorwegzunehmen. Es ist sehr artig und klug, seinem Leser es übrig zu lassen, die Quintessenz unserer Weisheit selber auszusprechen.

1 [46]

G. Sand, Brief von 1868 an Maxime Du Camp.

“Faites un mariage d’amitié pour avoir des enfants. L’amour ne procrée guère. Quand vous verrez devant vous un être, que vous aimerez plus que vous-mêmes, vous serez heureux. Mais ce n’est pas la femme que l’on peut aimer plus que soi-même, c’est l’enfant, c’est l’être innocent, c’est le type divin, qui disparaît plus ou moins en grandissant, mais qui, durant quelques années, nous ramène à la possession d’un idéal sur la terre.”

1 [47]

Der Mann hat im. Hintergrunde aller seiner Empfindungen für ein Weib immer noch die Verachtung für das weibliche Geschlecht.

1 [48]

Gegen die moralische Empörung.

Dieselbe Grausamkeit wie in Religionskriegen. “Die Verachtung des Mitmenschen” als Gegenstand von Christi Entrüstung (er wurde gegen die Pharisäer ungerecht).

(Das Böse muß erhalten bleiben!)

1 [49]

Wer das Ideal eines Menschen geschaut hat, empfindet den wirklichen Menschen als dessen Carikatur.

1 [50]

1. Die weibliche Beurtheilung der Affekte.
— der einzelnen Tugenden und Laster von Mann und Weib.
Weib und Arbeit
Weib und Staat
Weib und Ruhm.
2. Das weibliche Urtheil und der Glaube des Weibes in Betreff seines Urtheils.
3. Die verhehlte Wirklichkeit und
4. Die Unwirklichkeit, welcher ein Weib sich verpflichtet fühlt, als wahr zu behaupten.
5. Die Verführung der Anderen zur guten Meinung über uns, und das Sich-Beugen vor dieser Meinung als einer Autorität.
6. Tempo der weiblichen Affekte.
7. Schwangerschaft als der Cardinalzustand, welcher allmählich das Wesen des Weibes überhaupt gestaltet hat. Relation aller weiblichen Denk- und Handlungsweisen dazu.
8. Die Pflege der Kinder theils zurückbildend—theils allzu sehr entkindlichend. Weiblicher Rationalismus.
9. Verschiedenheit der weiblichen und männlichen Herrschsucht.
10. Das weibliche Gefühl der Vollkommenheit—im Gehorchen.
11. Was als unweiblich empfunden wird. Geschichte.
12. Verneinen zerstören hassen sich rächen: warum das Weib darin barbarischer ist als der Mann.
13. Sinnlichkeit von Mann und Frau verschieden.

1 [51]

Zur Wieder-Entstehung der Welt.

Aus zwei Negationen entsteht eine Position, wenn die Negationen Kräfte sind. (Es entsteht Dunkel aus Licht gegen Licht, Kälte aus Wärme gegen Wärme usw.)

1 [52]

Wirf deine Worte deinen Thaten voraus: verpflichte dich selber durch die Scham vor gebrochnen Worten.

1 [53]

Nur der Unbeugsame darf von sich selber schweigen.

1 [54]

Wir sind gegen Andere aufrichtiger als gegen uns selber.

1 [55]

In Bezug auf alle Wahrheit geht es uns wie in Hinsicht auf den inneren Leib.

1 [56]

Ursprünglich war die Lüge moralisch. Man gab die Meinungen der Heerde vor.

1 [57]

Um sich gut zu unterhalten, sucht der Eine einen Geburtshelfer für seine Gedanken, und der Andere einen, dem er helfen kann.

1 [58]

Bei jedem Gespräch zu dreien ist einer überflüssig und verhindert damit die Tiefe des Gesprächs.

1 [59]

Wer uns nicht produktiv macht, wird uns sicher gleichgültig. Wen wir produktiv machen, den lieben wir deshalb noch nicht.

1 [60]

Wie die Guten sich die großen Menschen imagin. Gegen ihre Sentimentalität.

1 [61]

Ideal bilden, d.h. seinen Teufel zu seinem Gotte umschaffen. Und dazu muß man erst seinen Teufel geschaffen haben.

1 [62]

Alles Gute ist aus einem Bösen geworden.

1 [63]

Wer nach Größe strebt, hat Gründe in der Quantität seine Vollendung und Befriedigung zu haben. Die Menschen der Qualität streben nach Kleinheit.

1 [64]

Der Zustand der absoluten Erkaltung in Bezug auf alle bisher geglaubten Werthe ist vorhergehend dem der Erhitzung.

1 [65]

Ich bin der advocatus diaboli und der Ankläger Gottes.

1 [66]

Der Mensch ist eine zu unvollkommene Sache. Liebe zu einem Menschen würde mich zerstören.

1 [67]

Grausamkeit in dem Genuß am Mitleiden. Das Mitleiden ist am stärksten, je tiefer wir den Anderen kennen und lieben. Folglich wird der Liebende, welcher gegen den, welchen er liebt, grausam ist, am meisten Genuß von der Grausamkeit haben. Gesetzt, wir lieben uns selber am meisten, so wäre der höchste Genuß des Mitleidens die Grausamkeit gegen uns. Heroisch = das ist das Streben nach dem absoluten Untergange in seinen Gegensatz, die Umschaffung des Teufels in Gott: das ist dieser Grad von Grausamkeit.

1 [68]

Die Existenz-Bedingungen eines Wesens, sobald sie sich als ein “Soll ” repräsentiren, sind seine Moral.

1 [69]

Wie der Teufel zu Gott wird.

1 [70]

Zur Philosophie der Wiederkunft.

über heroische Größe als einzigen Zustand der Vorbereitenden.

(Streben nach dem absoluten Untergange, als Mittel, sich zu ertragen.)



Funktion-Werden-Wollen: weibliches Ideal der Liebe. Das männliche Ideal ist Assimilation und Überwältigung oder Mitleid (Anbetung des leidenden Gottes).



absolute Gleichgültigkeit über die Meinungen Anderer (weil wir ihre Maaße und Gewichte kennen): aber als Meinung über sich selber Gegenstand des Mitleidens.



Wir dürfen nicht Einen Zustand wollen, sondern müssen periodische Wesen werden wollen = gleich dem Dasein.



ich habe den ganzen Gegensatz einer religiösen Natur absichtlich ausgelebt. Ich kenne den Teufel und seine Perspektiven für Gott.



“Gut” und “Böse” als Lust- und Unlustempfindungen. Unentbehrlich. Aber für Jeden sein Böses.



Wer nicht den Weg zu seinem Ideale findet, lebt leichtsinniger und frecher als der, welcher gar kein Ideal hat.



Dem Weh thun, den wir lieben—ist die eigentliche Teufelei. In Bezug auf uns selber ist es der Zustand des heroischen Menschen—die höchste Vergewaltigung. Das Streben in den Gegensatz gehört hierzu.

1 [71]

“Idealist” als Gegensatz des redlichen und furchtlosen Erkennenden. Die Urtheile des Idealisten machen mir Ekel, sie sind ganz unbrauchbar.

1 [72]

Freude am Schaden des Anderen ist etwas Anderes als Grausamkeit, letztere ist Genuß im Mitleiden, und hat ihre Höhe, wenn das Mitleiden am höchsten ist (dann, wenn wir den lieben, den wir foltern).

Wenn ein Anderer dem, welchen wir lieben, das Wehe zufügte, dann würden wir rasend vor Wuth, das Mitleid wäre ganz schmerzhaft. Aber wir lieben ihn: und wir thun ihm wehe. Dadurch wird das Mitleid ein ungeheurer Reiz: es ist der Widerspruch zweier entgegengesetzter starker Triebe, der hier als höchster Reiz wirkt.

Selbstverstümmelung und Wollust neben einander ist das Gleiche. Oder hellstes Bewußtsein und Bleischwere und Unbeweglichkeit nach Opium.

1 [73]

Allgemeine Frage: wie wirken widersprechende Empfindungen, also eine Zweiheit? Wie verwandte, als Zweiheit? (Abschwächend?)



Die höchste Liebe zum Ich, wenn sie als Heroismus sich äußert, hat Lust zum Selbst-Untergange neben sich, also Grausamkeit, Selbst-Vergewaltigung.



Die, welche die Menschheit liebten, thaten ihr am wehesten.



Die unbedingte Hingebung und das Gerneleiden vom Geliebten, die Begierde mißhandelt zu werden. Hingebung wird zum Trotz gegen sich.

Andererseits der Liebgehabte, welcher das Liebende quält, sein Machtgefühl genießt, und um so mehr, als er sich selber dabei tyrannisirt: es ist eine doppelte Ausübung von Macht. Machtwille wird hier zum Trotz gegen sich.

1 [74]

Der Freigeist als der religiöseste Mensch, den es jetzt giebt.

1 [75]

Gott hat Gott getödtet.

1 [76]

Die Moral starb an der Moralität.

1 [77]

Der gläubige Mensch ist der Gegensatz des religiösen Menschen.

1 [78]

Voraussetzung der Zeugung sollte der Wille sein, ein Abbild und Fortleben der geliebten Person haben zu wollen: und ein Denkmal der Einheit mit ihr, ja eine Vollendung des Triebes nach Einheit, durch ein neues Wesen.— Sache der Leidenschaft und nicht der Sympathie.

1 [79]

Die hohe und ehrliche Form des Geschlechtsverkehrs, die der Leidenschaft, hat jetzt noch das böse Gewissen bei sich. Und die gemeinste und unredlichste das gute Gewissen.

1 [80]

Die Verworrenheit der Mittel, die Ehe aufrecht zu erhalten: das Weib glaubt, prädestinirt nur für diese zu sein. In Wahrheit ist Alles gemeiner Zufall, und hundert andere Männer thäten ihr ebenso gut. Sie will gehorchen: sie arbeitet für den Mann und denkt und sagt: “was habe ich alles für dich gethan!” aber es war nicht für “dich,” sondern für irgend einen, der ihren Trieben in den Wurf kam.— Der Beruf und die tägliche Arbeit trennt die Gatten und hält so die Erträglichkeit aufrecht.— Weil die Männer und Frauen früher nicht erfahren haben, was eigentlich Freundschaft ist, so sind sie auch nicht enttäuscht über den Verkehr: weder die Liebe, noch die Freundschaft ist ihnen bekannt. Die Ehe ist auf verkümmerte Halbmenschen eingerichtet.

1 [81]

Eitel—beleidigt
vorsichtig—in Acht nehmen
unmoralisch—verachten.

1 [82]

Er tödtet, wenn er sonst nicht leben kann.

Er raubt, wenn er einen Gegenstand nöthig hat oder einen Menschen (Ehe).

Er lügt, wenn er verborgen bleiben will um seines Zieles willen.

1 [83]

Mittag und Ewigkeit
Entwurf einer heroischen Philosophie.

1 [84]

Menschen, die nach Größe streben, sind gewöhnlich böse Menschen: es ist ihre einzige Art, sich zu ertragen.

1 [85]

Wie lange (wie viel Jahrhunderte) dauert es, bis eine Größe den Menschen als Größe sichtbar wird und leuchtet—ist mein Maaßstab der Größe. Bisher sind wahrscheinlich alle die Größten gerade verborgen geblieben.

1 [86]

Wer das Große nicht mehr in Gott findet, findet es überhaupt nicht vor und muß es leugnen oder—schaffen—schaffen helfen.

1 [87]

Die ungeheure Erwartung in Betreff der Geschlechtsliebe verdirbt den Frauen das Auge für alle weiteren Perspektiven.

1 [88]

Heroismus—das ist die Gesinnung eines Menschen der ein Ziel erstrebt, gegen welches berechnet er gar nicht mehr in Betracht kommt. Heroismus ist der gute Wille zum absoluten Selbst-Untergang.

Der Gegensatz des heroischen Ideals ist das Ideal der harmonischen All-Entwicklung: ein schöner Gegensatz und ein sehr wünschenswerther! Aber nur ein Ideal für gute Menschen!

1 [89]

In allem Verkehr von M dreht es sich nur um Schwangerschaft.

1 [90]

Wenn fünf Menschen zusammen reden, muß immer ein sechster sterben.

1 [91]

Alle Mädchen glauben, daß ein Mann nur dann Freundschaft mit einem Weibe schließt, weil er nicht mehr erreichen konnte.

1 [92]

Wer das Hohe eines M nicht sieht, sieht dessen Niedriges zu nahe und mit allzuscharfen Augen.

1 [93]

Wenn die Talente nachlassen, werden die moralischen Eigenschaften eines M sichtbarer.

1 [94]

Die Männer gelten als grausam, aber die Weiber sind es. Die Weiber gelten als gemüthvoll, aber die Männer sind es.

1 [95]

Ah, wie ich der tragischen Gesichter und Worte satt bin!

1 [96]

Schilling, span Grammatik, Leipzig, Glockner.

1 [97]

Soll das Band nicht reißen,
Mußt du mal drauf beißen.

1 [98]

Gelegentlich habe ich eine ungeheure Geringschätzung der Guten—ihre Schwäche, ihr Nichts-Erleben-Wollen, Nichts-sehen-wollen, ihre willkürliche Blindheit, ihr banales Sich-Drehen im Gewöhnlichen und Behaglichen, ihr Vergnügen an ihren “guten Eigenschaften” usw.

1 [99]

Hitzig Untersuchungen über das Gehirn Berlin 1874.
Animal Depravity (Quarterly Journal of Science 1875
415-430.
Lilienfeld Gedanken über die Socialwissenschaft.

1 [100]

Cosa bella e mortal,
passa e non dura!!!

1 [101]

Columbus novus.

Dorthin will ich, und ich traue
Mir fortan und meinem Griff!
Offen ist das Meer: in’s Blaue
Treibt mein Genueser Schiff.

Alles wird mir neu und neuer
Hinter mir liegt Genua.
Muth! Stehst du doch selbst am Steuer,
Lieblichste Victoria!

(Sommer 1882)

1 [102]

Der Baum spricht.

Zu einsam wuchs ich und zu hoch:
Ich warte: worauf wart’ ich doch?

Zu nah ist mir der Wolken Sitz:
Ich warte auf den ersten Blitz.

1 [103]

An das Ideal.

Wen liebt ich so wie dich, geliebter Schatten!
Ich zog dich an mich, in mich—und seitdem
Ward ich beinah zum Schatten, du zum Leibe.
Nur daß mein Auge unbelehrbar ist,
Gewöhnt, die Dinge außer sich zu sehen:
Ihm bleibst du stets das ew’ge “Außer-mir.”
Ach, dieses Auge bringt mich außer mich!

1 [104]

Die fröhliche Wissenschaft.”
(Sanctus Januarius)

Dies ist kein Buch: was liegt an Büchern!
An diesen Särgen und Leichentüchern!
Vergangnes ist der Bücher Beute:
Doch hierin lebt ein ewig Heute.

1 [105]

Im Gebirge.
(1876.)

Nicht mehr zurück? Und nicht hinan?
Auch für die Gemse keine Bahn?

So wart’ ich hier und fasse fest,
Was Aug’ und Hand mich fassen läßt!

Fünf Fuß breit Erde, Morgenroth,
Und unter mir—Welt, Mensch und—Tod.

1 [106]

An die Freundschaft.

Heil dir, Freundschaft!
Meiner höchsten Hoffnung
Erste Morgenröthe!
Ach, ohn’ Ende
Schien oft Pfad und Nacht mir,
Alles Leben
Ziellos und verhaßt!
Zweimal will ich leben,
Nun ich schau’ in deiner Augen
Morgenglanz und Sieg,
Du liebste Göttin!

1 [107]

Das Wort.

Lebend’gem Worte bin ich gut:
Das springt heran so wohlgemuth,
Das grüßt mit artigem Genick,
Ist lieblich selbst im Ungeschick,
Hat Blut in sich, kann herzhaft schnauben,
Kriecht dann zum Ohre selbst den Tauben,
Und ringelt sich und flattert jetzt,
Und was es thut—das Wort ergetzt.
Doch bleibt das Wort ein zartes Wesen,
Bald krank und aber bald genesen.
Willst ihm sein kleines Leben lassen,
Mußt du es leicht und zierlich fassen,
Nicht plump betasten und bedrücken,
Es stirbt oft schon an bösen Blicken —
Und liegt dann da, so ungestalt,
So seelenlos, so arm und kalt,
Sein kleiner Leichnam arg verwandelt,
Von Tod und Sterben mißgehandelt.
Ein todtes Wort—ein häßlich Ding,
Ein klapperdürres Kling-Kling-Kling.
Pfui allen häßlichen Gewerben,
An denen Wort und Wörtchen sterben!

[Tautenburger Aufzeichnungen für Lou von Salomé]

1 [108]

1.

Menschen, die nach Größe streben, sind gewöhnlich böse Menschen; es ist ihre einzige Art, sich zu ertragen.

2.

Wer das Große nicht mehr in Gott findet, findet es überhaupt nicht vor und muß es entweder leugnen oder—schaffen (schaffenhelfen)

4.

Die ungeheure Erwartung in Betreff der Geschlechtsliebe verdirbt den Frauen das Auge für alle fernen Perspektiven.

5.

Heroismus—das ist die Gesinnung eines Menschen, der ein Ziel erstrebt, gegen welches gerechnet er gar nicht mehr in Betracht kommt. Heroismus ist der gute Wille zum absoluten Selbst-Untergange.

6.

Der Gegensatz des heroischen Ideals ist das Ideal der harmonischen All-Entwicklung—ein schöner Gegensatz und ein sehr wünschenswerther! Aber nur ein Ideal für grundgute Menschen (Goethe z. B.)

Liebe ist für Männer etwas ganz Anderes als für Frauen. Den Meisten wohl ist Liebe eine Art Habsucht; den übrigen Männern ist Liebe die Anbetung einer leidenden und verhüllten Gottheit.

Wenn Freund Rée dies läse, würde er mich für toll halten.

Wie geht es?— Es gab nie einen schöneren Tag in Tautenburg als heute. Die Luft klar, mild, kräftig: so wie wir Alle sein sollten.

Von Herzen

F. N.

1 [109]

Zur Lehre vom Stil.

1.

Das Erste, was noth thut, ist Leben: der Stil soll leben.

2.

Der Stil soll dir angemessen sein in Hinsicht auf eine ganz bestimmte Person, der du dich mittheilen willst. (Gesetz der doppelten Relation.)

3.

Man muß erst genau wissen: “so und so würde ich dies sprechen und vortragen”—bevor man schreiben darf. Schreiben muß eine Nachahmung sein.

4.

Weil dem Schreibenden viele Mittel des Vortragenden fehlen, so muß er im Allgemeinen eine sehr ausdrucksvolle Art von Vortrage zum Vorbild haben: das Abbild davon, das Geschriebene, wird schon nothwendig viel blässer ausfallen.

5.

Der Reichthum an Leben verräth sich durch Reichthum an Gebärden. Man muß Alles, Länge und Kürze der Sätze, die Interpunktionen, die Wahl der Worte, die Pausen, die Reihenfolge der Argumente—als Gebärden empfinden lernen.

6.

Vorsicht vor der Periode! Zur Periode haben nur die Menschen ein Recht, die einen langen Athem auch im Sprechen haben. Bei den Meisten ist die Periode eine Affektation.

7.

Der Stil soll beweisen, daß man an seine Gedanken glaubt, und sie nicht nur denkt, sondern empfindet.

8.

Je abstrakter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehr muß man erst die Sinne zu ihr verführen.

9.

Der Takt des guten Prosaikers in der Wahl seiner Mittel besteht darin, dicht an die Poesie heranzutreten, aber niemals zu ihr überzutreten.

10.

Es ist nicht artig und klug, seinem Leser die leichteren Einwände vorwegzunehmen. Es ist sehr artig und sehr klug, seinem Leser zu überlassen, die letzte Quintessenz unsrer Weisheit selber auszusprechen.

F. N.
 
Einen guten Morgen,
meine liebe Lou!

1 [110]

“Ja, ein schwaches Geschlecht!”—so reden die Männer von den Frauen, so reden auch die Frauen von sich selber: aber wer glaubt, daß sie bei dem gleichen Worte das Gleiche denken? Doch lassen wir einmal die Männer hierüber denken, was sie wollen; was meint für gewöhnlich ein Weib, wenn es von der Schwäche seines Geschlechts spricht? —

Schwäche fühlen—das ist ihm nicht nur einen Mangel an Kraft fühlen, sondern vielmehr: ein Bedürfniß nach Kraft fühlen. Es sucht nach Kraft, es blickt nach außen dabei, es will sich anlehnen es ist ganz Fühlhorn für Alles, woran es sich anlehnen könnte, es schlingt sich verlangend auch um das, was zur Stütze ungeeignet ist und versucht sich daran zu halten, ja es täuscht sich gerne über die Kraft alles Anderen, Fremden außer ihm—es glaubt in dem Grade an die Kraft außer sich als es an die Schwäche in sich glaubt. Das Gefühl der Schwäche, im äußersten Maaße empfunden, findet geradezu überall Stärke und dichtet Kraft in jedes Außer-sich hinein, mit dem es sich berührt: und wenn das Auge widersprechen sollte, so wird das Auge—zugemacht!

Dies ist in der That der Zustand, in dem das schwache Geschlecht sich befindet, und nicht nur in Beziehung auf die Männer seiner Umgebung, sondern auch in Beziehung auf Religion und Sitte: das schwache Weib glaubt an seine Unmöglichkeit, ungestützt stehen zu können und verwandelt alles, was es leiblich oder geistig umgiebt, in Stützen—es will nicht sehen, was dies Alles wirklich ist, es will nicht prüfen, ob das Geländer, an dem es über den Fluß geht, wirklich hält, es glaubt an das Geländer, weil es an seine Schwäche und Angst glaubt. Woran ein solches Weib sich anlehnt, das ist unter allen Umständen nicht die erkannte Kraft, sondern die erwartete, gewünschte und erdichtete Kraft: und je größer sein Gefühl der Schwäche war, um so mehr Kraft wird es an dem fühlen wollen, das ihm “Halt giebt.” Das schwächste Weib wird aus jedem Manne einen Gott machen: und ebenso aus jedem Gebot der Sitte und Religion etwas Heiliges, Unantastbares, Letztes, Anbetungswürdiges. Es liegt auf der Hand, daß für die Entstehung der Religionen das schwache Geschlecht wichtiger ist als das starke. Und, so wie die Weiber sind, würden sie sich, wenn man sie allein ließe, aus ihrer Schwäche heraus nicht nur beständig “Männer” erschaffen, sondern auch “Götter”—und beide, wie zu vermuthen steht, einander ähnlich—: als Ungeheuer von Kraft!

1 [111]

Vom Weibe.

1. Das weibliche Urtheil und der Glaube (Aberglaube) des Weibes in Betreff seines Urtheils.
2. Die weibl Beurtheilung der
Affekte,
der einzelnen Tugenden und Laster,
3. Das weibl Urtheil über
Mann und Weib,
Staat und Natur,
Arbeit, Muße, usw.
4. Was von der Wirklichkeit sich das Weib verhehlt.
5. Worin es sich verpflichtet fühlt, eine Unwirklichkeit, die es als solche kennt, doch als wirklich zu behaupten.
6. Tempo der weiblichen Affekte
7. Die Pflege der Kinder, theils zurückbildend und hemmend, theils allzusehr entkindlichend (der weibl Rationalism) In wiefern die Weiber den Mann als Kind behandeln.
8. In wiefern das Weib die Anderen zur guten Meinung über sich verführt und trotzdem sich dann vor dieser Meinung beugt (als vor einer Autorität)
9. Geschichte dessen, was vom Weibe als unweiblich empfunden wird,—je nach Volk und Sittenzustand.
10. Der weibl Glaube an irgend eine oberste weibl Tugend, welche da sein müsse, damit irgend eine höhere Natur des Weibes erreicht werden könne—und der thatsächl Wechsel dieser “obersten Tugenden.”
11. Gefühl der Vollkommenheit und Wesens-Vollendung z. B. beim Dienen, Gehorchen
12. Schwangerschaft als der Cardinalzustand, welcher allmählich, im Verlauf der Zeiten, das Wesen des Weibes festgestellt hat. Relation aller weiblichen Denk- und Handlungsweisen dazu.
13. Verneinen, zerstören, allein sein, kämpfen, verachten, sich rächen: warum das Weib in alledem barbarischer ist als der Mann usw. usw. usw.

1 [112]

E. Mach Die Geschichte und die Wurzel des Satzes von der Erhaltung der Arbeit

Lasswitz Atomistik und Kriticismus. (Braunschweig 78)

C. Neumann über die Principien der Galilei-Newtonschen Theorie

Fechner die physikal und philos Atomlehre 2 Aufl Leipzig 1864.

10, 1[1-112] Juli-August 1882

1 [1]

solitudo continuata dulcescit.” Madonna del Sasso. (Locarno)

1 [2]

Refutation of Morality?

Morality is the concern of those who cannot free themselves from it: for them, it therefore belongs among the “conditions of existence.” Conditions of existence cannot be refuted: one can only—not have them!

1 [3]

Principles.

The last physical state of force that we deduce must also necessarily be the first.

The dissolution of force into latent force must be the cause of the emergence of the most vivid force. The state of negation must be followed by the state of highest position.

Space, like matter, is a subjective form. Time is not.

Space only arose through the assumption of empty space. It does not exist. Everything is force.

Moved and moving we cannot think together, but that makes matter and space. We isolate.

The development of a thing allows conclusions to be drawn about the origin of the thing.

All development is an origin.



Matter, substance is a subjective form.

We can think of nothing except as material. Even thoughts and abstractions are given by us a very refined materiality, which we perhaps deny: nevertheless, they have such. We have become accustomed to overlooking this fine materiality and speaking of the “immaterial.” Just as we have separated dead and alive, logical and illogical, etc. Our task is to unlearn our opposites.

1 [4]

Even the concepts have arisen. From where?— Here there are transitions.

1 [5]

People who have been used for a business that has failed should be rewarded twice.

1 [6]

If you want to stay young for a long time, become young late.

“He who is too strict in his judgment of others, I consider bad”—I say with Demosthenes.

1 [7]

Suaviter in re, fortiter in me.”

1 [8]

Faith of all the Resurrected.— Whoever has died once early does not die a second time for a long while.

1 [9]

Life after death.— Whoever has reasons to believe in their “life after death” must learn to endure their “death” during their life.

1 [10]

Late young.— Late young stays young long.

1 [11]

The Ideal.— The eye sees everything outside itself: and so we also see our ideal still before us, even when we have already reached it!

1 [12]

Concept and feeling "noble" has a different history than concept and feeling "good."

1 [13]

Vademecum. Vadetecum
By F. Nietzsche
First Complete Edition

Contents:
Human, All Too Human. With Appendix
The Wanderer and His Shadow
Dawn
The Gay Science.

1 [14]

The Ploughshare.
A Tool for the Liberation
of the Mind
.

First Complete Edition.
in 2 Volumes

Contents:
Human, All Too Human. With Appendix:
Mixed Opinions and Maxims.
The Wanderer and His Shadow.
Daybreak. Thoughts on the Prejudices of Morality.
The Gay Science.

1 [15]

To

A friend!— said Columbus—trust
No Genovese anymore!
Always he stares into the blue,
The farthest lures him all too much!

Courage! On the open sea I am,
Behind me lies Genoa.
And with you in alliance I win
Goldland and America.

Stand firm on our feet!
Never can we turn back.
Look out: from afar greet us
One death, one fame, one fortune!

1 [16]

about predominantly or exclusively plant-based diets

People of violent passions, ambitious, spiteful, lustful people may indeed ask themselves whether even a little meat is not too much for them, although to me the question of what they should eat seems much less important than the other question: how much, that is to say here: how little.

1 [17]

How friend tears himself from friend's breast.
Well then! You still have your pain!

1 [18]

What is the matter with my book if it cannot withstand being considered, at least sub specie trecentorum annorum?

1 [19]

Free spirits.
Style.
Moral and organic.
Selfishness and altruism.
Heroism.
The effect of the thought of the future of the world.
God and Devil.

1 [20]

On the Morality of theI.”

The difficulty of making oneself understood. For many, it is impossible.

Every action is misunderstood. And one must, to not be constantly crossed, have one’s mask. Also to seduce...

Better to associate with those who lie consciously, for only they can also be truthful with consciousness. Ordinary truthfulness is a mask without awareness of the mask.

The “I” subjugates and kills: it works like an organic cell: it plunders and is violent. It wants to regenerate—pregnancy. It wants to bear its god and see all humanity at its feet.

The liberated I’s struggle for dominion.

1 [21]

This is not a book: what do books matter!
What do coffins and shrouds matter!
This is a will, this is a promise,
This is a final bridge-breaking,
This is a sea wind, an anchor-lighting,
A wheel-roaring, a steering-directing,
The cannon roars, white steams its fire,
The sea laughs, the monster —

1 [22]

call with beautiful words, after selfishness is supposed to be evil

1 [23]

that the Semitic race belongs to the Indo-European, I believe G. I. Ascoli and E. Rénan.

1 [24]

The life of a heroic person contains the abbreviated history of several generations with regard to the deification of the devil. He goes through the state of the heretic, the witch, the soothsayer, the skeptic, the weak, the believer, and the overwhelmed.

1 [25]

Whoever has the will to suffer himself stands differently toward cruelty; in inflicting pain, he does not consider the infliction of pain to be harmful and bad in and of itself.

1 [26]

“Jesus saw someone working on the Sabbath and said to him: if you know, what you are doing, you are blessed; but if you do not know, you are cursed and a transgressor of the law.”

Luke, 6:4. old manuscript.

1 [27]

The existing world of forces leads back to a simplest state of these forces: and equally forward to a simplest state,—could and must not both states be identical? From a system of definite forces, thus from a measurably certain force, no innumerable states can arise. Only with the false assumption of an infinite space, into which the force as it were dissipates, is the final state an unproductive, dead one. The simplest state is at once - and +

1 [28]

Let us take the strictest standpoint of morality, e.g., honesty—then even our dealings with things, all the articles of faith in our ordinary actions, are immoral (e.g., that there are bodies.

Likewise, to believe that human = human, instead of the atomism of individuals.

Everything thus becomes dishonesty. And suppose we recognize that life is dishonesty, hence immorality—then life is to be denied.

Similarly, unconditional justice leads to the insight that life is essentially unjust.

Consequence of the utmost morality of knowledge: desire for annihilation.

But now comes the redeeming critique of morality and moralism: it destroys itself.

Thus: life is not to be denied, for morality does not stand above it, it is dead. The excess of morality has proven its opposite, evil, as necessary and useful, and as the source of the good.

Do we thereby have to abandon the good? No, precisely not! For our honesty no longer needs to be so strict. In fact, it is not the good ones.

1 [29]

The need of the soul is not to be confused with the need for soul: which some very cold people have.

1 [30]

The dog repays kindness with submission. The cat enjoys itself in the process and has a voluptuous sense of power: it does not give back.

1 [31]

To explain the so-called "Spiritistic Phenomena." A part of the medium's intellectual functions occur unconsciously: their state is hypnotic in this regard (separation of a waking and sleeping intellect). The nervous energy concentrates on this unconscious part.— There must be an electrical conduction between the persons connected by their hands toward the medium, by means of which the thoughts of each person pass into the medium. Such a conduction of thoughts is no more wondrous than the conduction from the brain to the foot in the case of stumbling within one person. The questions are answered by the intellect of the involved persons: whereby memory often achieves and provides something that ordinarily seems forgotten.

Sequence of nervous emotion.— There is no forgetting.— Even unconscious deception is possible: I mean, a fraudulent medium operates with all kinds of fraudulent manipulations without knowing it: its kind of morality expresses itself instinctively in these actions.— Ultimately, it always happens this way with all our actions. The essential unfolds unconsciously, and the scoundrel is himself unconsciously a scoundrel a hundred times more and more frequently than consciously.

Electrical phenomena, cold currents, sparks are possible. Feelings of being touched can be a matter of deception, hallucinations of the senses: whereby it is possible that there is a hallucinatory unity for several persons. (As with the ancient orgiastic cults)

The belief in the reunion with the dead is the prerequisite of Spiritism. It is a kind of freethinking. Truly pious people do not need this belief. (Buckle on immortality)

1 [32]

Advocatus diaboli

New conceptions of God and the Devil. Unconditional knowledge is a madness of the virtue-period; life would perish by it. We must sanctify the lie, the delusion and belief, the injustice. We must free ourselves from morality, in order to live morally. My free arbitrariness, my self-created ideal demands this and that virtue from me, i.e., the downfall as a consequence of virtue. This is heroism.

1 [33]

The national principle will unleash the Mohammedans, the Indians.

1 [34]

What makes prostitution so harmful, insidious, uncertain of itself? Not "evil in itself" within it, but the bad opinion with which it is treated. This against the statisticians. One should calculate for the Good that the coarser and finer aftermath of their judgments constitutes the inner and outer misery of people. And then they take this misery as proof that they are right, as proof of nature and power! A bad conscience poisons health.



Marriage as the permitted form of sexual gratification.
War as the permitted form of neighbor-murder.
School as the permitted form of education.
Justice as the permitted form of revenge.
Religion as the permitted form of the drive for knowledge.



The good as the Pharisees, the evil living with a bad conscience and oppressed. What is excess of all kinds more than the consequence of the dissatisfaction of so many with the permitted forms? What is most criminality other than the inability or unwillingness to hypocrisy of the "good"? Lack of education of the strong drives? There are only opponents and scorners for it.

1 [35]

On the Happiness of the Pharisee.

His Self-Overcoming. The production of moral action under all circumstances and the practice of continually maintaining such motives alone in consciousness and misnaming the actual motives (namely, morally).

It is the age-old practice within the herd: the true dishonesty of seeing only the permitted judgments and feelings in oneself. This practice, common to all the good, produces the uniformity of common actions: it gives them their enormous power to believe in so few motives in themselves and their neighbor, and only in good ones.

The Pharisee is the archetype of the preserving man, always necessary.

Contrast:
the strong evil ones
and the weak evil ones, who feel that way.

From them sometimes arises the self-righteous one, the devil become god.

1 [36]

Reduce suffering and withdraw from suffering (i.e., from life) oneself—is that moral?

Creating suffering—for oneself and others—to enable them for the highest life, that of the victor—would be my goal.

1 [37]

It is disgusting to see great people revered by Pharisees. Against this sentimentality.

1 [38]

Even the going backwards and decaying, in the individual and in humanity, must produce its ideals: and one will always believe that one is progressing. The ideal of the “ape” could one day stand before humanity—as a goal.

1 [39]

My virtuosity: to endure what is unpleasant to me, to do it justice, yes, to be courteous towards it—Man and Knowledge. In this I am best practiced.

1 [40]

I have a tendency to let myself be robbed and exploited. But when I realized that everything was aimed at deceiving me, I fell into egoism.

1 [41]

Out of the perfected old morality, I longed for selfishness.

1 [42]

Why do I love freethinking? As the ultimate consequence of previous morality. To be just toward everything, beyond inclination and aversion, to place oneself in the order of things, to be above oneself, the overcoming and courage not only against the personally hostile, painful, but also with regard to the evil in things, honesty, even as an opponent of idealism and piety, yes, of passion, even in relation to honesty itself; loving disposition toward everything and everyone, and goodwill to discover its value, its justification, its necessity. Renouncing action (Quietism) out of inability to say: “it should be different”—resting in God, as it were, in a becoming God.

As the means of this free-spiritedness, I recognized selfishness as necessary to avoid being swallowed up by things: as a bond and support. That perfection of morality is only possible in an I: insofar as it behaves in a living, shaping, desiring, creative manner, and in every moment resists sinking into things, it preserves its strength to absorb more and more things into itself and make them sink within. Free-spiritedness is thus, in relation to the self and to selfishness, a becoming, a struggle of two opposites, nothing finished, perfect, no state: it is the insight of morality, only by virtue of its opposite can it maintain itself in existence and development.

1 [43]

1. Dissatisfaction with ourselves. Remedy against regret. The transformation of temperaments (e.g., through the Anorganica). The good will to this dissatisfaction. To wait for one's thirst to grow and become full in order to discover one's source.
2. To reshape death as a means of victory and triumph.
3. Sexual love as the means to the ideal (striving to perish in its opposite). Love for the suffering divinity.
4. Illness, behavior toward it, freedom toward death.
5. Procreation as the most sacred matter. Pregnancy, the creation of woman and man, who wish to enjoy their unity in the child and establish a monument to it.
6. Compassion as a danger. Creating opportunities so that everyone may help themselves and it remains their choice whether to be helped.
7. Education toward the evil, toward one's own "devil."
8. The inner war, as "development."
9. "Preservation of the species" and the thought of eternal recurrence.
10. In what way every created god creates for himself a devil again. And this is not the one from which he originated. (It is the neighboring ideal with which he must fight)

1 [44]

The state has incorporated its morality into the I.



Arbitrariness perhaps the most praised name once for morality

1 [45]

Style

The first thing that is necessary is life: the style should live.

The style should always be appropriate to you in relation to a very specific person to whom you wish to communicate.

One must first know exactly: “this is how I would speak and present this”—before one may write. Writing should only be an imitation.

Since the writer lacks many of the speaker’s means, they must generally have a very expressive manner of presentation as a model: the image of it, the written word, will necessarily turn out much paler (and more natural to you).

The richness of life betrays itself through a richness of gestures.

One must learn to perceive everything—the length and brevity of sentences, the punctuation, the choice of words, the pauses, the sequence of arguments—as gestures.

Beware of the period! Only those who have a long breath in speech have a right to the period. For most, the period is an affectation.

The style should prove that one believes in one's thoughts, and does not merely think them, but feels them.

The more abstract the truth one wishes to teach, the more one must first seduce the senses toward it.

The tact of the good prose writer consists in approaching poetry closely but never crossing over into it. Without the finest feeling and capacity for the poetic itself, one cannot possess this tact.

It is neither polite nor clever to preempt the reader’s easier objections. It is very polite and clever to leave it to the reader to articulate the quintessence of our wisdom themselves.

1 [46]

G. Sand, letter from 1868 to Maxime Du Camp.

“Enter into a marriage of friendship to have children. Love does not often procreate. When you see before you a being whom you will love more than yourselves, you will be happy. But it is not the woman whom one can love more than oneself, it is the child, it is the innocent being, it is the divine type, which disappears more or less as it grows, but which, for a few years, brings us back to the possession of an ideal on earth.”

1 [47]

The man still has in the background of all his feelings for a woman always the contempt for the female sex.

1 [48]

Against moral outrage.

The same cruelty as in religious wars. “Contempt for one’s fellow human” as the subject of Christ’s indignation (he was unjust toward the Pharisees).

(Evil must be preserved!)

1 [49]

Whoever has beheld the ideal of a human being perceives the real human being as its caricature.

1 [50]

1. The female judgment of the affections.
— of individual virtues and vices of man and woman.
Woman and work
Woman and state
Woman and fame.
2. The female judgment and the woman's belief regarding her judgment.
3. The concealed reality and
4. The unreality to which a woman feels obliged to assert as true.
5. The seduction of others into having a good opinion of us, and the bowing before this opinion as an authority.
6. Tempo of female affects.
7. Pregnancy as the cardinal state that has gradually shaped the essence of woman in general. Relation of all female ways of thinking and acting to it.
8. The care of children partly regressing—partly overly de-childing. Female rationalism.
9. Diversity of female and male ambition for power.
10. The female sense of perfection—in obeying.
11. What is perceived as unwomanly. History.
12. Denying destroying hating taking revenge: why woman is more barbaric in this than man.
13. Sensuality of man and woman different.

1 [51]

On the Re-Emergence of the World.

From two negations arises a position, when the negations are forces. (Darkness arises from light against light, cold from warmth against warmth, etc.)

1 [52]

Cast your words ahead of your deeds: bind yourself through the shame of broken words.

1 [53]

Only the unyielding may remain silent about themselves.

1 [54]

We are more honest with others than with ourselves.

1 [55]

With regard to all truth, we are like the inner body.

1 [56]

Originally, the lie was moral. One gave the opinions of the herd as.

1 [57]

To have a good time, one person looks for a midwife for their thoughts, and the other looks for someone they can help.

1 [58]

In every conversation among three, one is superfluous and thus prevents the depth of the conversation.

1 [59]

Those who do not make us productive will surely make us indifferent. Those whom we make productive, we do not love for that reason.

1 [60]

How the good imagine great people. Against their sentimentality.

1 [61]

To form an ideal, i.e., to reshape one's devil into one's God. And to do that, one must first have created one's devil.

1 [62]

All good has come from an evil.

1 [63]

Those who strive for size have reasons to find their fulfillment and satisfaction in quantity. People of quality strive for smallness.

1 [64]

The state of absolute cooling in relation to all previously believed values precedes that of heating.

1 [65]

I am the advocatus diaboli and the accuser of God.

1 [66]

Man is too imperfect a thing. Love for a human being would destroy me.

1 [67]

Cruelty in the pleasure of pity. Pity is strongest the deeper we know and love the other. Consequently, the lover who is cruel to the one he loves will have the most pleasure from cruelty. Suppose we love ourselves the most, then the highest pleasure of pity would be cruelty against ourselves. Heroic = this is the striving for absolute annihilation in its opposite, the transformation of the devil into God: this is this degree of cruelty.

1 [68]

The conditions of existence of a being, as soon as they represent themselves as a “shall ”, are its morality.

1 [69]

How the Devil Becomes God.

1 [70]

On the Philosophy of Recurrence.

on heroic greatness as the only state of the preparatory.

(Striving for absolute downfall, as a means to endure oneself.)



Function-becoming-wanting: female ideal of love. The male ideal is assimilation and overcoming or compassion (adoration of the suffering god).



absolute indifference to the opinions of others (because we know their measures and weights): but as an opinion about oneself, an object of compassion.



We must not want one state, but must want to become periodic beings = equal to existence.




I have deliberately lived out the entire opposite of a religious nature. I know the Devil and his perspectives on God.



“Good” and “Evil” as sensations of pleasure and displeasure. Indispensable. But for each person their own evil.



Whoever does not find the path to their ideal lives more recklessly and boldly than the one who has no ideal at all.



Harming those we love—is the true devilry. In relation to ourselves, it is the state of the heroic person—the highest violation. The striving into the opposite belongs here.

1 [71]

“Idealist” as the opposite of the honest and fearless recognizer. The judgments of the idealist make me sick, they are completely useless.

1 [72]

Pleasure in the misfortune of others is something different from cruelty; the latter is enjoyment in compassion, and reaches its peak when compassion is at its highest (when we love the one we torture).

If another were to inflict pain on the one we love, we would be raging with fury; the compassion would be entirely painful. But we love them: and we are the ones causing them pain. Through this, compassion becomes an enormous stimulus: it is the contradiction of two opposing strong drives that here acts as the highest stimulus.

Self-mutilation and lust side by side are the same. Or brightest consciousness and leaden heaviness and immobility after opium.

1 [73]

General question: how do contradictory sensations, i.e., a duality, act? How do related ones, as a duality? (Weakening?)



The highest love for the self, when it manifests as heroism, has a desire for self-destruction alongside it, thus cruelty, self-violation.



Those who loved humanity hurt it the most.



Unconditional devotion and the willingness to suffer from the beloved, the desire to be mistreated. Devotion becomes defiance against oneself.

On the other hand, the beloved who torments the lover, enjoys their sense of power, and all the more so as they tyrannize themselves in the process: it is a double exercise of power. Will to power here becomes defiance against oneself.

1 [74]

The free spirit as the most religious person that exists today.

1 [75]

God has killed God.

1 [76]

Morality died of morality.

1 [77]

The believing person is the opposite of the religious person.

1 [78]

The prerequisite for procreation should be the desire to have an image and continuation of the beloved person: and a monument to unity with them, indeed a fulfillment of the drive for unity, through a new being.— Matter of passion and not of sympathy.

1 [79]

The high and honest form of sexual intercourse, that of passion, now still has the bad conscience with it. And the basest and most dishonest has the good conscience.

1 [80]

The confusion of the means to maintain marriage: the woman believes she is predestined only for this one. In truth, everything is mere chance, and a hundred other men would suit her just as well. She wants to obey: she works for the man and thinks and says: “what have I done for you!” but it was not for “you,” but for anyone who came into her drives’ path.— The profession and daily work separates the spouses and thus maintains tolerability.— Because men and women earlier did not learn what friendship actually is, they are also not disappointed by the interaction: neither love nor friendship is known to them. Marriage is arranged for stunted half-people.

1 [81]

Vain—offended
cautious—beware
immoral—despise.

1 [82]

He kills when he cannot otherwise live.

He steals when he needs an object or a person (marriage).

He lies when he wants to remain hidden for the sake of his goal.

1 [83]

Noon and Eternity
Draft of a heroic philosophy.

1 [84]

People who strive for greatness are usually evil people: it is their only way to endure themselves.

1 [85]

How long (how many centuries) does it take for a greatness to become visible to people and to shine—that is my measure of greatness. So far, probably all the greatest have remained hidden.

1 [86]

Whoever no longer finds the great in God will not find it at all before and must deny it or—create—help create it.

1 [87]

The immense expectation regarding sexual love spoils women's eye for all further perspectives.

1 [88]

Heroism—this is the mindset of a person who pursues a goal against which, by calculation, they no longer matter. Heroism is the good will toward absolute self-destruction.

The opposite of the heroic ideal is the ideal of harmonious all-round development: a beautiful contrast and a very desirable one! But only an ideal for good people!

1 [89]

In all communication from M, it's only about pregnancy.

1 [90]

When five people talk together, a sixth must always die.

1 [91]

All girls believe that a man only befriends a woman because he couldn't achieve more.

1 [92]

Whoever does not see the height of an M sees its lowliness too closely and with overly sharp eyes.

1 [93]

When talents wane, the moral qualities of an M become more visible.

1 [94]

The men are considered cruel, but the women are. The women are considered gentle, but the men are.

1 [95]

Ah, how tired I am of the tragic faces and words!

1 [96]

Schilling, span Grammar, Leipzig, Glockner.

1 [97]

If the tape should not tear,
You must bite down on it.

1 [98]

Occasionally I have an immense contempt for the Good—their weakness, their wanting to experience nothing, wanting to see nothing, their arbitrary blindness, their banal spinning in the ordinary and comfortable, their pleasure in their “good qualities,” etc.

1 [99]

Hitzig Investigations on the Brain Berlin 1874.
Animal Depravity (Quarterly Journal of Science 1875
415-430.
Lilienfeld Thoughts on Social Science.

1 [100]

Beautiful and mortal thing,
passes and does not last!!!

1 [101]

Columbus novus.

There I want to go, and I trust
Myself and my grip from now on!
The sea is open: into the blue
My Genoese ship drives.

Everything becomes new and newer
Behind me lies Genoa.
Courage! You stand at the helm yourself,
Loveliest Victoria!

(Summer 1882)

1 [102]

The Tree Speaks.

Too lonely I grew and too high:
I wait: for what do I wait?

Too close is the seat of the clouds:
I wait for the first lightning.

1 [103]

To the Ideal.

Whom have I loved as I love you, beloved shadow!
I drew you to me, into me—and since then
I have almost become the shadow, you the body.
Only that my eye is unteachable,
Accustomed to seeing things outside itself:
To it, you remain forever the eternal “Outside-me.”
Ah, this eye drives me outside myself!

1 [104]

The Gay Science.”
(Sanctus Januarius)

This is no book: what matters are books!
These coffins and shrouds!
The past is the prey of books:
But here lives an eternal Today.

1 [105]

In the Mountains.
(1876.)

No longer back? And not upward?
Even for the chamois no path?

So I wait here and grasp firmly,
What eye and hand allow me to grasp!

Five feet wide of earth, morning red,
And beneath me—world, man—and—death.

1 [106]

To Friendship.

Hail to you, Friendship!
First dawn of my highest hope!
Ah, without end
Path and night often seemed to me,
All life
Aimless and despised!
Twice I wish to live,
Now that I see in your eyes
Morning glow and victory,
You dearest goddess!

1 [107]

The Word.

To living words I am kind:
They leap forth so cheerfully,
They greet with graceful bow,
Are lovely even in awkwardness,
Have blood within, can heartily snort,
Then creep into the ear of the deaf,
And coil and flutter now,
And whatever they do—the word delights.
Yet the word remains a tender being,
Soon sick and then soon healed.
If you wish to spare its little life,
You must grasp it lightly and delicately,
Not clumsily touch and oppress it,
It often dies from evil glances —
And lies there then, so misshapen,
So soulless, so poor and cold,
Its little corpse cruelly transformed,
Mistreated by death and dying.
A dead word—a hideous thing,
A rattling-dry clink-clink-clink.
Fie on all hideous trades,
In which words and little words perish!

[Tautenburger Aufzeichnungen für Lou von Salomé]

1 [108]

1.

People who strive for greatness are usually evil people; it is their only way to endure themselves.

2.

Those who no longer find the great in God do not find it at all present and must either deny it or—create (help create) it.

4.

The immense expectation regarding sexual love spoils women's vision for all distant perspectives.

5.

Heroism—this is the mindset of a person who pursues a goal against which, by comparison, they no longer matter. Heroism is the goodwill toward absolute self-destruction.

6.

The opposite of the heroic ideal is the ideal of harmonious all-round development—a beautiful contrast and a very desirable one! But only an ideal for fundamentally good people (Goethe, for example).

Love is something entirely different for men than for women. For most, love is a kind of greed; for the rest of men, love is the worship of a suffering and veiled divinity.

If friend Rée were to read this, he would think me mad.

How goes it?— There has never been a more beautiful day in Tautenburg than today. The air clear, mild, strong: just as we all should be.

From the heart

F. N.

1 [109]

On the Teaching of Style.

1.

The first thing that is necessary is life: style should live.

2.

Style should be appropriate to you with regard to a very specific person to whom you wish to communicate. (Law of double relation.)

3.

One must first know exactly: “this is how I would speak and present this”—before one may write. Writing must be an imitation.

4.

Because the writer lacks many means of the speaker, they must generally have a very expressive manner of presentation as a model: the image of it, the written word, will necessarily turn out much paler.

5.

The richness of life betrays itself through richness of gestures.

One must learn to feel everything—length and brevity of sentences, punctuation, choice of words, pauses, the sequence of arguments—as gestures.

6.

Beware of the period! Only those who have a long breath in speech have a right to the period. For most, the period is an affectation.

7.

Style should prove that one believes in one's thoughts, and does not merely think them, but feels them.

8.

The more abstract the truth one wishes to teach, the more one must first seduce the senses toward it.

9.

The tact of the good prose writer in choosing his means consists in approaching poetry closely, but never crossing over into it.

10.

It is neither polite nor clever to anticipate the easier objections for one's reader. It is very polite and very clever to leave it to the reader to express the final quintessence of our wisdom themselves.

F. N.
 
A good morning,
my dear Lou!

1 [110]

“Yes, a weak sex!”—this is how men speak of women, this is also how women speak of themselves: but who believes that they mean the same thing by the same word? But let us leave the men to think what they will about this; what does a woman usually mean when she speaks of the weakness of her sex? —

To feel weakness—this is for her not only to feel a lack of strength, but rather: to feel a need for strength. She seeks strength, she looks outward in doing so, she wants to lean on something, she is all antenna for anything she could lean on, she clings longingly even to that which is unsuitable for support and tries to hold onto it, yes, she gladly deceives herself about the strength of everything else, everything foreign outside herself—she believes to the degree in the strength outside herself as she believes in the weakness within herself.

The feeling of weakness, experienced to the utmost degree, finds strength everywhere and imagines power in everything it touches: and if the eye should contradict, then the eye—is shut!

This is indeed the state in which the weaker sex finds itself, not only in relation to the men around it, but also in relation to religion and custom: the weak woman believes in her impossibility of standing unsupported and turns everything that surrounds her physically or spiritually into supports—she does not want to see what all this really is, she does not want to test whether the railing by which she crosses the river really holds, she believes in the railing because she believes in her weakness and fear.What such a woman leans on is, under all circumstances, not the recognized power, but the expected, desired, and imagined power: and the greater her feeling of weakness was, the more power she will want to feel in that which gives her "support." The weakest woman will make a god out of every man: and likewise, out of every command of custom and religion, something holy, untouchable, ultimate, worthy of worship. It is obvious that for the origin of religions, the weaker sex is more important than the stronger. And, as women are, if left to themselves, they would, out of their weakness, not only constantly create "men" but also "gods"—and both, as may be presumed, similar to each other—as monsters of power!

1 [111]

Of Woman.

1. The female judgment and the belief (superstition) of woman regarding her judgment.
2. The female assessment of
the affects,
the individual virtues and vices,
3. The female judgment on
man and woman,
state and nature,
work, leisure, etc.
4. What woman conceals from reality.
5. Where it feels compelled to assert an unreality, which it knows as such, yet as real.
6. Tempo of female affects
7. The care of children, partly regressing and inhibiting, partly overly dechilding (female rationalism) To what extent women treat the man as a child.
8. To what extent the woman seduces others into having a good opinion of her and yet then bows before this opinion (as before an authority)
9. History of what is perceived as unwomanly by women—depending on people and moral conditions.
10. The female belief in some supreme female virtue, which must exist so that some higher nature of woman can be attained—and the actual change of these “supreme virtues.”
11. Feeling of perfection and essential completion, e.B. in serving, obeying
12. Pregnancy as the cardinal state, which gradually, over the course of time, has established the essence of woman. Relation of all female ways of thinking and acting to it.
13. Denying, destroying, being alone, fighting, despising, avenging oneself: why woman is in all this more barbaric than man etc. etc. etc.

1 [112]

E. Mach The History and the Root of the Principle of the Conservation of Work

Lasswitz Atomism and Criticism. (Braunschweig 78)

C. Neumann on the Principles of the Galilean-Newtonian Theory

Fechner the physical and philosophical atomic theory 2nd ed. Leipzig 1864.

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